Architektonische Landnahme im alpinen Raum 

 

„Nichts beeinflußt wahrscheinlich unsere Stimmungen mehr als Architektur“ (Norman Mailer)




 

Im Wintersemester 2005/06 wurde im Rahmen des Seminars „Kunst- und Architekturkritik“ der Frage nachgegangen, welche speziellen Probleme das Bauen im alpinen Raum stellt und welche Kriterien zu seiner ästhetischen Bewertung gefunden werden können.

Wenn hier nun eine Auswahl der erarbeiteten Bildbeispiele in kommentierter Form vorgestellt wird, so erfolgt dies in der Absicht, den Ästhetik-Diskurs des Seminars hinauszutragen und die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen. Architektur ist zu bedeutsam, um sie den Architekten allein zu überlassen. Das Interesse der Bevölkerung am Baugeschehen ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über den Umgang mit dem kulturellen Erbe und der Gestaltung des jetzigen und künftigen Lebensraums. Eine in Fragen des Bauens sensibilisierte Öffentlichkeit erleichtert es auch, mit den Architekten als den professionellen Bauexperten besser ins Gespräch zu kommen, was für beide Seiten vorteilhaft ist.

Jedes Bauen ist Gestaltung unserer Umwelt und damit ein wichtiger Faktor für das Erscheinungsbild unserer Lebenswelt. „Nichts beeinflußt wahrscheinlich unsere Stimmungen mehr als Architektur“ (Norman Mailer) Dies gilt natürlich für jedes Bauen, für das urbane ebenso wie für das außerurbane.

Das außerurbane Bauen im alpinen Raum stellt eine besondere Herausforderung dar, weil es ein Teil der Landschaft wird und sehr oft landschaftsbestimmend ist. Städtische Bauten (von Hochhäusern einmal abgesehen) können im guten oder schlechten Sinn einen Straßenzug prägen; wenn wir aber an der nächsten Straßenkreuzung um die Ecke gehen, ist ihre Wirkung erloschen. Bauten in offener Landschaft haben einen größeren Wirkungsradius – sie prägen das Bild der Landschaft buchstäblich, soweit das Auge reicht. Im verdichteten urbanen Bauen stehen Bauten meist in einem engen Konkurrenzverhältnis zueinander, weshalb sie meist nicht gesondert wahrgenommen werden. Isolierte Bauten im offenen Gelände heben sich vor dem Hintergrund der unbebauten Landschaft naturgemäß viel deutlicher ab. Weil sie stärker im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, sind sie in ihrer ästhetischen Qualität besonders gefordert. Bauten in der alpinen Landschaft sind mächtige „Bildspender“, die das Landschaftsbild – im Guten wie im Schlechten – tiefgehend zu beeinflussen vermögen.

Die alpine Landschaft in ihren verschiedenen Ausprägungen – von der sanften, beinahe schon mediterranen Weingegend bis hin zu den wilden und kargen Hochgebirgsgegenden – ist unser Lebensraum. Die alpine Landschaft ist damit Teil unserer Identität und der architektonische Umgang mit ihr ein Ausdruck unseres Selbstverständnisses. Die alpine Landschaft ist aber auch Zielpunkt touristischer Sehnsüchte. Für ein Land, das direkt oder indirekt zu einem Großteil vom Tourismus lebt, ist der bewußte architektonische Umgang mit Landschaft auch unter wirtschaftlichem Aspekt von zwingender Notwendigkeit.

Landschaften müssen wiedererkennbar sein. „Die Landschaft wird wahrgenommen, insofern sie erkennbar ist. Landschaften schützen heißt also, ihre Erkennbarkeit aufrechterhalten.“ (Lucius Burckhardt) Das ist unter Identitätsgesichtspunkten wichtig für die einheimische Bevölkerung, weil die Menschen ansonsten den Boden unter den Füßen verlieren. Das ist aber auch wichtig für die Tourismuswirtschaft, weil nur wiedererkennbare Landschaften, die sich in ihrer Eigenart von anderen unterscheiden, von Reisenden gesucht werden. „Das Land ist die Erdoberfläche oder ein Teil der Erdoberfläche, Landschaft dagegen ist das Gesicht des Landes, das Land in seiner Wirkung auf uns.“ (Max. J. Friedländer) Für das Profil einer Landschaft ist die Art zu bauen ein Faktor, der in seiner Bedeutung kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Bautätigkeit ist ein Geschehen, das in mehrfacher Hinsicht bedeutsam ist:

