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Blog: Im Herzen der Macht

Wie Studierende der Uni Innsbruck zu Beraterinnen und Beratern des Österreichischen Nationalrats wurden.

Bild: © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

 

Forschung für die Praxis – wie sich das anfühlt, durfte am Freitag, 22. Juni 2018, eine Gruppe von zehn Studierenden des Bachelorstudiums Politikwissenschaft erfahren. Die Studierenden hatten die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse zur politischen Kommunikation dem Wissenschaftlichen Dienst des Österreichischen Nationalrats zu präsentieren. Die Exkursion nach Wien war Teil des Seminars „Politische Kommunikation und Wahlforschung – Vertiefung“ von Prof. Dr. Marcelo Jenny.

Tim Beck und Mario Sailer erzählen in folgendem Interview, was sie alles erlebt haben, was die größten Herausforderungen waren und inwieweit der tiefere Einblick in die Welt der Politikberatung ihre Jobambitionen beeinflusst hat.

 

Institut für Politikwissenschaft (I): Was genau war die Aufgabe der Studierenden im Vorfeld der Exkursion?

Mario: „Wir waren zehn Leute im Vertiefungsseminar von Herrn Jenny zu ,Politische Kommunikation und Wahlforschung‘. Wir haben uns in zwei Gruppen aufgeteilt. In der ersten Gruppe haben wir ein Forschungsprojekt durchgeführt, in dem wir parlamentarische Anfragen analysiert haben. Wir haben uns dabei im Vorhinein Fragestellungen überlegt, haben uns dann aber auf zwei Bereiche fokussiert: zum einen auf das Verhältnis zwischen den Wahlprogrammen der Parteien und deren Anfrageverhalten. Zum anderen haben wir uns angeschaut, welche Rolle parlamentarische Anfragen für Regierungsparteien in Großen Koalitionen spielen.“

Tim: „Die zweite Gruppe beschäftigte sich mit Antritts- und Abschiedsreden. Dabei waren die Themen keineswegs vorgegeben. In der ersten Stunde haben wir in einem Brainstorming verschiedene Ideen zusammengetragen, aus denen dann diese zwei entstanden sind.“

 

I: Zu eurem Projekt: Ihr ward beide in der Gruppe, die sich mit den parlamentarischen Anfragen beschäftigt hat. Wie seid ihr zunächst vorgegangen?

Tim: „Wir mussten uns zuerst Mal bei den Legislaturperioden einschränken. Wir haben uns dann auf die letzten vier Legislaturperioden fokussiert. Sonst wäre es ein zu umfangreiches Projekt geworden.“

Mario: „Das wären sonst wohl zu viel Daten gewesen. Wir kamen so schon auf 35.000 parlamentarischen Anfragen, die wir analysiert haben. Wobei man dazusagen muss, dass die dringlichen Anfragen nicht miteinbezogen wurden.

Wir haben dann in einem zweiten Schritt die Daten aus dem Manifesto Project [eine Datenbank des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, das Wahl- sowie Parteiprogramme analysiert, Anm. d. Verfassers] zu unseren Parteien ausgewertet. So konnten wir die jeweils wichtigsten Politikbereiche pro Partei identifizieren. Danach haben wir die Anfragen selbst in Politikbereiche gegliedert, die mehr oder weniger den Parlamentsausschüssen entsprechen. Insgesamt hatten wir dann so um die 20 Politikbereiche. Dann haben wir uns angeschaut, ob sich die Schwerpunkte im Wahlprogramm im Anfrageverhalten widerspiegeln.“

Tim: „Genau. Die zweite Gruppe hat sich Antritts- und Abschiedsreden von einzelnen Parlamentariern angeschaut, sprich inhaltlich analysiert und codiert.“

 

I: Was waren die größten Hürden im Verlauf des Projekts?

