Sprache im Film - Filmsprache 6.6. bis 12.6.

Eine Filmreihe in Zusammenarbeit mit der Universität Innsbruck im Rahmen des "Europäischen Jahres der Sprachen"

Der Film arbeitet mit Sprache und er hat - als Zeichensystem betrachtet - mit der Sprache viel gemein. Dennoch entzieht sich die "Bildsprache" des Films einer durchgängigen Systematisierung: Die flüchtigen Bilder widersetzen sich präzisen und abstrakten Benennungen, operieren dafür aber mit dem Affektiven, Imaginären und Traumhaften. Dies bringt den Film in die Nähe der Poesie: Andrej Tarkovskij oder Eliseo Subiela sind in diesem Sinn auch als Lyriker zu verstehen. Auch Bernardo Bertolucci macht sich in seiner Literaturverfilmung IL CONFORMISTA die suggestive, uneindeutige Wirkung der Filmbilder zunutze und lehnt seine Erzählweise - im Unterschied zur psychologischen Präzision der Romanvorlage - an die Phänomene des Erinnerns und des Traums an. Im künstlerischen Schaffen von Marguerite Duras dagegen laufen Filmen und Schreiben zusammen, versucht sie doch den Film auf die ihren Büchern inhärente Innerlichkeit zurückzuführen. Neben den Bildwelten gehören für uns das gesprochene Wort und damit in vielen Fällen auch die Synchronisation zu den unverzichtbaren Bestandteilen eines Films. Dass diese Art der Übersetzung nur den Versuch einer Annäherung an das Original auf sprachlicher Ebene darstellt, zeigen etwa die deutschsprachigen Versionen der Filme Woody Allens; dass eine Synchronisation die innere Struktur des Films zerstören würde, verdeutlichen die Sprachwelten, die Emir Kusturica auf die Leinwand bannt. Das Genre des Westernfilms schließlich misstraut der Sprache: Sie gilt dort als irreführend und unwesentlich angesichts der dominant gesetzten Aktion.

MitarbeiterInnen der geisteswissenschaftlichen Fakultät werden in einführenden Worten nach den komplexen Zusammenhängen zwischen Sprache und Film fragen, während die Filme selbst ein Fenster zu anderen Sprachwelten im weitesten Sinne öffnen.

Organisatorin der Filmreihe: Eva Binder

Programm

Leokino, Anichstr. Beginn jeweils 20.00 Uhr

Mi. 06.06. MANHATTAN (DF) von Woody Allen

Einführung Gerhard Pisek (Institut für Anglistik):

Filmsynchronisation am Beispiel von Woody Allen

Do. 07.06. IL CONFORMISTA/DER GROSSE IRRTUM (DF)

von Bernardo Bertolucci

Einführung Gerhild Fuchs (Institut für Romanistik):

Wortsprache - Filmsprache

Fr. 08.06. UNFORGIVEN/ERBARMUNGSLOS (OF)

von Clint Eastwood

Einführung Monika Messner (Institut für Amerikastudien):

"Not talking - doing": Filmsprache am Beispiel von Unforgiven

Sa. 09.06. EL LADO OSCURO DEL CORAZÓN/DIE DUNKLE SEITE DES HERZENS (OmU) von Eliseo Subiela

Einführung Mario Soto Delgado (Institut für Romanistik bzw. SOWI Sprachenzentrum): Vom Dichten mit Sprache und Bild

So. 10.06. DOM ZA VESANJE/ZEIT DER ZIGEUNER (OmU)

von Emir Kusturica

Einführung Sigrid Darinka Völkl (Institut für Slawistik): Sprachwelten

Mo. 11.06. LES ENFANTS/DIE KINDER (OmU)

von Marguerite Duras

Einführung Gabriele Gamper (Institut für Romanistik):

Die geschriebenen Bilder der Marguerite Duras

Di. 12.06. SERKALO/DER SPIEGEL (OmU) von Andrej Tarkowskij

Einführung Eva Binder (Institut für Slawistik): Film als Poesie

Zusatzveranstaltungen:

Mi 06.06. 18.00 Uhr IL CONFORMISTA (DF)

Do 07.06. 18.00 Uhr MANHATTAN (OF)

Fr 08.06. 17.30 Uhr ERBARMUNGSLOS/UNFORGIVEN (DF)

Mi 6.6. 20.00 Uhr (DF) / Do 7.6. 18.00 Uhr (OF) LEOKINO

MANHATTAN

Aufblende. Der Blick schweift über den morgendlichen Central Park - im Hintergrund die Wolkenkratzer der Metropole New York. George Gershwins "Rhapsody in Blue" - mehr als nur Untermalung. Eine Ouvertüre zu einem der schönsten Filme von Woody Allen: MANHATTAN.

