In memoriam
O. Univ.-Prof. i.R. Dr.phil. Manfred Ritter (1940-2002)

Verfasst von Harald R. Bliem und Gerhard Lücke

 

Manfred Ritter

Am 6. Mai 2002 verstarb im Alter von 62 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit o.Univ.-Prof. i.R. Dr.phil. Manfred Ritter, langjähriger Vorstand des Instituts für Psychologie unserer Universität.

Manfred Ritter wurde am 27. April 1940 in Lustenau in Vorarlberg als erstes von drei Kindern des Sägearbeiters Gebhard Ritter und seiner Ehefrau, der Bauerntochter Elfriede geb. Vogl, geboren. Von 1946 bis 1952 besuchte er zunächst die Volksschule in Andelsbuch, anschließend die Hauptschule in Bezau und ab 1953 das Bundesgymnasium in Bregenz, an dem er 1959 maturierte. Nachdem er von 1959 bis 1960 den Präsenzdienst beim österreichischen Bundesheer abgeleistet hatte, begann er 1960 das Studium an der Universität Innsbruck mit den Hauptfächern Altphilologie und Germanistik, wechselte aber 1962 die Studienrichtung und studierte nun Psychologie im Hauptfach (mit Physiologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften als Nebenfächer).

Das Innsbrucker Psychologische Institut etablierte unter Theodor Erismann und Ivo Kohler nach dem Zweiten Weltkrieg seinen internationalen Ruf auf dem Gebiet der Erforschung der visuellen Wahrnehmung, deren Ergebnisse unter dem Namen „Innsbrucker Brillenversuche“ bzw. „Innsbruck studies“ in die Fachliteratur eingingen. Der damalige Institutsvorstand Univ.-Prof. Dr. Ivo Kohler erkannte die analytisch präzisen Fähigkeiten Manfred Ritters, Lösungsvorschläge für wissenschaftliche Probleme zu finden, die unter anderem auch die Erstellung experimentalpsychologischer Versuchsanordnungen notwendig machte. Bereits 1963 nahm M. Ritter als Mitarbeiter am Forschungsprojekt „Color Discrimination without Color Vision“ (Projektleitung Dr. A. Hajos) teil und wurde 1965 am Institut für Psychologie als wissenschaftliche Hilfskraft verpflichtet. Für das Forschungsprojekt „Studies in Artificially Disturbed Sensorimotor Coordination in Man“ (Projektleitung Doz. F. Thurner) konnte der junge Wissenschafter 1966 als Mitarbeiter gewonnen werden.

Nach Fertigstellung seiner Dissertation mit dem Thema „Experimente mit systematisch gestörter sensomotorischer Koordination“, und nach Abschluss der Rigorosen wurde M. Ritter 1969 sub auspiciis praesidentis rei publicae zum Dr. phil. promoviert. Bereits nach den Rigorosen im Jahre 1968 war er zum Hochschulassistenten am Institut für Psychologie in Innsbruck ernannt worden, wobei er diese Funktion allerdings nur für kurze Zeit ausübte. Im März 1969 ging er zu einem einjährigen Forschungsaufenthalt an die Psychologische Abteilung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München (Leitung: J.C. Brengelmann) und wechselte 1971 zunächst als wissenschaftlicher Angestellter, dann als Dozent für Allgemeine Psychologie an das Psychologische Institut der Philipps-Universität in Marburg/Lahn. Im Juli 1979 habilitierte er sich dort für das Fach Allgemeine Psychologie.

In Marburg konnte M. Ritter seine in Innsbruck begonnenen Forschungen fortsetzen und erweiterte seinen Forschungsschwerpunkt vor allem auf dem Gebiet der visuellen Wahrnehmung. So entstanden Arbeiten zur Bewegungswahrnehmung, zur Tiefenwahrnehmung und zur visuellen Richtungs- und Größenkonstanz, aber auch solche zum Entscheidungsverhalten bei emotionaler Labilität und zur Diagnostik sensorischer und motorischer Funktionen. Während der Jahre 1979 – 1981 übernahm M. Ritter auch die Vertretung einer C-4 Professur für Allgemeine Psychologie an der Universität Konstanz.

In Innsbruck wurde 1981 nach der Emeritierung seines Lehrers, o.Univ.-Prof. Dr. Ivo Kohler die Lehrkanzel für Allgemeine Psychologie vakant. Nachdem M. Ritter schon 1982/83 die Allgemeine Psychologie als Gastprofessor vertreten hatte, wurde er 1985 als Nachfolger von Ivo Kohler als Ordentlicher Professor für Allgemeine Psychologie an die Universität Innsbruck berufen. 1986 wurde er zum Institutsvorstand gewählt und bekleidete diese Funktion bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000. In den ersten Jahren als Professor in Innsbruck baute er, seinen Forschungs- und Lehrinteressen folgend, ein experimentalpsychologisches Labor und eine erneuerte Institutsbibliothek auf. Sein Arbeitseinsatz wurde von der Naturwissenschaftlichen Fakultät mit der Wahl zum Dekan (1989-1991) honoriert.

