Willibald Sandler:

Und einen Kairos zum Steinesammeln (Koh 3)
Gnade als gottgeschenkte Zeit für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung

1 Alles hat seine Stunde (Kohelet)

‒     Zitat Koh 3,1-8: Text 1

„Alles hat seine Stunde.
Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben,
eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,

eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen,
eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,

eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen,
eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;

eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln,
eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,

eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren,
eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,

eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen,
eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,

eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen,
eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ (Koh 3,1–8)

1.1 Kairos biblisch und griechisch

‒     „Euer Kairos aber ist immer bereit“ (Joh 7,6)

‒     :||: Jesus kann nur etwas tun, wenn es der Vater ihm zeigt (Joh 5,19):

‒     Kairos = Hören u. Gehorsam

‒     Kairos: gefüllte Zeit – Fülle in der Zeit – Fülle der Zeit

‒     Kairos: entdecken u. nutzen; eine Sache von:

‒     warten

‒     aufsuchen: zur rechten Zeit am rechten Ort

‒     rechte Begegnungen

‒     Kairos zwischen Aktivismus u. Resignation

‒     Straßengraben1: Aktivismus

‒     das Richtige am falschen Ort, zur falschen Zeit, unter ungeeigneten Bedingungen

‒     Straßengraben2: Resignation

‒     Fatalismus: „da kann man nichts machen“

‒     stattdessen: nicht bloß abwarten, sondern ERwarten

‒     Diese Weisheit bei Kohelet, aber schon in griechischer Mythologie:

‒     griech. Gott Kairos = jüngster Sohn von Zeus

‒     vorne Schopf, hinten Glatze: Text/Abb 2

‒     „Man muss die Gelegenheit beim Schopf packen"

‒     Darstellung mit Waage, balanciert auf Rasiermesser:

‒     wenn die Situation auf Messers Schneide steht, kann man sie beeinflussen

‒     Meister des Kairos: David gegen Goliath; auch Judokämpfer

‒     „Alles hat seine Stunde“

‒     (1) „seine“ = die sachgerechte Stunde:

‒     z.B. für Steinewerfen oder für Steinesammeln, Kampf oder Versöhnung

‒     (2) „seine“ = Gottes Stunde: die Zeit der Gnade, ohne die man nichts wirken kann.

‒     vgl. Joh 9,4: Text 3

„Wir müssen, solange es Tag ist,
die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat;
es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann.“ (Joh 9,4)

1.2 „Ein Kairos zum Steinewerfen und ein Kairos zum Steinesammeln“: Schickt Gott Böses und Gutes?

‒     Was für ein Gottsbild in Koh3?

‒     Lieben u. Hassen, Krieg u. Frieden, Niederreißen u. Bauen: alles von Gott geschickt??

‒     Vgl. Jes 45,6: Text 4

„Ich bin der HERR und sonst niemand.
Der das Licht formt und das Dunkel erschafft,
der das Heil macht und das Unheil erschafft,
ich bin der HERR, der all dies macht. (Jes 45,6–7)

‒     Hintergrund-Erfahrung: Zerstörung Jersualems u. Babylon. Gefangenschaft

‒     => Theodizeefrage: ein guter UND allmächtiger Gott?

‒     Hier setzt Deuterojesaja konsequent auf Gottes Allmacht

‒     Und Gottes Güte??

‒     Antwort1 – Gericht: Unheil ist selbstverschuldet; Gott setzt Israel den Konsequenzen seiner Ungerechtigkeit aus

‒     => Sinn des Zusammenbruchs: eine Transformation, die an die Wurzeln geht

‒     Antwort 2 – Hoffnung: statt Bewahrung vor Untergang Transformation durch Untergang hindurch

‒     => (a) Hoffnung auf Auferstehung des Volkes;

‒     und (b) Hoffnung auf individuelle Auferstehung

‒     Kohelet: Hoffnung auf halbem Weg zwischen (a) und (b)

‒     Verarbeitung von Resignation

1.3 Was für eine Ethik: Ein Gott, der Böses und Gutes befiehlt?

‒     Koh: Ein Dokument zynischer Resigantion?

‒     Können sich Übeltäter auf Gott berufen?

