1 Einführung in das Verhaltensexperiment

1.1 Historischer Hintergrund

!!!TRIGGER WARNING!!!

Diesen Abschnitt zum historischen Hintergrund möchte ich gerne mit einer dieser modernen Trigger Warnings“ beginnen: Dieser Abschnitt stellt keineswegs den Anspruch, vollständig und für jeden Teilbereich der Psychologie repräsentativ zu sein. Vielmehr soll dieser (sehr) kurze Überblick der Leserin bzw. dem Leser als grober Überblick dienen, um die grobe historische Entwicklung der modernen Experimentalpsychologie nachvollziehen zu können. Interessierte Leser bzw. Leserinnen, die eine detailliertere Auseinandersetzung mit der historischen Entwicklung des Faches wünschen, seien an die Quellen in diesem Abschnitt verwiesen.

1.1.1 Von Aristoteles zu Wundt

Bevor wir uns daran machen, uns die Fertigkeiten der Experimentalpsychologie anzueignen, ist es ratsam, einen kurzen Blick in die Vergangenheit zu werfen und zu reflektieren, woher unser Fach eigentlich kommt. Zwar beschäftigten sich bereits Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) und seine Genossen mit Fragen nach dem “Seelenleben”, worunter auch kognitive und sensorische Funktionen fielen (Hatfield 2002), von unserer modernen Konzeption mentaler Prozesse und deren Erforschung waren diese Herrschaften jedoch noch weiter entfernt. Viele weitere Persönlichkeiten beschäftigten sich im Laufe der Zeit mit der Psyche, wie etwa Thomas von Aquin, René Descartes, John Locke, John Stuart Mill, Alexander Bain und viele mehr. Vorläufer der modernen Psychologie wurden bereits im 19. Jahrhundert an einflussreichen philosophischen Fakultäten gelehrt, wie etwa in Schottland und England (Mandler 2006). In diesen Anfängen der akademischen Psychologie war die primäre Forschungsmethode der Forschenden ihr Sitzfleisch: Erkenntnisse wurden nicht durch systematische und kontrollierte Beobachtungen gewonnen, sondern durch Introspektion (sog. “armchair” Psychologen).

Trulli
Aristoteles Sensei.

Warum also lernen wir regelmäßig, dass die Psychologie 1879 geboren ist? Nun, diese Aussage alleine ist natürlich eine grobe Vereinfachung der Umstände. Man hat sich jedoch auf dieses Jahr geeinigt, da Wilhelm Wundt 1879 das erste experimentalpsychologische Labor an der Universität Leipzig begründet hat. Obwohl es bereits zuvor einen akademischen Diskurs zur Psyche an anderen Universitäten gab, brach Wundt mit der Tradition, die Psyche - als Teilbereich der Philosophie - rein introspektiv zu erforschen. Vielmehr strebte er danach, die menschliche Psyche nach dem Vorbild anderer Naturwissenschaften empirisch, systematisch und methodisch rigoros zu beforschen1.

Durch Wundts Gründung dieses experimentalpsychologischen Labors emanzipierte sich die Psychologie allmählich von der Philosophie und strebte nach jener methodischen Rigorosität und Präzision, wie sie auch schon in Disziplinen wie der Physik und Physiologie zu finden war2.

In weiterer Folge wurden auch an anderen Universitäten Lehrstühle spezifisch für Psychologie begründet. Während in der Vergangenheit teils heftige Dispute um die Besetzung philosophischer Lehrstühle ausgetragen wurden (also ob ein mehr philosophisch oder naturwissenschaftlich angehauchter Forscher den Lehrstuhl besetzen soll), emanzipierte sich die Psychologie mit Wundt von der Philospohie. Das eigenständige Fach der Psychologie ward geboren.

