Kurzer Abriss der Geschichte
des Instituts für Psychologie der Universität Innsbruck

Verfasst im März 1996 von Manfred Ritter.

 

Franz Hillebrand

Die Gründung des Instituts geht auf Franz Hillebrand (1863 - 1926) zurück. Er konnte erreichen, dass 1897 das Ministerium seine Zustimmung zur Errichtung eines Institutes für experimentelle Psychologie an der Universität Innsbruck gab. Das Institut war zunächst in einem Raum des Stadtspitals untergebracht; ab 1904 konnten für die Psychologie einige Räume in dem neu errichteten Gebäude für die Fächer der Physik, Meteorologie, Hygiene und Physiologie vorgesehen werden. Franz Hillebrand war 1896 als ordentlicher Professor für Philosophie an die Innsbrucker Universität berufen worden. Seine Studien der Philosophie hatte er in Wien und Prag absolviert und er war besonders von Franz Brentano, einem seiner Lehrer, in seiner Sicht der Psychologie beeinflusst worden.

In die experimentelle Forschung wurde Hillebrand durch die beiden an der Universität Prag wirkenden Forscher, den Sinnesphysiologen Ewald Hering und den Experimentalphysiker Ernst Mach, eingeführt.An der Universität Innsbruck war der Schwerpunkt seiner Forschung die experimentelle Untersuchung der Raumwahrnehmung. Seine Beiträge zu den Bestimmungsgrößen der Raumwahrnehmung, zur Geometrie der Raumwahrnehmung, der Beziehung zwischen wahrgenommener Größe und Beobachtungsentfernung und seine Untersuchungen zur Stabilität der visuellen Wahrnehmung stellen grundlegende und international anerkannte Ergebnisse der Wahrnehmungsforschung dar. Seine Lehrveranstaltungen umfassten sowohl Psychologie wie auch Philosophie, und aus dieser vor allem Erkenntnistheorie.

 

Theodor Erismann 01

Als Nachfolger Hillebrands wurde 1927 Theodor Erismann (1883 - 1961) nach Innsbruck berufen. Sein Studium hatte er in Zürich mit einer experimentellen Arbeit aus Physik abgeschlossen, war dann Assistent beim Psychologen Gustav Störring in Bonn und hatte sich dort für das Gesamtgebiet der Philosophie einschließlich der Psychologie habilitiert. Seine Interessen lagen zu gleichen Teilen auf beiden Gebieten, dem der Philosophie und der Psychologie. Eines seiner philosophischen Anliegen war die Analyse der 'Eigenart des Geistigen' und die damit verbundenen Unterschiede naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Methodik in der Psychologie. Der zweite Schwerpunkt seiner Arbeit betraf die Untersuchung der Entstehung der Wahrnehmung. In seiner Zeit begannen dazu am Institut die später so genannten 'Innsbrucker Brillenversuche', welche in der Folge wichtige Ergebnisse über die Entstehung der Wahrnehmung und die damit verbundenen Anpassungs- und Lernleistungen des Menschen erbrachten. In der Anfangsphase der Umkehrbrillenversuche arbeitete neben dem Assistenten Ivo Kohler auch Hubert Rohracher (1903 - 1972), der sich 1932 mit einer Arbeit über die Prozesse des Wollens bei Erismann habilitiert hat und später langjähriger Vorstand des Psychologie-Institutes der Universität Wien war, an diesem Projekt mit.

Als weitere Arbeitgebiete Erismanns sind seine Arbeiten zur Entwicklung des logischen Schließens bei Kindern, zur Berufsarbeit, zur Berufsberatung, der Rechtspsychologie und der massenpsychologischen Erscheinungen zu nennen. (1944 hatte Erismann in einem öffentlichen Vortrag zum Thema 'Psychologie der Masse' mit einer antinationalsozialistischen Stellungnahme seine Sicht zur damals herrschenden Politik dargelegt.) In den weiteren Jahren wandte er sich stärker der Arbeit an philosophischen Problemen zu. Sein Buch 'Wahrscheinlichkeit im Sein und Denken' erschien 1954, kurz vor seiner Emeritierung. In diesem behandelt er die induktive Erkenntnisgewinnung.

 

Nach der Emeritierung Theodor Erismanns war die Professur für Philosophie zweigeteilt worden, in eine Professur für Psychologie und eine Professur für Philosophie. 1956 wurde Ivo Kohler (1915 - 1985) auf die neu geschaffene Professur für Psychologie berufen und als Vorstand des Instituts für experimentelle Psychologie bestellt. Kohler hatte sich als Assistent bei Erismann in beiden Fächern der Psychologie und der Philosophie habilitiert.