Der Film erzählt die Geschichte eines nervösen, zweimal geschiedenen Fernsehautor und seiner fast hoffnungslosen Suche nach Verständnis, Liebe und Wärme im Dschungel New Yorks. Isaac Davis ist ein New Yorker upper middle class intellectual, der über nichts lieber redet als über Kunst und Liebe und dessen größte Sorge es im Moment ist, was seine Ex-Frau Jill, die ihn wegen einer lesbischen Freundin verließ, in ihrem Buch über ihn schreiben wird.

"Mit MANHATTAN gelang Allen die Quadratur des filmischen Kreises. Wie er seine Lichter der Großstadt anzündet und den Liebesreigen der Stadtneurotiker durch das Panorama der modernen urbanen Kultur führt, ist zu Recht gepriesen als 'der einzig wahrhaft große amerikanische Film der siebziger Jahre' gepriesen worden." (Andrew Sarris in Village Voice)

USA 1978/79; Regie: Woody Allen; Buch: Woody Allen, Marshall Brickman; Kamera: Gordon Willis; DarstellerInnen: Woody Allen (Isaac Davis), Diane Keaton (Mary Wilke), Meryl Streep (Jill) u.a.; (35mm; 1:2,35; Schwarzweiß; 96min; englische ORIGINALFASSUNG und DEUTSCH SYNCHRONISIERTE FASSUNG).

Mi 6.6. 18.00 Uhr (DF) / Do 7.6. 20.00 Uhr (DF) LEOKINO

IL CONFORMISTA DER GROSSE IRRTUM

Bernardo Bertoluccis Film zeigt die Tragödie eines Mannes, den ein Schuldkomplex aus früheren Jahren dazu treibt, so sein zu wollen wie alle anderen, er wird zum Mitläufer des Faschismus und lässt sich von der Geheimpolizei als Denunziant missbrauchen, muss jedoch Jahrzehnte später erkennen, dass sein Konformismus nicht aus einem persönlichen Trauma, sondern aus gesellschaftlichen Zwängen resultierte.

Charakteristisch für Bertolucci ist sein raffinierter Wille zum Artistischen, Dekadent-Eleganten, Vornehm-Morbiden und dominierend seine Neigung zur Verkehrung und Spiegelung.

Bernardo Bertolucci: "Ich habe versucht statt eines Films über den geschichtlichen Faschismus einen Film über den psychologischen Faschismus zu machen, d. h. über den alltäglichen Faschismus. Ich habe versucht, den Faschismus von innen zu sehen, und nicht anhand der äußerlichen Zeichen, wie den Schwarzhemden."

Italien/Frankreich/BRD 1969; Regie und Buch: Bernardo Bertolucci, nach dem Roman von Alberto Moravia; Kamera: Vittorio Storaro; Musik: Georges Delerue; DarstellerInnen: Jean-Louis Trintignant (Marcello Clerici), Stefania Sandrelli (Giulia), Gastone Moschin (Manganiello), Enzo Taroscio (Prof. Quadri), Dominique Sanda (Anna Quadri) u.a.; (35mm; Technicolor; 93min; DEUTSCH SYNCHRONISIERTE FASSUNG).

Fr 8.6. 17.30 (DF) und 20.00 Uhr (OF) LEOKINO

UNFORGIVEN ERBARMUNGSLOS

Wenn richtige Männer durch die Prärie reiten, befindet man(n) sich meist im Wilden Westen - genauer - im Western. Westernhelden sind eine einsame Spezies. Ihre Pferde auch.

Manchmal sind Pferde auch störrisch und lassen ihre Helden erst gar nicht aufsitzen. So auf jeden Fall reagiert das Pferd von Munny, einem Schweinefarmer und ehemaligen Berufskiller, als er sich auf den Rücken eben dieses Pferdes schwingen will. Munny hat schon bessere Tage gesehen. Selbst aus geringer Distanz trifft er beim Übungsschießen sein Ziel nur noch mit dem Gewehr. Seinen Freunden und Mit-Helden geht es nicht viel besser: der eine leidet an fataler Kurzsichtigkeit (nicht gerade förderlich wenn es um die Abhaltung der allseits bekannten Duelle geht), der andere ist ebenso schwächlich wie Munny. Dennoch ist UNFORGIVEN keine Westernparodie. Clint Eastwood spielt mit den Mythen und Klischees des Western um die Zwiespältigkeit des Genres offenzulegen. (nach: epd Film)