1. Öffentliche Relevanz: Bauten sind häufig „Landmarken“, die das Antlitz einer Landschaft (einzeln oder in der Summe) nachhaltig prägen. Bauten besetzen gewissermaßen öffentlichen Raum, weil ihre ästhetische Wirkung sich zwangsläufig über das private Grundstück hinaus erstreckt. Da sie in eine Art „Allmende“ eingreifen, sind Bauentscheidungen von erheblicher öffentlicher Wirkung. Der Öffentlichkeitscharakter von Bauten (ebenso wie von öffentlichen Skulpturen) verlangt nach einer entsprechenden öffentlichen Mitsprache. Die Bilder, die jemand in seiner Wohnung aufhängt, sind ohne Auswirkung auf Dritte. Bei Bauten ist dies anders. In diesem Bereich haben ästhetische Präferenzen „Nachbarschaftseffekte“ (im weitesten Sinn des Wortes) und dürfen, ja müssen deshalb einer öffentlichen Diskussion unterworfen werden.

2. Kulturelle Relevanz: Die Bewahrung und Weiterentwicklung der kulturellen Eigenart spielt in allen Alpinregionen eine erhebliche Rolle. Die Sprachpflege steht auf der Agenda der Kulturpolitik weit oben. Diese Aufmerksamkeit ist wichtig, denn Sprache prägt. Für das kulturelle Selbstverständnis prägend ist aber nicht nur die Verbal-, sondern auch die Bildsprache. Deshalb ist unverständlich, daß bislang dem gestalterischen Sprachgestus wenig kulturpolitische Aufmerksamkeit zuteil wird.

3. Wirtschaftliche Relevanz: „Marken“ spielen im wirtschaftlichen Marketing bekanntlich eine zentrale Rolle. „Marken“ dienen der Profilbildung und sollen ein Produkt aus der Vielfalt der Angebote hervorheben.

Für die Alpenländer ist der Tourismus eine zentrale Lebensgrundlage. Ohne touristische Entwicklung wären viele Alpentäler längst der Abwanderung zum Opfer gefallen (so wie viele Berggebiete in Piemont, in Frankreich, usf.) „Architektonische Landnahme“ ist deshalb nicht nur unvermeidbar, sondern eine Bedingung für die Erhaltung der alpinen Kulturlandschaft selbst.

Im Sinn des Markenkonzepts kommt es aber darauf an, der touristischen Destination „Alpen“ ein unverwechselbares Profil zu verleihen. Eine kontextadäquate Architektur spielt dafür eine entscheidende Rolle. Die touristische Marktforschung bestätigt, daß mit der Wahl einer bestimmten touristischen Destination bestimmte Erwartungshaltungen verbunden sind: Wer Griechenland wählt, will die landestypische weiße Kubusarchitektur erleben; der Toskana-Reisende erwartet sich nicht Hotelanlagen wie in Rimini, sondern die landestypischen Steinbauten, usf. Architektonisches Sammelsurium ist ein landschaftlicher „Ikonoklasmus“, weil er das Erscheinungsbild einer Landschaft zerstört.

Die Ausrichtung des Bauens anhand eines ästhetischen Leitbilds darf dabei nicht als Korsett mißverstanden werden. Es geht nicht darum, einen traditionellen Kanon festzuschreiben, der jegliche Weiterentwicklung verhindert. Das Bauen, d.h. die „architektonische Landnahme“, war immer ein dynamisches Geschehen. Das heutige und künftige Bauen kann und muß zeitgemäß sein. Die Frage ist aber, wie ein – dem Kontext „alpiner Raum“ angemessenes – modernes Bauen beschaffen sein sollte. Sowohl die „klassische Moderne“ in Nord- und Südtirol als auch viele hervorragende rezente Bauten – besonders der „jungen Architektur“ in der Schweiz, in Vorarlberg sowie in Nord- und Südtirol – haben diese Frage mustergültig beantwortet. An diesen Lösungen gilt es aufzuzeigen, was sie zu gelungenen Beispielen für „architektonische Landnahme im alpinen Raum“ macht.