Anfang der 90er Jahre begann, bedingt durch ein immer ungünstiger werdendes Zahlenverhältnis von Lehrenden zu Studierenden, eine Phase der massiven Arbeitsbelastung, die M. Ritter und das gesamte Institut immer wieder bis aufs Äußerste forderte. Gerade während dieser schwierigen Zeit blieb M. Ritter seinen Prinzipien treu und ging nicht den Weg des geringsten Widerstandes. Sein wissenschaftliches Arbeiten war, wie seit je von ihm gewohnt, von hoher Qualität. Die von ihm betreuten mehr als 500 (!) Diplomarbeiten und Dissertationen zeichneten sich durch bemerkenswert hohes Niveau aus. Diese Arbeiten wurden von ihm, mit Unterstützung durch seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, intensiv und kritisch betreut. Die dabei untersuchten Fragestellungen stammten nicht nur aus seinem ursprünglichen Fachgebiet der „Allgemeinen Psychologie“, sondern aus fast allen Bereichen der Psychologie. Wie in seiner gesamten Lehre, so legte er auch bei diesen Arbeiten ganz besonderes Gewicht auf eine methodisch präzise Analyse der Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen funktionalen Bereichen und ihrer Bedeutung für alltägliches menschliches Handeln.

Seine fortgesetzte Beschäftigung mit den Problemen der menschlichen Wahrnehmung fand ihren Niederschlag vor allem in Publikationen, die in Zusammenarbeit mit dem Verlag „Spektrum der Wissenschaft“ in Heidelberg erschienen. 1986 gab er dort das Mehrautorenwerk „Wahrnehmung und visuelles System“ heraus und im Jahre 1997 die „Wahrnehmungspsychologie“, die von ihm bearbeitete und vor allem durch Ergebnisse der europäischen Forschung und Hinweisen auf deren Geschichte ergänzte deutsche Fassung des amerikanischen Standardlehrbuchs „Sensation and Perception“ von E. B. Goldstein. Für die Neuauflage der deutschsprachigen Fassung dieses Buches, die 2002 postum erschien, schrieb er ein eigenes Kapitel „Lageorientierung und vestibuläres System“.

Im Sommer 1998 wählte ihn das neue Fakultätskollegium nach UOG 1993 der Naturwissenschaftlichen Fakultät zu ihrem Vorsitzenden. Auch in dieser Funktion setzte er sich wieder mit vollem Einsatz für die Belange der Fakultät ein. Aber bereits zwei Jahre später entschloss er sich, für alle unerwartet, in den Ruhestand zu treten. Endlich wollte er genügend Zeit seinen Forschungen widmen können, die wegen der prekären personellen Situation am Institut während so vieler Jahre zurückstehen mussten. Diese Entscheidung wurde ihm nicht zuletzt dadurch erleichtert, dass seinen jahrelangen Bemühungen um die Errichtung einer dritten Professur am Institut, jener für Klinische Psychologie, endlich Erfolg beschieden war.

Sofort nach der Versetzung in den Ruhestand wandte Manfred Ritter seine Energie auf die Fertigstellung der 2. Auflage der „Wahrnehmungspsychologie“ und auf die zahlreichen Abschlussarbeiten, die es zu Ende zu betreuen galt. Zugleich begann er mit neuer Frische neue Experimente und ein neues Buch zur visuellen Wahrnehmung zu planen. Doch keine zwei Jahre waren ihm in diesem aktiven Ruhestand vergönnt. Im Frühjahr 2002 erkrankte Manfred Ritter schwer. Nur wenige Wochen zuvor diskutierte er mit einem von uns (H.B.) Fragen der visuellen Wahrnehmungsforschung und machte dabei in seiner freundlichen aber energischen Art eine Äußerung, die wir als sein Vermächtnis behalten wollen: dass die Wissenschaft von neuen Impulsen lebt und dass man sich nicht scheuen sollte, solche immer wieder zu setzen.


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Veröffentlichungen

Hajos, A. & Ritter, M. (1965). Experiments to the problem of interocular transfer. Acta Psychologica, 24, 81-90.

Ritter, M. (1968). Experimente mit systematisch gestörter sensumotorischer Koordination. Dissertation, Leopold Franzens Universitä Innsbruck.

Ritter, M., Lücke, G. & Zihl, J. (1973). Selektive Analyse von Bewegungsrichtung und Geschwindigkeit in der visuellen Wahrnehmung des Menschen. Psychologische Forschung, 36, 267-296.

Ehlers, Th., Kalveram, K.-Th. & Ritter, M. (1972). Psychophysiologische Korrelate des Entscheidungsverhaltens und emotionale Labilität. Ber. 28. Kongr. DGfPs Saarbrücken 1972 (Bd. 4, S. 33-46). Göttingen: Hogrefe.

