spurensuche: das berlin der nachkriegszeit

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Karl-Marx-Allee

"Die Stalinallee ist der Grundstein des Aufbaues zum Sozialismus in der Hauptstadt Deutschlands, Berlin." (Walter Ulbricht, SED-Generalsekretär)

"Die letzte große Straße Europas" (Aldo Rossi)

"Was außer der Stalinallee bleibt es an städtebaulichen Errungenschaften für das zwanzigste Jahrhundert zu benennen?" (Philip Johnson in einem Brief an Hermann Henselmann)

"Die sozialistische Antwort auf Westberlins Aufschwung ist der monumentale Kitsch der Stalinallee, deren Dimensionen ebenso überwältigend sind wie ihre Geschmackslosigkeit. (Gabriel Garcia Márquez)

Baubeginn 1952 im Berliner Bezirk Friedrichshain (Ostberlin) | nach sowjetischem (Moskauer) Vorbild "für die sozialistische Ewigkeit" angelegt: Die Stalinallee sollte den Sozialismus als neue Gesellschaftsidee repräsentieren, stand für die symbolische Bedeutung als Ausdruck des Aufbauwillens, lenkte den Blick in eine friedliche und vor allem sozialistische Zukunft, in der "diejenigen Menschen, die am meisten am sozialistischen Aufbau beteiligt sind, die größten Leistungen vollbringen, auch diejenigen sind, die am besten wohnen und ein angenehmes Dasein führen." (SED-Vorsitzender Bruno Baum 1952)

Historischer Kontext

bereits zu Beginn des 13. Jh. wichtiger Handelsweg | seit dem Mittelalter Hochgericht im Bereich des heutigen Strausberger Platzes | 1701 Umwandlung in eine Lindenallee (Markgraf Albrecht Friedrich von Schwedt) - Große Frankfurter Straße | unter Friedrich d. Großen Bedeutung als Heerstraße | nach Verlegung des Hochgerichts erstes Frankfurter Tor als Teil der Stadtbefestigung (verschob sich in Folge der Stadtentwicklung nach Osten)

1872 nach Umgestaltungen im Bereich der Großen Frankfurter Straße Umbenennung in Frankfurter Allee | Bau von Sommerhäusern, bis zum Ersten Weltkrieg dichte Stadtstrukturen, Mietskasernen | 1918/19 folgenreiche Straßenschlachten | Januar 1930: Auseinandersetzungen zwischen Rotfrontkämpfern und Nationalsozialisten; Bau der U-Bahnlinie E: "Mit der U-Bahnlinie E zu den Läden der Allee."

3. Februar 1945: stärkster Luftangriff ("anglo-amerikanischer Bombenterror"), Straßenkämpfe | Zerstörung zwischen 45-68 % aller Gebäude

Stadtplanung

ab 1945 Planungen zum Wiederaufbau (Leitung Hans Scharoun; Arbeitsstab Walter Moest) | 1948 Ablöse Scharouns durch Karl Bonatz; politische und administrative Teilung in Ost und West - die Stadtplanung wird zum Gegenstand zweier konkurrierender Systeme | 30. November 1948: Oberbürgermeister Fritz Ebert bildet neuen Magistrat im sowjetischen Sektor Berlins, unterstützt Plan des Kollektivs

21. Dezember 1949 (70. Geburtstag Stalins): Umbenennung im Rahmen eines von der SED organisierten Massenaufmarsches in Stalinallee "als Ausdruck der tiefen Verehrung unseres Großen Denkers und der unverbrüchlichen treuen Freundschaft zu Stalin und den Völkern der Sowjetunion" (Berliner Zeitung) | Grundsteinlegung für die "Wohnzelle Friedrichshain" | Synthese aus Gartenstadt, Industriesiedlung, Landstadt, 1900 Wohnungen für ca. 5000 Einwohner | 12. April 1950: eine Regierungsdelegation unter dem Minister für Aufbau, Lothar Bolz, ist in Moskau: Ziel ist das Studium der Theorie und Praxis des Städtebaus in der UdSSR