4. Ethische Relevanz: Das ästhetische Thema „Bauen im alpinen Raum“ hat auch einen eminent ethischen Aspekt, geht es doch um die Frage nach den Nutzungsrechten an der Allmende „Landschaft“ und „öffentlicher Raum“ sowie um die Frage, welche Verpflichtung wir haben, künftigen Generationen ein bestimmtes Erscheinungsbild des alpinen Siedlungs- und Lebensraums zu erhalten bzw. weiterzugeben.

Zu den ethischen Aspekten gehört natürlich auch, welche quantitativen Erschließungsgrenzen dem Bauen zu ziehen sind, um die Gebirgslandschaft nach Möglichkeit vor menschlichen Eingriffen zu schützen und in ihrer Ursprünglichkeit zu bewahren. In qualitativer Hinsicht ist die Eingriffstiefe von Bauten auf der Zeitachse zu bedenken: Bauten stehen im Regelfall für eine lange Zeit prägend in der Landschaft und haben auf Grund ihrer Vorbildwirkung häufig einen Multiplikator-Effekt. Es ist leider zu beobachten, daß mangels kritischer Auseinandersetzung häufig auch negative Vorbilder sich zu Trends multiplizieren.

Öffentlich vorgetragene Architekturkritik kann ein heikles Unterfangen sein, weil eine negative Einschätzung den Adressaten der Kritik persönlich treffen und in seinem „Bauherrenstolz“ verletzen kann. Dessen hat man sich bewußt zu sein. Es ist auch nicht auszuschließen, daß beispielsweise ein Hotelier die negative Kritik als Geschäftsschädigung empfindet. Es ist allerdings so, daß Bauten ein öffentliches „Statement“ sind. Wer etwas öffentlich „sagt“, muß auch damit rechnen, eine Gegenrede bzw. einen Einspruch auf sich zu ziehen. Im übrigen wurde abgeklärt, daß eine aus wissenschaftlichem Interesse betriebene Kritik rechtlich keine Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Wir beanspruchen nicht, hier unanfechtbare ästhetische Werturteile getroffen zu haben. Unsere – mit argumentativen Begründungen vorgetragenen – Einschätzungen wollen lediglich als Anregung verstanden sein, sich mit der Materie auseinanderzusetzen und zu einer eigenständigen kritischen Meinungsbildung zu gelangen.

 

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Die hier gezeigten Bildbeispiele sind eine Auswahl, für die das Ziel leitend war, in abwechslungsreicher Weise möglichst repräsentative – positive und negative – Beispiele zusammenzustellen. Ich bitte die Studierenden um Verständnis, daß aus Platzgründen nicht alle erarbeiteten Materialien in die Homepage aufgenommen werden konnten. Da die Objekte für sich selbst sprechen sollen, wurde auf die Nennung der Architekten in den meisten Fällen verzichtet. Die Bildbeispiele beschränken sich auf die Außenansichten, d.h. zeigen die Bauten so, wie sie sich dem Betrachter präsentieren. Weil es entsprechend der Themenvorgabe nur um den Konnex von Architektur und Landschaftsbild zu tun war, konnte auf das für die Architektur sicherlich auch wichtige Zusammenspiel von Form und Funktion, von Außen und Innen nicht eingegangen werden. Die Textkommentare wurden zum Teil gekürzt und sprachlich angepaßt. Die Rechtschreibung (alte/neue Rechtschreibung) der einzelnen Beiträge wurde nicht vereinheitlicht, sondern beibehalten.

Prof. Elmar Waibl
Institut für Philosophie - Universität Innsbruck

 

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