spurensuche: russen in berlin bis 1945

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Russisch-orthodoxe Kirche und Friedhof

Hl. Konstantin und Helena-Kirche | Wittestr. 37 | Berlin-Reinickendorf


Eine der orthodoxen Kirchen in Berlin, die Hl. Konstantin und Helena-Kirche, liegt irgendwo fernab vom Zentrum inmitten von Burger King, Vororttristesse, Brachland, Kleinindustrie und Autobahnabfahrten – die U Bahnfahrt aus dem Zentrum dauert lang genug, um ein mittelgroßes Mittagessen ohne Eile zu verzehren. Der Weg von der Haltestelle bis zum Friedhof ist dann aber weder lang noch beschwerlich, wenn man von den Zebrastreifen zur Autobahnauf- und -abfahrten absieht, die man als Fußgänger überqueren muss.
Das Friedhofsareal liegt innerhalb einer mit orthodoxen Kreuzen versehenen Ziegelmauer, beinhaltet den Friedhof, eine kleine Kirche mit hellblauen Kuppeln sowie das Haus des zuständigen Popen, und ist zugänglich von 9:00 "bis Sonnenuntergang". Ob das an der fehlenden Friedhofsbeleuchtung oder eventuellen nachtaktiven Geisterwesen liegt, weiß niemand so genau, außer vielleicht der ansässige Pope. Sein neuer Kleinbus stand zwar vor der Haustür geparkt, er selber war aber am Nachmittag nicht daheim, weshalb uns neugierigen Ausländern auch die Kirche verschlossen blieb. Die junge Frau mit großer Kreuzkette und russischem Akzent ist entweder nicht befähigt oder berechtigt, die Türen zum Gotteshaus aufzusperren, und Anfang Dezember zwei Stunden oder mehr auf einem Friedhof auf eine Messe zu warten, nur um einen kurzen Blick auf das Innere des Ziegelbaus zu werfen, ist auch keine Angelegenheit für übermüdete, verkaterte und ausgefrorene Studenten.
So blieb es bei einer Friedhofsbegehung, die neben der Fotodokumentation v.a. eine "Prominentensuche" zum Ziel hatte: Vater Eisenstein und Nabokov, deren Söhnen die Nachwelt "Ivan der Schreckliche" und "Lolita" zu verdanken hat, liegen hier begraben. Trotz der überschaulichen Größe des Gottesackers erwies es sich als gar nicht so einfach, bestimmte Grabstätten ausfindig zu machen, da zum einen eine Unzahl derer im Laufe der Zeit vergessen und der Verwitterung anheim gefallen sind, sodass kaum mehr die Namen zu entziffern sind, und zum anderen sich die letzten Ruhestätte "neuer" Russen in puncto Ausstattung und Prunk durchaus mit den Grüften und Grabmälern von Kleinadeligen und Lokalprominenz messen können. Um die Verwirrung perfekt zu machen, ist auch die Anordnung der Grabreihen nicht immer ganz eindeutig auszumachen, wodurch man schon ab und an über eine kleine Bodenerhebung stolpern kann, ohne zu wissen, ob es sich dabei um ein altes Grab, einen überwachsenen Kompost- oder Erdhaufen oder was ganz anderes handelt – in gewisser Weise ein Friedhof im Dornröschenschlaf (oder einfach ein etwas unordentlicher Friedhofsgärtner.

Fündig geworden sind wir nur teilweise, Vladimir Nabokovs Vater ruht ganz in der Nähe der Kirche halb versteckt unter einem kleinen Busch, Michail Eisensteins letzte Ruhestätte ist uns verborgen geblieben, und das obwohl sie angeblich nicht klein und unscheinbar sei... Dafür stolpert man in dem Gewirr von orthodoxen Holzkreuzen, Grabsteinen, Engelsfiguren und Steinkeuzen so auf das ein oder andere Kleinod und (scheinbares) Kuriosum. Nebst bereits erwähnten monumental ausgeschmückten Grabstätten russischer "Durchschnittsbürger" vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts (mit Bänklein, riesigen Grabsteinen, prunkvoll umrahmten Farbfotos der Verstorbenen, stilisierten Absperrungen, Blumenmeer und Skulpturen) finden sich auch schlichte Gräber ohne Namen für den unbekannten Soldaten, und einige Ruhestätten von Rumänen und Griechen (mit griechischer Inschrift!), sowie der eine oder andere russische Diplomat oder bekannte Künstler, keine der Grabstätten scheint aber vor der Oktoberrevolution 1917 angelegt worden zu sein – zumindest, soweit die Inschriften noch lesbar sind.
Alles in allem ein stiller und idyllischer Ort - allen Sargschleichen und (Schauer)romantikern zu empfehlen. Uns hat es aber trotzdem nicht sehr lange dort gehalten – es war Dezember und es war kalt.

