Martin Hasitschka SJ und Mira Stare:

„Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin.“ (1 Kor 15,10)
Paulus und sein Verständnis von Friede, Gnade und Gerechtigkeit

1          Die Wende im Leben des Paulus

In der Apostelgeschichte wird die Erzählung vom Damaskusereignis (Apg 9,1–30) in der Rede des Paulus im Tempelvorhof (Apg 22,1–21) und in seiner Rede vor König Agrippa (Apg 26,1–23) mit unterschiedlichen Akzenten wiederholt.

Nicht nur vor Damaskus, sondern auch später und wiederholt wird dem Paulus eine Erfahrung der Nähe des auferstandenen Jesus und eine Begegnung mit ihm geschenkt (vgl. Apg 18,9–10; 22,17–21).

Hinweise auf das Damaskusereignis finden wir auch in den Briefen des Paulus (1 Kor 9,1; 1 Kor 15,8–9; Gal 1,15 und Phil 3,8)

Das Damaskuserlebnis hat für Paulus zur Folge, dass Jesus, der Auferstandene zum Zentrum seines Denkens und Handelns wird und zum Fundament seiner gesamten Theologie. In dieser Theologie spielen die Begriffe Friede, Gnade und Gerechtigkeit eine wichtige Rolle, allen voran der Begriff Gnade.

2          Gnade und Friede

2.1       Der Begriff Gnade

Am Beginn der Paulusbriefe steht der Wunsch: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“ Nur der erste Brief an die Thessalonicher bringt eine kürzere Form: „Gnade sei mit euch und Friede!“ Mit dem Wort „Gnade“ bildet Paulus auch einen Wunsch am Schluss seiner Briefe.

Während „Friede“ (eirēnē, Wiedergabe von šālōm) ein im biblischen Sprachgebrauch geläufiger Ausdruck ist für Begrüßung und Abschied, ist die Verbindung von „Gnade“ und „Friede“ eine Eigentümlichkeit des Paulus. Er stellt damit den für ihn zentralen Heilsbegriff „Gnade“ (charis) bereits in die Grußworte hinein.

Der Begriff Gnade, der auch Huld / Gunst / Wohlwollen bedeutet, kommt im NT am häufigsten bei Paulus vor. Mit Gnade bezeichnet Paulus zunächst das, was ihm in der Begegnung mit dem auferstandenen Jesus geschenkt wurde. Zeugnis davon gibt er vor allem im ersten Korintherbrief. Darin zitiert er ein überliefertes Glaubensbekenntnis und reiht sich ein in die Schar derer, denen der auferstandene Jesus erschienen ist. Er schreibt:

 „Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt. Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade (charis) bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln (charis) an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade (charis) Gottes zusammen mit mir“ (1 Kor 15,8-10).

Bereits im ersten Korintherbrief spricht Paulus von Gnade nicht nur im Blick auf sich selbst, sondern auch im Blick auf die gesamte Gemeinde. Gleich zu Beginn des Briefes schreibt er: „Ich danke meinem Gott jederzeit euretwegen für die Gnade (charis) Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis. Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt, sodass euch keine Gnadengabe (charisma) fehlt, während ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet“ (1 Kor 1,4-7).

Nicht nur im ersten (1 Kor 16,1-3), sondern ausführlich auch im zweiten Brief an die Korinther (2 Kor 8-9) motiviert Paulus zur Geldsammlung für die Gemeinde von Jerusalem. Wiederholt ist hier einerseits von der „Gnade“ (charis) Gottes und Jesu die Rede, die die Glaubenden als Geschenk erfahren, anderseits von der „Gnadengabe“ / „Liebesgabe“ (charis) der Geldspende. Das karitative Engagement der Korinther ist Ausdruck ihrer Antwort auf die Erfahrung von Gnade.

Der Ermutigung der Korinther zur Spendenaktion fügt Paulus eine überraschende Begründung hinzu: „Ihr kennt die Gnade (charis) unsers Herrn Jesus Christus: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9).

Im fünften Kapitel des Briefes an die Römer werden wir zu einem besonderen Aspekt der der Gnadentheologie des Paulus geführt. Zunächst schreibt er: „Gerecht gemacht … aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Durch ihn haben wir auch im Glauben den Zugang zu der Gnade (charis) erhalten, in der wir stehen“ (Röm 5,1–2). Dann spricht Paulus ausführlich von der Herrschaft der Gnade über die Herrschaft der Sünde.

