Nikolaus Wandinger:
Gnade oder Gerechtigkeit?
Systematisch-theologische Überlegungen im Anschluss an den Film Dead Man Walking

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Gnade oder Gerechtigkeit?
Systematisch-theologische Überlegungen im Anschluss an den Film Dead Man Walking

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Worum es geht

• Sind Gerechtigkeit und Gnade wirklich zwei einander entgegengesetzte Größen?
• Kann die pure Gerechtigkeit den Frieden gewährleisten?
• „Ich, der HERR, bin es, der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit wirkt. Denn an solchen Menschen habe ich Gefallen – Spruch des HERRN.“ (Jer 9,23)
• Kann es ohne Gnade auch keine Gerechtigkeit geben, und ist umgekehrt ohne Gerechtigkeit die Gnade keine Gnade mehr?

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Dead Man Walking - Kontext und Inhalt

• Helen Prejean (* 1939)

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Dead Man Walking - Kontext und Inhalt

• Sean Penn (* 1960)
• Susan Sarandon (* 1946)

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Dead Man Walking - Kontext und Inhalt

• Mord an Walter Delacroix (17), Mord u. Vergewaltigung an Hope Percy (18)
• Todesurteil gegen Mathew Poncelet, nicht gegen seinen Komplizen Vitello
• Schwester Prejan wird seine Seelsorgerin

  • Versucht, Hinrichtung zu verhindern
  • Begleitet den Mörder im Gefängnis
  • Spricht mit Eltern der Ermordeten

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Dead Man Walking - Kontext und Inhalt

• Problemfall Mathew Poncelet

  • Keine Reue, verharmlost Schuld
  • Arrogant und anzüglich
  • Verherrlicht Hitler und macht rassistische Äußerungen
  • Sorgt sich um seine Mutter und die Geschwister
  • Möchte der Mutter Kummer und Leid ersparen

• Stärke des Films: blendet weder die Grausamkeit des Verbrechens noch das Menschsein des Verbrechers aus

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Dead Man Walking - Schlüsselszenen

• 1. Treffen mit Mr. Delacroix:

  • Ist enttäuscht, dass Schwester keinen Kontakt mit ihm gesucht hat; Schwester ist darüber überrascht
  • Sagt über Poncelet: Er sei „ein zutiefst böser Mensch, ein Mann, der kaltblütig Jugendliche entführt hat, um sie zu misshandeln und danach zu ermorden. Dieser Abschaum hat mir meinen einzigen Sohn weggenommen.“
  • Ist erschüttert über Arroganz der Schwester

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Dead Man Walking - Schlüsselszenen

• 2. Treffen mit Mr. Delacroix:
• In seiner Wohnung

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Filmausschnitt (0:34:43–0:38:29)

Bei Mr. Delacroix:
Mr. Delacroix bittet sie herein, berichtet, dass er Streit mit seiner Frau hatte, weil diese nun – nach langer Trauer – die Sachen des ermordeten Sohnes weggeben wollte, er aber nicht. Er zeigt ihr ein Kinderfoto von Walter, berichtet, dass dieser auf dem Fußboden des Hauses, in dem sie sich befinden, das Laufen lernte und mit seiner Freundin Hope auf dem Sofa, auf dem Schwester Helen nun sitze, gesessen habe, eine Woche vor dem Mord. Hier zeigt sich ein verletzter, trauriger, höchst nachdenklicher Mann.

