Psychiatrie HALL: Dem Gedenken einen Ort, der Auseinandersetzung einen Raum, dem Lernen einen Platz...

Die Geschichte der Psychiatrie im historischen Raum Tirol wurde bisher nicht ausreichend wahrgenommen, geschweige denn wissenschaftlich umfassend erarbeitet. Das interdisziplinäre Interreg IV Projekt „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol – Südtirol von 1830 bis zur Gegenwart“ hat in dreijähriger Arbeit daran etwas geändert und fünf Ziele realisiert.

Drei Jahre lang erarbeiteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Innsbruck die Geschichte der regionalen Psychiatrie in Tirol und Südtirol – von 1830 bis zur Gegenwart. Im Rahmen eines Interreg IV - Projektes (Italien-Österreich) und in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Landesarchiv/Geschichte&Region haben sie die Geschichte der psychiatrischen Anstalten Hall und Pergine sowie der Psychiatrischen Klinik Innsbruck rekonstruiert und mit der wechselvollen politischen Geschichte der Region und seiner dunkelsten Zeit im Nationalsozialismus verarbeitet. Dies u. a. mit dem Ziel, einen wesentlichen Teil der Vorgeschichte unserer Gegenwart, jenen zurückzugeben, denen sie gehört: den Menschen der Region. Sie sollen von den wissenschaftlichen Ergebnissen in erster Linie profitieren, sie sollen die Möglichkeit erhalten, sich über dieses wichtige Stück Geschichte aufzuklären und nicht zuletzt: sie sollen einen Ort erhalten, ihrer zu gedenken. Der Ausgangspunkt für das groß angelegte Projekt war der Mangel an Wissen und das fehlende Bewusstsein hinsichtlich der Geschichte der Psychiatrie von Tirol, Südtirol und dem Trentino. Dem wollten die InitiatorInnen und LeiterInnen des Projekts Elisabeth Dietrich-Daum, Hermann Kuprian, Maria Heidegger, Michaela Ralser und Siglinde Clementi mit ihrem MitarbeiterInnenteam entgegenwirken. „Das Bedürfnis der Bevölkerung mehr über die Geschichte der Psychiatrie zu erfahren, ist beträchtlich. Das haben wir im Laufe der dreijährigen Projektarbeit beobachtet “, so Prof. Elisabeth Dietrich-Daum vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie.

Ein Lern- und Gedenkort

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von MedizinerInnen, Pflegekräften, HistorikerInnen und PädagogInnen hat die Realisierung von fünf Projektzielen ermöglicht. Die nachhaltigste Wirkung des gesamten Projekts könnte durch die Einrichtung eines Lern- und Gedenkortes im Historischen Archiv des Landeskrankenhauses in Hall erzielt werden. „Das Landeskrankenhaus Hall ist eine der letzten landespsychiatrischen Einrichtungen in Österreich, in der eine Gedenktafel, ein Mahn- und Denkmal für die Opfer der NS-Zeit fehlt. Wir denken, das sich das mit der Einrichtung eines Lern- und Gedenkortes ändern sollte“, erläuterte Prof. Michaela Ralser vom Institut für Erziehungswissenschaft. Eine nachhaltige Wirkung nicht nur deswegen, weil ein solcher Ort die Zugänglichkeit der historischen Materialien erhöhen und damit die wissenschaftliche Auseinandersetzung intensivieren würde, sondern es würde auch eine Lernplattform für alle Interessierten entstehen können und ein Ort des Erinnerns an die NS-Euthanasie - auch für die Angehörigen der Opfer. „Um für die Zukunft gerüstet zu sein, muss man sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Dieses Projekt ist für uns ein Meilenstein um die Vergangenheit der psychiatrischen Geschichte in Tirol aufzuarbeiten“, äußerte sich DDr. Wolfgang Markl, Kaufmännischer Direktor LKH Hall, positiv zum Lern- und Gedenkort. Geplant ist die Umsetzung des Lern- und Gedenkortes laut Markl in vier bis fünf Jahren im Haus 1 des Psychiatrischen Krankenhauses des Landes Tirol. 