 

2.2       Das Verständnis von Friede

Im Begriff „Friede“ (eirēnē) klingt bei Paulus auch das alttestamentliche Verständnis von Friede (šālōm) als Ganzheit / Unversehrtheit / Im-Heil-sein / Wohlbefinden mit.

Der Römerbrief sagt, dass wir durch Jesus „Frieden zu Gott hin“ haben (Röm 5,1), dass „das Trachten des Geistes … zu Leben und Frieden“ führt (Röm 8,6) und dass „das Reich Gottes … Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ ist (Röm 14,17).

Nicht nur im Römerbrief, sondern auch in anderen Briefen bringt Paulus die theologisch bedeutsame Bezeichnung „der Gott des Friedens“.

Im Philipperbrief motiviert Paulus zu beständiger Freude im Herrn, zur Haltung der Güte und zu unablässigem Beten. Er beschließt diese Motivation mit der Zusage: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren“ (Phil 4,7).

3          Gerechtigkeit und Gerechtigkeit Gottes

Der Begriff „Gerechtigkeit“ (dikaiosynē) wurzelt für Paulus nicht im griechischen Denken (Tugendlehre, juridischer Sprachgebrauch), sondern im Alten Testament. Dort ist „Gerechtigkeit“ (sedaqa) im Grunde ein Verhältnisbegriff. Er bezieht sich nicht auf eine Idee oder absolute Norm, sondern betrifft das Verhältnis zwischen Personen. Gerechtigkeit meint „rechtes“ Gemeinschaftsverhältnis, ein Verhältnis, das „in Ordnung“ ist und auch durch Gemeinschaftstreue und gemeinschaftsgemäßes Verhalten gekennzeichnet ist.

Im religiösen Sinn bezeichnet Gerechtigkeit das „rechte“ Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich in seinem bundesgemäßen Verhalten gegenüber seinem Volk, seiner Bundestreue, und in seiner immer neuen Zuwendung zu den Menschen, die besonders in „Gerechtigkeitserweisen“ zum Ausdruck kommt. Mit Gottes Gerechtigkeit ist nicht so sehr eine Eigenschaft an ihm gemeint, sondern vielmehr die Art seines (Heil schaffenden) Handelns und seiner (Heils-)Gabe.

Für Paulus ist der Begriff „Gerechtigkeit Gottes“ untrennbar verbunden mit Gottes Heilshandeln und Heilsgabe in Jesus. Diese Heilsgabe wird im Glauben an Jesus angenommen. Durch sie wird der Mensch ein Gerechter vor Gott. Seine Gottesbeziehung ist „recht“ / „richtig“ / „in Ordnung“. Nicht mehr das Leben nach dem Gesetz, sondern der Christusglaube ist der Weg, um in die rechte Gottesbeziehung zu gelangen.

 

3.1       Persönliches Zeugnis über Gerechtigkeit im Philipperbrief

In autobiographischer Weise schreibt Paulus:

„Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus Israels Geschlecht, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer; ich verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig gemessen an der Gerechtigkeit (dikaiosynē), die im Gesetz gefordert ist. Doch was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten. Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden. Nicht meine Gerechtigkeit (dikaiosynē) will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit (dikaiosynē), die Gott schenkt aufgrund des Glaubens“ (Phil 3,5–9).

 

3.2       Grundlegende Aussagen über Gerechtigkeit im Römerbrief 

Programmatisch schreibt Paulus zu Beginn des Briefes:

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes zur Rettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, aber ebenso für den Griechen. Denn in ihm wird die Gerechtigkeit Gottes (dikaiosynē theou) offenbart aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: Der aus Glauben Gerechte wird leben“ (Röm 1,16–17).

Nach der ausführlichen Darstellung der Unheilsituation der Welt ohne das Evangelium (Röm 1,18–3,20) spricht Paulus erneut von der Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes. Er sagt:

„Jetzt aber ist unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes (dikaiosynē theou) offenbart worden, bezeugt vom Gesetz und von den Propheten: die Gerechtigkeit Gottes (dikaiosynē theou) durch Glauben an Jesus Christus, offenbart für alle, die glauben“ (Röm 3,21–22).