Ehlers, Th., Kalveram, K.-Th. & Ritter, M. (1974). Entscheidungsverhalten bei labilen und stabilen Personen. Eine Untersuchung zur differentiellen Aktivierungshypothese. Zeitschrift für Psychologie, 182, 400-413.

Ritter, M. (1975). Eine Untersuchung zur Persistenz der visuellen Wahrnehmung bei Blickbewegungen. Berichte aus dem Fachbereich Psychologie der Universität Marburg (Nr. 45).

Ritter, M. (1975). Bewegungswahrnehmung: Selektive Analyse der Richtung und Geschwindigkeit in Abhängigkeit von der Musterung der Bewegungsreize. Berichte aus dem Fachbereich Psychologie der Universität Marburg (Nr. 46).

Ritter, M.( 1976). Evidence for visual persistence during saccadic eye movements. Psychological Research, 39, 67-85.

Ritter, M. (1977). Effect of disparity and viewing distance on perceived depth. Perception & Psychophysics, 22, 400-407.

Ritter, M. & Rotarius, Th. (1978). Eine Untersuchung zum Training der visuellen Differenzierung bei Grundschulkindern. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 10, 144—156.

Ritter, M. (1978). Bewegungswahrnehmung: Neuere Untersuchungsaspekte. Psychologische Rundschau, 29, 123-139.

Ritter, M. (1978).Unterschiedliche Erkennungszeiten für einfache und relative räumliche Abstände. Berichte aus dem Fachbereich Psychologie der Universität Marburg (Nr. 60).

Kalveram, K.-Th. & Ritter, M. (1979). On the formation of reference systems in visual motion perception. Psychological Research, 40, 397-405.

Ritter, M. (1979). Perception of depth: Processing of simple positional disparity as a function of viewing distance. Perception & Psychophysics, 25, 209-214.

Ritter, M. (1979). Stereoskopische Raumwahrnehmung des Menschen: Untersuchungsstand und offene Fragen. Psychologische Beiträge, 21, 563-588.

Ritter, M. (1979). Wahrnehmung dynamischer stereoskopischer Reize: Entsteht räumliche Tiefe auf Grund der Auswertung von Geschwindigkeitsquerdisparation? Berichte aus dem Fachbereich Psychologie der Universität Marburg (Nr. 74).

Ritter, M. (1979). Visuelle Richtungskonstanz: Wahrnehmung ruckartiger Bildversetzung während sakkadischer Augenbewegung. Berichte aus dem Fachbereich Psychologie der Universität Marburg (Nr. 75).

Ritter, M. (1980). Perception of depth: Different processing times for simple and relative positional disparity. Psychological Research, 41, 285-295.

Ritter, M. & Kalveram, K.-Th. (1981). Schein- und Realbewegung. Ein Vergleich der wahrgenommenen Geschwindigkeit bei unstetiger und stetiger Reizverschiebung. In L. Tent (Hrsg.), Erkennen - Wollen - Handeln. Beiträge zur Allgemeinen und Angewandten Psychologie. Göttingen: Hogrefe.

Ritter, M. (1983). Diagnostik sensorischer und motorischer Funktionen. In K.J. Groffmann & L. Michel (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie. Methodologie und Methoden Serie II. Psychologische Diagnostik Band 2. Intelligenz- und Leistungsdiagnostik. Göttingen: Hogrefe.

Ehlers, Th. & Ritter, M. (1984). Effects of the tetracyclic antidepressant pirlindole on sensorimotor performance and subjective condition in comparison to imipramine and during interaction of ethanol. Neuropsychobiology, 12 (1), 48-54.

Ritter, M. (1984). Size constancy as a function of fixation distance and retinal disparity. In L. Spillmann et al. (Eds.), Sensory Experience, Adaptation and Perception. Festschrift for Ivo Kohler. Hillsdale: Erlbaum.

Ritter, M. & Scheiblechner, H. (1984). Überprüfung von vier Hypothesen zur Wahrnehmung von relativen Abständen zwischen Gegenständen. Psychologische Beiträge, 26 (4), 582-607.

Ritter, M. (Hrsg.). (1986). Wahrnehmung und visuelles System. Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft.

Hajos, A. & Ritter, M. (1988). Ivo Kohler als Forscher und Lehrer. In G. Lücke & H. Pfister (Hrsg.), Ivo Kohler in memoriam. Arbeiten zur Psychologie, ihren Anwendungen und ihren Grenzgebieten. Veröffentlichungen der Universität Innsbruck (Nr. 136).

Goldstein, E.B. (1997). Wahrnehmungspsychologie (Dt. Übersetzung hrsg. von M. Ritter). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Goldstein, E.B. (2002). Wahrnehmungspsychologie (2. deutsche Ausgabe hrsg. von M. Ritter). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Ritter, M. (2002). Lageorientierung und vestibuläres System. In E.B. Goldstein, Wahrnehmungspsychologie (2. deutsche Ausgabe hrsg. von M. Ritter). Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.


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