ALUMNI IM FOKUS

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Was machen Menschen nach dem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft? 

Wir haben ehemalige Studierende verschiedener Generationen gefragt, wie sie bei ihrer jetzigen Tätigkeit von ihrem Studium profitieren und haben spannende Antworten und Geschichten erhalten!

 


  Judith SALNER

judih-20salner-20alumniWegen meines Interesses für Literatur, Film, Kunst und Philosophie fing ich 2008 an, Germanistik und Komparatistik zu studieren. Auch wenn  beide Studien anders als erwartet waren, begeisterte mich von Beginn an gerade die Vergleichenden Literaturwissenschaft. Neben den unterschiedlichen Texten und Kunstwerken, die ich kennenlernte, faszinierten mich vor allem die unterschiedlichen Theorien, die die eigene Weltsicht so manches Mal auf den Kopf stellten. Anhand dieser Denksysteme analysierten wir Texte und Kunstwerke und verknüpften sie mit vielfältigen Themengebieten. So führte die Arbeit immer über den konkreten Gegenstand hinaus zu gesellschaftspolitischen, kunsttheoretischen oder philosophischen Diskussionen, die mich bis heute beschäftigen. 

Auch die Offenheit der Professoren und Kommilitonen auf der Komparatistik haben mich    inspiriert und meinen Horizont erweitert. Ob Hochkultur oder Pop, ob Kitsch oder Klassiker, ob gedruckte Worte oder transmediale Phänomene – jeder konnte seine Themen und Interessen einbringen. Die vielen behandelnden Bereiche überraschten und forderten uns Studierenden immer wieder heraus.  Wo sonst kann man schon ein Seminar zum Thema „Die Kulturen der Vampire“ belegen? Ein weiteres Beispiel für die Vielfältigkeit der Vergleichenden Literaturwissenschaft ist auch meine Diplomarbeit „From Hero to Villian.“ Die Figurenentwicklung in der Serie Breaking Bad, in der ich meiner Begeisterung für die anspruchsvollen Fernsehserien der letzten Jahre Ausdruck verleihen konnte.

Rückblickend habe ich während des Studiums vor allem gelernt, komplexe Strukturen zu erkennen, neue Standpunkte einzunehmen und diese kritisch zu betrachten. Das ständige Arbeiten mit herausfordernden Theorien, das Kennenlernen ungewöhnlicher Denksysteme, das Verbinden von Kunstwerken und Texten mit gesellschaftlichen Themen und natürlich auch das Schreiben zahlreicher Arbeiten haben meine Sicht auf die Welt verändert.

Bei meinen bisherigen Arbeiten  (u.a. Texterin in einer Marketingagentur, Volontariat als Deutschlehrerin für Migrantinnen) haben mir die während des Studiums erworbenen Fähigkeiten – kritisches, selbstorganisiertes, kreatives Arbeiten, immer mit Blick über den Tellerrand hinaus – viel geholfen. Gerade weil das Studium keine konkrete Berufsausbildung ist, findet man sich dank der „Schule des Denkens“, die man auf der Komparatistik durchläuft, auch später in unterschiedlichen Berufsfeldern zurecht. 


  Georg SIMBENI

Während meines Studiums der Vergleichenden Literaturwissenschaft habe ich ein breites kulturwissenschaftliches Feld kennengerlernt und dabei zahlreiche Erfahrungen in der Bearbeitung sowohl literarischer als auch intermedialer Texte gesammelt. Mein persönlicher Fokus war dabei stets auf die intensive Beschäftigung mit dem Medium Film – in Theorie und Praxis — gerichtet, was auf den ersten Blick, im Kontext eines ›Literatur‹-Studiums als fehl am Platz erscheinen könnte. Doch ist es gerade der weitgefasste Blick auf kulturelle, gesellschaftspolitische etc. Frei- und Zwischenräume, den dieses Studium bietet, der die Kombination von Theorie und Praxis sowie von verschiedensten auch filmischen Texten ermöglicht und fördert. In meiner Abschlussarbeit habe ich mich auch mit der Frage beschäftigt, inwiefern ›Wahrheit‹ und ›Wirklichkeit‹ filmisch vermittelt, ›Authentizität‹ und ›Realität‹ medial erzeugt und von RezipientInnen als solche wahrgenommen oder sogar bestätigt werden.

