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Blog: Bereit für gute Nachrichten?

18.05.2021: Krisen, Kriege, Katastrophen - zahlreiche Medien halten sich an traditionelle Nachrichtenwerte. Oft werden die "guten" Nachrichten dabei vergessen. Eine Masterarbeit am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck untersuchte nun eine konstruktivere journalistische Form, die die Welt ganzheitlicher darstellen will.

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Von Clara Maier

 

In den Medien muss nicht immer alles negativ sein, die Welt ist es nämlich auch nicht - diese Ansicht vertritt eine aktuelle Strömung im Journalismus. Der konstruktive Journalismus versucht, die Welt ausgewogener darzustellen, mit ihren guten und ihren schlechten Seiten. Er will Lösungen statt Probleme aufzeigen, Hintergründe tiefgründiger beleuchten, Themen in einen Kontext einbetten und den Menschen besser erklären. Darüber hinaus forciert er den Prozess, Lösungen zu finden, falls diese noch nicht vorhanden waren. Der dänische Nachrichtenchef Ulrik Haagerup, bedeutender Vertreter des konstruktiven Journalismus und Gründer des Constructive Institutes, brachte vor einiger Zeit dänische Jungpolitikerinnen und -politiker an einen Tisch und ließ sie so lange diskutieren, bis alle gemeinsam an einem Strang ziehen konnten. Auch die Probleme einer Schulklasse ließen sich so in eine konstruktive Debatte umformen. Haagerup beschreibt diese Beispiele sowie sein Konzept des konstruktiven Journalismus in seinem Buch Constructive News: warum ‚bad news‘ die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren. Das Buch ist 2015 in deutscher Übersetzung erschienen. Seither haben es ihm einige Kolleginnen und Kollegen gleichgetan und bemühen sich um einen konstruktiveren Zugang im Journalismus, auch im deutschsprachigen Raum.

Positiv, aber professionell

In Deutschland gibt es bereits ein eigenes konstruktives Online-Magazin, Perspective Daily, eigene Formate in reichweitenstarken Medien wie #lösungsfinder der tagesschau, plan b des ZDF, Info Perspektiven des NDR, die Video-Formate MaiLab, strg f und Y Kollektiv von Funk und einige mehr. In Österreich und der Schweiz ist das Angebot geringer. Aber auch hier gibt es ambitionierte Journalistinnen und Journalisten: Der Standard brachte etwa Diskussionsformate, angelehnt an jene der Zeit, nach Österreich; der 20er zeigte Ende vergangenen Jahres 20 Tiroler Lichtblicke auf der Titelseite und im Dossier; die Vorarlberger Nachrichten starteten mit einer konstruktiven Ausgabe in das Jahr 2021, der Podcast Erklär mir die Welt beleuchtet Hintergründe und bereitet Themen verständlicher auf. Dennoch fehlt es an großflächiger, massenmedial vermittelter Konstruktivität. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass das Wissen über diese journalistische Form noch nicht weit genug reicht. Kritische Stimmen fanden diesen Zugang noch vor einiger Zeit zu naiv und zu weit von professionellen journalistischen Prinzipien entfernt. Dass die lösungsorientierte Form der Berichterstattung eine "Schönfärberei" der Ereignisse sei - und sich der professionelle Journalismus daher davon distanzieren müsse -, dem widersprechen die Vertreterinnen und Vertreter jedoch. Journalismus dürfe sich ihnen zufolge nie von den Berufsstandards entfernen, sondern müsse weiterhin kritisch und aufmerksam bleiben. Trotzdem sei die Welt nun mal nicht ganz so negativ wie sie inzwischen oft dargestellt wird. Journalistinnen und Journalisten könnten bessere Arbeit leisten, wenn sie nicht nur die Kontrollfunktion politischer und wirtschaftlicher Eliten innehaben, sondern auch über positive Initiativen, Entwicklungen und Fortschritte berichten. Die übertriebene Negativität würde die Konsumentinnen und Konsumenten inzwischen eher abschrecken. Sie wenden sich von den Medien und aktueller Berichterstattung ab - was demokratiepolitisch besonders bedenklich ist - und sehnen sich nach konstruktiven, lösungsorientierten Berichten. Einige Studien aus der Psychologie, etwa von Catherine Gyldensted und Karen McIntyre, zeigen auch, dass sich der konstruktive Zugang positiv auf das Wohlbefinden derjenigen auswirkt, die die Berichte konsumieren. Betont wird auch immer wieder der wirtschaftliche Vorteil des konstruktiven Ansatzes: "Gute Nachrichten" führen vermehrt zu Online-Interaktion, Shares, Likes und höherer Verweildauer.