1.1.2 Behaviorismus und kognitive Wende

Ausgehend von Wundts Laborgründung in Leipzig folgten viele weitere experimentalpsychologische Labore rund um die Welt. Im englischsprachigen Raum geht die wohl bekannteste Laborgründung auf William James an der Harvard University zurück. Auch wenn sich die junge Experimentalpsychologie nun allmählich immer mehr an den Naturwissenschaften orientierte, trieb sie wie auch uns heute ein Problem um: wie kann man psychische Phänomene wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und weitere mit derselben Präzision messen, wie die Physik beispielsweise den Luftdruck mit einem Barometer oder Strahlenbelastung mit einem Zählrohr? Wir können beispielsweise auch nicht einfach ein Gehirn auf einen Doppelspalt schießen und uns dadurch Aufschlüsse beispielsweise über Gedächtnisproszesse erwarten3. Während man also durchaus in der Lage ist und war, Versuchspersonen auf bestimmte Ereignisse reagieren zu lassen, mussten mentale Prozesse, die zwischen der Reizpräsentation und der Reaktion vor sich gingen, indirekt erschlossen bzw. mehr oder minder erraten werden.

Während sich im deutschsprachigen Raum die Gestaltpsychologie als Er- klärungsansatz für psychologische Phänomene entwickelte, ging man auf der anderen Seite des großen Teichs einen gänzlich anderen Weg. John B. Watson (1913) formulierte in seinem Aufsatz Psychology as the behaviorist views it die Grundgedanken des Behaviorismus: Zwar ging Watson davon aus, dass menschliches Verhalten letztlich durch Physik und Chemie erklärbar sei (cf. Hatfield 2002), jedoch sollte sich die Psychologie seiner Meinung nach in der Zwischenzeit mit Reiz-Reaktionsbeziehungen im Sinne Pavlovs und Thorndikes beschäftigen. Im Gegensatz zu seinen Nachfolgern könnte man Watsons Position noch als sanft bezeichenen. Forscher wie Skinner lehnten gar die Theoriebildung in der Psychologie ab und forderten ein Ende mentalistischer Erklärungen und eine reine Besinnung auf beobachtbare Reiz-Reaktions-Beziehungen. Jegliche Prozesse, die in der sog. Blackbox, also jenem Zwischenschritt zwischen einem Reiz und der Reaktion4, vor sich gehen, können nicht beobachtet und daher gar nicht erst erklärt werden.

Grundsätzlich ist Skinners Ansicht nachvollziehbar. Er trieb seine Ablehnung mentaler Prozesse jedoch so weit, dass er in seinem Werk Verbal Behavior Sprache und den Spracherwerb mithilfe behavioristischer Mechanismen zu erklären versuchte. Dieses Unterfangen brachte ihm eine (auf gut österreichisch gesagt) heftige argumentative Gnackwatsche von Noam Chomsky ein und läutete das Ende des Behaviorismus und den Beginn der kognitiven Wende ein. Die kognitive Wende bezieht sich nicht lediglich auf die (Kognitions-)Psychologie alleine, sondern beschreibt die Kognitionswissenschaften per se. Die Kognitionswissenschaften inkludieren auch Informatik, Linguistik, Neurowissenschaften und Anthropologie. Für die Experimentalpsychologie bedeutete die kognitive Wende eine Kombination zweier vormals scheinbar unvereinbarer Lager: Theorien über den Ablauf geistiger Prozesse werden mit methodisch präzisen Messungen überprüft. Im Gegensatz zum Behaviorismus erlaubt dieser neue Zugang, eine der größten Stärken der (Natur-)Wissenschaften auszuspielen: Vorhersagen auf Basis theoretischer Überlegungen zu tätigen und anhand systematischer Beobachtungen entweder zu bestätigen, zu modifizieren oder zu verwerfen.

Im folgenden Abschnitt werden wir uns noch etwas näher mit dem Verhal- tensexperiment beschäftigen.