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Dead Man Walking - Schlüsselszenen

• Treffen mit den Percys in ihrer Wohnung

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Filmausschnitt (0:44:08–0:51:48)

Bei den Percys:
Diese erzählen abwechselnd vom Schulabschluss und von den Plänen der Tochter, von deren Vorlieben und Charaktereigenschaften. Sie erzählen von ihrem letzten Tag unter den Lebenden: dem Tagesablauf, den Kleinigkeiten, die vorgefallen sind, der Hoffnung, sie am nächsten Tag wiederzusehen und der verzweifelten Suche nach ihr, dem Fund der Leichen nach sechs Tagen:
Mrs. Percy: "Der Körper meiner Tochter war nackt, die Beine weit gespreizt. Der Gerichtsmediziner schrieb, dass ihre Vagina völlig aufgerissen war. Zuerst konnten sie diesen Klassenanstecker nicht finden, den sie immer trug, weil er zu tief in den Körper getrieben war durch einen Messerstich."
Mr. Percy: "Die Polizei wollte uns nicht ins Leichenschauhaus lassen, um sie zu identifizieren; die sagten, es wäre für uns zu traumatisch … ."
Mrs Percy: "Aber ich konnte einfach die … Vorstellung nicht ertragen, dass dieses Mädchen einfach beerdigt würde, bevor wir absolut und hundertprozentig davon überzeugt waren, dass es wirklich Hope war. Also rief ich meinen Bruder an – der ist Zahnarzt – und bat ihn, zum Beerdigungsinstitut zu gehen und eine zahntechnische Identifizierung zu machen."
Mr. Percy: "Bevor er seine Hand in diesen Sack steckte, um dort aus all …, aus all diesem Kalk den Kiefer von Hope herauszuholen, war er immer gegen die Todesstrafe gewesen. Doch als er fertig war, war er dafür."
Mr. Percy schildert auch seine Begegnung mit Poncelet am Rande des Prozesses. Dieser habe gespottet. Mr. Percy sei in Versuchung gewesen, die Dienstwaffe eines nahe bei ihm stehenden Polizisten an sich zu reißen und Poncelet zu erschießen, er habe es aber nicht getan, was er jetzt bereue. Er glaube, wenn er es getan hätte, wäre er jetzt zufriedener.
Dann zeigt sich, dass der bisherige freundliche Umgang der Percys mit Schwester Helen auf einem Missverständnis beruht. Mrs. Percy fragt die Schwester, warum sie ihre Meinung geändert habe und nun nicht mehr auf Seiten Poncelets stehe. Schwester Prejean ist zuerst sprachlos, antwortet dann aber ehrlich, dass dies nicht der Fall sei, sie sei nur gekommen, um zu sehen, ob sie etwas für sie tun könne. Doch Poncelet habe sie gebeten, „ihn zu begleiten als sein geistlicher Beistand bei der Hinrichtung“ und sie habe ihm das zugesagt. Die Percys sind darauf ernsthaft schockiert und ungehalten, dass Schwester Helen es unter diesen Umständen wage, sie zu Hause zu besuchen. Sie rechtfertigt sich, dass sie nur versuche dem Beispiel Jesu zu folgen, der gesagt habe, der Wert eines jeden Menschen sei mehr als seine schlimmsten Taten. Mr. Percys Antwort:
"Das ist doch kein menschliches Wesen. Das ist ein Tier, nicht mehr! Nein, nein, das nehme ich zurück. Tiere vergewaltigen und ermorden ihresgleichen nicht! Matthew Poncelet ist Gottes Irrtum! Und Sie wollen dasitzen und dem armen Mörder die Hand halten?! Sie wollen dabeisitzen und ihn beim Sterben trösten? Es war auch niemand im Wald, der Hope getröstet hat, als sie starb, als diese zwei wilden Bestien sie mit dem Gesicht in den nassen Boden pressten."
Schwester Prejean weist darauf hin, dass sie Poncelet dabei helfen will, die Verantwortung zu übernehmen für seine Tat. Mr. Percy fordert die Schwester dann auf zu gehen. Als diese sofort aufsteht und sich zur Türe wendet mit den Worten, es tue ihr leid, sagte er:
"Falls es Ihnen wirklich leid tut und Sie wirklich irgendetwas für diese Familie empfinden, dann müssen Sie doch wollen, dass unserer Tochter Gerechtigkeit widerfährt. Sie können nun mal nicht beides haben, Sie können nun mal nicht der Freund dieses Mörders sein und dabei glauben, sie könnten unser Freund sein."