Mario: „Für mich persönlich war die technische Umsetzung in der Datenaufbereitung das schwierigste. Was muss ich mit dem Rohmaterial tun, damit ich nachher brauchbare Daten für Excel, SPSS etc. habe? Das war die größte Hürde aus meiner Sicht.“

Tim: „Da kann ich nur zustimmen. Wir haben ja Statistik und die Anwendung von SPSS in einem Seminar gelernt. In meinem Fall war das allerdings im zweiten Semester, also doch relativ lange her. Danach habe ich es nicht mehr benötigt. Da wieder reinzukommen war schon eine Herausforderung. Ein anderes Problem war dann, die Daten von der Webseite des Parlaments runterzubekommen. Da hatten wir das Glück, dass wir zwei Kommilitonen im Team hatten, die sich mit Web Scraper-Programmen auskannten. Sonst wären wir bereits an der Datenbeschaffung gescheitert. Die Präsentation der Ergebnisse war kein großes Problem – die technische Umsetzung des Projekts war eine weit größere Herausforderung.“

 

I: Hat es für euch im Arbeitsprozess einen Unterschied gemacht, für wen ihr in diesem Fall arbeitet?

Mario: „Es macht schon einen Unterschied, wenn man weiß, am Ende des Tages wird die Arbeit im Parlament präsentiert. Das ist schon ein größerer Ansporn, wie wenn wir es unseren Studienkolleginnen und -kollegen präsentieren. Ich glaube, die Arbeiten an sich wären anders ausgefallen, wenn wir nicht gewusst hätten, dass der Nationalrat Interesse daran hat.“

 

I: Inwiefern anders?

Mario: „Ich glaube, allein schon die Fülle der Ergebnisse wäre so unter normalen Umständen nicht notwendig gewesen.“

Tim: „Das war ja auch ein großer Aufwand für ein Fünf-ECTS-Seminar. Da braucht man das fast als eine Art Belohnung: Wenn man sich mehr anstrengt, hat man dann dafür auch mehr. Etwas, das über eine normale Seminararbeit hinausgeht. Ich finde, das wäre auch ein schöner Ansatz für andere Seminare.“

 

I: Würdet ihr das nochmal machen?

Tim: „In meiner speziellen Situation in diesem Semester wohl eher nicht, weil ich eigentlich abschließen wollte. Da mussten jetzt halt einige andere Noten darunter leiden, weil ich vieles parallel bewerkstelligen musste. Aber vom Lerneffekt her war’s sehr sinnvoll. Ich konnte sehr viel mitnehmen. Im Endeffekt war’s für mich schön, dass ich es gemacht habe. Das heißt, vom Lerneffekt her würde ich es sofort nochmal machen, man muss sich jedoch klar sein, dass der Arbeitsaufwand schon relativ hoch ist.“

Mario: „Ich würde es sicher nochmal machen. Wenn man sich jedoch den Aufwand anschaut, ist‘s eine pragmatische Studentenentscheidung: Man kann sich die fünf ECTS auch einfacher holen [lacht]. Aber es ist auf alle Fälle empfehlenswert, weil man mal praktisch als Politikwissenschaftler arbeiten kann. Und man sieht auch mal, welchen Wert so große Datenmengen haben und was man da alles rausholen kann. Mit unserem Datensatz könnte man sich sicher noch mehr anschauen.“

 

I: Ist da noch etwas geplant?

Mario: „Wir werden unsere Ergebnisse auch auf dem Tag der Politikwissenschaft präsentieren. Bis dahin haben wir die Zeit, uns mehr mit dem theoretischen Hintergrund zu beschäftigen.“

 

I: Gab es Phasen, in denen ihr Zweifel hattet, ob das Projekt wirklich Früchte trägt?

Mario: „Gerade am Anfang waren wir schon ein bisschen unsicher. Bzw. es war schwierig sich vorzustellen, ob es wirklich brauchbare Ergebnisse geben wird. Auch zwischendurch hatte ich persönlich manchmal Zweifel, ob das dann so funktioniert, wie man das gerne hätte.“

Tim: „Am Anfang war sicher Skepsis da, weil ich zu diesem Bereich noch nie gearbeitet habe, dann hat man sich trotzdem hohe Ziele gesteckt und weiß auch, dass das dann am Ende präsentiert wird. Bis man dann mal drin ist in der Arbeit, steht natürlich immer die Frage im Raum: Wie schaffe ich das jetzt? Wie wird das jetzt? Dann lief‘s eigentlich ganz gut. Nur zwischendrin hatten wir manchmal Probleme mit den Daten, die dann einfach nicht so waren, wie sie sein sollten. Dann saßen wir schon öfters da und wussten nicht, wie das alles zusammenpassen soll. Aber am Ende hat doch alles gut geklappt.“

Mario: „Ich bin dann auch relativ schnell optimistisch geworden. Nachdem wir bereits am Anfang ein paar Ergebnisse vorliegen hatten, dann war schon klar, dass es was wird.“

 

I: Was habt ihr herausgefunden?

