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Die Leichtigkeit des Seins
Es ist ein "klares" Haus. Es hat geordnete Verhältnisse, es ist koordiniert in seinen Linien und trotz seiner Genauigkeit und Parallelität ohne Starrheit, Verkrampftheit, Rigidität und Verschlossenheit. Im Gegenteil: Es herrscht eine deutliche Lebensoffenheit, Lebensbejahung vor, es ist durchflutet von Helligkeit und Licht. Es ist offen in seinem Umgang mit der Außenwelt, es lässt Leben herein. Das Haus wirkt grazil und anmutig. Die Fenster tanzen Ballett in ihrer Feinheit und faszinierenden Anordnung. Sie spiegeln die Sehnsucht der Bewohner nach Weite wider, nach Weitsichtigkeit und Öffnung der Seele, nach Aufnahme des Lebens, das draußen geschieht. Schmale, einfache, in Schwarz gehaltene Rahmen betonen die Schwerelosigkeit der Fenster und Türen. Alles ist leicht und locker, was nicht notwendig ist, ist weggelassen, man sieht keine Scharniere, Halterungen, Kipp- oder Öffnungsmöglichkeiten. Schön sind die drei parallelen Linien der Böden, die in einer knappen Holzkonstruktion ausgeführt sind: der erste Boden mit "Luft unter den Sohlen" und genauso ist auch das Dach aufgesetzt, als ob es schwebe. Es gibt nichts Erdrückendes, die Statik ist nicht erkennbar. Der Eingang des Hauses befindet sich auf der Rückseite. Der gesamte Mauernbestand eines alten Wirtschaftsgebäudes wurde stehengelassen, die Öffnungen mit Glas ausgefüllt und auf halber Höhe überdacht. Dicken Steinmauern hat man durch Licht und Helligkeit ihre Tristesse genommen, man hat helle Einsichten geschaffen, von wuchtigen Mauern ist man zu leichten Elementen übergegangen. So bleibt die Anlage eingebunden in das Tal, in die Umgebung, in die Tradition, in die Mauern von einst. Man empfindet die Ausführung als Hommage an die eigene Herkunft, an die Arbeit von Ahnen, an das Mühen und Schaffen von Großvätern. Durch den rückseitigen Eingang wird ein fließender Übergang von der Vergangenheit in die Zukunft geschaffen, vom gelebten Leben in noch zu lebendes, es ist ein Weiterführen von Gewesenem in noch zu Schaffendes. Es ist ein Dank an die Tradition mit klarer Entscheidung für die Moderne, vom dunkel sich schließenden Tal für die weite, sonnige Öffnung nach Süden. Zwischen Eingang und Wohnung wurde auf die Rückseite des Neubaus eine Trennmauer in farblich harmonisierendem Anthrazit aufgesetzt. Diese Wand ist eine eindeutige Lossagung von der Schwere und Engstirnigkeit vergangenen bäuerlichen Lebens, bietet Schutz und Geborgenheit, schirmt ab gegen die Kälte und Stürme von Norden. Mit Einfachheit und Konsequenz wurde die Idee des Abschirmens durch die Mauer um die Terrasse weitergeführt. Dieses Haus übermittelt durchaus ein Gefühl der Wärme, aber es ist schwer, ein Plätzchen zu finden, wo man sich zurückziehen könnte. (Objektkommentar und Foto: Maria Oberholenzer)