Jakob Levy Moreno

1889-1974

 

Der Begründer des Psychodramas, der Soziometrie und der Gruppenpsychotherapie

 

 

 

Jakob Levy Moreno wird am 18. 5. 1889 unter dem Namen Jakov Levy in Bukarest geboren. Sein Vater, Moreno Nissim Levy, stammt ebenso, wie seine Mutter von sephardischen Juden ab, die vierhundert Jahre zuvor aus Spanien vertrieben wurden und sich in der Türkei ansiedelten. Der Vater ist Händler und heiratet mit 32 Jahren, Paulina. Bei der Heirat ist sie 14, bei Morenos Geburt kaum 15 ½ Jahre alt. Moreno bekommt noch drei Schwestern und zwei Brüder (Rahel/Victoria, Volf-Valerian/William, Scharloti/Charlotte, Clara/Lala, Norbert/Buby)

 

Die Beziehung zwischen den Eltern ist von Beginn an schwierig und spannungsgeladen. Der Vater ist entweder geschäftlich oder im Zuge gesellschaftlicher Verpflichtungen unterwegs. Die Kinder fürchten und bewundern ihn. Die Mutter ist herzlich, humorvoll, gut gebildet und sozial aktiv. Ihr ist es überlassen, die sechs Kinder großzuziehen.

Moreno wächst in einer Mischung verschiedener religiöser Einflüsse auf, die sich später in seiner Lebensphilosophie widerspiegeln.

Aufgrund der schwierigen ökonomischen Situation zieht die Familie nach Wien als Moreno sechs Jahre ist. Er besucht dort die Grundschule und ist ein guter Schüler. Er genießt diese Zeit seiner Kindheit und verbringt auch einige Zeit mit seinem Vater auf Reisen.

Als Moreno vierzehn ist, übersiedelt die Familie nach Berlin, wo Jakob nur kurz bleibt. Er beschließt seine Familie zu verlassen und alleine nach Wien zurückzukehren und die Schule fortzusetzen.

Seine Eltern trennen sich kurze Zeit später. Sein Vater zieht nach Konstantinopel, wo er 1925 vereinsamt stirbt.

Für Moreno folgt eine Zeit der Auflehnung und des Widerstandes. Er macht seine Mutter für das Scheitern der Ehe verantwortlich, verlässt das Gymnasium vor der Matura und distanziert sich endgültig von der Familie.

1909 beginnt Moreno mit seinem Studium an der Universität Wien. Zuerst, wegen der fehlenden Matura, an der philosophischen Fakultät. Nachdem er die fehlenden Prüfungen abgelegt hat, belegt er Medizin.

Er kleidet sich auffallend, lässt sich einen langen Bart wachsen und bewegt sich unter den Studenten anonym und gleichzeitig von allen bemerkt. Er schließt Bekanntschaft mit Chaim Kellmer, einem in chassidischer Tradition erzogenen jüdischen Philosophiestudenten. Mit Gleichgesinnten gründen sie schließlich das „Haus der Begegnung“, ein Asyl für Flüchtlinge und Einwanderer.

Sie bieten Gemeinschaft und Hilfe bei alltäglichen Problemen. Ein Kennzeichen dieser Gemeinschaft ist die Anonymität gepaart mit intensiver Begegnung.

Während seines Studiums kommt er auch in Kontakt mit Freud, mit dessen Theorien er sich auseinandersetzt, sich aber distanziert.

1917 schließt er sein Medizinstudium ab. Aufgrund seiner Nationalität wird Moreno nicht zum Militär eingezogen und bleibt in Wien.

Drei Episoden seiner Studienzeit sind für seine spätere Entwicklung von wesentlicher Bedeutung: seine Begegnungen mit Chaim Kellmer und Elisabeth Bergner, der späteren berühmten Burgschauspielerin, seine Spiele mit den Kindern im Augarten und seine psychosoziale Arbeit mit den Prostituierten vom Spittelberg.

Bereits während seiner Studienzeit und als junger Arzt arbeitet er mit Südtiroler Aussiedlern in Mitterndorf. Gemeinsam mit einem italienischen Psychologen entwickelt er Vorschläge zur Verbesserung der soziodynamischen Situation in den Flüchtlingsheimen.

 

Während des Krieges beginnt sich Moreno für Literatur zu interessieren und trifft sich regelmäßig mit Literaten, Philosophen und Künstlern im Café Herrenhof in Wien. Sie gründen gemeinsam die Zeitschrift der „Daimon“. Zu den Gründern gehören Franz Werfel, Max Brod, Fritz Lampl und Alfred Adler. Viele Autoren liefern Beiträge, wie Blaise Pascal, Martin Buber, Jakob Wassermann, Oskar Kokoschka, Heinrich Mann u.a.

Er publizierte auch eigenen Arbeiten, wie „Die Gottheit als Autor“, „Die Gottheit als Redner und die „Gottheit als Komödiant“, „Die Einladung zu einer Begegnung“, „Das Testament des Vaters“.

