Rothe_Publ_DUVFriederike Rothe

Zwischenmenschliche Kommunikation

 

Eine interdisziplinäre Grundlegung

2006. XI, 260 S., Br. € 35,90

ISBN 3-8350-6026-0

Wiesbaden

Deutscher Universitäts-Verlag


 

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Auf den ersten Blick ist „zwischenmenschliche Kommunikation“ ein ganz alltägliches Geschehen, das sich in unendlich vielen Varianten ubiquitär ereignet und dem wir uns kaum entziehen können. Die technische Entwicklung zeigt sich wesentlich auch als eine Entwicklung von zwischenmenschlicher Kommunikation, zumindest in dem Sinne, dass wir inzwischen per Handy oder auch über E-Mail, Fax und Videokonferenzen große räumliche Distanzen  überwinden können. Trotzdem bleibt unbestreitbar, dass die Kommunikation von Angesicht zu Angesicht die zwischenmenschliche Kommunikation katexochen darstellt.

Zwischenmenschliche Kommunikation zu verstehen heißt zunächst und in erster Linie, Face-to-face-Kommunikation zu verstehen, denn sie ist nicht nur evolutionär gesehen die ursprüngliche Kommunikationsform, sondern nach wie vor die umfassendste, der gegenüber alle anderen Kommunikationsweisen lediglich Derivate darstellen. Die Erfahrung unserer alltäglichen Kommunikation, unserer Beziehungen, ist in ihrer Gesamtheit „durchwachsen“. Das Scheitern der Kommunikation in Partnerschaft, Familie und Beruf, unbewältigte Trennungen oder Sprachlosigkeit bewegen uns im Innersten und führen dann scheinbar zwangsläufig zur psychischen wie physischen Vernichtung des Anderen. Was bereits im Kleinen tödlich enden kann, geschieht auch im Großen. Wenn zwischenstaatliche Kommunikation scheitert, scheint der Krieg, also die Vernichtung des anderen Stammes, der anderen Volksgruppe oder Nation, eine unvermeidliche Folge zu sein.

Der Minderung dieses kommunikativ bedingten Leidens durch Schulung der „soft skills“ gelten viele Anstrengungen in den verschiedensten Bereichen, so etwa im wirtschaftlichen Bereich zwischen Vorgesetzten und Untergebenen sowie gegenüber den Kunden, oder im Rahmen der Medizin zwischen Ärzten, Patienten, medizinisch-technischem Personal, sowie Pflege- und Verwaltungspersonal. Städteverwaltungen schicken ihre Mitarbeiter zu Kommunikationstrainings, damit sich diese als Dienstleister gegenüber dem Bürger als anspruchsberechtigten Kunden verstehen. Im pädagogischen Bereich ist die Qualität des „pädagogischen Bezuges“, der Kommunikation zwischen Erzieher und Educandus, ein Jahrhunderte altes Thema. Die Pastoraltheologie reflektiert die Seelsorge als einen besonderen kommunikativen Vorgang. Seriöse Psychotherapie schließlich geht inzwischen, empirisch begründet, davon aus, dass Psychotherapie nur gelingen kann, wenn die Kommunikation zwischen Psychotherapeut und Klient gelingt.

Im Konfliktfall werden Psychotherapeuten, Supervisoren, Mediatoren, Organisationsberater, Erziehungsberater, Kommunikationstrainer und Personalentwickler aufgeboten, um Betroffene zu sensibilisieren und wieder gesprächsfähig zu machen. Moderatoren sollen die Diskussion in einer Gruppe in „vernünftige Bahnen“ lenken; es werden Flipcharts, Powerpoint-Präsentationen und Inhalte ganzer „Moderatorenkoffer“ verwendet, um die Kommunikation zu unterstützen und deren Ergebnisse zu dokumentieren. Und schließlich gibt es eine breite Palette an Ratgeberliteratur, die sich, zumeist auf populärpsychologischem Niveau, dieser Problematik annimmt.

Die große Anzahl der verschiedensten Interventionsangebote, deren Umsetzung zeitlich, psychisch und finanziell sehr kostenintensiv ist, ist ein deutlicher Hinweis auf das Ausmaß des Leidens an misslungener Kommunikation. Doch stehen diesen heterogenen Interventionspraxen nur sehr wenige Kommunikationstheorien im engeren Sinne gegenüber. Umso mehr lassen sich aber eine ganze Reihe von multidisziplinär verankerten und terminologisch heterogen formulierten Theoriefragmenten finden, die kaum kompatibel zu sein scheinen. Dieser Sachverhalt bestärkt die Vermutung, dass das Phänomen selbst theoretisch noch nicht hinreichend erfasst wurde, was sich unmittelbar in einer praktischen Beliebigkeit zeigt.