Marion Walch, Martin Faulhammer, Diana Zagorac


Das "rote" Berlin | top

vgl. Karl Schlögel: Berlin Ostbahnhof Europas: Russen und Deutsche in ihrem Jahrhundert. Berlin 1998 (insbes. das Kapitel "Global Village Komintern"); in einer Zusammenfassung von Bernadette Woertz.

Die KPD - Kommunistische Partei Deutschlands

26.000 Mitglieder in Deutschland - war eine der stärksten Fraktionen im Parlament | anfangs eigenständige Entwicklung, dann aber Orientierung an Russland aufgrund des mangelnden Erfolges eigener Aktionen

Forderungen:
Abbruch der Unterstützung der Menschewiki in Russland | Kampf gegen russische Emigranten ("Verräter") | Massendemonstrationen für eine Änderung der deutschen Aussenpolitik 1920-1927: Motto: "Hände weg von Sowjetrussland!" | Berlin als Zentrum der "Weltrevolution" | Sabotageaktionen gegen die polnische Armee im poln.- sowj. Krieg. | Übernahme von russ. Vokabular und Jargon: Trotzkisten, Sinowewisten....

Das "rote" Leben in Berlin

Die kommunistische Ideologie bestimmte den Alltag und die Lebenswelt der Anhänger (Reges Vereinsleben, zahlreiche verschiedene Freizeitorganisationen) | eigene Schulen, Elitenförderung, Volkshochschulen, "Marxistische Arbeiterschulung" mit eigenen, teils hochberühmten Vortragenden: Bert Brecht, Albert Einstein, Karl August Wittfogel... | eigene Festtagsriten für Hochzeiten, Begräbnisse... | eigene Presse und Verlagswesen, eigene Revues und Varietes ? wichtige kulturelle Bedeutung für die damalige Zeit! | Konzentration von Anhängern in bestimmten Stadtteilen: Proletarischer Kiez, "Roter" Wedding, "Klein- Moskau"

Mode und Gesellschaft
Übernahme von Sowjetsymbolen, Kleidung, Sprechweisen | Revolution als Mode- und Jugendkult | Personenkult | Orientierung an Machtinszenierungen nach sowjetischem Vorbild - Aufmärsche im Lustgarten; Massenkundgebungen (bis zu einer halben Million Zuschauer) | Sprache: militärisch-knapp, unsentimental, befehlend, einfach - gegen intellektuelle Zuspitzungen

Öffentlichkeitsarbeit
Organisationstätigkeit wie Massenkundgebungen, Streiks oder Aufmärsche standen im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung | Bildberichterstattung 1918-1933: Sowjetrussland als "Neue Welt" | Zweitgrößte Zeitung in Deutschland: AIZ, Auflage: 500.000 Stück | Bildungs- und Informationssendungen in Hörfunk und Kinos

Beziehungen zu Moskau

Revolutions- und Polittourismus löst Kulturtourismus ab | Arbeiterdelegationen zum Austausch von Wissen | Sportveranstaltungen | Veranstaltung von Lotterien, Tombolas und Spendenaktionen zur Unterstützung der Kollektivierung in Russland | Informationsabende über das "Neue Sowjetrussland" | Abwanderung deutscher Arbeiter nach Sowjetrussland nach der Weltwirtschaftskrise | Verbannung von unliebsamen deutschen Funktionären nach Moskau, bzw. Verbannung von unliebsamen russischen Funktionären nach Berlin

KOMINTERN (Kommunistische Internationale)

Gründung im März 1919 als Zusammenschluss von 21 kommunistischen nationalen Parteien | eine der mächtigsten Organisationen in der 1. Hälfte des 20. Jhdts. | weitverzweigtes und kompliziertes System an Sektionen, Abteilungen, Untersektionen, Unterabteilungen....

KOMINTERN Berlin

1919 Gründung des Westeuropäischen Sekretariats des KOMINTERN in Berlin | wichtiger "Knotenpunkt" für Flüchtlinge, wo sie mit Ausweisen und Papieren versorgt wurden | verlegerische Aktivitäten: Verbreitung wichtiger Dokumente, bzw. Mitteilungen der russischen kommunistischen Partei

Wichtige Zeitschriften:
Unter dem Banner des Marxismus | Russische Korrespondenz | Internationale Pressekorrespondenz (INPREKORR)

INPREKORR:
Berichterstattung aus 40 Ländern | breites Themengebiet | weitverzweigtes Korrespondentennetz | Übersetzung in die 4 Hauptsprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch


1933 wurde das Büro KOMINTERN Berlin nach Kopenhagen verlegt. Weder Berlin noch Moskau waren ein sicherer Zufluchtsort, viele deutsche Kommunisten fielen entweder dem Naziterror oder den stalinistischen Säuberungen zum Opfer.


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