Seine erste Stelle als Arzt erhält er in der Kammgarnfabrik in Bad Vöslau. Er mietet dort ein Haus und lernt seine erste große Liebe und Muse Marianne Lörnitzo, eine Lehrerin, kennen.

Neben seiner Arbeit in der Fabrik praktiziert er als Hausarzt und erwirbt sich rasch den Ruf eines Wunderdoktors.

Mehr und mehr distanziert er sich von der Wiener Literaturgruppe. Er knüpft Kontakte zu Schauspielerkreisen und trifft sich im Café Museum. Er gründet das Stehgreiftheater in der Maysedergasse.

Das Publikum unterhält er mit neuen Techniken, wie „die lebende Zeitung“, Sketches zu aktuellen Themen oder Spiegelungen von Zuschauern. Sein erstes Psychodrama findet hier statt. Moreno veröffentlicht dazu das Buch „das Stehgreiftheater“.

1924 findet in Wien eine Ausstellung für neue Theatertechniken statt, wo Moreno sein Konzept seines Theaters ohne Zuschauer vorstellt. Es kommt dabei zu einem Streit mit Kiesler dem Direktor der Ausstellung, der seinerseits seine Raumbühne präsentiert, die deutliche Ähnlichkeiten zu Morenos Modell zeigt. Der Streit endet vor Gericht, wo Moreno eine bemerkenswerte Rede hält.

Gemeinsam mit Mariannes Bruder entwickelt Moreno ein Tonaufnahmegerät, das er einer amerikanischen Firma anbietet.

Hohe Schulden und die Aussicht auf Vermarktung seiner Erfindung, seine zunehmende Isolation, antisemitische Tendenzen in der Bevölkerung, sein Streit mit Kiesler, der ihm viel Ablehnung einbringt und eine Krise in der Beziehung zu Marianne sind schließlich die Gründe  nach Amerika zu emigrieren.

Die ersten fünf Jahre sind ein permanenter Kampf. Er spricht wenig Englisch, sein Ärztediplom wird nicht anerkannt, er hat keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung und seine Erfindung erweist sich als ein Produkt unter vielen anderen.

Beatrice Beecher, eine Kinderpsychologin, bietet im Unterstützung und Hilfe durch eine Heirat, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, an, was er auch annimmt. Die Scheidung erfolgt nach vier Jahren.

Moreno arbeitet vorerst mit Kindern. Durch diese Arbeit erlangt er zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit. Seine soziometrischen Studien in Sing Sing und in einem Erziehungsheim für Mädchen bringen ihm große Popularität. Bei seiner Arbeit lernt er seine zweite Frau Florence Bridge kennen, mit der er zehn Ehejahre verbringt. Aus dieser Beziehung stammt sein erstes Kind Regina.

 

Zerka Toeman, die er 1949 heiratet, wird seine wichtigste und letzte Partnerin. Beide verbindet die europäische und jüdische Herkunft. Mit ihr gemeinsam erfolgen alle späteren beruflichen Schritte. In Beacon (N.Y.) eröffnet er schließlich sein eigenes psychiatrisches Sanatorium, wo er die Vorstellungen seiner Psychodramabühne verwirklicht. Beacon ist mehr als ein Sanatorium, es ist die Realisation einer Utopie, für Moreno die Möglichkeit seine Hypothesen zu überprüfen, für Patienten, Psychiater, Pflegepersonal, Sozialarbeiter und Interessierte aus aller Welt eine Stätte des Lernens und Experimentierens, ein psychodramatisches Psychiatriemodell. „ A.H. Maslow, Eric Berne und Will Schutz haben Morenos Rolle  als Quelle für viele der innovativsten Techniken in der modernen eklektischen Psychotherapie anerkannt.“ (Blatner 1988, S 21)

 

Psychodrama, als psychotherapeutische Methode breitet sich rasch aus. Die Termini Gruppentherapie und Gruppenpsychotherapie werden erstmals von Moreno 1931 eingeführt. Moreno gründet 1942 die Gesellschaft für Psychodrama und Gruppenpsychotherapie. Auf seine Initiative geht auch die International Association of Group Psychotherapy (IAGP) zurück, deren Ehrenpräsident er wird.

In den späteren Jahren reisen die Morenos auf Einladung vieler Universitäten rund um die Welt und bilden zahlreiche Psychodramatiker aus.

Am 14. Mai 1974 stirbt Moreno in  Beacon und wird später in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

 

Literatur:

Blatner A. & Blatner A. (1988).  Foundations of Psychodrama. Hisory, Theory & Practice. 3rd ed. New York: Springer.
Leutz G. (1974). Psychodrama. Das klassische Psychodrama. Berlin: Springer.
Marineau R.F. (1989) Jacob Levy Moreno. 1889-1974. London: Routledge.