Metapictor
Projektbeschreibung

Im Rahmen eines vom FWF geförderten Forschungsprojekts sind am Institut für Kunstgeschichte unter der Leitung von Lukas Madersbacher drei Projektmitarbeiterinnen damit beschäftigt, eine Lücke in der Erforschung der Malerei der europäischen Renaissance zu schließen. Erstmals soll das Phänomen integrierter Selbstbildnisse, d. h. der porträthaften Selbstdarstellung eines Künstlers im Kontext des eigenen Werks, systematisch erfasst und ausgewertet werden.

 

Benozzo Gozzoli, Zug der Könige

Abb. 1: Benozzo Gozzoli, Zug der Könige, 1459–1462, Florenz, Palazzo Medici-Riccardi (Ausschnitt): Der Künstler macht es dem Projektteam mit dem Anbringen seines Namenszugs auf der Kappe leicht (OPUS BENOTTI) – allerdings ist dies ein seltener Fall. Wie die meisten seiner Kollegen kennzeichnet er sein Selbstporträt zudem über den „direkten Blick zum Betrachter“, der als Zeichen seiner Mittlerrolle als allgemeines Merkmal für Künstlerselbstporträts gilt. Auch die rote Kopfbedeckung weist als „Künstlerkappe“ direkt auf seine Profession (Annette Scherer, 2004). (Abb. gemeinfrei)

 

Ein Grundlagenforschungsprojekt zu den Fragen, weshalb, wie und wo überall Künstler ihr eigenes Bildnis an der Wende vom Spätmittelalter zur Neuzeit in größere Bilderzählungen integrierten, ist ein vielfach formuliertes Desiderat. Im 16. Jahrhundert wird diese Praxis in der europäischen Malerei zu einer omnipräsenten Selbstverständlichkeit werden. Die Basis und die Vorbedingungen dafür, die das 15. Jahrhundert schuf, liegen aber, abgesehen von schlaglichtartigen Einzeluntersuchungen, im Dunkeln. Einige frühe integrierte Selbstbildnisse sind weltberühmt – so etwa jenes Jan van Eycks, der im sogenannten Verlöbnis der Arnolfini (London, National Gallery) in einem gemalten Spiegel zur Szene hinzutritt oder jenes des Sandro Botticelli, der sich in das Gefolge der Hl. Drei Könige einreihte (Florenz, Uffizien) und selbstbewusst aus dem Bild blickt.

 

Abb. 2: Sandro Botticelli, Anbetung der Könige (Del-Lama Anbetung), um 1475, Florenz, Uffizien (Ausschnitt): Ausnehmend selbstbewusst und mit eindringlichem Blick stellt sich der Künstler zur Schau – es verwundert nicht, dass gerade dieses Selbstbildnis die Einbände zahlreicher Publikationen zum Maler ziert. Dabei kann es keineswegs als gesichert angesehen werden. Der Vorschlag, in der Figur den Künstler zu sehen, kam erst Ende des 19. Jahrhunderts von Hermann Ulmann. Bereits Giorgio Vasari beschrieb das Gemälde in seinen Künstlerbiografien (1550, 1568) ausführlich, gab allerdings keinen Hinweis auf ein eventuelles Selbstbildnis. (Abb. gemeinfrei)

Sandro Botticelli, Anbetung der Könige

 

Doch darüber hinaus existieren unzählige weitere Beispiele, die mit unterschiedlicher Glaubwürdigkeit vorgeschlagen wurden und diskutiert werden oder solche, die trotz aller Auffälligkeiten noch niemals thematisiert wurden, wie etwa das des Rueland Frueauf d. J. in der Enthauptung des Johannes (Klosterneuburg, Stiftsmuseum). Das Projekt macht es sich zur Aufgabe, sämtliche greifbaren Zeugnisse für diesen Bildnistypus im geografischen Rahmen des italienischsprachigen, deutschsprachigen und niederländischen Raums systematisch zu erfassen und auszuwerten.

Die Forschungsergebnisse werden zum einen in einer Open-Access-Datenbank frei zugänglich gemacht. Zum anderen sollen Anstöße geliefert werden, das Sujet in Hinblick auf seine Bedeutung für die Entwicklung auktorialer und medienreflexiver Bildstrategien zu hinterfragen. „In dieser angestrebten Doppelperspektive aus Materialerschließung und theoretischer Reflexion liegt das Potential des Vorhabens, einen fundamentalen Beitrag zur Frühgeschichte ‚des Künstlers‘ zu leisten.“ (Zitat aus einem der anonymen Gutachten zum FWF-Antrag)

Erfassung, Analyse und Interpretation sind die wesentlichen Schlagworte für die Systematik der Datenbank. Die Datensätze beinhalten neben grundlegenden Informationen zu Künstler und konkretem Werk den umfassend erhobenen Forschungsstand zu den eingebrachten Selbstbildnissen sowie detaillierte und standardisierte Analysen der Künstlerporträts. In einer Open-Access-Aufbereitung erlauben es die Katalogeinträge der internationalen Forschungsgemeinschaft, das erarbeitete Material gezielt abzufragen und für unterschiedlichste Forschungsansätze auszuwerten.

 

Hugo van der Goes, Anbetung der Könige

Abb. 3: Hugo van der Goes, Anbetung der Könige (Monforte-Altar), um 1470, Berlin, Staatliche Gemäldegalerie (Ausschnitt): „Anbetungsszenen“ bzw. der „Zug der Könige“ sind allgemein bevorzugte Ikonografien für integrierte Künstlerselbstbildnisse. Anders als in Italien spielen sich die Maler nördlich der Alpen allerdings meist klein, partiell überschnitten, im sogenannten „Humilitas-Gestus“ (Demutsformel) in den Hintergrund ein (Justus Müller Hofstede, 1998). Aus dem Vorgehen entwickelte sich ein vieltradiertes System – zahlreiche Selbstdarstellungen sind gerade in der Nachfolge von van der Goes zu finden (Jochen Sander, 1999). (Abb. gemeinfrei)

 

Darüber hinaus liegt der zu erwartende Mehrwert – und dieser zeichnet sich schon in der jetzigen sehr frühen Phase ab – in neuen Einsichten in die Entwicklungstraditionen, die dem Sujet zu Grunde liegen. So wird beispielsweise bereits deutlich, dass sich in den verschiedenen Kulturlandschaften und sogar innerhalb einzelner Künstlerwerkstätten sehr spezifische Strategien herausbildeten. Gleichzeitig wird die Unterschiedlichkeit der Systeme bildnishafter Selbstinszenierung greifbar. Sowohl in rein formaler wie in ikonografischer Hinsicht etablierte sich in der europäischen Malerei ein Spektrum an Möglichkeiten, deren Auswertung vielfältige neue Erkenntnisse verspricht.

Der FWF bewilligte das vierjährige Forschungsprojekt, das mit Andreas Beyer (Universität Basel), Stephen J. Campbell (Johns Hopkins Universität, Baltimore), Susanne Wegmann (TH Köln) und Wolfgang Augustyn (ZI für Kunstgeschichte, München) auf namhafte Unterstützer verweisen kann, bereits im ersten Anlauf mit einer Fördersumme von € 406.215,60. Das Projektteam besteht aus Elisabeth Krabichler, die mit ihrem Dissertationsvorhaben den Grundstein für das Projekt legte, Désirée Mangard und Verena Gstir. Für 2022 ist eine Tagung mit internationalen TeilnehmerInnen aus dem Gebiet der Selbstbildnisforschung geplant, die auch dem interessierten Publikum offen stehen soll.

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