aus: wissenswert, Dezember 2012

Mehr als die Summe der Teile

Die Wiederzusammenführung der beiden Innsbrucker Universitäten wurde in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder öffentlich diskutiert. Die Chancen und vor allem der Mehrwert, die dieses Gemeinschaftsprojekt bieten würden, sind es wert, darüber ernsthaft nachzudenken.

Viele strategische Überlegungen, die zur Ausgliederung der Medizinischen Fakultät führten, haben sich als nicht einlösbar erwiesen. In ihrer bald 350 Jahre alten Geschichte war die Leopold-Franzens-Universität Innsbruck die meiste Zeit eine Volluniversität, die den wesentlichen Fächerkanon unter einem Dach vereinte. Die Ausgliederung der Medizinischen Fakultät vor acht Jahren wurde gerade in Innsbruck unter großen Protesten der meisten Uni-Angehörigen auf beiden Seiten des Innrains vollzogen. Viele der damaligen strategischen Überlegungen, die als Argumente für eine Trennung herhalten mussten, erwiesen sich aus heutiger Sicht als nicht einlösbar oder zumindest nicht wirklich zutreffend – und das wird auch von damaligen Befürwortern heute so gesehen.

Offensiv in die Zukunft

Im Zuge des neuen Hochschulplans des Wissenschaftsministeriums, der unter anderem darauf abzielt, die Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Universitäten zu unterstützen und voranzutreiben und aufgrund der Entwicklungen an anderen internationalen Hochschulstandorten, die Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit durch Zusammenschlüsse zu erhöhen, hat der Diskussion über eine engere Zusammenarbeit bis hin zur Fusion der beiden Innsbrucker Universitäten eine neue Dynamik verliehen. Dabei geht es nicht darum, die Uhr einfach zurückzudrehen, sondern darum, auf den Erfahrungen der letzten Jahre aufbauend ein modernes Zukunftsprojekt für den Hochschulstandort Innsbruck – Stichwort Campus Tirol – zu entwickeln. Der Hochschulplan eröffnet dazu völlig neue Optionen. Ein Teil dieser bisherigen Erfahrungen sind auch die laufenden Kooperationsprojekte am Standort – seien sie mit der Medizinischen Universität, seien sie mit den anderen Hochschuleinrichtungen. wissen4_041212Gemeinsam arbeiten heute zahlreiche Forschergruppen beider Universitäten in mehreren FWF-Spezialforschungsbereichen, im Kompetenzzentum Oncotyrol und in vielen anderen Bereichen der Life Sciences und der Medizinforschung zusammen. Seit Mitte des Jahres lehren und forschen sie auch konkret im gemeinsam geplanten, errichteten und betriebenen Centrum für Chemie und Biowissenschaften (CCB) am Innrain. Darüber hinaus werden gemeinsam Lehrveranstaltungen angeboten. Ebenfalls kooperieren beide Universitäten im Bereich der Bibliothek und beim Universitätssportinstitut, beides Einrichtungen an der Leopold-Franzens-Universität, die auch die Angehörigen der Medizinischen Universität unterstützen und betreuen. Es gibt also bereits gute Erfahrungen bei solchen gemeinsamen Projekten. Das zeigt aber auch die Grenzen dieser Zusammenarbeitsmöglichkeiten auf. Diese sind nämlich mit den genannten Projekten mehr oder weniger erschöpft. Blickt man nun ein wenig in die Zukunft, dann zeigt sich, dass die Aufgaben und Herausforderungen an die Hochschulen weiter steigen werden, ohne dass ein entsprechender Zuwachs bei den Ressourcen zu erwarten ist. Daher müssen sich die Universitäten für einen erfolgreichen Weg Möglichkeiten für die Weiterentwicklung schaffen. Um dies alles erfolgreich zu meistern, braucht es letztlich eine gemeinsame Strategie, gemeinsame Leitungsstrukturen und daraus folgend gemeinsame Entscheidungen. Es braucht aber zusätzlich auch eine entsprechende Größe und personelle Ressourcen, um neue Wege gehen zu können. Gerade in Innsbruck wären die Voraussetzungen dafür optimal gegeben. Dazu braucht es entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen, klare Spielregeln für die Zusammenarbeit zwischen der Universität und dem Krankenhausträger und die Kreativität und den Willen aller Partner, wobei es diesmal keine von außen aufgezwungene Trennmaßnahme, sondern eine von allen gewollte Fusion wäre.