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Dead Man Walking - Schlüsselszenen

• Schwester Helen und Matthew Poncelet

  • Poncelet behauptet, nicht geschossen zu haben; es sei sein Kumpan gewesen
  • Er sei etwas Besonderes, jetzt im Todetrakt

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Filmausschnitt (1:01:50–1:02:52)

Gespräche mit Poncelet: Gespräch über Jesus
Sie erklärt ihm, dass Jesus sich den Ausgestoßenen und am Rand Stehenden zuwandte, sie sich in seiner Gegenwart geschätzt fühlten und er ihnen ihre Würde zurückgab. Darum hätten die Mächtigen Jesus getötet. Poncelet darauf: „So ähnlich wie mich, oder?“ Schwester Prejean irritiert: „Nein, Mat, nein, ganz und gar nicht wie Sie. Jesus hat die Welt durch seine Liebe verändert – Sie haben beim Mord an zwei Menschen zugesehen.“

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Filmausschnitt (1:06:34–1:11:00)

Gespräche mit Poncelet: Gespräch über Gott, Erlösung und Wahrheit
Dieser beschwert sich nun bitter, dass Schwester Helen nicht mehr gekommen sei und er den ganzen Tag allein war. Helen erklärt den Grund – der Direktor hatte ihr Wiederkommen am Vortag nicht erlaubt – fühlt aber mit Poncelets Enttäuschung mit und bedauert seine Situation. Das beruhigt ihn etwas und ein Gespräch kommt zustande über Einsamkeit, Frauen und Sex, Zölibat, die Schrecken des Wartens auf die Hinrichtung.
Poncelet ärgert sich über seine dummen Interviews, in denen er Hitler lobte. Schwester Helen hat ihm auf seinen Wunsch ermöglicht, am nächsten Tag – dem Tag seiner geplanten Hinrichtung – noch einen Lügendetektortest zu machen. Damit möchte er seiner Mutter „beweisen“, dass er kein Mörder sei. Helen erklärt ihm, dass der Test wohl nicht sehr aussagekräftig sein werde: Da er am Tag seiner Hinrichtung zwangsläufig unter Stress stehe, werde der Detektor das als Lüge interpretieren. Als Schwester Prejean ihn wieder auf die Bibel anspricht, meint er zuerst, dass diese ihn müde mache. Dann entspinnt sich folgender Dialog:
Poncelet: "Ich versteh ja, dass Sie mich retten wollen, aber ich und Gott – wir haben da sowas wie’n Abkommen. Ich weiß, dass Jesus für uns alle gestorben ist, und ich weiß, dass er für mich da ist und sich um mich beim Jüngsten Gericht kümmern wird."
Sr. Helen: "Sie müssen versuchen zu begreifen, dass die Erlösung nicht so etwas wie ein Freifahrtschein ist, den Sie benutzen können, weil Jesus dafür bezahlt hat. Begreifen Sie, dass Sie für Ihre Erlösung arbeiten sollen. Sie haben noch sehr viel zu tun."
Sie verweist Poncelet auf Joh 8,32, dass ihn die Wahrheit frei machen werde. Er reagiert nur mit der Feststellung:
Poncelet: "Also, wenn ich morgen den Test bestehe, bin ich aus dem Schneider."
Sr. Helen: "Mat, wenn Sie sterben sollten, will ich Ihnen als Freund helfen das mit Würde zu tun; nur weiß ich nicht, wie das gehen soll, solange Sie sich nicht dazu bekennen, welche Mitschuld Sie am Tod von Walter und Hope trifft."

