Claudia Paganini:

Trauer als Protest
Zeichen setzen gegen Unrecht und Gewalt

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Trauer als Protest
Zeichen setzen gegen Unrecht und Gewalt

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Trauer
facettenreich und ambivalent
•passive und aktive Komponenten
•emotionale und kognitive Komponenten
•alltäglich und trotzdem absolut
•persönliche und gesellschaftliche Dimension

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Auf der Suche nach einer Systematisierung
•Öffentliche rauer, die Ordnung wiederherstellen soll
•Öffentliche Trauer, die Protest artikulieren will
•Öffentliche Trauer,die neue Sichtweisen eröffnet

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Öffentliche Trauer, die Ordnung wiederherstellen soll
•Bedeutung der medialen Vermittlung seit Antike belegt
•Kollektiv reagiert auf Großkatastrophe -> (meist) kein persönlicher Verlust
•Rituale sollen gefährdete Ordnung wiederherstellen, kathartische Funktion, Rollenerwartungen müssen befriedigt werden (hoher Stellenwert sakraler Orte)
•Gemeinschaftsbildung -> Ein- und Ausschluss-mechanismen, Frage der Schuld bleibt prekär
•Frage der angemessenen Ästhetik –> Gratwanderung zwischen Banalität und falschem Pathos

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Beispiel 1: Amokläufe
•Tragende Bausteine: Markieren der Unglücksstelle mit Blumen, Kerzen und Plüschtieren, Schweigemärsche, Errichten provisorischer Monumente, öffentliches Verlesen der Namen der Toten
•Begreifen und Verarbeiten des Unfassbaren
•Trauer kann als gemeinsames Gedenken begriffen werden oder als Klagen, kann Elemente des Hinterfragens und der Anklage enthalten
•Einigkeit dahingehend, dass Ereignis schwerwiegend genug ist, um gemeinsam betrauert zu werden

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Öffentliche Trauer, die Protest artikulieren will
•Schmerz und Empörung von Angehörigen, weil Unrecht nicht angemessen geahndet bzw. betrauert worden ist
•anklagende Trauer setzt Energie frei, mithilfe derer unüberwindbar wirkende Widerstände überwunden und öffentliche Kampagnen initiieren werden können
•Protagonist*innen sind häufig Frauen -> Figur der Mutter als widerkehrende Konstante
•Protest einzelner transformiert sich in Massenbewegung
•In totalitären Regimes bietet Form der Trauer gewissen Schutz

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Beispiel 2: Madres de Plaza de Mayo
•Frauen, die während argentinischer Militärdiktatur (1977-1983) öffentlich ihre verschleppten, gefolterten und ermordeten Söhne betrauert haben
•Begannen am 30. April 1977 damit, jeden Donnerstag den Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires eine halbe Stunde lang schweigend zu umrunden
•Vermehrt Repressalien ausgesetzt, Vorsitzende, Azucena Villaflor, verschwand spurlos

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Öffentliche Trauer, die neue Sichtweisen eröffnet
•Wessen Leben ist es Wert, betrauert zu werden?
•Gesellschaft gibt selektive Antwort -> mediale Verstärkung führt zu Entstehung von Masternarrativen
•öffentliche Trauer kann dazu eingesetzt werden, auf Ungleichgewicht hinzuweisen
•Protagonist*innen sind häufig Künstler*innen, die selbstverständliche Sichtweise der Mehrheit (provokant) in Frage stellen
•Unsichtbare/s Gewalt/ Unrecht gegen Menschen und Tiere kommt in den Blick

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Beispiel 3: Bootsunglücke im Mittelmeer
•italienisches Künstlerkollektiv Multiplicity rückt mit Videoinstallation „Solid Sea01: The Ghost Ship“ (2002) die täglich stattfindenden Bootsunglücke im Mittelmeer erstmals ins öffentliche Bewusstsein
•Weitere Kunstprojekte folgen -> mediale Aufmerksamkeit gipfelt in Papstbesuch auf Lampedusa(8. 7. 2013); Wahrnehmung als „liturgiadella liberazione“, aber auch als Simplifizierung der Flüchtlingsfrage
•Gegenwärtige Entwicklung: einerseits Abnahme der Aufmerksamkeit, andererseits Diskurse, die Lebensretter zu Kriminellen machen (Kapitänin Carola Rackete)

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Trauer
facettenreich und ambivalent
•Trauer kann Reaktion sein, wenn ein Mensch, der Unrecht und Gewalt wahrnimmt, dies nicht beenden oder effektiv bekämpfen kann
•(Öffentliche) Trauer bringt zugleich zum Ausdruck, dass das oder der Betrauerte einen Wert hat, und vermag insofern ein Umdenken einzuleiten
•Verweigern von Trauer ist Form der Immunisierung eines Kollektivs, das die Situation seiner schwächsten Mitglieder am liebsten ausblendet -> Selbsttäuschung, lässt (auch) moralisches Ziel aus dem Blick verlieren
•Verschiedene Wege, durch Trauer Empathie wachzuhalten bzw. zu wecken

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Danke für Ihre Aufmerksamkeit und auf Wiedersehen bei den Theologischen Sommertagen 2021

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