01.02.21: One World - Newsroom Beitrag

Begleitend zur Einführungsvorlesung „Soziologische Perspektiven“ trafen sich unter Leitung von Prof. Frank Welz Studierende der Universität Innsbruck und dem St. Xavier’s College der Universität Rajasthan in Jaipur, Indien, im virtuellen Raum. Spielt räumliche Distanz in einer immer mehr globalisierten Welt noch eine große Rolle? Kommt es etwa zu einer homogenen McWorld-Weltkultur? 

Rajasthan University in Jaipur, Indien.
Bild: St. Xavier's College an der Rajasthan University. (Credit: St. Xavier's Nevta)

 

In einer offenen und freundlichen Gesprächsatmosphäre fand ein vergleichender Austausch über verschiedene Themengebiete kultureller Praktiken in Indien und Österreich statt. 

Prozesse kultureller Harmonisierung einerseits und hybrider Neubildungen andererseits sind bereits weit vorangeschritten. Musik und Film, Hollywood und Bollywood, werden in Indien gleichermaßen aufgenommen und konsumiert wie hierzulande. Der individuelle Geschmack jedes Einzelnen ist wie in Europa erlebbar. Allerdings konnten wir feststellen, dass im indischen Bundesstaat Rajasthan eine enorme Solidarität mit der eigenen Tradition und Kultur vorhanden und – durch das pandemiebedingte Mehr an verfügbarer Zeit – noch stärker ausgeprägt ist als wir das für uns hier einschätzen würden. Als besonders markant nahmen wir jedoch die Offenheit gegenüber der westlichen Kultur und deren Wertschätzung wahr. Zudem fiel auf, dass die Musik in beiden Kulturen eine sehr bedeutende Rolle spielt. Alle waren sich einig: „Ohne die Künstler und deren Arbeit hätten wir bis jetzt die Pandemie nicht überlebt.“

Eine rege Diskussion wurde geführt über diverse Vorlieben, beliebte Events und den besten Weg Gitarre zu lernen. Das indische farbenfrohe Frühlingsfest „Holi“ ist ein Massenmagnet  für Menschen aus der ganzen Welt und – gegen die standardisierte McWelt – als ein Ausdruck kultureller Pluralität wahrzunehmen. Nach den Angaben der indischen Studierenden wird dieses Fest allerdings umgekehrt auch sehr stark vermarktet – ähnlich dem Münchner Oktoberfest.

Im Bereich der Bildung sind wenig Distinktionen vorhanden. Die Aufteilung und Spezialisierung für Schüler erfolgt allerdings zu einem späteren Zeitpunkt als in Österreich. Grundsätzlich beginnt der Schulalltag ab dem dritten Lebensjahr mit der „pre-school“. Diese Vorschule stellt ein Äquivalent zu unseren Kindergärten dar. Danach folgen zwölf Jahre Schulausbildung, aufgeteilt in Primary, Middle und High School, wobei erst in den letzten beiden Jahren der High School eine Spezialisierung möglich wird. Hier erfolgt der Abschluss ähnlich unserer Matura als Berechtigung zum Einstieg ins College.

Schon größere Differenzen ergeben sich bei den Familienangelegenheiten. Freiheiten, wie früh auf eigenen Beinen stehen zu können und das Leben eigenständig zu planen, sind für uns selbstverständlich geworden. In der indischen Tradition ist dies anders. Die arrangierte Heirat ist immer noch üblich. Trotzdem lassen sich die indischen Studierenden davon nicht abhalten, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, eigenständig in anderen Städten zu wohnen und selbstbestimmte Beziehungen zu führen. Weil es in Indien keine staatlichen Einrichtungen zur Pflege gibt, ist es alleinige Aufgabe der Kinder, ihre Eltern im Alter zu pflegen und bei ihnen zu wohnen. Das stellt für sie einerseits eine gewisse Last dar, aber es ist auch tief in der Kultur verwurzelt. Auch unsere Kommiliton_innen wollen diesen starken familiären Zusammenhalt pflegen. Das war für uns sehr beeindruckend, wie stark und offen die indischen Studierenden mit diesem Thema umgehen und sehr interessant zu erfahren, wie unterschiedlich die Erwartungen und Anforderungen innerhalb der Familien zwischen den Kulturen sind.

Bei allen Unterschieden, die wir online diskutierten, waren auch sehr viele Gemeinsamkeiten ersichtlich. Jedenfalls fühlten wir uns trotz 6000 km Entfernung in diesen gedankenerweiternden neunzig Minuten sehr verbunden. Entsprechend freuen wir uns bereits auf unseren nächsten Austausch unter unserer Rahmenfrage nach den kulturellen Folgen der Globalisierung, die uns in wenigen Tagen und dann gleich in verdoppelter Distanz auf einen anderen Kontinent führt: North Tyrol & South Africa!

(Franziska Keller und Patrik Reisinger)

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