elementar
Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern

 

Aktueller Stand des Forschungsprojekts – Frühjahr 2010

Zur Zeit erleben wir stürmische Diskussionen im Feld der österreichischen Kinderbetreuung. Zwischen der Einführung eines kostenlosen letzten Kindergartenjahres und Plänen zur Aka-demisierung der Ausbildung wird darum gerungen, der Bildung und Betreuung von Kindern eine neue und zeitgemäße Ausrichtung zu geben.

Die Ergebnisse unseres Forschungsprojekts zeigen, dass der Blick auf Männer und Ge-schlechterfragen wesentlich zu diesen Überlegungen und Entwicklungen beitragen kann. Um die Elementarpädagogik für Männer und Frauen attraktiver zu machen, braucht es nicht nur eine finanzielle Aufwertung, sondern auch eine Anreicherung der "weiblichen Kultur" des Kindergartens und der Ausbildungseinrichtungen mit eher "männlich“ konnotierten Aspekten wie z.B. "Outdoor", "Bewegung" und "Sport". An erster Stelle steht aber – und hierin sind sich Männer und Frauen einig – eine breite Anerkennung des Werts der Elementarpädagogik überhaupt.

Wir freuen uns darauf, die Ergebnisse unseres Projekts mit Ihnen – interessierten Fachleuten aus Politik, Verwaltung, Ausbildung, Praxis und Wissenschaft auf unserer Fachtagung am 11./12. Juni in Innsbruck diskutieren zu können. Eine Anmeldung zur Tagung ist ab sofort möglich, nähere Informationen erhalten Sie in einer weiteren Anlage oder unter

http://www.uibk.ac.at/ezwi/elementar/home/fachtagung2010/.

 

Burschen und Mädchen in der Ausbildung zum Kindergartenpädagogen / zur Kindergartenpädagogin

In einer Vollerhebung wurden alle männlichen Schüler der 29 Bildungsanstalten für Kindergar-tenpädagogik in Österreich sowie eine Vergleichsstichprobe von weiblichen Mitschülerinnen mittels Fragebögen über die Ausbildung befragt. Vertiefend wurden dazu in jedem Bundesland Interviews mit männlichen wie auch weiblichen BAKIP-SchülerInnen durchgeführt. Die Befragung liefert uns wertvolle Einblicke in die Ist-Situation an den Schulen und zeigt Veränderungsmöglichkeiten zur Steigerung der Attraktivität der Ausbildung (nicht nur) für Burschen auf. Einige wichtige Zukunftsschritte wären die Anhebung der gesellschaftlichen Anerkennung der Ausbildung (etwas mehr als die Hälfte der SchülerInnen würden auch ein tertiäres Bildungsniveau bevorzugen), der verstärkte Einsatz von männlichen Übungskindergärtnern als Vorbilder, aber auch generell mehr Akzeptanz von „Männlichkeit“ im Unterricht und in der Praxis.

 

Männer und Frauen in der kindergartenpädagogischen Praxis

Unsere Fragebogenerhebung bei rd. 250 Männern und Frauen in der Kindergarten-Praxis stellt klar, dass Männer im Berufsfeld Kindergarten keine „Sonderlinge“ sind, die ganz anders sind als andere Männer. Viele von ihnen haben vorher in typischen Männerberufen gearbeitet und sich dann beruflich umorientiert. „Spaß an der Arbeit mit Kindern“ und der Wunsch „etwas Sinnvolles zu machen“ hat sie – wie auch viele Frauen – zu dieser Tätigkeit bewogen. Die Ergebnisse zeigen auch, dass Männer in der Lage sind, Vielfalt in den Kindergarten zu bringen. Trotz vieler Gemeinsamkeiten mit ihren weiblichen Kolleginnen scheinen Männer einen anderen Zugang zu Kindern zu haben. Gerade Frauen sind der Ansicht, dass sie die Teamkultur und das Klima im Kindergarten insgesamt bereichern.

