Wie die Kränkung des Alterns zu Selbsttäuschungen führt

Für immer jung – geht das?
Das „Jungbleiben“ werde ein wenig zu enthusiastisch angepriesen, meint die Berliner Psychologin Univ.-Prof. Eva Jaeggi und warnt vor Täuschung.

 

 

INNSBRUCK (c.s.). „Wir leben in einer Jugendkultur, alle diesbezüglichen Ermahnungen scheinen daran nicht viel zu ändern“, stellt Eva Jaeggi (70) fest. Das färbt auch auf die Senioren ab: Sie wollen möglichst jugendlich altern und dann, wenn möglich, ganz plötzlich sterben.

 

Eva Jaeggi, die den Eröffnungsvortrag zum Uni-Kongress „Horizonte des Alterns“ hielt, weiß aus Tiefeninterviews mit Betroffenen um narzistische Kränkungen, die das Alter zufügt, und um Abwehrhaltungen. „Häufig versucht man, das Alter wegzureden, viele Ältere schätzen sich jünger ein als Gleichaltrige“, sagt sie.

 

Man ist so jung wie man sich fühlt? Was soll das heißen, wenn man 60 ist? „Die Gefühle und Wünsche sind tatsächlich oft noch sehr jung“, stellt Jaeggi klar, „aber sie müssen nicht ausgelebt werden wie in der Jugend. Die Steuerung der Gefühle macht den Unterschied.“

Zum Beispiel beunruhige viele der Anspruch, man möge im Alter möglichst viel sexuelle Aktivität haben, und „lässt viele vor allem der jüngeren Alten angestrengt wirken“.

 

Unsere technisierte Gesellschaft ist auf Wachstum und Entwicklung eingestellt, selbst in der Anti-Aging-Debatte herrschen Ehrgeiz und Konkurrenz vor, eine antreibende Peitsche: „Doch mehr desselben gibt es im Alter in seltenen Bereichen, aber es gibt ein Anders als bisher“, gibt Jaeggi zu bedenken. Das Modell zu verlassen, ist allerdings schwer.

 

Zum Alter stehen, statt Selbsttäuschungen zu unterliegen: Jaeggi rät zur Entwicklung von Gelassenheit und Humor. Verdrängung nützt nichts – die unterschwellige Vorstellung, es sei das Beste, möglichst lange jung zu bleiben, hält das Alter doch nicht auf.

 

 

„Häufig versucht man, das Alter wegzureden.“
EVA   JAEGGI

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