"Es ist gerade einer Balance brillanter Ingredienzien zu danken, dass UNFORGIVEN so angenehm stillos, zeitlos wirkt." (Claus Philipp, Der Standard)

USA 1992; Regie: Clint Eastwood; Buch: David Webb Peoples; Kamera: Jack N. Green; Musik: Lennie Niehaus; DarstellerInnen: Clint Eastwood (Bill Munny), Gene Hackman (Little Bill Dagget), Morgan Freeman (Ned Logan), Richard Harris (English Bob), Anna Thomson (Deliah Fitzgerald) u.a.; (35mm; 1:2,35, Farbe; Dolby SR; 130min; englische ORIGINALFASSUNG und DEUTSCH SYNCHRONISIERTE FASSUNG).

Sa 9.6. 20.00 Uhr LEOKINO

EL LADO OSCURO DEL CORAZON

DIE DUNKLE SEITE DES HERZENS

Oliverio, ein junger Dichter in Buenos Aires, ist ein geborener Bohemien, der sich sein Geld mehr schlecht als recht mit Werbesprüchen für eine Agentur verdient. Daneben verbringt er seine Zeit damit, Liebesgedichte gegen Steaks einzutauschen oder Autofahrern Verse vorzutragen. Doch in Wirklichkeit ist er auf der Suche nach der Frau, von der er nur eines verlangt: daß sie vom Boden abheben, mit ihm fliegen kann. Er trifft auf Ana, jene Traumfrau, von der er glaubt, sie könne endlich "die dunkle Seite des Herzens" erleuchten.

Argentinien/Kanada 1992; Regie und Buch: Eliseo Subiela; Kamera: Hugo Colace; Musik: Osvaldo Montes; DarstellerInnen: Darío Grandinetti (Oliverio), Sandra Ballesteros (Ana), Nacha Guevara, Jean Pierre Reguerraz, André Melançon, Inés Vernengo, Mónica Galán, Mario Benedetti u.a.; (35mm; Farbe; 127min; spanische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

So 10.6. 20.00 Uhr LEOKINO

DOM ZA VESANJE TIME OF THE GYPSIES

Perhan, ein junger Roma, verständigt sich mit Truthähnen und bewegt Büchsen oder Besteck mit Gedankenkraft. Er wird von seiner Großmutter nach strengen moralischen Grundsätzen großgezogen. Um, wie sein väterlicher Freund Ahmed zu Reichtum zu gelangen, bricht er nach Itailien auf. Desillusioniert aber kehrt er wieder zurück: "Seit ich zu lügen begonnen habe, glaube ich keinem Menschen mehr."

Eine poetische Fabel über Menschen, in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Kusturica selbst bezeichnete TIME OF THE GYPSIES als eine Antwort auf die Literatur des magischen Realismus.

Jugoslawien 1989; Regie: Emir Kusturica; Buch: E. Kusturica, Gordan Mihic; Kamera: Vilko Vilac; Musik: Goran Bregovic; DarstellerInnen: Dujmovic (Perhan), Bora Todorovic (Ahmend), Ljubica Adzovic (Baba), Husnija Hasimovic, Sinolicka Trpkova u.a.; (35mm; 1:1,66; Farbe; 137min; ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Mo 11.6. 20.00 Uhr LEOKINO

LES ENFANTS DIE KINDER

"Ich will nicht in die Schule gehen, denn dort bringt man mir Dinge bei, die ich nicht weiß." So begründet der siebenjährige Ernesto seinen Entschluss, künftig der Schule fernzubleiben. Sein Vater Enrico, Nachkomme einer italienischen Familie aus der Po-Ebene und seine aus Russland stammende Mutter Natascha sind nicht überrascht, sie haben schon immer gefühlt, dass Ernesto ein außergewöhnlicher Mensch ist. Ernesto weigert sich nicht zu lernen, er weigert sich zur Schule zu gehen. Unbeeindruckt von aller Irritation beharrt Ernesto auf seiner Verweigerung.

