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Psychoanalytische Erziehungs- und Bildungswissenschaft

 

Der Fachbereich Psychoanalytische Erziehungs- und Bildungswissenschaft befasst sich vorrangig mit folgenden Themen- und Fragestellungen:

Psychoanalytische Perspektiven auf Entwicklung, Sozialisation und Erziehung

Das Verstehen des Menschen als sich entwickelndes Wesen ist in der Psychoanalyse fest verankert. Gegenwärtiges menschliches Erleben und Verhalten kann und muss unter dem Blickwinkel des autobiographischen Gewordenseins betrachtet werden. Neben essentiellen frühkindlichen Beziehungs- und Bindungsverfahren in der Primärfamilie erfahren mittlerweile ebenso Lern- und Entwicklungsprozesse in außerfamiliären Umwelten (z.B. frühkindliche Betreuungseinrichtungen) sowie im späteren Lebensverlauf verstärkt Aufmerksamkeit. Bei „der“ psychoanalytischen Entwicklungstheorie handelt es sich allerdings um kein kohärentes und in sich widerspruchsfreies System von Erklärungsansätzen, was in Anbetracht der „Entwicklungstatsache“ (Siegfried Bernfeld) als solcher und der Komplexität und Pluralität der modernen Psychoanalyse (Trieb- und Ich-Psychologie, Selbst- und Objektbeziehungstheorie, Intersubjektive Ansätze, Bindungsforschung, Strukturale Psychoanalyse u.a.m.) nicht weiter verwundert. Im Unterschied zu rational-kognitivistischen („bewusstseinspsychologischen“) sowie exklusiv verhaltensbeobachtenden Ansätzen fokussiert die psychoanalytische Entwicklungstheorie im Besonderen auf das psychodynamisch-affektive Unbewusste als quasi ‚motivationale Hinterbühne‘ menschlicher Subjektwerdung. Alters- und phasenspezifische Prozesse, Motive und Dynamiken werden vor dem Hintergrund individueller Lebensbedingungen sowie gesellschaftlicher und kultureller Rahmenbedingungen nachvollzogen, und in den Kontext einer interdisziplinären Entwicklungs- und Sozialisationstheorie (z.B. Entwicklungspsychopathologie, Erziehungs- und Sozialisationsforschung, Neurobiologie, Human- und Epigenetik) gestellt.

Psychoanalytische Methodologie und Methodik

Der wissenschaftstheoretische Status der Psychoanalyse und der Psychoanalytischen Erziehungs- und Bildungswissenschaft wird seit jeher kontrovers diskutiert. Hermeneutisch-geisteswissenschaftliche Positionen und szientistisch-empirische Zugänge bilden hierbei ein Spannungsfeld. Demenentsprechend breit ist auch das Spektrum von unterschiedlichen Forschungsdesigns und Forschungsmethoden, die zum Einsatz kommen können. Psychoanalytische Forschung kann sich neben klassischen Designs wie der biographisch-rekonstruktiven Einzelfallanalyse durchaus auch empirisch-naturwissenschaftlicher Zugänge (z.B. Experimente oder prospektiv-longitudinale Längsschnittstudie) bedienen. Im methodischen Bereich können neben standardisierten Tests (z.B. Narzissmuss-Inventar, Gießen-Test) und Ratingskalen besonders auch qualitative Methoden Anwendung finden. Ein Schwerpunkt liegt hierbei im Bereich der qualitativ-psychoanalytischen Auswertungsmethoden (Tiefenhermeneutik, Szenisches Verstehen, Psychoanalytische Textinterpretation u.a.m.).

Psychoanalytische Perspektiven auf Subjekt, Kultur und Gesellschaft

Siegfried Bernfeld hat mehrfach darauf hingewiesen, dass eine psychoanalytische Erziehungswissenschaft auch gesellschaftstheoretisch eingerahmt werden müsse. In der Tradition Freuds untersucht psychoanalytische Kulturtheorie und -kritik die grundlegendsten Enkulturationsprozesse und fragt danach wie und warum Menschen überhaupt zu sozial organisierten Subjekten werden. Insofern ‚Kultur‘ von Freud als allgemeinster Sozialisationsagent verstanden wird, ist psychoanalytische Kulturtheorie kein Rand- oder Spartenthema, sondern berührt erziehungswissenschaftliche Kernfragen. In psychoanalytisch-kulturkritischen Diskursen, die stärker sozialphilosophisch geprägt sind, wird auf einer höheren Abstraktionsebene von Subjektivierung gesprochen, um jene komplexen, wechselseitig-interdependenten, unbewussten, sozialen und symbolischen Prozesse zusammenzufassen, die uns jeweils als Subjekte konstituieren und in einem bestimmten historischen und kulturellen Kontext als solche ansprechbar machen. Aber nicht nur das Subjekt, sondern auch die von Subjekten interaktionell hervorgebrachten ‚kulturellen Objektivationen‘ (z.B. Kunstwerke, öffentliche Diskurse, gesellschaftliche Trends und Normen, Generationenkonflikte, Bildungsinstitutionen, Erziehungsstile, Subkulturen usw.) sind als Ausdrucksformen eines gesellschaftlichen Unbewussten Untersuchungsgegenstände psychoanalytisch-kulturtheoretischer Forschung.

Psychoanalytische Theoriebildung und Konzeptforschung

Wie jede Einzelwissenschaft oder jedes Paradigma beruht auch das psychoanalytische auf mehr oder weniger gesicherten Annahmen, Grundlagentheorien und Konzepten, deren weitere Erforschung oder kritische Diskussion in den Zuständigkeitsbereich einer psychoanalytischen Erziehungs- und Bildungswissenschaft fällt, auch wenn diese ‘Grundlagenforschung' kein unmittelbar disziplinäres (z.B. auf pädagogische Handlungsfelder bezogenes) Interesse verfolgt. Die gegenwärtige psychoanalytische Fachdiskussion zeichnet sich durch einen hohen Grad an Heterogenität aus, sowohl was die theoretischen Ansätze als auch die dazugehörenden idiosynkratrischen Terminologien betrifft. Diese Pluralität wird verschiedentlich als Vorteil wahrgenommen, manchmal aber auch als Fragmentierung und mangelnde Integration kritisiert. Grundbegriffe der „Wissenschaft vom Unbewussten”, die erziehungswissenschaftlich relevant sind und häufige Verwendung finden (z.B. Übertragung/Gegenübertragung, szenisches Verstehen, „das“ Unbewusste, Containing, Triangulierung, Fehlleistungen, Objektbeziehungen etc.), müssen im Dialog mit anderen Disziplinen geschärft und, falls nötig, einer Revision unterzogen werden. Je grundlegender die theoretischen Themen sind, desto transdisziplinärer sollte der Zugang in Theoriebildung und Konzeptforschung ausfallen.

 

 

Personen

Univ.-Prof. Dr. Irene BERKEL

Mag.Mag. Dr. Gianluca CREPALDI

Dipl.Psych. Dr. Johannes HUBER  

Mag. Dr. Gerald POSCHESCHNIK

Dominik Drexel, M.A.

 

Abgeschlossene Forschungsprojekte