Angesicht eines solchen Sachverhalts ist es sinnvoll, zunächst zu den Wurzeln, d.h. zum Phänomen selbst in seiner ganzen Breite zurückzukehren (Kap 2). Die Phänomenanalyse ergibt u.a., dass ein Verstehen dessen, was wir zwischenmenschliche Kommunikation nennen können, unabdingbar auch ein Verstehen dessen, was Sozialität ist, erfordert, und vice versa. Ist der Andere notwendig für den Einen, existiert er einfach nur auch oder ist er potenziell immer bedrohlich? Sozialität und zwischenmenschliche Kommunikation erhellen sich so gegenseitig. Insofern jede zwischenmenschliche Kommunikation zugleich auch ein soziales Ereignis darstellt, wird in einem nächsten Schritt die Sozialpsychologie hinsichtlich ihres Sozialitätsverständnisses befragt. Ihr diesbezügliches Schwanken zwischen dem Primat des Individuellen vor dem Gesellschaftlichen und umgekehrt nötigt in Kap. 3 zu einer Befragung der abendländischen Geistesgeschichte nach dem Verhältnis des Einen zum Anderen. Deutlich schält sich dabei eine doppelgleisige, miteinander unvermittelbare Tradition heraus: der Mensch wird entweder als absolutes Subjekt oder als relational fundierte Person verstanden. Besonders bemerkenswert sind dabei Argumentationsfiguren von Richard v. St. Viktor hinsichtlich der Begründung von Relationalität. Das absolute Subjekt hingegen steckt unausweichlich im Dilemma zwischen seinem Bedürfnis nach Anerkennung durch den Anderen und seinem Anspruch auf Absolutheit fest. Letzteres, das so genannte individuumszentrierte Menschenbild, findet sich durchgehend als Sozialitätsverständnis nicht nur in der Sozialpsychologie, sondern auch in den verschiedensten Kommunikationstheorien bzw. Theoriefragmenten wieder, wie Kap. 4 aufweist. Daher kann vielfach die Notwendigkeit gelingender Kommunikation nicht begründet werden, sondern eine solche Überzeugung äußert sich dann nur noch in Appellform. Kap. 5 wendet sich wiederum dem Phänomen und seiner empirischen Erforschung speziell in der neueren Säuglingsforschung zu. Deren Ergebnisse dienen Vertretern der Psychoanalyse vielfach als Grundlage für die Entwicklung eines bestimmten Begriffs von Relationalität, wobei der Frage nachgegangen wird, ob dieser Relationalitätsbegriff eine wirkliche Alternative zur Individuumszentriertheit anderer Ansätze darstellt.

Kap 6: Da es für die Absolutsetzung des Subjekts keine plausiblen Gründe gibt, ist ein radikaler Paradigmenwechsel, eine Neuformulierung des Menschenbildes, unumgänglich. Hier erweisen sich Argumentationsfiguren von Richard v. St. Victor († 1173), einem mittelalterlichen Denker, als sehr inspirierend. Die Erfahrung der zwischenmenschlichen Kommunikation zwingt Richard zu der Annahme, dass der Mensch nur als grundlegend relationaler denkbar ist. Bezogen­heit erfordert eine Pluralität verschiedener Personen, zugleich ist sie der Garant der Einmaligkeit jeder Person. Daher ist die Person als Selbststand in Relation zu bestimmen. Da jede Relation grundsätzlich als solche schon über sich hinausweist, ist die konstitutive Relationalität eine triadisch bestimmte. Sie ist entweder total oder sie ist gar nicht. Kein Individuum, keine allein stehende Dyade, sondern ein in sich triadisch kommunizierendes System ist die Voraussetzung für die von uns erfahrene zwischenmenschliche Kommunikation.

Die triadisch bestimmte Relationalität findet ihren Ausdruck in der zwischenmenschlichen Kommunikation als einer von beiden Kommunikationspartnern gemeinsamen bestimmten Handlung, insbesondere in der Face-to-face-Kommunikation als deren Urform. Unsere Entwicklung als unverwechselbare, einzigartige Person geschieht über die gesamte Lebensspanne hinweg in Abhängigkeit von der Kommunikation mit anderen Menschen. Die Durchwachsenheit unserer alltäglichen Kommunikation meint nichts anderes als unsere alltägliche Kommunikation im Kontinuum zwischen Kongruenz und Inkongruenz als dem Kennzeichen ihrer jeweiligen Qualität. Gelingende Kommunikation ist gemeinsames und freies Handeln zweier Menschen. Zwischenmenschliche Kommunikation in kongruenter Qualität ist Leben, d.h. Lebensqualität und Qualität der zwischenmenschlichen Kommunikation, vor allem der Face-to-face-Kommunikation, sind nicht voneinander zu trennen.

Fazit: Das triadisch-relationale Paradigma ist mit der Behauptung der absoluten Autonomie des Subjekts, unvereinbar. Letzteres, das bis heute dominierende individuumszentrierte Menschenbild, ist wesentlich für die verbreitete Inkongruenz zwischenmenschlicher Kommunikation und den entsprechenden Folgen verantwortlich. Der Wechsel zum triadisch-relationalen Paradigma stellt alle so genannten Interventionsformen in Frage, die auf dem Hintergrund eines individuumszentrierten Menschenbildes zwischenmenschliche Kommunikation für machbar halten.

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