Da sich meines Erachtens theoretische Problematisierungen von performativen Wirkungsweisen filmischer Repräsentation nicht von meiner praktischen Arbeit trennen lassen, verstehe ich auch meine Kurzfilme und Videoarbeiten, die in den letzten Jahren – meist im Team – entstanden sind, als Schnittstelle von komparatistischer Theoriebildung und filmisch-künstlerischer Praxis.

Ich glaube, dass das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft mir einen gut gefüllten ›Werkzeugkasten‹ mit auf den Weg gegeben hat, um auch im Bereich der Kunst- und Kulturproduktion Fuß zu fassen und damit meiner Leidenschaft voll und ganz nachzukommen.

Georg Simbeni, geboren 1981, hat sein Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft 2009 abgeschlossen und lebt in Berlin. 2010 bis 2014 Studium der Kamera und Bildgestaltung an der selbstorganisierten Filmschule filmArche Berlin. Er ist tätig als Kameramann und Kameraassistent für Spiel- und Dokumentarfilme sowie als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen. Filmographie: http://www.borisseewald.de/momentum/   


  Anita MOSER

Anita MoserAls ich 1991 nach der Matura am Abendgymnasium mit dem Studium begann, hatte ich bereits einen Handelsschulabschluss und einige Berufsjahre hinter mir. In Zukunft, das wurde mir damals klar, wollte ich mich – unabhängig von Jobperspektiven – nur mehr Inhalten und Auseinandersetzungen widmen, für die ich mich mit Interesse und Begeisterung engagieren konnte. Diese fand ich im Komparatistikstudium und darauf basierend dann auch in meinen Tätigkeiten in der Kulturarbeit.

Dem Studium verdanke ich nicht nur kompetent und leidenschaftlich vermittelte Kenntnisse in Bezug auf kultur- und literaturwissenschaftliche Theorien, zeitgenössische künstlerische Praktiken und gesellschaftliche, politische und kulturelle Wechselwirkungen, sondern auch viele spannende, irritierende, anregende und ermutigende Begegnungen – mit Lehrenden, MitstudentInnen, KünstlerInnen und Kulturschaffenden. Lehrveranstaltungen zu »Kulturmanagement und Geisteswissenschaften«, einer Art Vorläufer von »Literaturwissenschaft in der Praxis«, lenkten mein Interesse auf Theorie-Praxis-Zusammenhänge in Kunst und Kultur; poststrukturalistische und feministische Ansätze sowie das weite Feld von »Literatur und andere Künste« eröffneten mir völlig neue Sichtweisen.

Darüber hinaus ist es aber vor allem der im Studium »erlernte« komparatistische Blick auf die Welt, der mich nachhaltig prägte und meinen Zugang zur Kulturarbeit maßgeblich bestimmt. Dieser Blick lässt mich in der alltäglichen Arbeit immer auch Querverbindungen zu anderen Feldern herstellen und nicht aus dem Auge verlieren, aus welcher Perspektive etwas betrachtet oder behauptet wird, in welchem Kontext oder in welcher Tradition etwas steht und im Vergleich zu welchen anderen kulturellen, künstlerischen und gesellschaftlichen Äußerungen; dass es immer mehr als eine Möglichkeit der Interpretation gibt, mehr als eine Antwort auf eine Frage.

Eine komplexe Gesellschaft wie unsere verlangt nicht verkürzte, unkritische und undifferenzierte Erklärungen, sondern dieser Komplexität angemessene Auseinandersetzungen. In Anlehnung an den Philosophen Wolfgang Welsch und dessen Feststellung, Kunst bringe die gegenwärtige gesellschaftliche Grundverfassung der Pluralität tiefgreifend zur Erfahrung wie kein anderes Medium, möchte ich behaupten, dass uns die Vergleichende Literaturwissenschaft im konstruktiven Umgang mit dieser Pluralität und Komplexität schult wie kein anderes Studium.

Mag. Dr. Anita Moser, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Spanischen Philologie in Innsbruck und Bilbao, Kulturmanagementausbildung; arbeitet als freie Literatur-/Kulturwissenschaftlerin, Lehrbeauftragte in der Erwachsenenbildung und an der Universität Innsbruck, Kulturmanagerin und ‑vermittlerin, u.a. sieben Jahre beim Festival Neuer Musik »Klangspuren Schwaz«, derzeit Geschäftsführerin der »TKI – Tiroler Kulturinitiativen/IG Kultur Tirol« (www.tki.at).  