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Filmausschnitt (1:21:50-1:25:41)

Gespräche mit Poncelet: Gespräch über Verantwortung und Opfer-Sein
Als Schwester Helen ihn auffordert, über die Mordnacht zu sprechen, weigert er sich zunächst, dann bekommt er einen Wutanfall: auf die jugendlichen Opfer, weil sie im Wald waren; auf die Eltern, weil sie seinen Tod wollen; auf sich selbst, weil er seinen Kumpan gewähren ließ. Und dann prahlt er, was er den Eltern bei seiner Hinrichtung alles an den Kopf werfen wolle. Schwester Helen versucht Poncelet verständlich zu machen, welche Verzweiflung und Wut die Eltern empfinden. Er aber wiegelt weiter ab und verweist auf seinen Komplizen. Nun wird Schwester Prejean sehr deutlich:
Sr. Helen: "Schieben Sie’s nicht auf ihn! Sie schieben es auf ihn, Sie schieben’s auf die Regierung, sie schieben’s auf Drogen, Sie schieben’s auf Schwarze, sie schieben’s auf die Percys, auf die Teenager – und was ist mit Matthew Poncelet?! Wo kommt er in der Geschichte vor? Ist er denn unschuldig, nur ein Opfer?!"
Poncelet (ruhig, aber bedrohlich ruhig): "Ich bin kein Opfer."

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Filmausschnitt (1:29:55–1:33:17)

Gespräche mit Poncelet: Der Mörder – ein Kind Gottes
Poncelet greift von sich aus das frühere Gespräch über seine Mitschuld auf:
Poncelet: "Ich war ein Opfer, ein beschissener Feigling. Er [Vitello] war älter, hart wie Granit. Ich hab’ mich nur vollgesoffen, um so zu werden wie er. Ich konnte nicht. […] Dieser Junge, Walter, …"
Sr. Helen: "Ja, was?"
Poncelet: "Ich hab’ ihn erschossen."
Sr. Helen: "Und Hope?"
Poncelet: "Nein, Mam."
Sr. Helen: "Hast du sie vergewaltigt?"
Poncelet (nickt): "Ja, Mam."
Sr. Helen: "Mat, übernimmst du die Verantwortung für den Tod der beiden?"
Poncelet (nickt unter Tränen): Ja, Mam. Als das Licht gestern Abend ausging, hab ich mich vor mein Bett gekniet und für sie gebetet – das hab’ ich noch nie gemacht.
Sr. Helen: "Oh Mat, es gibt Kummer, der so tief ist, dass nur Gott an ihn rühren kann. Du hast etwas Furchtbares getan, etwas wahrhaft Schreckliches, aber du hast jetzt deine Würde. Niemand kann dir das wegnehmen. Du bist jetzt ein Sohn Gottes, Matthew Poncelet."
Poncelet (weint still; dann): "Ich glaube, „Sohn Gottes“ hat noch niemand zu mir gesagt; „Hurensohn“, alles Mögliche, aber nie „Sohn Gottes“."
Beide weinen und müssen zwischen den Tränen auch lachen.
Poncelet drückt seine Hoffnung aus, dass sein Tod es den hinterbliebenen Eltern leichter mache. Schwester Helen erklärt, er könne ihnen wünschen, dass sie Frieden fänden. Nun kommt Poncelet noch auf sein eigenes Leben zu sprechen: „Ich hab’ selber nie richtige Liebe gehabt, hab’ nie im Leben ’ne Frau oder sonstwen wirklich geliebt. Typisch, dass ich erst sterben muss, um Liebe zu empfinden. … Danke, dass Sie mich lieben.“

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Dead Man Walking – Das Ende

• Auf dem Weg zur Hinrichtung

  • Schwester Helen sing Poncelet Kirchenlied vor
  • Schwester Helen fasst Poncelet an der Schulter
  • „Toter Mann kommt!“ = „Dead Man Walking!“
  • In Pantoffeln und Windeln unter der Hose
  • Schwester Prejan liest Jes 43,1b: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich ausgelöst, / ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!“

