Iran

Blog: Ziviler Ungehorsam im Iran

Widerstand gegen das iranische Kopftuchverbot erlebt viel Solidarität. Dabei werden gelebte Realitäten der Aktivistinnen oftmals verkannt. 

Von Lena Drummer und Adham Hamed

 

Seit die mutige Iranerin Vida Movahed Ende Dezember öffentlich ihr Kopftuch abgenommen und wie eine weiße Fahne an einen Stock gebunden hat, schließen sich immer mehr Frauen ihrem Protest an und stellen sich entschlossen gegen die Revolutionsgarden. Den strikten Gesetzen zum Trotz zeigen auch sie zivilen Ungehorsam und folgen Movaheds Beispiel. Dabei zeigt sich, dass das seit der Islamischen Revolution 1979 aufrechte repressive iranische Regime, welches Frauen zum Tragen des Kopftuchs im öffentlichen Raum verpflichtet, mit erheblichem Widerstand von innen zu kämpfen hat.

Manch westliche Feministinnen jubeln, meinen sie doch einen Schritt ihrer muslimischen Schwestern aus der gemeinsam erfahrenen Unterdrückung zu erkennen. Sie finden ihre eigenen Anliegen im Kampf der iranischen Frauen wieder, verkennen dabei jedoch die Verschiedenheit gelebter Realitäten von Frauen in unterschiedlichen Kontexten. Gewissermaßen homogenisieren sie das gemeinsame Frausein, ohne zwischen den jeweiligen Umständen zu differenzieren, die von mannigfaltigen Dimensionen, wie kulturellen, sozioökonomischen und politischen Faktoren abhängen.

Solidaritätsbekundungen gibt es auch aus ganz anderen politischen Richtungen, etwa von rechter aber auch liberaler Seite – freilich aus zumeist anderen Beweggründen: das Bild von Frauen, die es vor orientalischen Männern zu retten gelte, wird für sie spätestens nach dem einmonatigen Verschwinden Movaheds und der Verhaftung von zumindest 29 Frauen, die ihrem Beispiel in landesweiten Protesten folgten, bestätigt. Die Vorstellung eines unterentwickelten Orients, der dem westlichen Abendland in seiner Entwicklung hinterherhinkt, wird für sie durch die Repressionen in Reaktion auf den Protest manifest: „Die leben noch im Mittelalter“, ist eine hierzulande recht geläufige Meinung über das vermeintlich Fremde. Europäischer Lebensstil wird dabei zur universell erstrebenswerten Norm erhoben. Das resultiert in Österreich unter anderem in Rufen nach Kopftuchverboten im öffentlichen Raum. Dass diese Forderung zumeist über die Köpfe von muslimischen Frauen hinweg getroffen und somit einmal mehr zum Zwang werden kann, interessiert dabei wenig.

All diese Positionen haben trotz ihrer ideologischen Unterschiede in der Regel eines gemein: sie verkennen den Kern der Proteste, nämlich die Erweiterung der Handlungsmacht iranischer Frauen in einem spezifischen, zumeist urbanen Kontext. Mit westlichen Idealen hat das nur bedingt zu tun – schon gar nicht ist dies ein Schritt auf der Entwicklungsleiter in Richtung europäische Verheißung. Vielmehr reihen sich die aktuellen Proteste, in denen es nicht nur um Frauenrechte, sondern auch um Korruption, die Erhöhung von Lebenskosten und Arbeitslosigkeit geht, in eine lange historische Protestkultur ganz unterschiedlicher Gruppierungen innerhalb des politischen Systems des Iran ein. Im Wesentlichen hatten diese immer mit der Frage zu tun, wie politisch marginalisierte Gruppen — im konkreten Fall Frauen — ihre Handlungsmacht erweitern können. Das Abnehmen des Kopftuches ist hierfür ein mögliches Mittel zum Zweck in einem viel breiter geführten gesellschaftlichen Machtkampf. Solidarität mit den Demonstrantinnen ist dabei grundsätzlich zu begrüßen. Über die jeweils eigenen dahinterstehenden Beweggründe gilt es aber zu reflektieren.

Lena Drummer ist Mitglied des Doktoratskollegs Dynamiken von Ungleichheit und Differenz im Zeitalter der Globalisierung der Universität Innsbruck.

Adham Hamed ist Universitätsassistent am Institut für Politikwissenschaft und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich für Friedens- und Konfliktforschung der Universität Innsbruck.

 

Dieser Text wurde in einer gekürzten Fassung im Format „Brief an Tirol in der Tiroler Tageszeitung vom Sonntag, 25.2.2018 publiziert

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