1.2 Die Methoden der Psychologie

Wozu diente dieser kurze Überblick über die Geschichte der Psychologie als eigenständige wissenschaftliche Disziplin? Es sollte verdeutlicht werden, dass die Psychologie nicht ausschließlich durch die von ihr behandelten Inhalte die Anerkennung als eigenständige Disziplin erhielt, sondern besonders durch die wissenschaftliche Methodik, die sie anwendete. Während es verlockend sein mag, sich ein Pfeifchen anzuzünden und vor dem offenen Kaminfeuer über die Natur des Menschen zu sinnieren, so wenig fundiert sind die daraus resultierenden Schlüsse. Zwar ist es möglich, anhand einer logischen Argumentationskette zum einen oder anderen Schluss zu kommen, allerdings sind diese Schlüsse nur bedingt nützlich, wenn sie einem Test an der Realität nicht standhalten - sofern sie überhaupt überprüfbar sind.

Heute kennen wir in der Psychologie eine Vielzahl von Forschungsmethoden, die sich anhand zweier Dimensionen einordnen lassen:
1. Beobachtungsort (Feld vs. Labor)
2. Art der Daten (qualitativ vs. quantitativ)

1.2.1 Beobachtungsort

Feldstudien
Wenn wir eine wissenschaftliche Untersuchung planen, hängt die Wahl des Beobachtungsortes (also jenes Ortes, an dem wir das Verhalten der für uns interessanten Population beobachten wollen) in besonderer Weise von der Fragestellung ab. Während subtile, nicht direkt beobachtbare Phänomene, wie etwa die Funktionsweise des Arbeitsgedächtnisses idealerweise nur unter hochgradig kontrollierten Bedingungen erhoben werden sollten, um ausschließen zu können, dass etwaige gefundene Effekte nicht durch zufällige störende Einflüsse zustande gekommen sind, kann man andere Phänomene der menschlichen Psyche nur schwer unter kontrollierten Bedingungen unter suchen. Nehmen wir das Beispiel Mobbing: Abgesehen von etwaigen Pandemien sind wir Menschen in der freien Wildbahn recht soziale und kommunikative Trockennasenaffen. Aus diesen sozialen Situationen können positive wie auch negative Dinge entstehen, wie etwa Kooperation, Konkurrenz, Zuneigung und antisoziales Verhalten. All diese (nicht exklusiv) menschlichen Verhaltensweisen entstehen organisch in Situationen und sind daher nicht sonderlich gut dazu geeignet, künstlich in einer Laborsituation untersucht zu werden, sondern in jenen Situationen, in denen sie entstehen. Stattdessen wäre es überlegenswert, sich die Gummistiefel anzuziehen, ins Feld zu gehen und direkt dort zu untersuchen, wie sich (anti-)soziales Verhalten entwickelt und entfaltet.

Laborexperimente
Wie bereits angedeutet, ist dieses “sich entwickeln lassen” von Situationen nicht dazu geeignet, alle Mechanismen des menschlichen Erlebens und Verhaltens zu studieren. Möchte ich beispielsweise wissen, ob ein subliminaler Reiz5das Verhalten beeinflussen kann, reicht es nicht, einer Person in einer belebten Einkaufsstraße kurz ein Bild von einer Banane zu zeigen und ihr danach hinterher zu schleichen und aufzuzeichnen, ob sie sich früher oder später eine Banane kauft. Selbst wenn sich mehrere Personen, denen ich dasselbe Bild einer Banane gezeigt habe, unmittelbar danach eine Banane kaufen, ist dieser Umstand meinem Handel und daher einer unbewussten Verarbeitung meines Bildes und einer daraus entstandenen Handlungsaufforderung zuzuschreiben? Möglich. Vielleicht aber auch nicht. Haben die Personen davor eventuell in einer Eisdiele einen Bananensplit gesehen? Bin ich im Weg einer noch viel größeren Werbung für Bananen gestanden? Wurden Bananen gerade eben von Kanye West als Heilmittel für Größenwahn angepriesen?

