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Dreaming off the World – From Cognitive Science  to a New Enlightenment   //  14.06.2006 – 18.06.2006 // Obergurgl // Tirol // Austria // Europe

 

Mit diesem Symposium soll eine Plattform geschaffen werden, die erfahrenen, aber auch weitsichtigen und verantwortungsbewußten Wissenschaftlern die Gelegenheit zum Gedankenaustausch gibt – gewissermaßen eine Art „Hyper-Alpbach“, denn nicht ganz unbeabsichtigt befindet sich der Veranstaltungsort an einem alpinen Forschungszentrum in der Nähe der Fundstelle des berühmten Eismannes „Ötzi“.

Ausgangspunkt für die stattfindenden Gespräche ist die derzeitig zu beobachtende Instabilität der internationalen Weltordnung verbunden mit der Sorge, daß neue Technologien bisher ungeahnte   Formen der Kriegsführung mit dramatischen Folgen für uns selber, aber auch unsere Nachkommen auslösen könnten. Unsere technisch dominierte und organisierte Welt wird in zunehmenden Maße anfällig für Fehlfunktionen, aber auch terroristische Sabotage.

Wir sehen eine Ursache für den Mangel an praktikablen Lösungen in einer fehlerhaften Anwendung wissenschaftlicher Theorien. Was fehlt, ist eine klare und durchdachte Analyse, die auch den Anforderung unserer immer komplexer werdenden Welt Rechnung trägt. Statt dessen werden wissenschaftliche Theorien des öfteren so eingesetzt, daß sie ihre eigenen Konstrukte mit einer unmittelbaren Beschreibung der Wirklichkeit gleichsetzen und durch Ausblendung des Kontexts mit viel zu einfachen Parametern operieren.

Wie es zu einer derartigen Verwechslung von Modell und beschriebener Realtität kommen kann, läßt sich nun prototypisch an der Cognitive Science ablesen: In ihrer Reaktion auf den Behaviorismus, der allzu vorschnell den Bereich des Mentalen auf das beobachtbare Verhalten reduzierte, bemühte sich die Cognitive Science um eine Wiedereinführung und Rehabilitierung kognitiver Prozesse in die Sprache der Wissenschaft. Wegen ihrer inneren Abhängigkeit von der rationalistischen Tradition, zurückgehend letztlich auf Descartes, unterliefen ihr aber auch ähnliche Fehler, wie wir sie seit Beginn der Aufklärung beobachten können. Zu erwähnen sind hier vor allem deren zwei:

-          Der Versuch, den Bereich des Mentalen auf ein sich selbst genügendes „Ich“ reduzieren zu wollen noch vor seiner Beteiligung an einem (immer schon) intersubjektiv vermittelten Kontext.

-          Die neuen Wissenschaften führten zu einer Verselbständigung der wissenschaftlichen Konstrukte. Wir haben uns gewissermaßen daran gewöhnt einfach den Regeln unserer Erklärungen zu folgen und darüber vergessen, daß es sich hierbei lediglich um Modelle handelt, die uns immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit beschreiben können, dabei andere aber notwendigerweise ausblenden. Ein anschauliches wenngleich etwas überzogenes Beispiel findet sich in dem Block Buster Matrix: Gefangen in den virtuellen Konstruktionen der Wirklichkeit sind sich die Protagonisten in dem Film des wahren Ursprungs dieser Konstruktionen nicht einmal mehr bewußt. Wir brauchen allerdings nicht einmal zu einem so drastischen Beispiel greifen, denn kleine Ansätze einer Virtualisierung unseres alltäglichen Lebens finden sich verschiedenen Ortes. So hat es oft den Anschein, daß wir uns mehr darum bemühen, uns an unsere eigenen technischen Konstrukte zu adaptieren denn umgekehrt diese an an unsere tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen. So werden Inhalte gelegentlich über Software definiert und nicht, wie es eigentlich umgekehrt der Fall sein sollte, Software über Inhalte. Probleme passen sich an vorgefertigte Lösungen an, statt daß Lösungen für tatsächliche Probleme gesucht werden. (Software-)technische Produkte werden so zum Macht- und Kontrollinstrument zur Durchsetzung bestimmter Interessen – sei dies in der Werbung, in der Verwaltung, ja selbst im bildungspolitischen Bereich.

 

 

Unmittelbar auf die Cognitive Science bezogen führte dies dazu, daß das Computermodell des Geistes nicht als eine (im nachhinein) erfolgte Erklärung für kognitive Prozesse gehalten wurde, sondern mit diesen Prozessen selber identifiziert wurde, was – mehr oder minder erfolgreich – auch die Wissenschaft von der Künstlichen Intelligenz motiviert hat. Nun sind indes Regeln, wie sie die Kognitionswissenschaft zur Erklärung kognitiver Prozesse aufstellt, etwas ganz anderes als die Art und Weise, wie diese kognitiven Prozesse tatsächlich produziert werden. Das Scheitern dieses Ansatzes der Cognitive Science zeigt sich auch an den zu hoch geschraubten Erwartungen an sogenannte Expertensysteme und natürlich sprachige Systeme.