Alle Fragen, die eine Erklärung außerhalb seiner selbst suchen, prallen an ihm ab. Eine Krise der Persönlichkeit? Auflehnung gegen die Gesellschaft? Das Gift des Nihilismus? All dies sind lächerliche Verdächtigungen einer Welt, die auf die vordergründigen Erklärungen aus ist. Ernesto, das erwachsene Kind hat sein Leben auf eine Frage reduziert: Was ist Lernen, was ist Erkenntnis, was ist Wahrheit? (nach: Stadtkino)

"Marguerite Duras führt die Metapher von der "Schule des Lebens" auf ihren Kern zurück. Sie vertraut darauf, dass nur den Kindern die Formulierung der einfachen Fragen gelingt, die sie einer komplizierten Wirklichkeit entgegenstellen können." (Ferdinand Leblanc)

Frankreich 1984; Regie: Marguerite Duras, Jean Mascolo, Jean-Marc Turine, Yann Andréa; Buch: M. Duras; Kamera: Bruno Nuytten; DarstellerInnen: Axel Bougousslavski (Ernesto), Daniel Gelin (Enrico), Tatiana Moukhine (Natascha), Martine Chevalier (Nicole), André Dussolier (Direktor) u.a.; (35mm; Farbe; 94min; französische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Di 12.6. 20.00 Uhr LEOKINO

SERKALO DER SPIEGEL

Stark autobiografischer Film, der die verschlungene Struktur des Erinnerns an die Stelle linearer Erzähllogik setzt. Dabei wird die Lebensgeschichte des Erzählers, eines Mannes in seiner Lebensmitte, in der seiner Eltern sowie in der Geschichte der Sowjetunion von den 30er bis in die 70er Jahre gespiegelt.

UdSSR 1975; Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: Alexander Mischarin, Andrej Tarkowskij, Kamera: Georgij Rerberg; Musik: Eduard Artjomew; DarstellerInnen: Margarita Terechowa (die junge Mutter/Natalja), Ignat Danilzew (Alexej als Kind/Alexejs Sohn Ignat), Oleg Jankowskij (Vater des Erzählers) u.a.; (35mm; Farbe; 108min; russische ORIGINALFASSUNG MIT DEUTSCHEN UNTERTITELN).

Weiterführende Texte

Il Conformista

Als einer der grundlegenden Unterschiede zwischen der "Wortsprache" der Literatur und der "Bildsprache" des Films kann die Tatsache gelten, dass erstere ihre Inhalte durch einen diskursiven, begrifflich benennenden Vorgang vermittelt, während letztere den Modus des Zeigens einsetzt, welcher sich präzisen, und insbesondere abstrakten Benennungen widersetzt, dafür aber dem Affektiven, Imaginären und Traumhaften näher steht. Moravias Roman Il Conformista und Bertoluccis gleichnamige Verfilmung illustrieren diese Prinzipien auf fast beispielhafte Weise. Moravia hat mit Il Conformista einen Roman vorgelegt, der konsequent linear erzählt ist und in dem die im Mittelpunkt stehende Psyche der Hauptfigur auf ausführlichste Weise kommentiert ist, ihre geheimsten Gedanken und Regungen eindeutig benannt sind. Bertoluccis macht sich für seine filmische Adaptation hingegen gerade die suggestive, uneindeutige Wirkung der Filmbilder zunutze und gründet sein komplexes, beängstigendes Psychogramm der Hauptfigur Marcello Clerici (Jean-Louis Trintignant) auf eine die chronologische Handlungsabfolge bewußt auflösende Erzählstruktur, die sich den Mechanismen des Erinnerns und des Traums annähert.

Unforgiven/ERBARMUNGSLOS

Das Genre des Westernfilms misstraut der Sprache. Sie wird als irreführend und unwesentlich betrachtet, was zählt ist Aktion. Das Muster des "doing, not talking" prägt auch Clint Eastwoods Westernepos UNFORGIVEN. Obwohl Sprache an sich eine untergeordnete Rolle spielt und so dem vermeintlichen Klischee des wortkargen Western entspricht, schafft es UNFORGIVEN die herkömmlichen Mythen dieses Genres sowohl zu hinterfragen als auch umzudrehen.

Les enfants

Es geht darum, den Zusammenhang zwischen Literatur und Film bei Marguerite Duras aufzuzeigen. In beiden Fällen, sowohl beim Schreiben als auch beim Filmen, findet sich die Autorin an einem Ort wieder, den sie selbst "chambre noire" nennt. Duras wird nicht müde zu betonen, dass alle ihre Filme Bücher seien und dass sie nie etwas anderes getan hätte als zu schreiben. Filmen stellt für Duras den Versuch dar, Buch und Film auf die gleiche Ebene zu bringen. Sie möchte den Film auf die ihren Büchern inhärente Innerlichkeit zurückführen, möchte versuchen, das Unsichtbare in Bilder zu setzen, um dem Kino auf diese Weise eine tiefere Schicht der Bedeutung hinzuzufügen, die ihm ihrer Meinung nach bislang fehlte. Mit welchen filmischen Mitteln sie dies versucht, soll anhand von India Song bzw. Les enfants aufgezeigt werden.