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Haus Settari: Sonniges Gedicht auf einer Bergnase
Die Sommervilla Settari oberhalb von Dreikirchen (Eisacktal/Südtirol), aufgrund ihrer Linienführung auch "Kaffeemühle" genannt, fügt sich unauffällig und schwungvoll in die Gebirgslandschaft ein. Das Gebäude wirkt auf mich wie eine starke und beschützende, aber gleichzeitig weiche und sensible Frau, die würdevoll um ihre innewohnende Kraft weiß. Das Bauwerk ist von einer stilvollen, schnörkellosen Eleganz gekennzeichnet, ohne dabei überheblich zu wirken. Je mehr man sich mit diesem Objekt beschäftigt, desto stärker erkennt man seinen einerseits durchsetzungsfähigen, andererseits angepassten und toleranten Charakter. Das Haus strahlt eine leuchtende Wärme aus, in dem die Energie weich fließen kann. Obwohl es durch die spiralförmige Bewegung sehr dynamisch und rhythmisch wirkt, spürt der Betrachter doch seine innere Ruhe und Harmonie.
Das Haus ist von der Form her offen, ohne geometrische Gleichmäßigkeit und ohne Wiederholungen, versteht es aber doch beruhigend und gefühlvoll zu wirken. Die außergewöhnliche Form wirkt eher schlicht als exzentrisch oder aufmüpfig. Stark verankert wirkt das Mauerwerk. Die Dachkonstruktion hingegen öffnet sich, dem Kaminpfeiler folgend, erhaben nach oben. Im Kamin spitzt sich das Haus zu und bietet somit den Ruhepunkt in der großräumigen Bewegung. Das natürliche Schindeldach leitet unaufdringlich auf die Hanglinie über. Der runden Bewegung im sonnigen Süd-Osten steht der eckige Keil der kalten Nordseite gegenüber.
Das vom wichtigsten Architekten der österreichischen Moderne, Lois Welzenbacher, entworfene Haus Settari wurde 1922/23 erbaut und von der Fachwelt mit Bewunderung aufgenommen. Welzenbacher gelang es, den Bewegungsrhythmus des umliegenden Landschaftsraumes sowohl in der Außengestaltung als auch im Innenraum des Bauwerkes aufzunehmen. Der Grundriss wurde unter anderem als "Metapher zu einem Landschaftsspaziergang, der im Inneren des Hauses seinen Höhepunkt findet" beschrieben (Harber, zitiert in A. Sarnitz: Lois Welzenbacher. Architekt 1889-1995, Salzburg 1989, S. 18). Ein besonderes Merkmal stellt auch die durch das Außengelände angedeutete Spirallinie dar, die im Hausinneren fortgeführt wird. Die Bewegung des Geländes leitet zur Rundung auf der Südseite über und findet schließlich in der Anordnung der Innenräume und der Lage der Treppe ihre Vollendung (vgl. F. Achleitner/ O. Uhl: Lois Welzenbacher 1889-1955. Salzburg 1968, S. 34). Der Eingang auf der Westseite stellt den Beginn der Spirale dar.
Lois Welzenbacher gelingt es, dieses Bauwerk mustergültig in den landschaftlichen Kontext zu integrieren - einerseits durch die natürlichen Materialien aus der Umgebung und einiger traditioneller Bauelemente sowie andererseits durch die einfühlsame Anpassung an das Baugelände. Er verzichtet auf jeden schweren Ballast, aber auch auf die kahle Anonymität der Stadt. (Objektkommentar und Foto: Manuela Lageder)