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Psychoanalytische Erziehungs- und Bildungswissenschaft

Der Forschungsbereich Psychoanalytische Erziehungs- und Bildungswissenschaft befasst sich vorrangig mit folgenden Themen- und Fragestellungen:

 

Psychoanalytische Perspektiven auf Subjekt, Kultur und Gesellschaft

In der Tradition Freuds untersucht psychoanalytische Kulturtheorie und -kritik die grundlegendsten Enkulturationsprozesse und fragt danach wie und warum Menschen überhaupt zu sozial organisierten Subjekten werden. Insofern ‚Kultur‘ von Freud als allgemeinster Sozialisationsagent verstanden wird, berührt psychoanalytische Kulturtheorie erziehungswissenschaftliche Kernfragen. Unter anderem hat Bernfeld darauf hingewiesen, dass eine psychoanalytische Erziehungswissenschaft gesellschaftstheoretisch gerahmt werden müsse. In psychoanalytisch-kulturkritischen Diskursen, die stärker sozialphilosophisch geprägt sind, wird auf einer höheren Abstraktionsebene von Subjektivierung gesprochen, um jene komplexen, wechselseitig-interdependenten, unbewussten, sozialen und symbolischen Prozesse zusammenzufassen, die uns jeweils als Subjekte konstituieren und in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext als solche ansprechbar machen. Aber nicht nur das Subjekt, sondern auch die von Subjekten interaktionell hervorgebrachten ‚kulturellen Objektivationen‘ (z.B. Kunstwerke, öffentliche Diskurse, gesellschaftliche Trends und Normen, Generationenkonflikte, Bildungsinstitutionen, Erziehungsstile, Subkulturen usw.) sind, als Ausdrucksformen eines sozialen Unbewussten, Untersuchungsgegenstände psychoanalytisch-kulturtheoretischer Forschung.

Ausgewählte Publikationen des Forschungsbereichs

Berkel, I. (2017): Healing Spaces. Teresa von Avila – Eine Fallgeschichte aus dem 16. Jahrhundert. In: Leitner, U.: Corpus Intra Muros. Eine Kulturgeschichte räumlich gebildeter Körper. Bielefeld: Transcript.

Berkel, I. (2009): Postsexualität. Zur Transformation des Begehrens. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Crepaldi, G. (2019): Das Subjekt der Arbeit. Psychoanalytische und kulturkritische Provokationen. In: Psychoanalyse im Widerspruch 61.


Psychoanalytische Theoriebildung und Konzeptforschung

Wie jedes Paradigma beruht auch das psychoanalytische auf mehr oder weniger gesicherten Annahmen, Grundlagentheorien und Konzepten, deren weitere Erforschung oder kritische Diskussion in den Zuständigkeitsbereich einer psychoanalytischen Erziehungs- und Bildungswissenschaft fällt, auch wenn diese Grundlagenforschung kein unmittelbar anwendungsbezogenes Interesse verfolgt. Die gegenwärtige psychoanalytische Fachdiskussion zeichnet sich durch einen hohen Grad an Heterogenität aus, sowohl was die theoretischen Ansätze als auch die dazugehörenden idiosynkratrischen Terminologien betrifft. Diese Pluralität wird verschiedentlich als Vorteil wahrgenommen, manchmal aber auch als Fragmentierung und mangelnde Integration kritisiert. Grundbegriffe der „Wissenschaft vom Unbewussten”, die erziehungswissenschaftlich relevant sind und häufige Verwendung finden (z.B. Übertragung, szenisches Verstehen, das Unbewusste, Containing, Fehlleistungen, Objektbeziehungen etc.), müssen im Dialog mit anderen Disziplinen geschärft und, falls nötig, einer Revision unterzogen werden.

 

Ausgewählte Publikationen des Forschungsbereichs

Berkel, I. (2008): Sigmund Freud. Paderborn: Wilhelm Fink (UTB).

Crepaldi, G. (2018): Containing. Gießen: Psychosozial Verlag.

Crepaldi, G. (2018): Einige systematische Überlegungen zur Grundlegung einer Psychoanalytischen Erziehungs- und Bildungswissenschaft. In: Psychosozial 41.


Psychoanalytische Perspektiven auf Bildung, Erziehung, Entwicklung und Sozialisation

Menschliches Erleben und Verhalten muss immer unter dem Blickwinkel des autobiographischen Gewordenseins betrachtet werden. Neben frühkindlichen Beziehungs- und Bindungserfahrungen in der Primärfamilie stehen Lern- und Entwicklungsprozesse in außerfamiliären Umwelten im Vordergrund. Psychoanalytische Entwicklungstheorie bildet kein in sich widerspruchsfreies System von Erklärungsansätzen; vielmehr spiegelt sich der Pluralismus der modernen Psychoanalyse und ihrer Schulen (Trieb- und Ich-Psychologie, Selbst- und Objektbeziehungstheorie, Intersubjektive Ansätze, Bindungsforschung, Strukturale Psychoanalyse u.a.m.) auch in deren heterogenen Zugängen zum Thema Entwicklung ab. Im Unterschied zu kognitivistischen oder verhaltensbeobachtenden Ansätzen fokussiert die psychoanalytische Entwicklungstheorie im Besonderen auf das affektive, unbewusste Moment als quasi motivationale Hinterbühne menschlicher Subjektwerdung. Alters- und phasenspezifische Prozesse werden vor dem Hintergrund individueller Lebensbedingungen sowie gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen nachvollzogen und in den Kontext einer interdisziplinären Entwicklungs- und Sozialisationstheorie (z.B. Entwicklungspsychopathologie, Sozialisationsforschung, Neurobiologie etc.) gestellt.

 

Ausgewählte Publikationen des Forschungsbereichs

Drexel, D. & Iliash, A.  (2018): Der Burkini im Schwimmunterricht. Funktion und Bedeutung der islamischen Verschleierung in der weiblichen Adoleszenz. In: Grimm, M. & Schlupp, S.: Flucht und Schule. Herausforderungen der Migrationsbewegung im schulischen Kontext. Weinheim: Beltz Juventa.


Psychoanalytische Methodologie und Methodik

Der wissenschaftstheoretische Status von Psychoanalyse und Psychoanalytischer Erziehungs- und Bildungswissenschaft wird seit jeher kontrovers diskutiert. Hermeneutisch-geisteswissenschaftliche Positionen und szientistisch-empirische Zugänge bilden hierbei ein Spannungsfeld. Demenentsprechend breit ist auch das Spektrum von unterschiedlichen Forschungsdesigns und –methoden. Psychoanalytische Forschung kann sich neben klassischen Designs wie biographisch-rekonstruktiven Einzelfallanalysen durchaus auch empirisch-naturwissenschaftlicher Zugänge (z.B. Experimente oder prospektiv-longitudinale Längsschnittstudie) bedienen. Im methodischen Bereich können neben standardisierten Tests (z.B. Narzissmus-Inventar, Gießen-Test) und Ratingskalen besonders auch qualitative Methoden Anwendung finden. Ein Schwerpunkt des Forschungsbereichs liegt in der Anwendung und Weiterentwicklung qualitativ-psychoanalytischer Auswertungsmethoden (Tiefenhermeneutik, Szenisches Verstehen, Psychoanalytische Textinterpretation u.a.m.).

 

 

Dem Forschungsbereich zugeordnete MitarbeiterInnen

Univ.-Prof. Dr. Irene BERKEL

Mag.Mag. Dr. Gianluca CREPALDI

Dominik DREXEL, M.A.

 

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte

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