Sie sehen, es gibt viele mehr oder weniger plausible alternative Erklärungen für mein Bananenexperiment. Will man also zuverlässige Aussagen über die Verarbeitung unbewusster Reize treffen, so muss eine Untersuchung dazu unter Rahmenbedingungen stattfinden, die eine maximale Kontrolle potenzieller Störvariablen erlauben. Hier bietet sich das Labor an: Versuchspersonen werden nur mit jenen Reizen konfrontiert, die für die gegenwärtige Untersuchung von Interesse sind, während andere, störende Einflüsse systematisch idealerweise ausgeschaltet oder zumindest kontrolliert werden.

1.2.2 Art der Daten

Qualitative Daten
Erheben wir Daten, die auf verbalen bzw. nicht klar numerisch bezifferbaren Werten basieren, sprechen wir von qualitativen Daten. Stellen Sie sich vor, Sie sind daran interessiert, nicht nur herauszufinden, unter welchen Umständen es zu Mobbing kommen und wie sich dieses äußern kann, sondern Sie wollen auch dessen Gründen bzw. den Motivationen der mobbenden Personen auf den Grund gehen. Diese Frage lässt sich kaum mit einem computergestützten Experiment beantworten. Der direktere und ergiebigere Weg zu einer befriedigenden Antwort ist es, die betroffenen Personen direkt danach zu fragen. Eine beliebte Methode hierzu ist es, mit den jeweiligen Personen ein Interview zu führen und auf Basis ihrer Angaben Antworten auf die Forschungsfrage zu finden. Führen wir ein Interview mit Betroffenen, so sind wir in der Regel nicht an Daten interessiert, die wir statistisch verwerten und auf die gesamte (jeweils betroffene) Population generalisieren können, sondern eher an der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Angaben der befragten Personen6.

Quantitative Daten
Unter quantitativen Daten verstehen wir jene Daten, die eine Variable von interesse keinen semantischen, sondern einen numerischen Wert zuweist. Zwar wäre es schön, wenn uns unsere Waage unser Gewicht in blumigen Adjektiven angeben würde (wie etwa flawless, wie könnte es anders sein?), realistisch betrachtet ist es aber schon praktisch, wenn wir genau beziffern können, mit welchem Wert wir die quadrierte Lichtgeschwindigkeit multipizieren müssen um unsere Ruheenergie berechnen zu können7.

In der Psychologie werden quantitative Daten für eine Vielzahl von unterschiedlichen Fragestellungen verwendet. So könnten wir beispielsweise abzählen, wie häufig häufig Personen auf einen bestimmten Reiz blicken, messen, welche Werte eine Person in einer Testbatterie hat oder auch, wie lange eine Person braucht, um nach dem Auftreten eines Reizes braucht, um eine Antwort zu geben. Auf letzterem liegt das Hauptaugenmerk dieses Skripts.

Quantitative Daten erlauben es uns, statistische Analysen zu rechnen. So können wir zum Beispiel angeben, wie viele Frauen und wie viele Männer in einem Experiment teilgenommen haben (Häufigkeiten) und wie alt sie im Schnitt waren (Mittelwert). Diese beiden Maße sind Beispiele für deskriptivstatistische Angaben. Quantitative Daten erlauben es uns aber auch, inferenzstatistische Aussagen über eine Population zu treffen und (mehr oder weniger) präzise Aussagen selbst über nicht erhobene Personen zu tätigen.

Auf Basis der oben dargestellten Eigenschaften qualitativer und quantitativer Daten ist nun (hoffentlich) klar, dass qualitative Daten beschreibend sind bzw. Konzepte abbilden, während quantitative Daten abzählbar und messbar sind.

1.3 Das psychologische Laborexperiment

Verhaltensexperimente an sich sind so intuitiv verständlich, dass die meisten von uns es vermutlich bereits völlig ohne Anleitung geschafft haben, ein solches durchzuführen. So manche Spaßkanone unter uns hat höchstwahrscheinlich zumindest einmal in seinem/ihrem Leben einer Freundin oder einem Freund einen Reiz gezeigt oder entzogen, nur um zu sehen, wie er oder sie darauf reagiert - und sich daran ergötzt. Ob das nun eine Plastikspinne auf dem Kopfpolster oder ein kurzzeitig entwendetes Handy war, die Logik bleibt die gleiche: Wir wollen beobachten, wie unsere Versuchsperson auf die von uns herbeigeführte Manipulation ihrer Umgebung reagiert. Ich für meinen Teil kann selbstverständlich reinen Gewissens sagen, dass ich über solche Kinkerlitzchen erhaben bin (hust hust).