III. Parteitag der SED (20.-27.07.1950): Fünfjahresplan zum Wiederaufbau: "Der Aufbau Berlins als der Hauptstadt Deutschlands ist die Aufgabe der DDR und der ganzen Bevölkerung Deutschlands." (Gesetz über den Aufbau der Städte in der DDR und der Hauptstadt Berlin, §1) | Finanzierung: 1,89 Milliarden Mark

31. Jänner 1951: Henselmanns Wohnbauprojekt Stalinallee von SED abgelehnt, Ausschreibung eines öffentlichen Wettbewerbs | bis 31. Juli 43 Entwürfe eingereicht | 25. Juli 1951: SED-Landesleitung Berlin - Aussprache über Planung der Stalinallee, großer politischer Druck auf Architekten: "Es wurde immer offensichtlicher, dass wir uns politisch bekennen mussten, denn wie sich täglich zeigte, wurden selbst Fachfragen zu Haltungsfragen." (Kurt Liebknecht) | 1. September 1951: Beginn des Baus am Hochhaus an der Weberwiese (Hermann Henselmann) | 5. September 1951: Vergabe von 5 Preisen an die Kollektive der Architekten Egon Hartmann, Richard Paulick, Hanns Hopp, Karl Souradny und Kurt Leucht | 5 Preisträger entwickelten gemeinsamen Gesamtplan, Hinweise durch Alexander W. Wlassow (Moskau) und Sergej I. Tschernyschew (Vizepräsident der Akademie f. Architektur)

2. Jänner 1952: Nationales Aufbauprogramm ("Mit Schwerpunkt Stalinallee wird ein Stadtteil von Wohnhäusern und Hochhäusern gebaut, der für die Architektur und Stadtplanung der neu entstehenden Hauptstadt vorbildlich ist.") | 45 000 Helfern an den Enttrümmerungsschwerpunkten | 1952 Bau von zwölf 100 bis 300 Meter langen und sieben- bis neungeschossigen Wohnblocks mit 2236 Wohnungen geplant (bis 1953 2129 realisiert)

16./17. Juni 1953: Volksaufstand, ausgelöst von Normerhöhungen (Erhöhung der Arbeitsleistung) | Demonstrationszug von Bauarbeitern, Aufstand wird durch sowjetische Panzer und Soldaten niedergeschlagen | "Nach dem Aufstand des 17. Juni / Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands / in der Stalinallee Flugblätter verteilen / Auf denen zu lesen war, dass das Volk / Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe. / Und es nur durch verdoppelte Arbeit / Zurückerobern könne. Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?" (Brecht, "Die Lösung")

1956-58: Abschluss der Arbeiten an der "ersten sozialistischen Straße auf deutschem Boden" | Kritik: "Übernahme des sozialistischen Realismus im sowjetischen Städtebau", Protzbauten, "leblose Gigantomanie" | Auftraggeber fühlten sich jedoch den "nationalen, klassizistischen und fortschrittlichen Bautraditionen verpflichtet"


Die Karl-Marx-Allee heute

unter Denkmalschutz | erhalten gebliebene Läden: Karl-Marx-Buchhandlung (Karl-Marx-Allee 78), Café Sibylle (Karl-Marx-Allee 72), Wein&Sekt-Handlung Blutz | ab 1995: Generalsanierung des gesamten Gebiets | "größtes Seniorenheim Deutschlands"


Die Berliner Mauer | top

bis August 1961
Die Grenze zwischen Ost- und Westberlin ist geöffnet. Es ist unproblematisch, von einem Teil der Stadt in den anderen Teil zu gelangen und täglich überqueren eine halbe Million Menschen die Sektorengrenze. Viele Ostberliner gehen in Westberlin ins Kino, arbeiten im Westteil der Stadt oder kaufen dort ein. Im August 1961 treffen sich die Führer der kommunistischen Parteien in Moskau und beschließen, die Grenzen zu schließen.