Dennoch war dieser wissenschaftliche Anspruch der Kognitionswissenschaft alles andere als nutzlos, brachte er doch einen Paradigmenwechsel und eine Neubeurteilung der Wissenschaft vom „Geist“ mit sich.

Jerome Bruner’s „Acts of Meaning“, die Kritik von Hubert Dreyfus an einer Dekontextualiserung von Wissen, wie es in Expertensystemen gehandhabt wird, Hilary Putnams Kritik am sogenannten methodologischen Individualismus führten zu einer kognitiven Revolution, die jene Aspekte neu bewertet hat, die der nur an Algorithmen interessierte Kognitivismus vernachlässigt hat, nämlich Inhalt, Kontext und Situiertheit unseres Wissens. Wie dieses implizite Wissen zu interpretieren und zu bewerten ist, ist zudem eine nicht unwesentliche Frage am Forschungsschwerpunkt des Instituts für Psychologie „Psychologie des Alltagshandelns“.

Diese kognitive Revolution hat Konsequenzen weit über ihren ursprünglichen Wissenschaftsbereich hinaus: Sie kann als Triebfeder für eine Umorientierung und Neubewertung der Philosophie verwendet werden, sie kann Anlaß geben zu einer neuen Aufklärung, die zwar die Fehler der klassischen Aufklärung vermeidet, ohne dabei aber in einen fundamentalistischen Antirationalismus zu verfallen. Es ist dies, so scheint es uns jedenfalls, eine große Herausforderung unserer Zeit: Wie können wir ein blindes und unkrontrolliertes Vetrauen in technische und kommerziell rasch nutzbare Konstrukte vermeiden, ohne dabei in die Fallstricke einer Doktrin zu geraten, die – oft begleitet von religiösem Fundamentalismus – jede Art von Vernunft pauschal ablehnt? Es geht um die Frage nach einem vernünftigen Umgang mit unserer eigenen Vernunft.

Der Paradigmenwechsel in der Kognitionswissenschaft hat noch eine weitere Konsequenz. So wird die Kultur der „Generation @“ – die Kultur des Internet – gelegentlich als synergetischer Effekt zweier verschiedener heterogener Kulturen dargestellt, nämlich einer Kultur der Mündlichkeit, wie sie in vormals schriftlosen Gesellschaften anzutreffen ist und einer Kultur der Literalität. Während orale Kulturen noch durch einen narrativen und performativen Denkstil mit vorwiegend kontextgebundenen Wissensinhalten ausgezeichnet sind, wird  literalen Kulturen eher ein deskriptiver und abstrakter Denkstil mit atomistisch fragmentierten Wissensinhalten nachgesagt. Die Kommunikation im worldwide Web enthielte nun indes Stilmomente beider Kulturen, was gelegentlich durch das Schlagwort „Oraliteralität“ signalisiert werden soll. Gemeint ist damit ein Denkstil, dessen Wissensinhalte zwar situiert sind, sich dennoch aber (rational) rechtfertigen lassen. Wikipedia und die zunehmende Nutzung des sogenannten „blogging“ (das sind online-Tagebücher auf Hypertextbasis) geben davon ein für sich sprechendes Zeugnis ab. Somit trägt auch unsere gegenwärtig rasant sich entwickelnde Kultur des Internet in sich die Herausfordung, mit einer neuen Art von Wissen umgehen zu müssen – einem Wissen, das zwar immer eingebunden in einen Kontext bleibt, ohne dadurch aber den Anspruch einzubüßen, rational gerechtfertigt werden zu können.

Wofür wir eintreten und plädieren, ist jedenfalls eine offene Vernunft, die flexibel genug ist, um rationale Standards dort einzufordern, wo es nötig ist, sich dabei jedoch nicht auf einen ultimativen Rechtsanspruch versteift ohne Verankerung in einem kulturellen und historischen Kontext.

 

Als Referenten werden erwartet:

 

Barbara Becker (Universität Paderborn), Hubert Dreyfus (University of Berkeley), Harry Collins (Cardiff University),  James Ferguson Conant (University of Chicago), Eugene T.Gendlin (University of Chicago), Sean Dorrance Kelly (Princeton University), Karin Knorr Cetina (University of Chicago), Hans Lenk (Universität Karlsruhe), Stuart Shanker  (York University, Toronto), Giuseppe Trautteur (University of Napoli)

 

 

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