Wolfgang Palaver:

„Ich habe keine Waffe außer „Ich habe keine Waffe außer der Liebe“
Was Christen von Mahatma Gandhis Friedensethik lernen können

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„Ich habe keine Waffe außer „Ich habe keine Waffe außer der Liebe“
Was Christen von Mahatma Gandhis Friedensethik lernen können

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Übersicht

1. Mit Gandhi die aktive Gewaltfreiheit Jesu in der Bergpredigt entdecken

2. Mit Gandhi die gewaltfreie Liebe als letzte göttliche Wirklichkeit erkennen

3. Mit Gandhi in Gott die Sackgassen des Begehrens überwinden

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1. Mit Gandhi die aktive Gewaltfreiheit Jesu in der Bergpredigt entdecken

• Wechselwirkung zwischen Christentum <-> Mahatma Gandhi

  • Gandhi liest in London Bhagavadgita und Bergpredigt; er entdeckt Parallelen

• Entsagung als höchste Form der Religion

  • Die Verse „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel“ begeisterten mich ungemein und erinnerten mich an Shamal Bhatts „Für eine Schale Wasser gib ein reichliches Mahl“ usw. Mein noch wenig entwickelter Verstand versuchte, die Lehre der Gita, des Light of Asia und der Bergpredigt zu verbinden. Die Idee der Entsagung als höchster Form von Religion sprach mich über die Maßen an.
  • Gujarati-Dichter S. Bhatt: „Doch die wahrhaft Edlen sehen alle Menschen als gleiche / und erwidern freudig empfangenes Übel mit Gutem.“ (Gandhis Leitprinzip)
  • The Light of Asia: Biographie Buddhas in der Übersetzung von Edwin Arnold

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Botschaft der Bergpredigt spricht Gandhi an; der Westen verzerrte diese Botschaft

• Die Botschaft Jesu ist in der Bergpredigt enthalten, ganz und unverfälscht ... Die Botschaft ist meiner Meinung nach im Westen verzerrt worden. … Wenn es nur um die Bergpredigt und meine eigene Auslegung davon ginge, würde ich nicht zögern zu sagen: ‚Ja, ich bin ein Christ‘. Aber ich weiß, daß ich mich in dem Augenblick, in dem ich so etwas sage, den gröbsten Missverständnissen aussetzen werde. … Negativ kann ich Ihnen sagen, dass meiner Meinung nach vieles, was als Christentum gilt, eine Verleugnung der Bergpredigt ist.

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Bergpredigt auch für Hindus wichtig

• Jesus nimmt in meinem Herzen den Platz eines großen Menschheitslehrers ein, die mein Leben beträchtlich beeinflußt haben. Ich sage den Hindus, daß ihr Leben unvollkommen sein wird, wenn sie nicht auch ehrfürchtig die Lehre Jesu studieren. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß, wer die Lehren anderer Religionen ehrfürchtig studiert – ganz gleich, zu welchem Glauben er sich selbst bekennt –, sein Herz weitet und nicht verengt. Ich betrachte keine der großen Religionen der Menschheit als falsch. Alle haben sie die Menschheit bereichert. Eine großzügige Erziehung sollte ein ehrfürchtiges Studium aller Religionen miteinschließen.

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Christentum näherte sich nur zögerlich der Lehre Gandhis

• Konstantinische Wende: Feindesliebe / Gewaltfreiheit -> randständig

  • Franz von Assisi, Waldenser, historische Friedenskirchen …
  • Bergpredigt hat für gesellschaftliches und politisches Leben keine Bedeutung

• Reinhold Niebuhr (1892-1971)

  • Moral Man and Immoral Society: A Study of Ethics and Politics (1932)
  • Gandhi verwechsle Wehrlosigkeit (non-resistance) und sogenanntem gewaltfreien Widerstand (non-violent resistance)
    • Wehrlosigkeit: Tolstoi, Mennoniten; Liebeslehre Jesu: „eine unmögliche Möglichkeit“
    • gewaltfreier Widerstand: Gandhi; Zwang, ohne wirklich von Gewalt frei zu sein

• Gandhi

  • Jesus: keine Passivität; „Fürst der Satyagraha“; „hervorragender Politiker“
  • aktive Gewaltfreiheit ist dritter Weg zwischen passivem Widerstand und Gewalt

