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Ein neues Parteiensystem

Marcelo Jenny

 

Das Ergebnis der Nationalratswahl 2019 brachte den bisher größten Vorsprung einer Partei gegenüber ihren Mitbewerbern. Der Vorsprung der ÖVP gegenüber der zweitstärksten Partei SPÖ beträgt 16,3 Prozentpunkte. Der Abstand zwischen stärkster und zweitstärkster Partei liegt damit sogar knapp über dem Stimmenanteil der drittstärksten Partei FPÖ, die im vorläufigen Auszählungsergebnis 16,2 Prozent erzielte.

Die Abbildung zeigt wie sich der Abstand zwischen der stärksten Partei im Parteiensystem und ihren nächsten Verfolgern von 2017 auf 2019 verändert hat. Im neuen Parteiensystem mit einer relativ dominanten Partei ist rechnerisch eine größere Anzahl an Zwei-Parteien-Koalitionen mit einer Mandatsmehrheit im Nationalrat möglich: ÖVP-SPÖ, ÖVP-FPÖ, ÖVP-Grüne.

 

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Abbildung 3: Stimmenanteile 2017 und 2019; Daten: Bundesministerium für Inneres, Vorläufiges Endergebnis der NRW (https://wahl19.bmi.gv.at/).

Die effektive Parteienzahl (auch als Laakso-Taagepera-Index* bekannt) verdichtet die Stimmen- oder Mandatsanteile der Parteien in einer Maßzahl. Bei der Nationalratswahl 2019 liegt die effektive Parteienzahl bei 4,2 - das ist historisch der dritthöchste Wert nach 2013 und 2008. Die Entwicklung hin zu einem Vielparteiensystem erreichte bei der Nationalratswahl 2013 ihren bisherigen Höhepunkt als sechs Parteien in den Nationalrat einzogen. Die effektive Parteienzahl auf Basis der Stimmenanteile lag 2008 bei 4,8 und 2013 bei 5,15. Bei der Nationalratswahl 2017 sank sie wieder auf einen Wert von 4,1.

 

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Abbildung 4: Effektive Parteienzahl; Daten: Bundesministerium für Inneres, Vorläufiges Endergebnis der NRW (https://wahl19.bmi.gv.at/).

Der Index der effektiven Parteienzahl ist in der Politikwissenschaft beliebt, weil das Maß – jedenfalls im niedrigen Wertebereich – eine intuitive Kennzahl zur Beschreibung des Kräfteverhältnisses zwischen mehreren Parteien liefert. Das österreichische Zweieinhalb-Parteiensystem mit den beiden Großparteien SPÖ und ÖVP sowie der Kleinpartei FPÖ, das bis Anfang der 80er Jahre existierte, spiegelte sich in einer entsprechenden effektiven Parteienzahl wider.

Im höheren Wertebereich verliert das Maß an Interpretierbarkeit, weil unterschiedliche Kräfteverhältnisse von Parteien eine identische effektive Parteienzahl produzieren können**. Die Ergebnisse der Nationalratswahlen 2017 und 2019 illustrieren das Phänomen. Trotz nahezu identischer effektiver Parteienzahl sind die dem zugrunde liegenden Stärkeverhältnisse der Parteien – wie die erste Abbildung oben zeigt – sehr unterschiedlich.


* Laakso, Markku & Taagepera, Rein (1979). ''Effective'' Number of Parties. Comparative Political Studies 12 (1): 3-27.
** Dunleavy, Patrick & Francoise Boucek, (2003). Constructing the Number of Parties. Party Politics 9 (3): 291-315.

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