Dr. Gregor Woschnagg

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i-point: 10 Jahre EU. Sie waren von Anfang an dabei. Ihre Bilanz?

 

G. W.: Meine Bilanz ist positiv. Bei jeder Reform gibt es Vor- und Nachteile. Die Vorteile überwiegen hier die Nachteile. Die Teilnahme Österreichs bei der EU hat zu einem Modernisierungsschub Österreichs geführt und versteinerte Strukturen aufgebrochen. Das ist sicherlich schmerzlich gewesen. Man hat aber gesehen, dass die Österreicher, wenn sie gefordert sind, viel mehr leisten können, als wenn sie nicht gefordert werden.

 

i-point: Gibt es zur Bürgernähe Aufholbedarf?

 

G.W.: Ich finde, dass es da großen Aufholbedarf gibt. Wenn Sie daran denken, dass wir jetzt eine Generation an den Schulen und Universitäten ausbilden und dabei das Wort „Europa“ viel zu wenig vorkommt, dann bilden wir die Jugend so aus, dass sie im Berufsleben ein anderes Europa vorfindet und darauf nicht vorbereitet ist. Das heißt, wir müssen der Jugend viel mehr transportieren, was Europa bedeutet, was ist der Binnenmarkt und welche Chancen haben sie hier. Was bedeutet eigentlich eine Dienstleistungsrichtlinie für ihren zukünftigen Arbeitsplatz?

Wir müssen sie auch viel besser in allen führenden Fremdsprachen ausbilden, ebenso wie ihr auch Teamwork lernen. Wir bilden die Leute zu wenig im Europäischen Teamwork aus. Das ist das zukünftige Europa. Das wird ganz anders ausschauen, als das Europa, in dem wir jetzt leben.

 

i-point: Wird der Bologna-Prozess, der derzeit an den Universitäten im Gang ist, dabei helfen?

 

G.W.: Selbstverständlich, und das ist auch gut so. Die Erasmus-Stipendienaktion war die erste studentische „Revolution“, damals konnten Österreicher an ausländische Universitäten gehen und umgekehrt. Es hat ein Vergleichen der Universitätsausbildung bei uns und anderswo gegeben. Das war eine Herausforderung für die Professoren und für die Studenten. Die haben einiges Gutes gelernt und gesehen „Da sind wir besser als die anderen“.

Innsbruck hat in einigen Bereichen sicher Europaspitze erreicht, in anderen Bereichen nicht. Und das ist auch gut so, dass man weiß, wo ist man wirklich gut, und man muss in Europa die Stärken verstärken und sich nicht auf die Schwächen konzentrieren.

 

i-point: Zum Thema Mobilität von Studenten: Es gibt momentan die Diskussion, den Hochschulzugang auch für alle anderen europäischen Mitgliedsländer zu öffnen.

Die Universitäten in Österreich fürchten eine Überschwemmung speziell durch Studenten aus dem deutschsprachigen Raum. Wie sehen Sie die Entwicklung?

 

G.W.: Ein Prinzip der europäischen Integration ist der   Abbau von Diskriminierungen. Wir wollen nicht diskriminiert werden wenn ein Österreicher im Ausland studieren will, und wir wollen umgekehrt auch die Ausländer hier bei uns nicht diskriminieren.

Es geht daher um den Begriff der Diskriminierung, das heißt um eine Schlechterstellung des Ausländers im Vergleich zum Inländer nur aufgrund seiner bloßen Ausländereigenschaft.

Ich glaube das ist sicher eine Herausforderung. Es hat schon früher sehr viele Studierende aus Deutschland in Innsbruck gegeben. Wenn wir gut sind, kommen sie auch gerne her. Wir müssen aber in der Lage sein, Regeln zu finden, die sowohl die Österreicher als auch die Ausländer betreffen. Wir haben ja in einigen Bereichen Elemente, wo wir auch Inländer diskriminieren, wie z.B. im Falle eines österreichischen Absolventen des Medizinstudiums, der vorab die Spitalspraxis nachweisen muss, bevor er eine Praxis eröffnen kann. Im Gegensatz dazu ist bei einem deutschen Absolventen des Medizinstudiums dies nicht erforderlich da diese bereits Teil des Studiums war.

 

Wir müssen daher sowohl die Diskriminierung der Österreicher abschaffen, als auch die der Anderen.

Dies wird sicher noch einige Zeit brauchen. Aber wir wollen einen stärkeren Wettbewerb zwischen den Universitäten. Wir müssen in der Lage sein, solche Spitzen-Unis zu haben wie die Amerikaner, wenn wir den wirtschaftlichen Wettstreit, auch in der Forschung, gewinnen wollen.

Warum haben die Amerikaner immer mehr Nobelpreisträger als wir produziert? Das hat seinen Grund in der Ausbildung, das müssen wir erreichen.

 

i-point: Der Wettbewerb ist also eine Chance, mehr Qualität zu schaffen?

 

G.W.: Ja, eindeutig.

 

i-point: Danke für das Gespräch.

 

 

 

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