2.3 Fach Kirchenrecht

Nach katholischem Verständnis ist die Kirche sowohl Heils- als auch Rechtsgemeinschaft (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium 8). Das Kirchenrecht regelt die Beziehungen der Gläubigen untereinander und zu Kirche als ganzer im Hinblick auf die Verwirklichung der kirchlichen Sendung. Die primäre Aufgabe des Kirchenrechts liegt in der Gewährleistung jener Rahmenbedingungen, innerhalb deren die Gläubigen ihren Heilsweg in Freiheit und Verantwortung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft gehen können. Angesprochen sind insbesondere die rechtliche Verfassung der Kirche und die Ordnung ihres Verkündigungs- und Heiligungsdienstes. Das Kirchenrecht kennzeichnet eine pastorale Ausrichtung, in der die Beachtung des Seelenheils (salus animarum; vgl. Can. 1752) eine zentrale Stelle einnimmt.

Unmittelbarer Gegenstand ist das Recht der katholischen Kirche, das sich auf zwei große Rechtskreise erstreckt, das Recht der lateinischen Kirche und das Recht der katholischen Orientalischen Kirchen. Die Kirchenrechtswissenschaft beschäftigt sich aber auch mit dem so genannten Staatskirchenrecht/Religionsrecht, d. h. mit dem vom Staat in religiösen und kirchlichen Angelegenheiten erlassenen Recht, das die Beziehungen zwischen dem Staat und den Religionsgemeinschaften regelt, sowie mit dem Kirchenvertragsrecht, d. h. jenen Vereinbarungen, die – insbesondere in Form von Konkordaten – die konkrete Ausgestaltung dieses Verhältnisses von Staat und Kirche näher bestimmen.

Die Hauptaufgabe des Faches ist die Darlegung und Interpretation der geltenden kirchenrechtlichen Normen (Rechtsdogmatik), die theologische (Kirchenrechtstheologie) und rechtsphilosophische Begründung (Kirchenrechtstheorie) dieser Normen sowie die Erforschung ihrer geschichtlichen Entwicklung (kirchliche Rechtsgeschichte, Geschichte der Quellen des kirchlichen Rechts).

2.3.1 Bezug zur Praktischen Theologie

Kirchenrechtliche Normen wollen einerseits Freiräume für die Verwirklichung der kirchlichen Sendung – die alle Getauften angeht, ob einzeln oder in Gemeinschaft – schaffen und sichern. Das Recht eröffnet auf diese Weise Freiräume für pastorales Handeln. Anderseits zeigen Normen auch Grenzen auf, deren Überschreitung die Verwirklichung der Sendung der Kirche behindern bzw. in Gefahr bringen können. Das Kirchenrecht steht so im Dienste der Bewahrung der Kontinuität der Kirche mit ihren Ursprüngen in der Verkündigung der Apostel und der Ausrichtung des kirchlichen Lebens am Glauben der Kirche. Recht setzt daher pastoralem Handeln auch Grenzen.

Darüber hinaus ist es Aufgabe des Faches, an der Rechtsentwicklung mitzuwirken, damit das Recht in zeit- und sachgerechter Weise seinen kirchlichen Auftrag erfüllen kann. Unter der Perspektive der Rechtsentwicklung stellt daher die Zusammenarbeit mit der Pastoraltheologie bzw. Praktischen Theologie einen wichtigen Faktor dar.

Für das kirchliche Handeln eröffnet das Recht Strukturen, die im Dienste der innerkirchlichen Kommunikation stehen. Zum einen wirkt die Beachtung des Rechts konfliktvermeidend zum anderen bietet es im Falle von eingetretenen Konflikten rechtliche Kriterien und Verfahren an, die Konflikte einer an Gerechtigkeit und Billigkeit orientierten Lösung zuzuführen helfen. Hier könnten sich Anknüpfungspunkte zum Forschungsansatz der Kommunikativen Theologie auftun, um diese kommunikationsrelevante Dimension des kirchlichen Rechts stärker herauszuarbeiten.

Wegen dieses Bezugs zur Praktischen Theologie hält das Fach Kirchenrecht seine Integration in das Institut für Praktische Theologie für gerechtfertigt. Die Annäherung an die praktisch-theologischen Disziplinen soll in Zukunft intensiviert werden.

2.3.2 Bezug zu anderen theologischen und humanwissenschaftlichen Disziplinen      

Da die Wurzeln des kirchlichen Rechts neben dem Naturrecht (ius divinum naturale) wesentlich in dem in der Offenbarung enthaltenen göttlichen positiven Recht (ius divinum positivum) liegen, ergibt sich eine notwendige Verbindung mit den bibelwissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere mit der neutestamentlichen Wissenschaft, um unter rechtstheologischer Rücksicht die offenbarungsrechtlichen Grundlagen des kirchlichen Rechts erarbeiten und klären zu können. Dies ist auch im Hinblick auf den Dialog mit der evangelischen Kirchenrechtswissenschaft unumgänglich.

Das im Anschluss an das II. Vatikanische Konzil erneuerte Kirchenrecht richtet sich am theologischen Wesensverständnis der Kirche aus. Somit kommt dem Gespräch mit der Dogmatik, insbesondere der Ekklesiologie (Lehre über die Kirche), hinsichtlich der Herausarbeitung des Inhalts kirchenrechtlicher Normen eine unverzichtbare Rolle zu.

Wenn das Kirchenrecht auch seine inhaltlichen Grundlagen wesentlich in der Ekklesiologie findet, bleiben für die Kirche als einer aus göttlichen und menschlichen Elementen zusammengesetzten komplexen Größe die Wirkgesetze der sozialen Natur des Menschen aufrecht, weshalb die Prinzipien der Katholischen Soziallehre – Personalität, Solidarität, Subsidiarität – auch für die Ausgestaltung der kirchlichen Rechtsordnung bedacht werden müssen.

Die vorhin genannte pastorale Ausrichtung des Kirchenrechts steht jedoch nicht im Widerspruch zu seinem Rechtscharakter, weshalb auch der Dialog mit den modernen Rechtswissenschaften gesucht werden muss, um mit ihnen in einen wechselseitigen fruchtbaren Austausch zu treten. Es geht darum, die Errungenschaften der modernen Rechtswissenschaften in die Methodik der Kanonistik (Wissenschaft vom Kirchenrecht) und Gestaltung der kirchlichen Rechtsordnung sinnvoll zu integrieren.



 

 

 

Nach oben scrollen