In der allgemeinpsychologischen Forschung sind oft Phänomene von Interesse, auf die wir keinen direkten Zugriff bzw. Einblick haben. Manche dieser Phänomene kann man durchaus durch gezieltes Nachfragen von den betroffenen Personen erfragen. Wenn es zum Beispiel von Interesse ist, warum sich eine Person für einen bestimmten Studiengang eingeschrieben hat, dann ist es zwar nicht möglich, von außen zu erschließen, warum eine Person sich so entschieden hat, man kann jedoch die Motivation dahinter erfragen (sofern sie der Person bewusst ist).

Komplexer wird es allerdings, wenn man beispielsweise die Architektur des Gedächtnisses untersuchen möchten. Hand aufs Herz, wer unter uns könnte durch Introspektion zum Schluss kommen, dass man bei der Suche nach einem roten Tesla8 zunächst Informationen zum Aussehen eines Teslas von Langzeitgedächtnis ins Arbeitsgedächtnis “lädt”, und jene Neuronen, die im visuellen Kortex die Farbe Rot repräsentieren voraktiviert, sodass das Wahrnehmen der Farbe Rot zu einer schnelleren und stärkeren Aktivierung eben jener Neurone führt (cf. Zhou, Lorist, and Mathôt 2020; Desimone and Duncan 1995) Selbst ein sehr gut geführtes Interview könnte uns wohl nicht zu dieser Einsicht führen, da Prozesse wie die eben angesprochenen unserem Bewusstsein nicht direkt zugänglich sind. Stattdessen müssen wir auf ausgefeilte experimentelle Designs zurückgreifen, um Fragestellungen wie diese beantworten zu können. In der experimentellen Psychologie sind das zumeist laborbasierte, gut kontrollierte und manchmal um neurophysiologische Methoden ergänzte Verhaltensexperimente.

Wie bereits zuvor angesprochen, bietet uns ein Laborexperiment zusätzlich das größte Außmaß an Kontrolle über mögliche unerwünschte Einflüsse auf die erhobenen Daten. Es ist uns möglich, die Geräuschkulisse zu kontrollieren, die Helligkeitdes Raumes etc. Während wir beispielsweise bei der Beobachtung im Feld nur begründete Annahmen darüber Treffen kann, warum wir nun eine bestimmte Verhaltensweise beobachten können oder nicht, ist es uns möglich, im Labor wirklich kausale Zusammenhänge zu testen. Ein ganz relevanter Faktor hierfür ist, dass es im Labor möglich ist, zeitliche Kontingenzen zu kontrollieren und variieren. Wenn wir zum Beispiel Gruppendynamiken in einem natürlichen Umfeld nur beobachten und selbst keine Manipulation der Situation vornehmen, dann lässt sich eine beobachtete Verhaltensweise nicht mit absoluter Sicherheit auf einen Auslöser zurückführen. Verhält sich eine Person gerade eben so, weil unmittelbar davor ein auslösendes Ereignis geschehen ist? War die Person bereits zuvor schlecht drauf und zeigt deshalb das beobachtete Verhalten? Es gibt für solche Arten von Beobachtungen im Feld vielerlei potenzielle Erklärungen.

Im Labor (oder auch den oben angeführten privat durchführbaren Versuchen) ist es hingegen möglich, die Quelle eines beobachteten Effekts wirklich auf eine bestimmte experimentelle Manipulation zurückzuführen. Das ist dann möglich, wenn ein bestimmtes Verhalten einer Versuchsperson nur beobachtet wird, wenn eine bestimmte experimentelle Manipulation vorgenommen wurde (Experimentalbedingung) und nicht, wenn keine Manipulation vorgenommen, bzw. eine Kontrollbedingung präsentiert wurde (mehr dazu in Unterkapitel 2.1.1).