 

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Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Immer mehr Medien versuchen auch die Grautöne in den Vordergrund zu rücken. (Credits: TeeFarm on Pixabay.com)

Status quo und Entwicklungsperspektiven

Trotz alldem ist noch nicht ganz sicher, ob konstruktiver Journalismus einen nennenswerten Beitrag zum deutschsprachigen Journalismus leisten kann, und wie er sich zukünftig entwickeln könnte. Den aktuellen Stand, die Herausforderungen und Chancen des konstruktiven Journalismus im deutschsprachigen Raum habe ich in meiner Masterarbeit Bereit für gute Nachrichten? Konstruktiver Journalismus im deutschsprachigen Raum: Status quo und Entwicklungsperspektiven am Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck (unter Betreuung von Marcelo Jenny) untersucht. In einem quantitativ-qualitativen Methodenmix wurden 453 zukünftige Journalist*innen und Medienmacher*innen via Online-Umfrage befragt, zudem wurden drei ausgewählte Personen aus der österreichischen journalistischen Praxis in persönlichen Gesprächen interviewt. Dieser Methoden-Mix ermöglichte es, zuerst einen Überblick über das Interesse, den Wissensstand und das Potential des konstruktiven Journalismus unter jenen, die zukünftig im Journalismus tätig sein werden, zu schaffen. Sie konnten in dem anonymisierten Kontext frei antworten, ohne sich zu sozial erwünschten Antworten hinreißen zu lassen, und wurden von keiner externen Person beeinflusst. Die persönlichen Interviews mit einem Medienforscher, einer Chefredakteurin und einer freien Journalistin ergänzten die Analyse mit Perspektiven aus der Praxis - besonders hinsichtlich der Chancen und Herausforderungen bei der Umsetzung des Konzeptes.

So schlimm ist die Welt doch nicht

Die meisten Befragten in der journalistischen Ausbildung empfanden die derzeitige journalistische Berichterstattung, wie in Abbildung 1 ersichtlich, eher als zu negativ - vor allem, wenn es sich um Berichte außerhalb der EU handelt. Diese wurden von rund 64 Prozent der Befragten als viel zu negativ oder als zu negativ empfunden. Auch Inlands- und EU-Berichte schnitten nicht gut ab. Die Lokalberichterstattung wird im Gegensatz dazu von nur rund 20 Prozent als zu negativ empfunden.

 

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Abbildung 1: Zufriedenheit mit der Praxis der Berichterstattung in Prozent; n=453. (Quelle: eigene Erhebung)

 

Auch mehr als die Hälfte der Befragten stimmte zu, dass die Welt negativer dargestellt wird als sie ist, während nur 15 Prozent der Meinung waren, dass sie besser dargestellt wird, als sie eigentlich ist. Diese Ergebnisse bestätigten, was Haagerup bereits Anfang des Jahrhunderts empfunden hat: Die Medien machen die Welt oft schlechter als sie ist.

Ja, bitte konstruktiv

Die Befragten drückten auch einen Wunsch nach konstruktiven Elementen in der Berichterstattung aus, wenn sie sich zwischen konstruktiven und nicht-konstruktiven Elementen entscheiden mussten, wie Abbildung 2 zeigt.

