Andreas Vonach:
Tempel als starke Institution?
Die Makkabäerbewegung im Widerstreit zwischen Sicherheit und Frieden

1 Hinführung

Im Jänner 2016 haben die Vereinten Nationen die „Förderung von Frieden, Gerechtigkeit und starken Institutionen auf nationaler und internationaler Ebene“ als eines von 17 erklärten „Zielen für nachhaltige Entwicklung“ definiert. Was man allerdings im Detail unter einer „starken Institution“ versteht, beziehungsweise wie in diesem Zusammenhang „stark“ (strong) definiert wird, ist eine durchaus heikle Frage. Als historisches Paradigma einer Institution, der weite Kreise der betroffenen Bevölkerung die Sicherstellung von innerem und äußerem Frieden zugetraut haben, viele aber auch nicht, soll im Folgenden der jerusalemer Tempel zur Makkabäerzeit (167-37 v. Chr.) dienen.

2  Voraussetzungen für die Entstehung der Makkabäerbewegung

Um die gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten im judäischen Staatsgefüge des 2. Jhs. v. Chr. adäquat einordnen und verstehen zu können, ist eine Rückschau auf die Entwicklung dieser Region seit deren Einverleibung als Provinz Yehud ins persische Großreich (ca. 450 v. Chr.) aufschlussreich. War die Großmachtpolitik etwa der babylonischen und assyrischen Herrscher wiederholt an Fragen der kulturellen, religiösen und sozialethischen Identifikation mit und Loyalität zu der beherrschenden Zentralmacht seitens einzelner (Rand-)Provinzen gescheitert, so beschritt das Perserreich mit seinem vergleichsweise weitsichtigen Umgang mit gewachsenen Traditionen und Kulturen innerhalb der eroberten und einverleibten Gebiete neue Wege.

Davon konnte auch die kleine, aber sehr eigen geprägte Provinz Juda durchaus profitieren. Die Tora als Lebensordnung erhielt ihre endgültige Fassung und wurde vom persischen König akzeptiert, der Tempel in Jerusalem wurde mit persischem Geld wieder aufgebaut, die Jerusalemer Priesterschaft und Aristokratie gewann an Macht und Einfluss. Letztlich handelte es sich somit um eine Art ‚Tempelstaat‘, in dem ein religiös begründetes Gesetz herrschte, das fast alle Lebensbereiche umfasste und von (Hohe)Priestern exekutiert wurde.

Mit der Machtübernahme der Hellenen im Vorderen Orient im letzten Drittel des 4. Jhs. v. Chr. änderte sich an diesem Verwaltungssystem vorerst wenig. Nach dem Tod Alexanders des Großen und den daran anschließenden gut 50 Jahre andauernden Diadochenkriegen wurde Juda zunächst dem ägyptischen Ptolemäerreich einverleibt, und zwar als Hyparchie innerhalb der Provinz „Syrien und Phönikien“. Der Ältestenrat („Gerousia“) bestand weiterhin aus Priestern und besser gestellten und bemittelten Laien, der Hohepriester führte den Vorsitz und der Vollzugsort war der Tempel in Jerusalem. Der Hohepriester blieb somit (auch) der politische Vertreter der Judäer gegenüber sowohl dem Provinzstatthalter als auch dem König.

Die immer drückender werdende Steuerlast aufgrund erhöhter Militärausgaben der ptolemäischen Herrscher führte zu einer spürbaren Verarmung weiter Kreise der judäischen Landbewohner, sodass der oniadische Hohepriester Onias II. (260-220 v. Chr.) von König Ptolemaios III. geforderte Abgabenerhöhungen zunehmend verweigerte. Dies rief eine innerjüdische Opposition seitens des aus der aristokratischen Familie der Tobiaden stammenden Großbürgers Joseph hervor, der grundsätzlich einer Säkularisierung und Hellenisierung des judäischen Alltagslebens positiv gegenüber stand und damit eine nicht zu unterschätzende und ständig anwachsende Zahl an reicheren jerusalemer Großbürgern vertrat. Dadurch entstand eine Spaltung innerhalb der jerusalemer Führungsschichten. Damit untrennbar verbunden war freilich auch eine Aushöhlung der Bedeutung des Tempels als politischer Institution.