  Fabienne IMLINGER

Vor allen anderen Dingen ist die Innsbrucker Vergleichende Literaturwissenschaft für mich Heimat; ein Ort, an dem ich nicht nur Denken, sondern das Denken lieben gelernt habe; und das Außergewöhnliche dieser Erfahrung empfinde und schätze ich bis heute.

Zweifellos kann man sich Wissen und bestimmte Kompetenzen auf verschiedene Arten und an unterschiedlichen Orten aneignen. Entsprechend stellt wohl das Studium der Komparatistik an jeder Universität immer schon – und noch vor den unzähligen kulturwissenschaftlichen Wenden – auf ein Denken in Zusammenhängen, ein interdisziplinäres (um dieses modische Unwort zu benutzen) Denken ab. Doch im Vergleich zu anderen Kontexten, die ich bisher erlebt habe, zeichnet die Innsbrucker Komparatistik meines Erachtens aus, dass dort eine ganz bestimmte Atmosphäre, ein tatsächlicher Freiraum des miteinander Arbeitens erzeugt wird, der alle, die diesen Raum betreten – egal ob StudienanfängerIn oder ProfessorIn – mit und in ihren Fähigkeiten anspricht und einbindet. Ernst Jandl anverwandelnd würde ich sagen: Der (Schreib-)Tisch der Innsbrucker Komparatistik ist für alle gedeckt.

Es ist vor allem diese Erfahrung: dass das eigene Sprechen gehört und geschätzt wird, die mich wesentlich geprägt hat. Den Mut zum Eigenen, und das heißt für mich vor allem: den Mut zum eigenen Denken zu haben, darin hat die Innsbrucker Vergleichende Literaturwissenschaft mich vor allem Anderen bestärkt. Dass diese Kompetenz oder Haltung Vieles erzeugt, nur sicherlich Eines nicht: glattgebürstete Menschen, davon sprechen zweifellos die unterschiedlichen und je eigenen Wege, die AbsolventInnen der Komparatistik gehen. Dass ich meinen Weg in die Wissenschaft gefunden habe – ich möchte beinahe sagen: trotz einschneidender Umstrukturierungen an den Universitäten und der damit einhergehenden Prekarität – hat sicherlich mit den spezifischen Fähigkeiten und dem Wissen zu tun, welche ich durch das Studium der Komparatistik erlangt habe. Es hat aber auch und für mich in erster Linie mit eben jener spezifischen Heimat zu tun, die die Innsbrucker Komparatistik für mich ist.

Fabienne Imlinger hat ihr Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Feministische Gesellschafts- und Kulturwissenschaften 2007 beendet. Es folgte ein einjähriger Aufenhalt als Marie Curie Stipendiatin für Women's und Gender Studies in Frankfurt am Main. Seit 2008 ist sie Doktorandin des Promotionsstudiengangs Literaturwissenschaft der LMU München.


  Karin TSCHOLL

Karin TschollDas Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft hat mir vor allem einige Jahre des FREIRAUMS ermöglicht. In dieser Zeit musste ich nicht zu viele Jobs haben und nicht so viele Stunden arbeiten wie später, weil ich vom Stipendium leben konnte. In diesem Freiraum habe ich lernen können, vieles nicht an der Uni sondern auf Reisen und in Gesprächen und natürlich beim Lesen.

Im Studium konnte ich mich an verschiedenen Instituten mit den Literaturen der Welt und der Sprache an sich beschäftigen. Viele meiner politischen Interessen habe ich auch in der Literatur verfolgen können.

Auch die Grundzüge des wissenschaftlichen Arbeitens, wie zitiere ich oder wie finde ich ein Buch, nutze ich bis heute, wenn ich Stoffe suche oder meine Bücher schreibe. Vor allem das selbstständige Arbeiten und das selber-Organisieren meiner Zeit sind Fähigkeiten, die ich auch heute dauernd brauche. Und immer noch nicht ganz beherrsche.