1.3.1 Donders’ mentale Chronometrie

Das Verhaltensexperiment in der Experimentalpsychologie bezeichnet also jene Methode, in der (meist) manuelle Antworten von Versuchspersonen auf jedwede experimentelle Manipulationen als Antwortvariable verwendet werden. Anders formuliert: in einem psychologischen Verhaltensexperiment wird die Wirkung systematischer Variationen von Experimentalbedingungen (unabhängige Variable; UV) auf das Verhalten unserer Versuchspersonen (abhängige Variable; AV) untersucht. Die relevanten AVs sind in einem Verhaltensexperiment für gewöhnlich Reaktionszeiten (RTs für engl. response times) und Fehlerraten (ERs für engl. error rates).

Die Logik, die der verhaltenspsychologischen Methode zugrundeliegt, geht auf Frans Cornelis Donders (1818 – 1889) zurück. Donders entwickelte eine gleichsam simple, wie elegante Methode, die Dauer mentaler Prozesse zu messen: Die mentale Chronometrie (Donders 1969)9.

Am besten formuliert es Donders selbst: The idea occurred to me to interpose into the process of the physiological time some new components of mental action. If I investigated how much this would lengthen the physiological time10, this would, I judged, reveal the time required for the interposed term.

Auf gut Deutsch spekuliert Donders, dass er, wenn er seine Versuchsperson sehr einfache Aufgaben erledigen lässt, die sich lediglich in wenigen mentalen Verarbeitungsschritten unterscheiden, er durch die Differenz der RTs auf die Dauer jener Verarbeitungsschritte schließen kann, die in einer Aufgabe benötigt werden und in der anderen nicht. Das klingt jetzt vermutlich erst einmal sehr kryptisch und auch mein ehemaliger Deutschlehrer kann Ihnen ein Lied von meinem Hang zu kryptischen Ausdrucksweisen singen. Schauen wir uns deshalb jene Aufgaben genauer an, die Donders verwendete.

1. Detektionsaufgabe / a-Aufgabe11: Die Versuchspersonen sollten lediglich so schnell wie möglich reagieren, sobald sie einen Reiz sahen. Donders vermutete, dass in dieser Aufgabe die kürzesten RTs zur Folge haben, da lediglich zwei Prozesse für diese Aufgabe notwendig seien:
Detektion → Reaktion

2. Wahlreaktionsaufgabe / b-Aufgabe: Zwei unterschiedliche Reize wurden präsentiert und Versuchspersonen sollten, in Abhängigkeit des jeweiligen Reizes, eine von zwei Reaktionen ausführen. Teilschritte, die in dieser Aufgabe postuliert wurden:
Detektion → Reizdiskriminierung → Reaktionsauswahl → Reaktion

3. Go/No-Go-Aufgabe / c-Aufgabe: Versuchspersonen sollten ledig- lich auf einen von zwei präsentierten Reizen reagieren. Teilschritte dieser Aufgabe:
Detektion → Reizdiskriminierung → Reaktion (oder nicht)

Donders argumentierte, dass man, um die Dauer der Reizunterscheidung zu bestimmen, lediglich RTs aus der a-Aufgane von RTs aus der c-Aufgabe subtrahieren müsse. Die dahinterliegende Logik ist so simpel wie elegant: a- und c-Aufgabe unterscheiden sich lediglich in einem Teilschritt voneinander. RT Unterschiede zwischen a- und c-Aufgabe sollten also lediglich durch diesen Teilschritt zustande kommen.

