Passiv und Passivierung, Diathese


Die Konstruktion Verb mit einem COD kann umgekehrt werden und man erhält eine Passivkonstruktion: das Verb steht im Participe passé zusammen mit être; das Objekt des aktiven Satzes nimmt im passiven Satz die Stelle eines Subjekts ein; das Subjekt des aktiven Satzes wird zu einem complément d'agent (dt. Urheber, Agens, präpositionale Ergänzung des Passivsatzes, Agensphrase), eingeleitet durch eine Präposition, in der Regel de oder par.

Les journaux ont critiqué la réponse qu'il a donnée. -> La réponse qu'il a donnée a été critiquée par les journaux.

Die Passivierung wird oft auch als Test zur Identifizierung des COD angesehen, da nur direkt transitive Verben ein Passiv kennen und das COD in diesen Konstruktionen die Stelle eines Subjekts einnimmt. Das Problem dabei ist allerdings, dass es Verben gibt, die zwar unzweifelhaft transitiv direkt sind, dennoch aber kein Passiv zulassen oder ein Passiv nur in manchen ihrer Bedeutungen kennen.

Beispiele:

Cette pièce comporte trois actes.
Ma soeur aime les films policiers.
Cela ne nous regarde pas.
Vos propos méritent notre attention.
Pierre a repeint sa propre chambre.
Jean croit que tout le monde l'admire.

Manche Verben haben ein direkt konstruiertes Objekt, dessen Analyse Probleme bereiten kann und dem normalerweise kein Status als COD zuerkannt wird. coûter (20 francs), valoir (une fortune), mesurer (deux mètres), peser (une tonne), faire (wenn es Äquivalent mit den vorgenannten Verben ist), prendre (du temps), und goûter (la framboise), sentir (le brûlé), respirer (la santé)
Hier hat das Objekt eine Maßangabe oder eine sinnlich wahrnehmbare Eigenschaft des Subjekts zum Inhalt.
Diese Verben mit quantitativen Angaben lassen sich einerseits nicht passivieren (Cette voiture lui a coûté un million / *Un million lui a été coûté par cette voiture); andererseits zeigen sie auch ein spezifisches Verhalten bei der Pronominalisierung:
Combien coûte-t-il?/pèse-t-il?/fait-il? Ce modèle coûte 20 francs. Celui-ci (en) coûte autant. Ses 100 kilos, il les pèse bien. Le mètre quatre vingt qu'il mesure en fait le plus grand de la classe.
Sie verfügen fast alle über eine Parallelkonstruktion, in der das direkte Objekt passivierbar ist, sich normal pronominalisieren läßt und das Objekt angibt, das vom Subjekt ver-/gemessen wird: Il a pesé 20 kilos de sucre / mesuré 2 mètres de tissu / goûté tous les vins.
Man kann daraus folgern, dass die beiden Konstruktionen eine direkte Ergänzung enthalten; die Einschränkungen, die mit der ersten Konstruktion verbunden sind, zeigen aber, dass diese Ergänzungen nicht als von der Verbalhandlung betroffene Objekte anzusehen sind.

Wenn das neue Subjekt als Agens (aktives oder passives) an der Handlung teilnehmen kann, werden im Französischen gerne anstelle des Auxiliars être mit Partizip die Auxiliare se faire, se laisser, se voir, s'entendre mit Infinitiv verwendet. Dabei betont se faire die freiwillige / willentliche Teilnahme des Subjekts an der Handlung; se laisser hingegen drückt eher Resignation aus. Die anderen sind diesbezüglich neutral.

Il ne se laisse pas fasciner par les beaux yeux de cette fille.
L'infirmière s'était fait épouser par le médecin.

 

Die Diathese
(la voix du verbe, genus verbi)

Man unterscheidet vier Diathesen im Bereich der transitiven Verben. "Transitiv" bedeutet, daß die Handlung von einem Aktanten auf einen anderen übergeht (lat. transitus = Übergang). Je nach der Richtung dieses "Übergangs" sind nun vier verschiedene Diathesen zu unterscheiden:

Aktiv: Alfred frappe Bernard
Passiv: Bernard est frappé par Alfred
Reflexiv: (diathèse réfléchie): Alfred se tue
Ein und dieselbe Person oder Sache bildet also den ersten und den zweiten Aktanten.
Reziprok: Alfred et Bernard s'entretuent
Jede der beiden Personen führt also gleichzeitig eine Handlung aus und erleidet die Handlung, die die andere Person ausführt.
Graphisch lassen sich die vier Diathesen folgendermaßen veranschaulichen:


La diathèse active
Die Handlung geht von einem ersten auf einen zweiten Aktanten/Handlungsteilnehmer über. Das Vorhandensein eines COD genügt also schon, um ein aktives Verb zu verraten.