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Buddha und Jesus: Gewaltfreier Kampf aus Liebe

• Buddha hat furchtlos und kühn sein Banner im feindlichen Lager aufgepflanzt und die anmaßende Priesterschaft auf die Knie gezwungen, Christus hat die Wechsler und Händler mit Geißelhieben aus dem Tempel verjagt und Gottes Fluch gegen die Heuchler und Pharisäer geschleudert. Beide waren Anhänger der direktesten Aktion, aber selbst da, wo Buddha und Christus züchtigten, lag ihren Handlungen unverkennbar Liebe zugrunde. Sie hätten keinen Finger gerührt gegen ihre Feinde, sondern lieber sich selbst als die Wahrheit aufgegeben, für die sie lebten. Buddha hätte im Kampf gegen die Priester unterliegen müssen, wenn sich die Macht seiner Liebe nicht der Größe seiner Aufgabe, die Priester zu unterwerfen, als ebenbürtig erwiesen hätte. Christus starb, dornengekrönt, am Kreuz und triumphierte damit über die Macht eines ganzen Weltreiches. Und wenn ich nun Widerstand gewaltfreier Art organisiere, dann folge ich in aller Bescheidenheit den Fußstapfen der großen Lehrer der Menschheit.

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Gandhi beeinflusste Christen in ihrem Verständnis der Bergpredigt

• Freund C. F. Andrews (1871-1940)

  • hinterließ Buchmanuskript über Bergpredigt; gab „Theologie“ auf, um „Evangelium Christi zu leben“

• Dietrich Bonhoeffer (1906-1945)

  • wollte 1934 nach Indien gehen, um von Gandhi zu lernen

• Walter Wink (1935-2012)

  • aktive Gewaltfreiheit Jesu als dritter Weg; zeigt das am Beispiel der Bergpredigt

• John Howard Yoder (1927-1997)

  • betonte die politische Relevanz der Botschaft Jesu und identifizierte sich später immer mehr mit der Lehre Gandhis
  • Die Politik Jesu. Vicit Agnus Noster (Unser Lamm hat gesiegt) (1972/2012)
  • The War of the Lamb: The Ethics of Nonviolence and Peacemaking (2009)

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Katholische Annäherung an Gandhi

• Jacques Maritain (1882-1972)

  • Du régime temporel et de la liberté (1932) [dt. 1936: Gesellschaftsordnung und Freiheit]: gewisse Faszination für Gandhi (L. Massignon), aber: Staat; Zwangsmacht; „Angelismus“

• am Rande der katholischen Kirche: Thomas Merton, Daniel Berrigan, Bernhard Häring, Jean Goss und Hildegard Goss-Mayr

• Einfluss auf Innsbruck: Herwig Büchele, Severin Renoldner

• Papst Franziskus: „Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden“ (Botschaft zum Weltfriedenstag am 1.1.2017)

  • Gandhi neben Ghaffar Khan, Martin Luther King, Leymah Gbowee
  • Bergpredigt: aktive Gewaltfreiheit; „‚Handbuch‘ dieser Strategie zum Aufbau des Friedens“

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2. Mit Gandhi die gewaltfreie Liebe als letzte göttliche Wirklichkeit erkennen

• mit Girards mimetischer Theorie

  • wesentliche Ursache von Gewalt: mimetischen Rivalität um begrenzte oder nicht teilbare Güter; Gefahr der Eskalation

• Gandhi: Gewalt nicht mit Gewalt bekämpfen

  • Immer und immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass das Gute Gutes hervorruft, das Böse aber Böses erzeugt. Wenn daher der Ruf des Bösen kein Echo erfährt, so büßt es aus Mangel an Nahrung seine Kraft ein und geht zugrunde. Das Böse nährt sich nur von seinesgleichen. Die Weisen des Altertums, die dieses Gesetz erkannt hatten, vergalten daher nicht Böses mit Bösem, sondern immer nur mit Gutem, und brachten dadurch das Böse zu Fall.