Mario: „Im ersten Bereich, der Verknüpfung von Wahlprogrammen mit Anfrageverhalten, hat sich unsere These eigentlich nur mit bestimmten Parteien in bestimmten Politikbereichen bewahrheitet. Es hat sich herausgestellt, dass bestimmte Politikbereiche im Wahlkampf sehr stark bespielt werden, aber dann im Anfrageverhalten schon vernachlässigt werden. Ein Beispiel ist die Gleichstellungspolitik. Die spielte bei allen Parteien im Wahlkampf eine große Rolle; das schlägt sich dann aber nicht in den parlamentarischen Anfragen nieder.

Im zweiten Bereich der Bereichsopposition war das Ergebnis schon etwas überraschend. Bei großen Koalitionen verwenden die Regierungsparteien die parlamentarischen Anfragen als gegenseitiges Kontrollinstrument.“

Tim: „Das hatten wir zunächst gar nicht im Blick. Dass es da einen Zusammenhang gibt, hat sich erst im Laufe der Arbeit herauskristallisiert.“

 

I: Wie sah das Programm am Freitag aus?

Mario: „Am Freitagvormittag hat uns Dr. Christoph Konrath [Abteilungsleiter im Rechts-, Legislativ- und Wissenschaftlichen Dienst der Parlamentsdirektion, Anm. d. Verfassers] empfangen. Da fanden dann auch gleich unsere Präsentationen statt.“

Tim: „Genau. Und unmittelbar nach den Präsentationen gab es noch genug Zeit, um über unsere Ergebnisse zu diskutieren. Da bekamen wir dann auch Feedback vom Wissenschaftlichen Dienst zu unseren Arbeiten.

Am Nachmittag wurde es noch spannend, als Mag. Karl-Heinz Grundböck [dem Leiter der Stabsstelle Strategische Kommunikation der Parlamentsdirektion, Anm. d. Verfassers] uns einen sehr interessanten Einblick in seine Arbeit gegeben hat. Zu guter Letzt gab es noch eine kleine Besichtigungstour durchs Parlament.“

 

I: Wie verliefen die Präsentationen?

Mario: „Es war jetzt keine wirklich angespannte Situation. Anwesend waren Prof. Jenny, Dr. Konrath und Dr. Marlies Meyer [Mitarbeiterin des Rechts-, Legislativ- und Wissenschaftlichen Dienstes der Parlamentsdirektion, Anm. d. Verfassers].

Tim: „Es war relativ entspannt. Ich hatte jetzt nicht das Gefühl, dass andere von uns besonders nervös waren. Das lag zudem sicherlich auch an der Vorbereitung. Wir waren ja alle sehr gut vorbereitet und wussten, was wir tun.“

 

I: Wie war das Feedback von Seiten des WD?

Mario: „Dr. Konrath war sehr interessiert und hatte auch ein sehr positives Feedback gegeben. Das waren inhaltlich ja auch genau seine Themen.“

Tim: „Man muss vielleicht dazusagen, dass Herr Konrath uns auch im Arbeitsprozess selbst geholfen hat. Er war ein bis zweimal per Skype aus Wien zugeschaltet. Da konnten wir mit ihm diskutieren, was wir bis jetzt gemacht haben, wie er das sieht, und deshalb hat er uns im Vorhinein schon ein bisschen angeleitet. Aber insgesamt war sein Feedback und jenes von Frau Meyer sehr positiv.“

 

I: Wie war euer Eindruck vom Parlament?

Mario: „Zurzeit ist die Atmosphäre im Nationalrat etwas geteilt. Wegen Bauarbeiten sind ja viele Räumlichkeiten nicht verfügbar und viele provisorische Pavillons wurden eingerichtet, die jetzt nicht wirklich zu den historischen Gebäuden passen. Es gibt beispielsweise zurzeit nicht mehr eine große Halle, in der sich alle mehrmals am Tag begegnen, sondern es ist alles ein bisschen verteilt. Deshalb hat es jetzt nicht so das historische Flair wie das richtige Parlamentsgebäude.“

Tim: „Das war zwar schade, aber man muss natürlich auch sagen, dass das ja nur eine vorübergehende Lösung ist.“

Mario: „Das stimmt. Es ist halt so, dass es eben nicht das originale Parlamentsgebäude ist und deshalb die Atmosphäre nicht ganz so gegeben ist wie sonst.“

 

I: Hat das Projekt eure Meinung von angewandter Forschung oder Wissenschaft im Allgemeinen verändert?

