11.01.21: Erzäh­len ohne Rea­lität? - Bericht zum Gastvortrag von Martin Durdovic

Zum Jahresabschluss 2020 lud das Forschungszentrum Social Theory seinen derzeitigen Gastwissenschafter von der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, Dr. Martin Durdovic, zur „Kritik des narrativen Konstruktivismus“ ein.

Martin Durdovic.
Bild: Der Vortragende Dr. Martin Durdovic. (Credit: Durdovic)
 
 
Das strukturorientierte Denken der Sozialwissenschaften und die hermeneutische Orientierung der Geisteswissenschaften werden oft gegenübergestellt. Zuweilen sah man es sogar so, dass das eine durch das andere abgelöst wurde. Zur fordistischen, stabilen, wohlfahrtsstaatlich abgesicherten Arbeitsorganisation der Goldenen 30 Jahre des Kapitalismus nach 1945 „passt“ die strukturelle Analyse gesetzmäßiger Zusammenhänge zwischen Variablen. In der Ära der neoliberalen Globalisierung hingegen werden kulturelle Themen wie Nation, Religion, Ethnizität und „Kultur“ überhaupt vielleicht gerade deswegen en vogue, weil die vormalige Ordnung erodiert. Jean-François Lyotard sah mit der technikinduzierten Proliferation der kulturellen Deutungen der 1970er Jahre das Ende der großen Erzählungen zusammen mit dem Aufstieg der vielen heterogenen kleinen Narrationen eingeläutet.

Dabei ist es ein substanzielles Problem und bis heute weithin Desiderat der Forschung, beides zusammenzudenken. Wie lässt sich beides verknüpfen? Wie hängt, was Menschen auszeichnet, im Erzählen den Sinn der Welt selbst zu schöpfen, zusammen mit derjenigen Realität, in welcher Ersteres stattfindet?

Für Durdovic muss Sozialtheorie dem gerecht werden, dass Erzählen nicht nur in den Medien stattfindet, nicht nur weitere „Konstruktion“ ist, sondern auch die „realen“ Ereignisse, Prozesse und Strukturen involviert und schlussendlich in ein Handeln übergeht, das in die reale Welt eingreift. Dazu erinnert Durdovic den Begriff der narrativen Figuration von Paul Ricoeur.

 

 

Folie aus Martin Durdovics Vortrag.
(Credit: Martin Durdovic)
 

An diesem zeigt Durdovics gut besuchter (virtueller) Vortrag, dass Erzählen ein Vorverständnis aufgreift, die aktuelle Welt sinnstiftend umdeutet und im Blick auf die je Anderen ein gemeinsames Verständnis transformiert, dass in faktisches Handeln übergehen und insofern die erfahrbare Wirklichkeit umgestalten kann.

Während es Ricoeur auf Seiten der phänomenologisch-hermeneutischen Tradition ist, zieht Durdovic den sogenannten kritischen, auf Roy Bhaskar zurückgehenden Realismus von Margaret Archer und anderen heran, zu erläutern, wie die hermeneutische Aktivität von uns Akteuren gerade im Erzählen Bestandteil der sozialen Interaktion wird. Generative Hermeneutik und generative Mechanismen, so Durdovics These, müssen zusammengedacht werden. Erzählen ist mehr als „nur Konstruktion“ - und also durchaus „mit“ Realitätsgehalt.

Wer Interesse an den o.g. Fragen hat und sei es im „Forschungszentrum Social Theory“ Mitglied oder auch nur „Interessentin“ werden und entsprechend die Veranstaltungseinladungen erhalten möchte, wende sich gerne per Email an den Autor dieser Zeilen.

 

(Frank Welz)

 
 
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