Die Tatsache, dass nach dem Studium kein Job auf mich gewartet hat und, dass ich bei der Diplomarbeit meinen eigenen Interessen folgen konnte, hat dazu geführt, dass ich mir meinen Beruf quasi selber erfunden habe.

Seit 1995 bin ich hauptberuflich mündliche Märchen- und Geschichtenerzählerin für Erwachsene und als solche ziemlich erfolgreich. 2010 habe ich mein 5. Märchenbuch herausgegeben.

Karin Tscholl schloß das Studium der Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik 1995 ab. Diplomarbeit zum Thema »Eine Sammlung: Mächtige Frauen in Märchen aus Ghana und Österreich«. Auslandsaufenthalt in Ghana, Westafrika zur Forschung im Bereich westafrikanischer Märchen und mündlicher Tradition; längere Aufenthalte in Santa Cruz, Kalifornien (3 Jahre) und Kauai, USA. Karin Tscholl hat fünf Märchensammlungen und eine CD veröffentlicht.
Kontakt: www.frauwolle.at; Email: frau.wolle@utanet.at


  Verena TEISSL

Als ich 1984 nach der Matura das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft begonnen habe, hat mich zuallererst das damals stärkste Studienjahr seit Jahren mit Kommilitonen, die fast alle älter waren als ich und schon ein bisschen mehr ge- und erlebt hatten, wie ein warmer Sturm gefangen genommen. Da war Dynamik und Aufbruch, Feminismus und Postmoderne. Die literaturwissenschaftlichen Theorien habe ich nicht wirklich in mich aufgenommen, nicht gleich, erst später und nach und nach. Ich denke, so ist Lernen – ein Prozess, der mit dem Leben und Erleben verflochten sein muss. Nachhaltig war alles, was ich selbst erarbeiten musste: Referate, Seminararbeiten und dann ganz besonders die Jahre in Mexiko, die 1990 mit einem Auslandsstipendium für die Dissertation begannen (»Utopia, Merlin und das Fremde«, 1996).

Das Studium war für mich, aus heutiger Sicht, der gute Umweg, um zur kulturellen Praxis zu gelangen, als Veranstalterin, Übersetzerin und Essayistin Boden zu gewinnen. Komparatistik ist für mich bis heute das einzige Literaturstudium mit globalem Charakter, weshalb ich nicht verstehe, warum es Nische anstatt Boom ist.

Mein beruflicher Werdegang – der Mitaufbau des Internationalen Film Festival Innsbruck IFFI (1992-2002), die Mitarbeit bei der Viennale – International Film Festival Vienna (2002-2010), meine interdisziplinäre Veranstaltungsreihe Videodrom film & lecture (2005-2009), Kulturjournalismus und die Lehre an der FH Kufstein für Kulturmanagement, Kulturwissenschaft und Kommunikationswissenschaft – ist dem Studium entsprossen, das wiederum in meine Unruhe gepasst hat. Letztlich ist es wohl die Unruhe, die wegweisend ist.

Heute sind es die kulturelle Produktion, ihre Rahmenbedingungen und Wirkungsmöglichkeiten, die mich praktisch und theoretisch beschäftigen. Die Lehre einer »Veranstaltungsphilosophie«, die sich neuen Finanzierungsbedingungen und Vermittlungsaufgaben stellt, das Zusammenwirken aus lokalen und globalen »sites and rites of passages«. Kurz: Die Kulturwissenschaft als Brückendisziplin zwischen Veranstalten und theoretischem Fundament.

Mag.Dr.phil. Verena Teissl, Veranstalterin, Kulturjournalistin (u.a. ray Filmmagazin) und Hochschullehrerin für Kulturmanagement, Kulturwissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der FH Kufstein.
Jüngste Buchpublikation: »Poeten, Chronisten und Rebellen. Internationale DokumentarfilmemacherInnen im Porträt« (gem. mit Volker Kull, Schüren Verlag 2006)
Nächster erscheinender Buchbeitrag: »Filmbetrieb und Interkulturalität. Betrachtung eines Verhältnisses«, Publikation der Uni Innsbruck / Fakultät Bildungswissenschaft zur Ringvorlesung »Visuelle Kompetenz«.