Der Name Ivo Kohler ist vor allem mit den wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen und Ergebnissen aus den 'Innsbrucker Brillenversuchen' verbunden, die weite internationale Anerkennung gefunden haben. In diesem Forschungsprojekt wurde analysiert, wie die menschliche Wahrnehmung durch eigene Korrekturprozesse ihre Organisation aufbaut und aufrechterhält. Als Methode wurde die systematische Störung der Wahrnehmung angewendet, eine Methode, die Kohler von Erismann übernommen und weiter verfeinert hatte. Die teilnehmenden Personen trugen in länger dauernden Versuchen (bis zu mehreren Monaten) Prismenbrillen, welche oben und unten vertauschten, oder Brillen mit bildverzerrenden Prismen, Halbprismen, Farbgläsern und Farbhalbgläsern. Die Anpassung an diese 'neue' Welt wurde an Hand ihrer Protokolle sowie durch Beobachtung und experimentelle Prüfungen verfolgt. Auf diese Weise wurde herausgefunden, wie die Stabilität und Ordnung in der subjektiven Wahrnehmungswelt im Verlauf der Adaptationsperiode wieder hergestellt wird und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. In methodischer Hinsicht waren die Versuche durch die Verbindung der 'subjektiven' Berichte der Personen mit den quantitativen Messungen der Adaptationsleistungen wie auch durch ihre Einbettung in den normalen Alltag richtungsweisend. Inhaltlich sind die erzielten Ergebnisse wesentlich für das Verständnis der Zusammenarbeit der verschiedenen Wahrnehmungssysteme, für das Wahrnehmungslernen und die Rolle, welche die aktive Motorik dabei spielt, sowie für die generelle Bewertung der Plastizität der Wahrnehmung.
Weitere wichtige Beiträge Kohlers betreffen seine Untersuchungen über die Orientierung blinder Personen und zahlreiche Arbeiten zu wahrnehmungstheoretischen und auch erkenntnistheoretischen Problemen.

I Kohler-Warning in the dark in the wood


Bis etwa 1965 konnten die oben genannten Forschungsprogramme gleichgewichtig mit den Lehraufgaben des Instituts zusammen mit den Mitarbeitern und den Dissertanten und Dissertantinnen durchgeführt werden. Die weitere Aufgliederung des Fachgebietes Psychologie, ferner die Berücksichtigung von Ausbildungserfordernissen, welche sich aus der psychologischen Berufspraxis ergaben, und schließlich das beginnende Ansteigen der Anzahl der Studierenden erforderten strukturelle Änderungen. Um dieser Entwicklung auch in der Benennung des Instituts Rechnung zu tragen, wurde 1965 das Institut für experimentelle Psychologie in Institut für Psychologie umbenannt. Es konnte erreicht werden, dass eine zweite Professur eingerichtet wurde, welche dem Gebiet der Angewandten Psychologie gewidmet wurde. Auf sie wurde 1975 Dieter Klebelsberg (geb. 1928) berufen. Seine Forschungstätigkeit förderte besonders das Gebiet der Verkehrspsychologie. Sein Lehrbuch der Verkehrspsychologie wurde zu einem Standardwerk im deutschen Sprachraum.

Die seit 1899 (mit einer Unterbrechung zwischen 1939 und 1945) bestehende Philosophische Rigorosenordnung, die auch für das Studium der Psychologie galt, wurde in den 70iger Jahren durch neue Studiengesetze abgelöst. Im Zuge dieser Gesetze wurde das Studium der Psychologie als eine eigene Studienrichtung mit einem Diplomabschluss eingeführt.

1983 trat diese Regelung auch für die Psychologie in Innsbruck in Kraft. 1985 konnte das Institut in Räume des neu errichteten Bruno-Sander-Hauses der Naturwissenschaftlichen Fakultät einziehen. Dies verbesserte zumindest die räumliche Situation etwas. In den folgenden Jahren stieg allerdings die Anzahl der Studierenden in Psychologie weiterhin stark an. Diese Entwicklung und die Stagnation im Personalstellen-Ausbau führte dazu, dass bezogen auf die beiden Aufgaben eines Universitätsinstitutes Forschung und Lehre ein zu großer Anteil der am Institut bestehenden Arbeitskapazität für die Durchführung der Lehraufgaben eingesetzt werden muss.


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Ausgewählte Literaturhinweise

Hillebrand, Franz (1902). Theorie der scheinbaren Größe beim binokularen Sehen. In, Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Wien, mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse (Bd. 72, S. 255-307).

Hillebrand, Franz (1920). Die Ruhe der Objekte bei Blickbewegungen. Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, 40, 213.

Erismann, Theodor (1924). Die Eigenart des Geistigen, induktive und einsichtige Psychologie. I. und II. Teil. Leipzig: Verlag Quelle und Meyer.

Erismann, Theodor (1947). Das Werden der Wahrnehmung. Die Gesichtswahrnehmung in ihrer Abhängigkeit von anderen Sinnesgebieten und von der eigenen Vergangenheit. Kongreßbericht des Verbandes Deutscher Psychologen in Bonn 1946. Hamburg.

Kohler, Ivo (1951). Über Aufbau und Wandlungen der Wahrnehmungswelt. Insbesondere über 'bedingte Empfindungen'. Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-histor. Klasse; Sitzungsberichte (227. Band, 1. Abhandlung). Wien: Rohrer. (Englische Ausgabe: Kohler, Ivo (1964). The formation and transformation of the perceptual world. Psychological Issues 3(4), Monograph 12. International Universities Press. New York.)

Kohler, Ivo (1966). Die Zusammenarbeit der Sinne und das allgemeine Adaptationsproblem. In W. Metzger (Hrsg.), Handbuch der Psychologie. Allgemeine Psychologie, I/1. Göttingen: Hogrefe Verlag.

Klebelsberg, Dieter (1982). Verkehrspsychologie. Berlin: Springer Verlag.


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