12./13. August 1961
Am Nachmittag des 12. August unterschreibt Walter Ulbricht, Staatsoberhaupt der DDR, den Befehle, die Grenze zu schließen. Um Mitternacht beginnen Armee, Polizei und Kampfgruppen, die Stadt zu "sichern". Man beginnt mit dem Bau der Mauer, Straßen, die Eisenbahn, S-Bahn-Linien werden unterbrochen, U-Bahnhöfe geschlossen.

9. November 1989
Auf einer Pressekonferenz gibt Günther Schabowski bekannt, dass Reisebeschränkungen für DDR-Bürger aufgehoben werden. In dieser Nacht strömen Ostberliner zur Mauer und gelangen in den Westteil der Stadt. Hunderttausende aus Ost- und Westberlin feiern in der ganzen Stadt.

Heute sind Reste der Mauer noch in der Niederkirchnerstraße sowie in der Mühlenstraße in der Nähe des Ostbahnhofs zu sehen. In der Bernauer Straße wurde ein Stück der vollständigen Grenzbefestigung als Gedenkstätte erhalten.


Chronologie der Teilung Berlins | top

08.05.1945 Ende des 2. Weltkrieges, Berlin wird in vier Sektoren geteilt: einen amerikanischen, britischen und französischen Sektor im Westteil und einen sowjetischen Sektor im Ostteil der Stadt.

30.06.1946 Auf Veranlassung der Sowjetischen Militäradministration wir die Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland gesichert.

29.10.1946 Die Reise zwischen den Zonen ist nur noch mit einem 30 Tage gültigen Interzonenpass möglich.

23.06.1948 Währungsreform in Berlin: Berlin wird in zwei verschiedene Währungszonen gespalten.

24.06.1948 Beginn der Blockade Berlins

25.06.1948 Die Berliner Luftbrücke wird eingerichtet.

12.05.1949 Aufhebung der Blockade Berlins

24.05.1949 Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD)

30.09.1949 Beendigung der Berliner Luftbrücke

07.10.1949 Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR)

26.05.1952 Schließung der Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland und zwischen der DDR und Westberlin. Nur noch die Sektorengrenzen in Berlin sind frei passierbar.

17.06.1953 Volksaufstand in der DDR gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen, blutig mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen

14.11.1953 Die westlichen Alliierten verzichten auf den Interzonenpass, die Sowjetunion folgt, aber DDR-Bürger benötigen trotzdem eine Genehmigung für Fahrten nach Westdeutschland.

11.12.1957 Das Verlassen der DDR ohne Erlaubnis wird verboten und mit bis zu drei Jahren Zuchthaus bestraft.

13.08.1961 Die Sektorengrenze um Westberlin wird geschlossen: Beginn des Mauerbaus

14.08.1961 Das Brandenburger Tor wird geschlossen.

26.08.1961 Alle Grenzübergänge werden für die Bewohner Westberlins geschlossen.

26.06.1963 Präsident J. F. Kennedy besucht Westberlin.

17.12.1963 Nach mehr als zwei Jahren dürfen Westberliner Einwohner das erste Mal wieder Ostberlin besuchen.

03.09.1971 Unterzeichnung des Vier-Mächte-Abkommens über Berlin Reiseerleichterungen für Westberliner und Westdeutsche.

12.06.1987 Präsident Ronald Reagan fordert vor dem Brandenburger Tor: "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"

10.09.1989 Die ungarische Regierung öffnet die Grenze nach Österreich für DDR-Flüchtlinge.

09.11.1989 Die Berliner Mauer wird geöffnet.

22.12.1989 Das Brandenburger Tor wird wieder geöffnet.

03.10.1990 Tag der deutschen Wiedervereinigung


Gedächtnisorte | top

Stadtspaziergang durch Berlin-Mitte mit Irina Liebmann: Märkisches Museum | Fischerinsel | Schlossplatz | Lustgarten | Hackesche Höfe

Palast der Republik | U2 Märkisches Museum | Hackesche Höfe

Berlin-Mitte: Gedenkstätten des Holocaust

Sowjetische Ehrenmäler

Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park | Sowjetisches Ehrenmal im Großen Tiergarten


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