‒     Nein, andere Perspektive >> 1.4

1.4 Gutes auf Umwegen verwirklichen: Die Weisheit des Rubik-Würfels und die Kairo-Logik der Erlösung

‒     Gewiss: Friede u. Gerechtigkeit sind vorrangig anzustreben

‒     aber sie sind komplexe Wirklichkeiten

‒     und deshalb über Umwege zu verwirklichen

‒     vgl. Rubik-Würfel

‒     Friede lässt sich nur mit Freiheit verwirklichen

2 Friede und Gerechtigkeit biblisch: Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

2.1 Zweierlei Friede

‒     Gottes Friede ist ein restloser Friede: quantitativ und qualitativ

‒     Ausgangslage im Gleichnis: quantitativ reduzierter Friede – der jüngere Sohn fehlt

‒     Versöhnungsversuch des Vaters droht zu scheitern

‒     nun droht der ältere Sohn verloren zu gehen

‒     Grund ist ein verschiedenes Verständnis von Friede und Gerechtigkeit zw. Vater u. älterem Sohn

‒     Für den vollkommenen Frieden muss der Vater einen Kairos erwarten

‒     Das ist kein passives Abwarten, sondern ein aktives Erwarten

‒     Qualitative Differenz im Friedensverständnis zw. Vater und älterem Sohn

‒     Vater: vollständiger Friede, der sich keiner Entgegensetzung verdankt

‒     Sohn: „Friede minus eins“ – aus Entgegensetzung

‒     Der vollständige Friede muss sich einer anderen Kraft verdanken, die dem älteren Sohn verschlossen ist.

2.2 Zweierlei Gerechtigkeit

‒     Prinzip einer vollkommenen Gerechtigkeit

‒     fragt, was Menschen brauchen, um in vollständigen Frieden geführt zu werden

‒     Das ist ein soteriologisch (auf Erlösung zu umfassendem Heil hin) ausgerichtetes Prinzip

‒     Das ist eine besondere Version von zuteilender Gerechtigkeit: jedem das Seine – was einem zusteht

‒     Wie der ältere Sohn dieses Prinzip (Jedem das Seine) versteht

‒     was einem aufgrund von Leistungen und Verfehlungen zusteht

‒     => mir steht alles zu, meinem Bruder nichts

‒     Wie der Vater dieses Prinzip (Jedem das Seine) versteht

‒     was man für das Ziel von umfassendem Frieden und Heil braucht

‒     Und was braucht der ältere Sohn?

‒     Vater gibt ihm gleiche bedingungslose Zuwendung und Barmherzigkeit wie dem jüngeren Sohn

‒     biblische Offenbarung orientiert Frieden und Gerechtigkeit an Erlösung

‒     auch der ältere Sohn ist unerlöst/erlösungsbedürftig: er weiß das ihm Gegebene nicht zu nutzen

2.3 Nicht Frieden, sondern das Schwert

‒     Text 5: Mt 10,34–36: Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen!

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen!
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien
und die Tochter mit ihrer Mutter
und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter;
und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. (Mt 10,34–36)

‒     Ähnlich wie Kohelet 3,8: „eine Zeit für den Krieg“ – anstößig!

‒     Allerdings schickt Gott nicht direkt das Schwert

‒     Was Gott schickt, ist ein Kairos

‒     Und ein verpasster Kairos bringt das Schwert

‒     für den Versäumenden und/oder für seine Mitmenschen

‒     = Selbstgericht

‒     Gott kann Erlösung nicht anders geben, weil Freiheit dazugehört

3 Den Kairos für Frieden und Gerechtigkeit nutzen

‒     Bergpredigt-Forderung: „Seid [...] vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!" (Mt 5,48)

‒     klingt nach Utopie, ist aber eine konkrete Utopie

‒     Eschatologische Vision von vollkommenen Frieden regt konkrete Schritte zu vollständigerem Frieden an

‒     so, dass sich die Qualität des Friedens wandelt

‒     = eine transformative eschatologische Vision

3.1 Ein Friede ohne Polarisierung auf Feinde: Innsbrucker Dramatische Theologie

‒     Kernhypothese der Innsbrucker Forschungsgruppe Religion–Gewalt–Kommunikation–Weltordnung (RGKW): Text 6