Als sehr gehaltvoll stellen sich auch die 49 vertiefenden Interviews heraus, die mit in der Praxis tätigen Männern und Frauen durchgeführt wurden. Derzeit werden die umfangreichen Daten mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Ergebnisse bestätigen einerseits die Aussagen vorliegender Untersuchungen zu männlichen Kindergartenpädagogen. Andererseits ermöglichen sie wichtige Differenzierungen:

So sind sich zwar die Befragten darin einig, dass das Einkommen in der Kinderbetreuung zu gering ist. Viele Männer, insbesondere die jüngeren, kommen aber mit ihrem niedrigen Gehalt durchaus zurecht. Problematisch ist eher, wenn sie für sich keine mittel- und langfristigen Perspektiven in ihrem Arbeitsfeld sehen (Stichwörter: Durchlässigkeit, Karriereplanung).

Als durchwegs problematisch stellt sich der „Generalverdacht“ heraus, der dazu führt, dass männlichen Pädagogen immer wieder grundsätzlich mit Misstrauen begegnet wird. So wird es inzwischen in der Familie zwar als normal angesehen, dass Väter ihre Kinder wickeln; dass auch männliche Kinderbetreuer dies tun, erscheint dagegen weniger selbstverständlich. Damit dies nicht ein individuelles Problem der oft vereinzelten Männer bleibt, ist künftig ein Bewusstseinswandel bei Eltern wie auch bei Kindergartenpädagoginnen erforderlich.

Ein kleinerer Teil der Interviews wird darüber hinaus einer tiefenpsychologischen Analyse unterzogen. Dabei werden aus psychoanalytischer Sicht Themenfelder in den Blick genommen, die für Biografie und Selbstverständnis männlicher Pädagogen von besonderer Bedeutung sind. Die einzelnen Themenfelder werden in gemeinsamen Diskussionen validiert (Inter-Rater-Validität). Einige der bisher eruierten Themenfelder, die bedeutungsvoll erscheinen, sind z.B. die Eltern-Identifikation und Ablösung von den Eltern, einschneidende Erlebnisse und Traumata, die Bedeutung des Familienbildes männlicher Kindergartenpädagogen, die besondere Qualität der Mutterbindung, die Bedeutung des Kindergartens als „weiblicher Raum“, der Umgang mit und die Bewältigung von Frauendominanz und die besondere Rolle des Vaters bzw. des abwesenden Vaters (‚Vaterblässe’).

 

Austausch von Wissenschaft und Praxis

Durch die verschiedenen Kontakte und die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Forschungsprojekt bewirkt, kamen Leiter und MitarbeiterInnen des Projekts mit verschiedenen Initiativen und Institutionen in Kontakt, die auf Landes- und Bundesebene für die Gestaltung der Rah-menbedingungen von elementarpädagogischen Einrichtungen sowie für die Weiterentwicklung der Ausbildung zuständig sind.

So kam es zu fruchtbaren Kontakten mit der Kindergarten-Fortbildungsabteilung des Landes Tirol, mit der gemeinsam an einer Konzeption tertiärer Fortbildungsmaßnahmen für Kindergar-tenpädagogInnen gearbeitet wird. Bundesweit wurde das Projektteam zu einer Vernetzungsinitiative der Plattform „Educare“ eingeladen, die mittlerweile österreichweit als „Plattform Elementarpädagogik NEU“ ein Forderungsprogramm zu Ausbildungsreform für Elementarpä-dagogInnen erarbeitet.

Bereits im Oktober 2009 hatten ProjektmitarbeiterInnen erste Projektergebnisse als ReferentInnen auf einer bundesweiten Fortbildungsveranstaltung für Lehrkräfte und Leitungspersonen an BAKIPs vorgestellt. Als besonders anregend wurde dabei von den Beteiligten erlebt, dass die Fachleute aus der Praxis nicht fertige Ergebnisse präsentiert bekamen, sondern am Prozess der Forschung selbst beteiligt werden konnten. Gleichfalls im Oktober waren elementar-Projektmitarbeiter als Referenten auf einer deutschlandweiten Tagung zum Thema Männer in Kindertageseinrichtungen in Hannover tätig (http://www.maennerinkitas.de).