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Dead Man Walking – Das Ende

• Die Hinrichtung

  • Poncelet wird zunächst aufrecht stehend festgeschnallt, ein Venenzugang wird gelegt
  • Drei Mittel sollen einströmen: jeweils eines zur Betäubing, Implosion der Lunge, Herbeiführung des Herzstillstands
  • Öffnung der Vorhangs zum Raum mit ZeugInnen

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Dead Man Walking – Das Ende

• Die letzten Worte

  • „Mr. Delacroix, ich will diese Welt nicht mit Hass im Herzen verlassen. Ich bitte Sie um Verzeihung dafür, was ich getan hab’. Was ich getan hab’, war schrecklich, dass ich Ihnen den Sohn weggenommen habe. […] Mr. und Mrs. Percy, ich hoffe, dass mein Tod Ihnen bisschen Frieden bringt. Und ich will auch bloß noch sagen, dass ich Töten für falsch halte, vollkommen egal wer’s dann tut, ob’s nun ich oder Sie oder die Regierung macht.“

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Dead Man Walking – Das Ende

• Die Hinrichtung

  • Bahre wird umgeklappt, so dass Poncelet liegt
  • Poncelet sieht zu Helen: „Ich liebe Sie“
  • Schalter wird umgelegt, Hinrichtung beginnt
  • Im Wechsel sichtbar: Mordgeschehen im Wald – Hinrichtung jetzt
  • Poncelet blickt Helen an, sie streckt ihm den Arm entgegen
  • Drei Spritzen leeren sich

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Szenenfoto: Poncelet liegt ausgestreckt auf dem elektrischen Stuhl.

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Dead Man Walking – Das Ende

• Poncelets Begräbnis
• Mr. Delacroix steht abseits, gesteht, dass er noch voller Hass sei und nicht Schwester Helens Glauben habe
• Sr. Helen: „Wenn es nur darauf ankäme, aber so einfach ist das nicht. Es ist Arbeit. Möglicherweise können wir uns dabei helfen, einen Weg aus dem Hass heraus zu finden.“

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Dead Man Walking – Das Ende

• Schluss-Szene:

  • Mr. Delacroix knien nebeneinander in einer Kirche und beten

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Gnade oder Gerechtigkeit?

• Einwand:

  • Die Todesstrafe ist ohnehin nicht gerecht, daher lässt sich die Frage nicht anhand des Films diskutieren

• Hypothese:

  • Auch wenn die Hauptaussage des Filmes gegen die Todesstrafe gerichtet ist, hat er eine weitere Ebene, die sehr wohl Wichtiges zur Frage „Gerechtigkeit oder Gnade?“ beizutragen hat.

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Gnade und Gerechtigkeit

• Spannung im Verhalten Jesu:

  • „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. […] Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,21f.27f.)

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Gnade und Gerechtigkeit

• Spannung im Verhalten Jesu:

  • „Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,28)
  • „[…] ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8,11)
  • „Wer zu seinem Bruder sagt: […] Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.“ (Mt 5,22)
  • „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34)

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Gnade und Gerechtigkeit

• Inkonsequenz? – Unwahrscheinlich, denn

  • Meist: Theoretisch großzügig, aber praktisch verletzt und auf Vergeltung aus
  • Hier: Theoretisch streng, aber praktisch große Vergebungsbereitschaft

• Möchte Jesus das – laut Mr. Percy – Unmögliche: Freund der Opfer und der Täter gleichermaßen sein?