La diathèse passive
Im Passiv führt der zweite Mitspieler an der Verbalhandlung (COD des aktiven Satzes) die Handlung aus und der erste (Subjekt des aktiven Satzes) erleidet sie. Die Richtungsumkehr muß sprachlich durch irgendein Mittel angezeigt werden. Dies kann auf synthetischem Wege wie im Lateinischen und Griechischen oder auf analytischem / periphrastischem Wege wie im Französischen, Deutschen, Englischen etc. geschehen.


Das Passiv ist im Französischen eine Konstruktion, die eher vermieden wird und so gut wie nie spontan vorkommt, während es bspw. im Lateinischen im grammatischen System zutiefst verankert ist. Der Lateiner hat die Möglichkeit, denjenigen der beiden Aktanten, der ihm als der wichtigere im Gesprächszusammenhang erscheint, in den Nominativ zu setzen und das Verb in die entsprechende Diathese. Im Französischen hingegen wird der native speaker spontan den Satz immer aktiv konstruieren.

Filius a patre amatur (der Sohn ist im Zusammenhang wichtiger)
Pater amat filium (Vater im Mittelpunkt des Interesses)

Das Französische würde auf jeden Fall das aktive Un/le père aime son/le/un fils dem passiven Le/un fils est aimé par son père vorziehen.

Wie wenig verwurzelt das Passiv im Französischen ist, zeigt auch die Tatsache, dass das Passiv eines Handlungsverbs genausogut als Zustandsverb aufgefaßt werden kann: la viande est mangée (Das Fleisch ist gegessen, das Fleisch wird gegessen) (Zustands- und Handlungspassiv lassen sich im Französischen nicht unterscheiden!)

Jegliche Klarheit verlieren Sätze wie

J'ai vu manger des porcs,

die genausogut ein passives wie ein aktives Verb enthalten können:

manger (aktiv): manger des porcs ist eine Infinitivkonstruktion und COD zu voir. (Ich habe Schweine fressen gesehen)

manger (passiv): des porcs ist COD zu manger (Ich habe gesehen, wie/dass Schweine gegessen/gefressen wurden).

Besonders das Partizip Präsens läßt sich nicht eindeutig auf eine der beiden Diathesen festlegen, obwohl es üblicherweise als aktiv definiert wird.

Une couleur voyante / séance tenante: rein passivische Bedeutung.
Une rue passante: une rue où l'on passe beaucoup. (Circ.)

La diathèse réfléchie

Das Reflexivpronomen verweist immer anaphorisch auf den ersten Aktanten. Es kann aber selbst nie Subjekt sein, nur COD oder COI / COS.

Alfred se regarde
Les jours se
(COD) suivent mais ne se (COI) ressemblent pas.

Die dritte Person ist die einzige, die über ein eigenes Pronomen (se) für die Bezeichnung der Reflexivität verfügt, während die erste und die zweite Person dasselbe Pronomen für Aktiv und Reflexiv verwenden:

Je me lave - tu te laves - ll se lave / il le lave


La diathèse réciproq
ue


Reflexive und reziproke Diathese haben gemeinsam, dass beide sowohl eine aktive als auch eine passive Handlung ausdrücken. Im Reflexiv ist aber keine Gleichzeitigkeit der beiden Handlungen vorhanden. Logischerweise muß, wenn man sich selber schlägt, zuerst der Schlag ausgeführt werden, bevor man ihn empfangen kann. In der reziproken Diathese sind die beiden Handlungen aber simultan. Daher steht sie immer im Plural, da ja zwei Leute gleichzeitig zwei unabhängige Handlungen ausführen. Das Reflexiv ist in beiden Numeri möglich. Steht es im Plural, kann der Sinn des Satzes zweideutig werden.

Alfred et Bernard se regardent

Kann heißen, dass jeder der beiden sich selbst betrachtet oder dass jeder den anderen betrachtet. Die Zweideutigkeit kann beseitigt werden durch je nach Sprache verschiedene Mittel:
Franz: l'un l'autre
Latein: inter se (inter se amant)
Deutsch: einander