Wir freuen uns darauf, den Austausch zwischen Forschung und Praxis nicht zuletzt auf unserer Fachtagung in Innsbruck im Juni dieses Jahres fortsetzen zu können.

 

Deutschland: Männer in Kitas werden zum Top-Thema

In Deutschland hat die neue Bundesregierung sich die Erhöhung des Männeranteils in Kinder-tageseinrichtungen als wichtiges Ziel für die aktuelle Legislaturperiode gesetzt. Das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat dafür eine KOORDINATIONSSTELLE „MÄNNER IN KITAS“ an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin eingerichtet. Das Team besteht aus Prof. Stephan Höyng von der KHSB, Michael Cremers & Jens Krabel, die gerade ihre deutschlandweite Studie zum Thema „Männer in Kindertagesstätten und in der Ausbildung zum Erzieher“ fertig gestellt haben, und elementar-Mitarbeiter Tim Rohrmann.

In Zusammenarbeit mit Politik, Verwaltung, Ausbildung und Praxis sollen Strategien zur Erhöhung des Männeranteils entwickelt, erprobt und umgesetzt werden. Darüber hinaus soll ausgelotet werden, inwieweit gesetzliche und (aus)bildungspolitische Rahmenbedingungen so verändert werden können, dass mittel- und langfristig der Männeranteil in Kindertageseinrichtungen gesteigert werden kann.

 

Norwegen: Aktionsplan für Geschlechtergerechtigkeit

In Norwegen, dem Land mit dem höchsten Männeranteil am Personal in der Kinderbetreuung, wird zurzeit der Aktionsplan der Regierung für die Jahre 2008-2010 evaluiert, der folgende Ziele hat:

  • Die Lernumgebung in Kindergärten und Volksschulen soll Chancengleichheit von Mädchen und Jungen fördern;


  • Bei der Ausbildungs- und Berufswahl soll eine bessere Balance der Geschlechter erreicht werden;


  • Für das Personal von Kindertageseinrichtungen und Volksschulen wird ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis angestrebt. In Kindergärten soll der Männeranteil bis 2010 auf 20 Prozent gesteigert werden.

Um diese Ziele zu erreichen, wurden Maßnahmen auf allen Ebenen der Politik und Verwaltung, Ausbildung und Praxis eingeleitet. Unter anderem wurden in jeder Provinz (county) offizielle Zuständige für eine gezielte Anwerbung männlicher Mitarbeiter bestimmt. Kindergärten mit hohem Männeranteil können als „Demonstrationskita“ besondere Zuschüsse beantragen oder sogar einen Preis als „geschlechtergerechte Kita“ gewinnen.

 

Internationale Forschungszusammenarbeit

Die internationalen Kontakte des Forschungsprojekts wurden weiter ausgebaut. Auf einem Treffen des europäischen Forschungsnetzwerks „Knowledge on Men in Early Childhood Education and Care“ im Februar 2010 wurden Inhalte und Strategien für eine weitere Zusammenarbeit im Bereich der Forschung entwickelt.

Das Netzwerk wird das Thema Männer in der Kinderbetreuung auf zwei internationalen Fach-tagungen für Elementarpädagogik platzieren, die im Sommer dieses Jahres in Göteborg (OMEP) und in Birmingham (EECERA) stattfinden. Auch Ergebnisse des Forschungsprojekts elementar sollen dort präsentiert werden.

 

Forschungprojekt elementar – Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern
Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung (PsyKo),
Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck

mail: elementar-ezwi@uibk.ac.at
web: http://www.uibk.ac.at/ezwi/elementar/

Projektleitung:
Univ. Prof. Dr. Josef C. Aigner

Mitarbeiter/innen:
Dr. Tim Rohrmann, Mag. Bernhard Koch, Mag. Barbara Strubreither, Mag. Gabriele Schauer, Mag. Tessa-Katrin Zeis

Beratung & Begleitung:
Univ. Ass.. Dr. Anton Perzy, Univ. Ass. Dr. Gerald Poscheschnik

Finanzierung:

FWF - Der Wissenschaftsfonds.

Tiroler Wissenschaftsfonds - Unser Land tirol

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