Ein Projekt – viele Ergebnisse

Ein wesentliches Projektergebnis stellt auch die Ausstellung „Ich lasse mich nicht länger für einen Narren halten“, die noch bis zum 29. Februar 2011 im Zentrum für Alte Kulturen der Universität Innsbruck zu sehen ist, dar. Die zweisprachige Wanderausstellung, die von Lisa Noggler-Gürtler und Celia Di Pauli kuratiert wurde, rückt in ihrer Darstellung die PatientInnen in den Mittelpunkt. Ausgehend von den Krankenakten und Fallgeschichten berichtet die Ausstellung von medizinischer Behandlung ebenso wie vom Alltagsleben in der Psychiatrie. Das Ausstellungsinterieur wird ebenfalls Teil des Lern- und Gedenkortes in Hall werden. Der Lehr- und Lernfilm „Die (un)sichtbare Arbeit. Zur Geschichte der psychiatrischen Pflege im historischen Tirol von 1830 bis zur Gegenwart“ / “Lavoro [in]visibile. La storia dell’assistenza psichiatrica nel Tirolo storico dal 1830 a oggi“ ist das Ergebnis eines dritten Vermittlungsziels. Der Film behandelt die psychiatrische Pflegegeschichte und erschließt dieses bisher noch kaum beachtete Thema für Unterrichts- und Fortbildungszwecke im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege. In diesem Sinn erzählt der Film ein weiteres Stück Tiroler Psychiatriegeschichte. Eine Publikation in deutscher und italienischer Sprache mit dem Titel „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830“ bzw. „Ambienti psichiatrici. La psichiatria e i suoi pazienti nell'area del Tirolo dal 1830 a oggi” ist das vierte Teilprojekt. Das Buch soll möglichst viele LeserInnengruppen ansprechen und auf die Vielfältigkeit der Untersuchungsebenen und -felder moderner Psychiatriegeschichtsforschung aufmerksam machen.  Die deutsche Ausgabe, die erst seit kurzem druckfrisch vorliegt, kann beim Verlag Innsbrucker University Press gegen einen geringen Selbstkostenpreis für Abwicklung und Versand erworben werden. „Die Buchpublikation in italienischer Sprache wird in zwei Wochen erscheinen. Die Bilingualität des Projektes ist besonders relevant, da das Interesse im italienischen Raum für das gesamte Projekt sehr groß ist“, erklärte Mag. Siglinde Clementi, Direktorin Geschichte&Region. Ein letztes Projektergebnis ist eine Online-Dokumentation in Form einer deutsch- und italienischsprachigen Website. Dabei handelt es sich um ein Themenportal zur Tiroler Psychiatriegeschichte, das eine Sammlung von Materialien wie Bildern, Quellen, Tabellen dokumentiert und für die Öffentlichkeit zur Verfügung stellt. Die Website wurde im Oktober 2009 online gestellt: http://psychiatrische-landschaften.net ;  http://www.psichiatria-confini.net

 

Weitere Informationen: http://psychiatrische-Landschaften.net


Bild/Dokument Beschreibung Format
Copyright
 Pressekonferenz Mag. DDr. Wolfgang Markl, M.Sc., Kaufmännischer Direktor LKH Hall, Prof. Michaela Ralser, Institut für Erziehungswissenschaft, und Mag. Siglinde Clementi, Direktorin Geschichte und Region, sprachen über das Interreg IV-Projekt.   Universität Innsbruck 
 klein_wanderausstellung_hall_1 Die Ausstellung "Ich lasse mich nicht länger für einen Narren halten" ist eines von fünf Projektzielen.
  Universität Innsbruck
 klein_postkarte_anstalt_hall Eine Postkarte der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Hall
   
klein_transporte_1941_hartheim Die Transporte der Patientinnen und Patienten im Jahr 1941    
Logo Interreg
Psychiatrische Landschaften ist ein Interreg IV Projekt.

 

Interreg IV

 

Rückfragehinweis:

Bakk. Mag. Nina Hausmeister
Büro für Öffentlichkeitsarbeit
Universität Innsbruck
E-Mail: nina.hausmeister@uibk.ac.at
Telefon: +43 512 507 32021

Ao. Univ.-Prof. Dr. Michaela Ralser
Institut für Erziehungswissenschaft
E-Mail: michaela.ralser@uibk.ac.at
Telefon: +43 664 5508089

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