 

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Abbildung 2: Bewertung der Bedeutsamkeit konstruktiver und nicht-konstruktiver Elemente; n=453. (Quelle: eigene Erhebung)

 

Deutlich zeigte sich, dass sich die Befragten von den Medien wünschen, öffentliche (Streit-)Debatten anzuregen anstatt diese zu vermeiden, komplexe Zusammenhänge zu erklären anstatt ausschließlich kurze, einfache Berichte zu veröffentlichen und Politik und Wirtschaft je nach Ereignis positiv oder negativ darzustellen anstatt sie ausschließlich zu kritisieren. Knapp unter der durchschnittlichen Trendlinie lag die Zustimmung, Lösungen statt Probleme aufzuzeigen und Möglichkeiten anzubieten, wie gesellschaftliche Veränderung stattfinden kann anstatt sich aktiv für diese Veränderung einzusetzen. Tendenziell eher unentschieden waren die Befragten bei der Entscheidung, ob ein Medium das Publikum motivieren soll, sich eine eigene Meinung zu bilden, oder ihm durch eine klare Positionierung des Mediums helfen soll, ein Thema einzuordnen. Ganz knapp eher in Richtung des nicht-konstruktiven Elements entschieden sich die Befragten nur zugunsten der Praxis, möglichst schnell über ein Ereignis zu berichten. Dafür verzichteten sie darauf, so viele unterschiedliche Perspektiven wie möglich vorkommen zu lassen. Das einzige von acht Elementen, bei denen die nicht-konstruktive Eigenschaft favorisiert wurde. Damit zeigte sich: Die Wahl fiel durchschnittlich eher auf die konstruktiven Elemente, auch wenn dafür auf teilweise eingespielte Praktiken verzichtet werden müsste.

Wenig Platz in der Ausbildung

Nun muss jedoch gesagt werden: Auch wenn viele Studierende das Konzept bereits kannten (mehr als 60 Prozent) und bereits Interesse an der konstruktiven journalistischen Praxis zeigten, kam es bei mehr als der Hälfte in der Ausbildung an Universitäten, Fachhochschulen, Akademien und Medienschulen bisher nicht vor und wird auch Großteils in absehbarer Zeit kaum vorkommen (Abbildung 3). Einige konnten in spezifischen Seminaren darüber erfahren, zum Standardrepertoire der Curricula gehört es jedoch bei weitem nicht. In den journalistischen Ausbildungsstätten erfährt die gute Nachricht also derzeit noch keinen Fokus.

 

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Abbildung 3: Konstruktiver Journalismus in der Ausbildung; n=453. (Quelle: eigene Erhebung)

Chancen und Herausforderungen des konstruktiven Journalismus

Die Herausforderungen, vor dem das Konzept steht, sind auch zahlreich. Sie werden in Abbildung 4 in Rot dargestellt und reichen vom hohen Ressourcenaufwand über fehlendes Wissen, worum es dabei geht, bis zum generellen Aufmerksamkeitsfokus des Publikums auf Negativität. Hinzu kommen Probleme in der Förderung und Finanzierung von konstruktiven Projekten, Schwierigkeiten in der Umsetzung, Platzmangel in den Medien, zu wenig Vielfalt im österreichischen Medienmarkt für neue Ansätze und Schwierigkeiten in der Lehre des Konzepts.

 

 

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Abbildung 4: Herausforderungen (rot) und Chancen (grün) des konstruktiven Journalismus. (Quelle: eigene Erhebung)

 