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Kosmischer Glaube an die Liebe als Gesetz des Lebens

• Gandhi lebt aus dem kosmischen Glauben, dass trotz aller Gewalt die Liebe das Gesetz des Lebens ist; Gnade Gottes

• für Friedensbrigaden: „Ein gewaltfreier Mensch kann nichts tun außer durch die Macht und die Gnade Gottes. Ohne sie hätte er nicht den Mut, ohne Zorn zu sterben, ohne Furcht und ohne Rachegefühle. Ein solcher Mut erwächst aus dem Glauben, dass Gott im Herzen aller wohnt und dass es in der Gegenwart Gottes keine Furcht geben darf.“

• D. Bonhoeffer: „Glaubensentscheidung“ über die „letzte Wirklichkeit“

• J.H. Yoder: gewaltfreie Liebe als Feingranulierung des Universums

• Vatikanum II (Gaudium et spes 10, 22, 38): Jesus als neuer Mensch; Liebe und allumfassende Geschwisterlichkeit sind möglich

• H. Büchele: Gewaltfreiheit als „das eigentliche Grundmuster allen Lebens“

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3. Mit Gandhi in Gott die Sackgassen des Begehrens überwinden

• mit Girard den Dekalog, die Zehn Gebote lesen

  • 10. Gebot: Absage an die mimetische Rivalität (Ex 20,17)
  • religiöse Voraussetzung dafür: die ersten drei Gebot des Dekalogs
  • vgl. dazu das christliche Liebesgebot (Mt 22,37-39): umfassende Hinwendung zu Gott als Voraussetzung, den Nächsten und sich selbst in gleicher Weise zu lieben

• Parallelen bei Gandhi

  • Auslegung der Verse II,55-72 in der Bhagavadgita: Weisheit und Frieden aus der Ausrichtung auf das Höchste (II,54f: sthitaprajna: der in Weisheit fest gegründete Mensch); Schlüssel zu Auslegung der Gita
  • Gandhis Auslegung des ersten Verses der Isha-Upanishad; Gott als summum bonum befreit von der mimetischen Rivalität; „Sucht aber zuerst sein Reich …“ (Mt 6,33)

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Die Essenz der Bhagavadgita nach Gandhi

• Beschäftigt sich ein Mensch unablässig mit Sinnesobjekten, entwickelt sich Anhaften an ihnen. Aus Anhaften erwächst Begierde, aus Begierde entsteht Zorn. (V. 62)

• Wenn er alle Begierden aufgibt, lebt der Mensch vom Verlangen frei; frei vom Besitzstreben, frei vom Ich-Bewußtsein, erlangt er Frieden. (V. 71)

• Und wenn er die Sinne völlig von den Sinnesobjekten zurückzieht wie eine Schildkröte ihre Glieder, dann ist seine Weisheit fest gegründet. (V. 58)

• Die Sinnesobjekte, nicht aber das Verlangen nach ihnen, verschwinden für das verkörperte Selbst, das sich in striktes Fasten begeben hat. Selbst Verlangen verschwindet, wenn es das Höchste geschaut hat. (V. 59)

• Kommentar Gandhis: Selbstkasteiung und Fasten haben nur begrenzten Nutzen; Gnade Gottes zur Befreiung; sich selbst zum tauglichen Gefäß für die Gnade Gottes machen

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Gandhis Mantra aus der Isha-Upanishad

• Was immer in der Welt sich regt, das übergib dem Herren. Freue dich dieser Entsagung und begehre nicht jemandes Besitz.

• für Gandhi der religiöse Grund für den „Frieden mit allen Lebewesen“ und für eine „allumfassende Brüderlichkeit“

• vgl. Dekalog

• vgl. Bedeutung des summum bonum in der katholischen Soziallehre

  • immer wieder zitierter Vers aus der Bergpredigt: „Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben.“ (Mt 6,33)

• Gandhi zu Mt 6,33

  • „Ich sage euch, wenn ihr diese Stelle versteht, bewahrt und in ihrem Geiste handelt, dann braucht ihr nicht einmal zu wissen, welchen Platz Jesus oder irgendein anderer Lehrer in eurem oder meinem Herzen einnimmt. Wenn ihr diese moralische Straßenkehrerarbeit tut, euer Herz reinigt und bereit macht, dann werdet ihr finden, daß alle diese machtvollen Lehrer ihren Platz in uns einnehmen, ohne daß wir sie einladen.“

 

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