Diese Substraktionslogik zieht sich bis heute durch die Experimentalpsychologie: Kongruenzeffekte (u.a. der Stroop-Effekt), Primingeffekte, Validitätseffekt und viele mehr sind Mittelwertsunterschiede (Kongruenzeffekte = RTsinkongruent minus RTskongruent; Validitätseffekt = RTsinvalide minus RTsvalide). Während man bei Kongruenzeffekten postuliert, dass diese Mittelswertunterschiede durch mentale oder motorische Konflikte in inkongruenten Bedingungen darstellen, wird beim Validitätseffekt vermutet, dass die längeren RTs in invaliden verglichen mit validen Durchgängen durch eine Neuausrichtung der Aufmerksamkeit zustande kommen.

Doch wie und warum kommen jetzt ERs ins Spiel? Es wird, wie bereits angedeutet, vermutet, dass manche Bedingungen zusätzliche Teilschritte erfordern (z.B. das Überwältigen mentaler oder motorischer Konflikte in inkongruenten Durchgängen). Durch diese internen Konflikte steigt das Potenzial, fehlerhafte Antworten zu geben. Im Umkehrschluss sollten Bedingungen, die keinen Konflikt verursachen, leichter zu erledigen sein und eine kleinere Fehlerrate zur Folge haben. Wir erwarten also identische Effekte in RTs und ERs:

einfachere Bedingung: schnellere (kleinere) RTs und kleinere ERs
schwierige Bedingung: langsamere (höhere) RTs und höhere ERs

Info
Der Fokus der hier vorgestellten Verhaltensxperimente liegt auf den RTs. ERs werden oft nur zur Absicherung gegen sogenannte Speed-Accuracy-Trade-Offs analysiert: Wenn Versuchspersonen in einer Bedingung schnellere RTs, aber höhere ERs und in einer anderen Bedingung längere RTs, dafür niedrigere ERs haben, dann lässt sich nicht ausschließen, dass RT-Unterschiede durch ein strategisches Vorgehen der Versuchspersonen zustande gekommen sind und nicht durch die Wirkung der UV.

Referenzen


  1. Auch wenn die “geschulte Intropsektion” auch noch in Wundts methodischem Repertoire zu finden war.↩︎

  2. Frühere Forschungen zur Wahrnehmung, wie etwa jene von Hermann von Helmholtz, wurden im Rahmen der (Sinnes-)Physiologie erforscht.↩︎

  3. Zudem wäre einigen Studierenden das Sammeln mehrerer Versuchspersonenstunden dadurch einigermaßen erschwert.↩︎

  4. landläufig auch Gehirn genannt↩︎

  5. Also ein Reiz, der von der Versuchsperson nicht bewusst wahrgenommen wurde, etwa weil er nur sehr kurz oder schlecht sichtbar präsentiert wurde.↩︎

  6. Auch wenn es natürlich möglich ist, die Angaben der Personen beispielsweise in Kategorien zu klassifizieren und deren Häufigkeiten zu analysieren.↩︎

  7. Fanden Sie Physik auch immer so spannend und haben es dennoch nur halb verstanden? Detto…↩︎

  8. Hallo Elon, möchtest du mich sponsern?↩︎

  9. Auch wenn manche Forscherinnen und Forscher tatsächlich einen unbändigen Drang zu Publikationen zu haben scheinen, hat Donders natürlich nicht 80 Jahre nach seinem Tod noch publiziert. Es handelt sich hierbei um eine Übersetzung seiner 1869 veröffentlichten Arbeit Over de snelheid van psychische processen - eine sehr empfehlenswerte Lektüre!↩︎

  10. Unter physiological time versteht Donders jene Zeit, die zwischen einer Reizpräsentation und einer Reaktion vergeht. Heute wird diese physiological time üblicherweise Reaktionszeit bzw. response time genannt.↩︎

  11. Die Bezeichnungen a-, b- und c-Aufgaben sind an sich willkürlich gewählt und gehen auf Donders Präsentation seiner Methode zurück. Praktischer sind natürlich die deskriptiven Bezeichnungen, jedoch wissen Sie ab nun, wovon gesprochen wird, wenn von einer b-Aufgabe“ gesprochen wird.↩︎