Anschließend hebt Paulus hervor, dass Gott uns in Jesus und in seiner Lebenshingabe den unüberbietbaren „Erweis seiner Gerechtigkeit“ gibt (Röm 3,25–26).

Modellgestalt für alle Glaubenden ist Abraham (Röm 4,1-25).

4          Gnadengaben / Charismen in der Kirche

Mit dem Wort „Gnade“ (charis) verbindet Paulus den Begriff „Gnadengabe“ / „Charisma“ (charisma), der gleichbedeutend ist mit der Bezeichnung „Geistesgabe“ (pneumatikos – 1 Kor 12,1; 14,1). Im Neuen Testament kommt der Begriff Charisma mit einer Ausnahme nur in den Paulusbriefen vor.

Eine große Rolle spielt er im ersten Brief an die Korinther. Das für Paulus bedeutsamste Bild für Kirche ist das vom einen Leib und den vielen Gliedern. Allen Gliedern sind in unterschiedlicher Weise Gnadengaben zugeteilt. Es gibt Gnadengaben zum Dienen, oder zu heilendem Wirken, zu prophetischer Rede, zu Hilfeleistungen aller Art, oder zum Lehren und Leiten in der Kirche. Jedem ist eine Gnadengabe gegeben, „damit sie anderen nützt“ (1 Kor 12,7) und zum „Aufbau“ der Gemeinde (1 Kor 14,12) beiträgt.

Ähnlich wie im ersten Korintherbrief entfaltet Paulus auch im Römerbrief das für sein Kirchenverständnis bedeutsame Bild vom Leib und seinen Gliedern in Verbindung mit Aussagen über die Vielfalt der Charismen. Er schreibt:

„Wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als Einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören. Wir haben unterschiedliche Gnadengaben (charisma), je nach der uns verliehenen Gnade (charis). Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig“ (Röm 12,4–8). 

5          Zusammenfassung und Ausblick

Ausgangspunkt für das Verständnis von Gnade ist für Paulus die eigene Erfahrung, die ihm in der Begegnung mit dem von den Toten auferweckten Jesus geschenkt wurde. In der theologischen Reflexion kommt dem Begriff Gnade Vorrangstellung zu gegenüber den Begriffen Gerechtigkeit und Friede. Alle drei Begriffe sind auf Jesus bezogen und auf das Neue, das mit seiner Botschaft von Gott und seiner Auferweckung durch Gott in die Welt gekommen ist.

In der Orientierung an Jesus und im Glauben an ihn ist religiöses Leben nicht mehr geprägt durch Leistungsdenken (Erfüllung von Forderungen des Gesetzes), sondern ist umfassend bestimmt durch den Geschenkaspekt. Das Erste im Christsein ist, dass man sich beschenkt weiß durch Jesus, den Auferstandenen, beschenkt auch mit einer einzigartigen Hoffnung. Der Gedanke des Geschenkes ist auch im Begriff der Gerechtigkeit enthalten, dem Geschenk neuer und rechter Gottesbeziehung, sowie im theologischen Verständnis von Friede zu Gott hin als anfängliche Erfahrung von Heil bereits jetzt inmitten einer auch von Unheil erfüllten Welt.

Die Begriffe Gnade, Gerechtigkeit und Friede bestimmen auch die christliche Lebenspraxis. Diese hat im Grunde Antwortcharakter. Antwort auf das Geschenk der Gnade zeigt sich in Gnaden- oder Liebesgaben und in der Realisierung der Charismen. Das Geschenk von Gerechtigkeit und Frieden in der eigenen Gottesbeziehung motiviert zum Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden im mitmenschlichen und sozialen Bereich.

Was Paulus über die Charismen sagt, kann auch richtungweisend sein für den Aufbau und die Erneuerung der Kirche als Institution heute. Wenn – um ein Beispiel zu nennen – Paulus vom Charisma des „Dienens“ (diakonia) spricht und im selben Römerbrief die „Dienerin“ (diakonos) Phöbe erwähnt (Röm 16,1), die wir als Modellgestalt des Dienens und des Diakonates sehen können, dann werden wir in besonderer Weise motiviert, Charismen zu fördern, die die Rolle der Frau in der Kirche mehr und mehr zur Geltung bringen.

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