„[a] Ein tiefer, echter und dauerhafter Friede zwischen Menschen, der nicht auf Opferung Dritter aufgebaut ist und ohne Polarisierung auf Feinde auskommt, ist sehr schwer erreichbar, ja übersteigt menschliche Kräfte.
[b] Wenn er dennoch Wirklichkeit wird, ist dies ein klares Zeichen, daß Gott selber (der Hl. Geist) in den Menschen am Wirken ist.
[c] Diese inkarnatorische Logik ist sowohl an der biblischen Botschaft als auch an den zahlreichen ekklesialen „Zeichen der Zeit“ in der menschlichen Geschichte ablesbar.“

‒     Geschichtliches Beispiel: Fall der Berliner Mauer

‒     führte nicht zu bleibenden Frieden, sondern zu Balkankriegen 1991–1999

‒     also kein Beispiel für Frieden, der ohne Feinde auskam

‒     eine radikalere Transformation wäre nötig gewesen

‒     mit anderen Umgang mit Nachfolgestaaten der UdSSR

‒     Politische Anwendung eines Friedens, „der ... ohne Polarisierung auf Feinde auskommt“

‒     in Analyse von Populismus

‒     Schwierigkeit einer außertheologischen (säkularen) Anwendung der RGKW-Kernhypothese: gnadentheologische Pointe

‒     Wie klingt die These, wenn man diese Pointe weglässt? Text 7

„Wir wollen uns für einen tiefen, echten und dauerhaften Frieden einsetzen, der nicht auf Opferung Dritter aufgebaut ist und ohne Polarisierung auf Feinde auskommt.“

‒     Was geht verloren, wenn man diese Pointe weglässt?

‒     Dass ein vollkommener Friede nicht machbar ist

‒     Wie zeigt sich diese Nichtmachbarkeit im politischen Bereich?

‒     blinder Fleck: Mit Bert Brecht > Text 8

„Denn die einen sind im Dunkeln
Und die anderen sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.“

‒     Druck von politischer Korrektheit führt zum Verdrängen von anderen, gegen die man kollektive Identität aufbaut

‒     mit Brecht: > Text 9

„Und Macheath, der hat ein Messer,
doch das Messer sieht man nicht.“

‒     => heuchlerischer Traum von vollständigem Frieden

‒     Diese Problematik wird von RGKW-These realistisch wahrgenommen: „übersteigt menschliche Kräfte“

‒     „Klares Zeichen, dass Gott am Wirken ist“:

‒     = Situationen, in denen das Unmögliche eines qualitativ vollkommenen Friedens wirklich wird

‒     = Kairos!

‒     Bsp. COVID-19-Pandemie

‒     Bei Kampf gegen Pandemie gelegentlich Aufleuchten von echter Solidarität, für alle offen

3.2 Eschatologie – Inkarnation – Kairos

‒     Ereignis von wahrem Frieden entspricht christlicher Eschatologie: präsentisch und futurisch

‒     Es gibt Kairos-Ereignisse, in denen sich Strukturen der Vollendung (eines vollkommenen Friedens und einer vollkommenen Gerechtigkeit) bereits innerweltlich vergegenwärtigen und verleiblichen.

‒     An einem Stück Wirklichkeit in dieser Welt (und nicht hinter ihr) öffnet sich ein Fenster zur Transzendenz

‒     = inkarnatorische Logik. Vgl. Kernhypothese >> Text 6c

„Diese inkarnatorische Logik ist sowohl an der biblischen Botschaft als auch an den zahlreichen ekklesialen „Zeichen der Zeit“ in der menschlichen Geschichte ablesbar.“

3.3 Gnade und Kairos

‒     => Tiefere Antwort auf obige Frage: Was geht verloren, wenn gnadentheologische Pointe fehlt?

‒     Antwort: ein Achten auf Zeichen, die ihre Zeit haben und Chancen für nachhaltige Verbesserungen aus der Gunst (oder eben: Gnade) der jeweiligen geschichtlichen Stunde anzeigen.

‒     Diese kann man nicht machen, erfinden; man muss sie finden

‒     = Kairos-Weisheit

‒     Zwei Beispiele für biblische Kairos-Weisheit

‒     „Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher ... (Röm 13,11) Text 10a

„Und das tut im Wissen um die gegenwärtige Zeit [wörtlich: wissend um den Kairos]
Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf.
Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.“ (Röm 13,11)

‒     „Kauft den Kairos aus“ (Eph 5,16): Text 10b

„Nutzt die Zeit [wörtlich: Kauft den Kairos aus];
denn die Tage sind böse.“ (Eph 5,16)

Nach oben scrollen