Forschungsstärkste Uni

Eine gemeinsame Innsbrucker Universität würde die internationale Sichtbarkeit beträchtlich steigern. So zeigen Berechnungen, dass eine gemeinsame Innsbrucker Universität in internationalen Rankings wesentlich besser abschneiden würde und mit der um einiges größeren Universität Wien in vielen Bereichen gleichziehen könnte. Auch böte eine Fusion neuen Spielraum, um die Effizienz von Geschäftsprozessen zu steigern und damit Forschung und Lehre weiter zu stärken. Das ist auch eine Strategie anderer internationaler Hochschulstandorte. Der ehemalige EU-Kommissar und Europakenner, nunmehrige Präsident des Europäischen Forum Alpbach, Dr. Franz Fischler, bekräftigte dies jüngst in einem Interview: „International ist die Tendenz vorhanden, dass sich kleinere Universitäten mit größeren zusammentun, um Großgeräte gemeinsam zu nützen oder Doppelgleisigkeiten zu beseitigen und Spezialisierungen auszubauen. Von daher wäre es wert, in Tirol über diese Frage nachzudenken.“ Genau diesen Nachdenkprozess haben beide Universitäten in ihren Leistungsvereinbarungen mit dem Wissenschaftsministerium vereinbart. Jetzt geht es nach einer ersten Übersichtsrunde im Sommer, wo verschiedene Arbeitsgruppen bestehend aus Mitgliedern beider Universitäten eine Bestandsaufnahme vorgenommen haben, darum, ins Detail zu gehen, Möglichkeiten auszuloten und letztlich eine Entscheidungsgrundlage für die Leitungsgremien beider Universitäten zu erarbeiten. Der Hochschulstandort Tirol und damit auch die beiden Innsbrucker Unis könnten von einem gemeinsamen Weg profitieren, denn das Ganze ist bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile.

„Wir könnten forschungsstärkste Uni Österreichs werden.“

Welche wesentlichen Vorteile brächte eine Fusion der beiden Universitäten?
Tilmann Märk: Innsbruck wäre die einzige wirkliche Volluni in Österreich und wir könnten aufgrund unserer hohen Forschungsleistung sogar zur forschungsstärksten Uni in Österreich werden. Das würde unsere internationale Sichtbarkeit und damit unsere Wettbewerbsfähigkeit und damit Qualität in Forschung und Lehre deutlich erhöhen. Medizin ist heute in vielen Bereichen stark von den Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie, Psychologie) geprägt und getragen, ein Zusammenrücken der Fächer würde neue Synergien freisetzen.

Wo könnte es zu Effizienzsteigerungen kommen?
Tilmann Märk: Wir könnten vor allem unsere zentralen Verwaltungsstrukturen zusammenlegen und damit effizienter und leistungsstärker gestalten. Gemeinsam hätten wir dann auch mehr Möglichkeiten, neue Aufgaben zu lösen und unseren WissenschaftlerInnen und Studierenden weitere zusätzliche Dienstleistungen anzubieten.

Wie lassen sich die besonderen Notwendigkeiten der medizinischen Versorgung in einer gemeinsamen Universität berücksichtigen?
Tilmann Märk: Indem man eine für die Medizinagenden autonom verantwortliche VizerektorIn für Medizin ins Team aufnimmt. Auch in alle anderen Gremien werden dann ja entsprechende Vertreterinnen und Vertreter der medizinischen Fächer einziehen, u.a. würde es einen Studiendekan für die Medizin geben müssen. Damit sollte, so wie früher auch, den Fragen und Problemen des medizinischen Bereichs genügend Gehör verschafft werden.

Welche Konsequenzen hätte eine Fusion für die MitarbeiterInnen der beiden Hochschulen?
Tilmann Märk: Zunächst einmal, dass sie wieder in einem größeren Umfeld arbeiten werden, das – gerade im Verwaltungsbereich – auch neue Chancen zur Weiterentwicklung bieten wird. Insgesamt käme es langfristig zu einer Stärkung des Universitätsstandortes, was für alle MitarbeiterInnen Vorteile bringt.

Das Interview führte Uwe Steger