Tim: „Auf jeden Fall. Ich habe gleichzeitig auch die Vorlesung von Prof. Jenny besucht und dabei ist mir bereits aufgefallen, dass sein Arbeiten auch sehr an die relevante Praxis angelehnt ist und dass das auch ein Anspruch von ihm ist. Wir haben dann im Seminar auch deutlich gelernt, wie so eine praktische Arbeit aussieht und was es bedeutet, in größeren Datenmengen und im größeren Stil Projekte mit mehr Substanz zu planen und durchzuführen.“

Mario: „Für mich war es vor allem die Größe des Datensatzes, die einen Unterschied gemacht hat. Wir haben einen Einblick bekommen, wie wertvoll es ist, wenn man einen Zugang zu solchen Datenmengen hat, und was man daraus machen kann.

Prinzipiell ist die Arbeitsweise zwischen angewandter Forschung und Grundlagenforschung ja das gleiche. Dort wo sich’s dann spaltet ist die Verwendung der Daten. Ich denke, dass einige Parteien oder Mitglieder des Parlaments aus unseren Ergebnissen doch das eine oder andere mitnehmen können. Wir haben zum Beispiel gesehen, dass Frau Meyer, die ja früher für die Grünen im Parlament saß, doch etwas überrascht war von unseren Ergebnissen in Bezug auf die Grüne Partei, ganz einfach deshalb, weil sie bisher eine andere Perspektive hatte.“

 

I: Seht ihr den Wissenschaftlichen Dienst des Parlaments oder das Parlament im Allgemeinen als einen interessanten Arbeitgeber an?

Tim: „Ich sehe beides als interessante Bereiche. Das Projekt hat mir zudem nochmal gezeigt, dass es für mich durchaus eine Option wäre, in die Forschung zu gehen. Daran hätte ich im Vorfeld meines Studiums nie gedacht, dass mich das interessieren könnte, auf Dauer zu forschen. Insofern hat das Projekt mein Bild von Forschung schon verändert. Aber wenn ich mich festlegen müsste, glaube ich, dass ich mich eher als Praktiker sehen würde. Aber so etwas ändert sich ja immer wieder und es gibt viele interessante Bereiche, in denen man nach dem Studium tätig sein kann.“

Mario: „Das Projekt hat sicher einen tollen Einblick gegeben in die wissenschaftliche Arbeitsweise. Aber ob es jetzt grundlegend überzeugt hat, sich für die Forschung zu entscheiden, weiß ich nicht.“

Tim: „Aber was schon dafürspricht, ist, dass man in der Forschung die Möglichkeit hat, sich über längere Zeit mit einem Bereich zu beschäftigen und in der Fachrichtung zu bleiben. Das hat man im Studium leider nicht immer, weil die Lehrveranstaltungen ja doch breit gefächert sind. Da ist man natürlich etwas eingeschränkt, wenn es darum geht sich auf einen einzelnen Bereich zu konzentrieren. Und ich habe das schon im Seminar gesehen, dass es durchaus Spaß macht, wenn man sich immer besser auskennt in einem Bereich und sich ein Wissen aufbauen kann.“

 

I: Forschung oder Praxis – was ist besser?

Mario: „Naja, ich finde schon die Forschung recht interessant. Der Blick von außen oder aus der Vogelperspektive ist schon eine interessante Perspektive. Aber ich kann das jetzt nicht verallgemeinern.“

Tim: „Bei mir ist das eine Mischung. Ich bin schon eher der Mensch, der etwas praktischer arbeiten will, aber ich habe auch den Anspruch an meine Arbeit, dass das irgendwie auf sinnvolle Erkenntnisse fundiert ist. Da ist eine Verbindung mit der Forschung unabdinglich.“

 

I: Vielen Dank für das Interview.

 

 

Tim Beck ist Studierender des Bachelor Politikwissenschaft im sechsten Semester.

Mario Sailer ist Studierender des Bachelor Politikwissenschaft im fünften Semester. Er hat einen Abschluss in Deutsch und Geschichte (Lehramt) und arbeitet als Deutschlehrer in der Erwachsenenbildung am BFI Tirol.

Interview geführt von: Thomas Walli (Thomas.Walli@uibk.ac.at)

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