Allerdings erkannten die Befragten auch die Chancen, die konstruktive Berichterstattung mit sich bringen könnte. Diese sind in Abbildung 4 in Grün dargestellt. Rund 86 Prozent fanden etwa sehr oder eher zutreffend, dass konstruktive Berichterstattung eine Chance für Medien sein könnte, das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen, und mehr als 90 Prozent waren sich einig, dass das Publikum eine lösungsorientierte Berichterstattung schätzt. Knapp die Hälfte war der Meinung, dass sie auch wirtschaftliche Gewinne bringen könnte. Potential könnte auch in freien Journalistinnen und Journalisten stecken, die mit ihrem Themengebiet üblicherweise sehr vertraut sind und dieses daher tiefgründiger analysieren und schneller Lösungen bieten könnten. Eine weltweite Berichterstattung macht es zudem möglich, den heimischen Leserinnen und Lesern Lösungsmodelle aus anderen Ländern zu präsentieren - die Ansätze eines Bio-Bauern in Myanmar könnten etwa auch ein konstruktiver Beitrag für Öko-Landwirtschaft in Europa sein. Die internationale Vernetzung und die Online-Interaktion mit dem Publikum könnten bei Recherchen helfen, mehr Diversität in den Redaktionen würde mehr Perspektiven und Offenheit für konstruktive Formate einbringen.

Interesse birgt Potential  

Das "neue" Format, das schon längst im deutschsprachigen Raum diskutiert wird und zumindest seit Haagerups Buchveröffentlichung 2015 breiter diskutiert wird, steht also vor unterschiedlichen Chancen und Herausforderungen. Die größte Chance zeigte sich allerdings darin, dass unter den 453 befragten zukünftigen Journalist*innen und Medienmacher*innen ein großes Interesse an dieser Strömung erkennbar war. Ob und wie sie dieses in Zukunft tatsächlich in die journalistische Praxis umsetzen werden, bleibt spannend - und sollte unbedingt wissenschaftlich weiterverfolgt werden.

Literaturverweise und weiterführende Hyperlinks

Abbildung 1: Zufriedenheit mit der Praxis der Berichterstattung in Prozent; n=453, Maier, 2021, S. 48

Abbildung 2: Bewertung der Bedeutsamkeit konstruktiver und nicht-konstruktiver Elemente; n=453, Maier, 2021, S. 56

Abbildung 3: Konstruktiver Journalismus in der Ausbildung; n=453, Maier, 2021, 57

Abbildung 4: Herausforderungen (rot) und Chancen (grün) des konstruktiven Journalismus, Maier, 2021, S. 62

Clara Maier (2021): Bereit für gute Nachrichten? Konstruktiver Journalismus im deutschsprachigen Raum: Status quo und Entwicklungsperspektiven. Masterarbeit, Institut für Politikwissenschaft, Universität Innsbruck.

Clubabend des Frankfurter Presseclubs "Müssen Journalisten auch Lösungen aufzeigen?" (2020). Online verfügbar unter: www.youtube.com/watch?v=_v3icEDCa8Y

Karen McIntyre & Cathrine Gyldensted (2017): Constructive Journalism: Applying Positive Psychology Techniques to News Production. The Journal of Media Innovations, 4(2), 20–34. Online verfügbar unter: https://journals.uio.no/TJMI/article/view/2403/5102  

Leif Kramp & Stephan Weichert (2020): Nachrichten mit Perspektive. Lösungsorientierter und konstruktiver Journalismus in Deutschland. Otto Brenner Stiftung. Online verfügbar unter: www.otto-brenner-stiftung.de/wissenschaftsportal/informationsseiten-zu-studien/studien-2020/nachrichten-mit-perspektive

SR2 KulturRadio: Gespräch "Konstruktiver Journalismus – Orientierung oder Aktivismus?" (2020). Online verfügbar unter: www.ardaudiothek.de/medien-cross-und-quer/konstruktiver-journalismus-orientierung-oder-aktivismus/80358306

Ulrik Haagerup (2015): Constructive News: Warum "bad news" die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren, Eugendorf.

 

 



MAIER Clara 2021
Credit: privat.

Clara Maier studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Mag.) in Wien und Aarhus und Europäische und internationale Politik (MA) in Innsbruck und Istanbul. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt u. a. auf internationalen Nachrichtenflüssen und konstruktiven Ansätzen im Journalismus.
 
 
 
 
 
   

 


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