  Beatrix ROIDINGER

Bea Roidinger Foto von Florian Wieser

Viele haben mich früher gefragt, warum ich mich für dieses Studium entschieden habe, sei es doch so brotlos, ohne konkrete Aussicht auf eine Beschäftigung. Außerdem sei unklar, was man eigentlich lernen würde, wo die praktische Anwendbarkeit liege. Nun, inzwischen sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, seit ich fertig studiert habe. Immer noch fragen mich Leute, was genau Komparatistik ist, was man da eigentlich lernt. Und immer noch versuche ich es zu erklären.

Mein persönliches Resümee: Es ist ein Studium, das primär Spaß macht. Spaß an der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Disziplinen und Epochen. Die Vergleichende Literaturwissenschaft hat einen Freiraum geboten, sich querfeldein mit allem möglichen zu beschäftigen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Auch und vor allem keines, das die spätere Berufswahl betrifft. Mein Interesse galt in erster Linie zeitgenössischer Kunst, (Sub-)Kultur, Wissenschaftstheorie und Frauenforschung. Kennen und schätzen gelernt habe ich in diesen Bereichen die diskursiven Auseinandersetzungen mit KollegInnen und Lehrenden. Ich fand es spannend, bereichernd und aufregend. Aber wie ich das alles beruflich einmal umsetzen kann, wusste ich lange nicht.

Was letztendlich wirklich wichtig für meine spätere berufliche Zukunft war, ist schwer zu sagen. Ich glaube, es ging viel um ein kulturelles Lebensgefühl und es ging um Leidenschaft. Beides brauche ich heute in meinem Job. Und beides lässt sich nicht so leicht wie eine Fähigkeit oder ein Know-how klassifizieren und benennen. Vielleicht geht es um geisteswissenschaftliche Bildung ganz allgemein und die Lust, sich mit Menschen und deren kreativem Output auseinanderzusetzen.

Was ich auf alle Fälle gelernt habe und jetzt einen Teil meiner Kernkompetenzen ausmacht, ist die Fähigkeit, Gedachtes, Gelesenes und Diskutiertes in eine stringente schriftliche Form zu bringen.

Im Anschluss an das Studium der Komparatistik habe ich ein viersemestriges Postgraduate »Kulturmanagement« absolviert, das den Übergang in die Praxis erleichterte.

Heute habe ich eine PR-Agentur, die auf Kreativwirtschaft spezialisiert ist. Unsere KundInnen kommen aus den Bereichen Architektur, Design, Mode, Kunst, Musik, Multimedia und Film. Wir betreuen zum Beispiel das Designfestival VIENNA DESIGN WEEK, die Modemesse MODEPALAST, Wiesner-Hager Büromöbel, die Wirtschaftskammer Wien/Kreativwirtschaft und zahlreiche Modelabels, Architekturbüros, DesignerInnen sowie weitere Projekte und Institutionen aus der Kreativwirtschaft.

Beatrix Roidinger studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik von 1984 bis 1989 in Innsbruck, 1990 bis 1993 Postgraduate Kulturmanagement. Gründungsmitglied des interdisziplinären Projektes Raum-Station 001 von 1990 bis 1993, von 1994 bis 2001 Organisation von Raves und Partys (u.a. im Wiener Gasometer) und Musikproduktion (elektronische Musik), seit 2001 Geschäftsführung von juicy pool.communication (PR Agentur für Kreativwirtschaft), seit 2008 Vortrags- und Workshoptätigkeit für departure und mingo (Stadt Wien) sowie für die Wirtschaftskammer Wien.
Kontakt: via facebook, www.juicypool.com. Portraitfoto: Florian Wieser.


  Herbert SALZMANN

Herbert SalzmannIch wollte ja nie ein Fach studieren, sondern die Welt, insbesondere die Welt des Geistes und der Kultur. Und die Komparatistik war jene Studienrichtung, die mir damals (1984-1990) solche independent studies am ehesten möglich machte.

Die Stärke des Instituts war damals weniger das behandelte Wissen selbst, sondern die Offenheit, die Wertschätzung und insbesondere die Leidenschaft, mit der wir uns gemeinsam mit den Lehrenden auf unsere Gegenstände stürzen konnten. Diese Leidenschaft zum Wissen und zum Gespräch ist mir geblieben, auch wenn ich als Managementberater heute einen ganz anderen Beruf habe. Ich hoffe, die Atmosphäre wird auch von heutigen Studierenden noch so erlebt, obwohl es zehn mal mehr sind.