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Gnade und Gerechtigkeit

• Ja, aber mit einer wichtigen Unterscheidung:

  • Jesus identifiziert sich direkt mit allen Opfern der Sünde (vgl. Mt 25,40.45)
  • Jesus identifiziert sich auch mit den Tätern, aber nur insofern sie Opfer sind

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Gnade und Gerechtigkeit

• R. Schwager argumentiert:

  • Das Handeln der Täter bei der Kreuzigung Jesu „entsprang nicht wacher eigener Entscheidung, sondern es fiel ihnen so zu, daß sie dabei mehr Opfer als Täter waren. Die Begründung in der Bitte Jesu macht […] deutlich, daß der Unterschied zwischen verantwortlichem Tun und Opfersein nicht identisch ist mit dem zwischen aktivem Tun und passivem Erleiden. Die Henker Jesu waren bei der Kreuzigung sehr wohl aktiv, wegen ihres Nicht-Wissens waren sie dennoch im letzten nicht verantwortlich Handelnde: in ihrem Tun waren sie Opfer.“
    Schwager, Raymund: Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. In: Raymund Schwager: Heilsdrama. Systematische und narrative Zugänge. Hg. v. Józef Niewiadomski (Gesammelte Schriften 4). Freiburg i. Br., 2015, 39–400, 311.

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Gnade und Gerechtigkeit

• Poncelet gesteht, nachdem er erkennt, dass er ein Opfer war
• Erkenntnis des Opferseins nicht als Verharmlosung, sondern als Verantwortungsübernahme
• Wo bleibt Gerechtigkeit? Wir sie in Gnade aufgelöst?

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Gnade und Gerechtigkeit

• Bloße Bestrafung des Täters bewirkt noch keine Gerechtigkeit
• Hinrichtung bring auch Hinterbliebenen keinen Frieden
• Gerechtigkeit entsteht dadurch, dass der Verbrecher erkennt und anerkennt, welches Verbrechen er begangen hat und Reue darüber empfindet.
• Das Leiden des Täters an seiner Schuld (Reue) stellt Gerechtigkeit her
• Reue wird ermöglicht durch Barmherzigkeit oder Gnade mit dem Täter

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Gnade und Gerechtigkeit

• Keine Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit/Gnade möglich
• Gnade kann einhergehen mit einer harten Sanktion
• Hilft, Größe der Schuld zu erkennen und doch nicht zu verzweifeln

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Gnade und Gerechtigkeit

• Erst Hoffnung auf Vergebung ermöglich es, Verantwortung zu übernehmen

  • „Dafür […] ist dann […] zu begreifen, daß dieses ‚Vorlassen‘ der Schuld […] faktisch nur von dem Menschen wirklich radikal gewagt und geleistet werden wird, der der Vergebung Gottes, sie annehmend, begegnet […]. Im anderen Fall mißt der Mensch die radikale Erfahrung seiner Schuld nicht aus, er wird sie leugnen oder uminterpretieren.“
    Rahner, Karl, Erlösung. In: Karl Rahner, Enzyklopädische Theologie. Die Lexikonbeiträge 1956–1973. Berab. v. Herbert Vorgrimler (Sämtliche Werke 17/2) Freiburg i. Br., 2002, 1009–1022, 1011.

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Gnade und Gerechtigkeit

• Kann ein staatliches Justizsystem das in seine Rechtsprechung einbauen?
• Gnade ist nie planbar oder von Menschen herstellbar, kann nicht Teil eines Systems sein
• Systeme können so strukturiert sein, dass sie die Möglichkeit des Wirkens der Gnade miteinbeziehen

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Gnade und Gerechtigkeit

• VerbrecherInnen sind nicht nur Kriminelle
• Sie sind immer auch Menschen – Sohn oder Tochter, Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter von jemandem
• Sie haben das Potenzial sich als Sohn oder Tochter Gottes zu erweisen

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Gnade und Gerechtigkeit

• Aber: Innerweltlich ist es oft nicht möglich
• Ein sinnvoller Ort für die althergebrachte Lehre vom Fegfeuer?
• Und für das Gebet für Lebende und Tote
• Für TäterInnen, dass sie Verantwortung übernehmen
• Für Opfer, dass sie vergeben können
• Letztlich werden alle mit beidem konfrontiert sein

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Szenenfoto: Sr. Helen und Mr. Delacroix knien nebeneinander in einer Kirche und beten.

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