3  Antiochus IV. Epiphanes und die Formierung der Makkabäer

Als im Jahr 175 v. Chr. Antiochos IV. Epiphanes die Königsherrschaft im Seleukidenreich antrat, war der eher proptolemäisch eingestellte Onias III. Hohepriester in Jerusalem, sah sich jedoch mit einer starken proseleukidischen Oppositionsgruppe konfrontiert, der auch sein eigener Bruder Josua angehörte. Letzterer nahm den griechischen Namen Jason an und versprach Antiochos eine große Geldsumme dafür, dass dieser ihn anstelle seines Bruders zum Hohepriester machte und ihm erlaubte, Jerusalem in eine hellenistische Polis mit jüdischer Bürgerschaft umzuwandeln. Der einerseits von Geldnot geplagte und andererseits um Loyalität der Provinzen buhlende König nahm dieses Angebot freilich dankend an, die Episode führte allerdings zum Protest der Traditionellen und Gläubigen, die den Macht- und Identitätsverlust des vormaligen torageleiteten Tempelstaates befürchteten. Aus einer zunächst friedlichen Protestgruppe wurde schnell eine kämpferische Aufstandsbewegung. Dieser ging es vordergründig um politische Macht, letztlich aber vor allem um die Weiterexistenz Israels als Volk Gottes, die nur dann möglich schien, wenn Tempel und Tora als Kristallisations- und Identifikationspunkte jüdischen Lebens Bestand haben. Als die Unruhen in Jerusalem immer gefährlicher wurden, verhängte Antiochos IV. schließlich ein absolutes Religionsverbot für die JHWH-Religion über die Stadt, was zum Ausbruch des Makkabäeraufstandes führte.

Antiochos gelang es nicht, gegen diesen Aufstand die Oberhand zu gewinnen, und so eroberten die makkabäischen Truppen des Judas Jerusalem schrittweise zurück; im Dezember 165 v. Chr. kam es schließlich zur feierlichen Wiedereinweihung des Tempels und damit der Restituierung des judäischen Kultes. Gegen Ende des Jahres 164 v. Chr. starb Antiochos IV. Epiphanes und sein Sohn Antiochos V. Eupator wurde zum Nachfolger ernannt. Dieser schloss mit Judas Frieden, garantierte den Juden die freie Religionsausübung und ersetzte im darauffolgenden Jahr 163 v. Chr. den korrupten, aus nichtpriesterlichem Geschlecht stammenden Menelaos durch den Aaroniden Alkimos als Hohepriester. 163 v. Chr. starb Judas und sein Bruder Jonatan übernahm die politische Führung der wieder zur Partisanentruppe mutierten Makkabäerbewegung. Als Demetrios I. zwei Jahre später Antiochos V. auf dem Seleukidenthron nachfolgte, versuchten die eher hellenistisch gesinnten Juden, zu denen mittlerweile auch der Hohepriester Alkimos zählte, mit seiner Hilfe die Macht der Makkabäer einzudämmen, was ihnen in gewisser Hinsicht auch gelang. Im Jahr 153 v. Chr. machte allerdings Alexander Balas dem Demetrios den Königsthron streitig und bot in diesem Zusammenhang den Makkabäern gewisse politische Zugeständnisse sowie dem Jonatan das Hohepriesteramt an, wenn sie ihn in seinem Ansinnen unterstützten. So wurde Jonatan Hohepriester und gleichzeitig Vorsitzender der Gerusia, im Jahr 150 v. Chr. zudem Befehlshaber und Statthalter des Königs über Juda in Jerusalem. 143 v. Chr. wurden sämtliche Ämter auf Jonatans Bruder Simon übertragen, dem es letztlich auch gelang, durch die Inbesitznahme der Zitadelle die letzte seleukidische Bastion in Jerusalem aufzulösen. Damit hat der Makkabäeraufstand endgültig auch sein politisches Ziel erreicht und es beginnt die Epoche eines unabhängigen jüdischen Staates, der durch die von Simon dem Makkabäer abstammende Hasmonäerdynastie von der „starken Institution“ des jerusalemer Tempels aus regiert wurde.

Diese Machtfülle stieß freilich auch in der Folge nicht auf ungeteilte Zustimmung, und Simon bezahlte die anhaltenden internen Auseinandersetzungen letztlich mit dem Tod.

4  Ausblick

Einerseits stellt die Institution des Tempels ein eindrucksvolles Zeugnis dafür dar, wie stark eine vergleichsweise kleine Gruppierung, die über eine recht klar definierte und selbstverständlich akzeptierte identitätsstiftende gemeinsame Lebensordnung verfügt, gegenüber Infragestellungen derselben von außen – auch seitens zahlenmäßig überlegener Herausforderer – sein kann. Andererseits zeigt die Makkabäerpolitik auch schonungslos die Grenzen auf, denen der innere Friede ausgesetzt ist, sobald die Wahrung der Sicherheit der eigenen Gruppe nach außen gewährleistet scheint.

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