Der zweite ganz wichtige Gewinn, den ich aus dem Studium ziehen konnte, ist die Poesie. Diese universale Kraft der Neuschöpfung ist mir in der Konzeption und Durchführung von Beratungsprozessen und Seminaren sehr nützlich, nachdem ich sie, Joseph Beuys folgend, von der Kunst auf Arbeitsprozesse zu übertragen begann.

Poesie und Leidenschaft sind es wahrscheinlich, die meine Beratungsarbeit für mich und meine Kunden wertvoll machen, die vielleicht auch mein Leben lebenswert machen, und beide verdanke ich in hohem Maße dem Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft.

Mag.phil., Managementberater (www.herbertsalzmann.com), begleitet Organisationen in Lernprozessen und hält Seminare für Führungskräfte. Auftraggeber sind Wirtschaftsbetriebe (mit 3 bis 11.000 Mitarbeiter) im deutschsprachigen Raum, aber auch Sozial- und Kultureinrichtungen. Daneben Lehraufträge an verschiedenen Fakultäten.  


   Martina LASSACHER

Martina LassacherAls ich 1978 Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren begann, hatte ich bereits ein fast abgeschlossenes Studium hinter mir. Aus Mangel an wirklich herausragenden Interessen hatte ich 1974 ein Studium der Zoologie und Botanik begonnen. Je mehr das Studium voranging, umso mehr Bedenken kamen mir jedoch, ob das, was ich danach damit machen konnte, meinem Lebensziel entsprach. Auf der Uni zu bleiben war eine utopische Option, und in die Wirtschaft zu gehen, um irgendwelche Cremes gegen die Falten von Damen ab 50 zu entwickeln, erschien mir auch nicht besonders reizvoll. Als ich dann noch drei Mal durch die gleiche Prüfung fiel, die mir als letzte für meine Zulassung zur Dissertation fehlte, und der zuständige Professor mir nahe legte, dass ich mir doch einen Mann zum Heiraten suchen solle, gab ich auf.

Ich bin durch reinen Zufall auf die Vergleichende Literaturwissenschaft gestoßen und habe mich sofort in das Studium, seine Inhalte und die Menschen, mit denen ich dort zu tun hatte, verliebt. Hier ging es in Gesprächen nicht darum, wo es die billigste Fleischkässemmel zu kaufen gab, sondern es ging um Literatur, um gesellschaftspolitische Fragen, darum, was Literatur bewegen kann. Selbst wenn ich heute nicht so glücklich wäre, würde ich immer an die Studienzeit zurückdenken wollen, an die Gespräche und Diskussionen in Lehrveranstaltungen und in der Mensa und im Gasthaus Innrain davor und danach. Ich habe damals neue Freunde gewonnen, von denen mich einige bis heute auf meinem Lebensweg begleitet haben und wohl auch bleiben werden, bis ich alt und grau bin.

Heute bewege ich mich in meiner Arbeit im Kinobereich und habe – gemeinsam mit meinem Organisationsteam – die Leitung des Internationalen Kinderfilmfestivals Wien inne. Ich arbeite viel in der Filmvermittlung mit Schwerpunkt auf junge Menschen, und die »Kinderkinowelten«, die wir mit letztem Schuljahr begonnen haben, sind eines der Ergebnisse. Ich mache Begleitunterlagen für Filme, die im schulischen Bereich eingesetzt werden, und ab und zu auch Lehrveranstaltungen auf der Uni. Ich bin dem Cinematograph/Leokino, in dem ich meine kulturelle Laufbahn begonnen habe, bis heute innig verbunden und seit einigen Jahren dort auch wieder im Vorstand.

Dass ich gelernt habe, mit literarischen Texten und, in der Folge davon, mit Filmen wissenschaftlich umzugehen, ist in meinem Job sehr hilfreich. Auch die komplizierteste Literatur- oder Filmtheorie lässt sich auf einen so einfachen Nenner herunter brechen, dass sie in der Vermittlung mit Kindern verwertet werden kann. Wichtiger ist jedoch, dass ich im Studium gelernt habe, meine Möglichkeiten zu nutzen, meine Fantasie einzusetzen, um das, was ich an Potential besitze, innovativ anzuwenden und etwas daraus zu machen, wovon ich leben kann. Professor Konstantinović, der kein Verfechter literarischer Kanons war, hat immer gesagt: »Sie können nicht alles lesen. Also lesen Sie, was Ihnen gefällt, das sollte das einzige Auswahlkriterium sein. Und vor allen Dingen: denken Sie tief darüber nach.«

Dieser Satz ist bis heute eine Lebensmaxime von mir geblieben. Ich habe mit Abschluss meines Studiums nie mehr einen Job angenommen, weil er gut bezahlt war oder einen weiteren Sprung auf der Karierreleiter bedeutet hätte. Ich habe immer nur das gemacht, was mir Spaß macht, tief darüber nachgedacht und versucht, meine Ideen in eine Form zu bringen, die finanziell verwertbar war. Ich habe jahrelang von Schulden gelebt, aber auf Dauer ist daraus eine sehr befriedigende Arbeit geworden, von der ich gut leben kann.

Dr. Martina Lassacher hat ihr Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft 1986 beendet und ist heute Geschäftsführerin des Vereins INSTITUT PITANGA - Verein zur Förderung und Vermittlung von Wissenschaft und Kultur. Verschiedene interdisziplinäre Projekte innerhalb des Vereins, u.a. zu Film, Literatur, Essen und Homöopathie (www.pitanga.at). Leitung des Internationalen Kinderfilmfestivals Wien (www.kinderfilmfestival.at). Kulturveranstalterin, besonders im Bereich Film, meist mit Schwerpunkt auf Filmvermittlung für Kinder (www.kinderkinowelten.at). Punktuelle Lehrveranstaltungen in Wien und Innsbruck. Glückliche Mutter eines mittlerweile 14-jährigen Sohnes. 


  Karl ZIEGER

Karl ZiegerWenn ich heute als Komparatist in Frankreich tätig bin (seit 1995 an der Universität Valenciennes, zuerst als »Maître de conférences«, seit 2006 als »Professeur«), so habe ich das ganz wesentlich der Innsbrucker Vergleichenden Literaturwissenschaft zu verdanken: ich gehöre zur Generation der heute »Mit-Fünfziger«, die sowohl wissenschaftlich, als auch menschlich von der Schule Konstantinović – Rinner – Zerinschek geformt worden sind. Auch mein Forschungsgebiet ist eng mit der Geschichte des Innsbrucker Instituts verbunden: der Kongress des internationalen Komparatistenverbands AILC (»Association Internationale de Littérature comparée«) 1979 war für viele Komparatisten (weltweit) gleichbedeutend mit der Entdeckung der Rezeptionsästhetik und Rezeptionsgeschichte … und hat mich zuerst zu meiner 1983 abgeschlossenen Dissertation zur »Aufnahme der Werke von Emile Zola durch die österreichische Literaturkritik der Jahrhundertwende« angeregt und, etliche Jahre später, zur (französischen) Habilitation über die Schnitzler-Rezeption in Frankreich (»Arthur Schnitzler : un écrivain viennois en France, 1894-1938« — noch unveröffentlicht). Meine Forschung ist zwar durch die Tätigkeit als Vize-Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Valenciennes etwas eingeschränkt, seit zwei/drei Jahren bin ich aber dabei, ein Forschungsprojekt über die österreichisch-französischen Kulturbeziehungen zwischen dem 18. Jahrhundert und 1938 aufzubauen ... in Kooperation mit Sigurd P. Scheichl, der »damals« (1974, ein Jahr, bevor ich die Komparatistik entdeckt habe) auf der Germanistik mein erster Uni-Lehrer war.

Karl Zieger, Jahrgang 1955, hat von 1974 bis 1983 an den Universitäten Innsbruck und Nantes Germanistik, Romanistik und (als Hauptfach) Vergleichende Literaturwissenschaft studiert. Von 1983 bis 1987 war er Lektor an der Universität Paris-X-Nanterre, von 1988 bis 1995 Vertragsassistent (zeitweise halbtägig) am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck und Freier Mitarbeiter im ORF-Tirol. Seit 1995 ist er an der Universität Valenciennes tätig; bis 2006 als »Maître de conférences«, seit seiner Habilitation als »Professeur«.