Musikalische Schrift

Zwi­schen den Noten­linien

Von Musik im Mittelalter über klassische Musik bis hin zur modernen Popmusik haben Komponistinnen und Komponisten ihre Ideen in vielfältiger Art und Weise verschriftlicht. Die Art der Notation hat sich über die Jahrhunderte mit den Anforderungen und technischen Möglichkeiten gewandelt. Ein internationales Forschungsteam möchte nun eine Theorie der musikalischen Schrift entwickeln.

Beethoven, Haydn und Mozart haben ihre eigenen Systeme zur Verschriftlichung ihrer musikalischen Ideen entworfen und so ihre großartigen Kompositionen zu Papier gebracht. Von der Notation auf Pergament bis zu den heute gängigen digitalen Methoden haben Komponistinnen und Komponisten über alle Epochen die musikalische Schrift weiterentwickelt und neuen Möglichkeiten angepasst. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, der Schweiz und Österreich haben sich in einem DACH-Projekt zusammengeschlossen und sich zum Ziel gesetzt, mit der Analyse unterschiedlicher Aspekte musikalischer Schrift, eine Theorie zu entwickeln. In Innsbruck arbeiten Bernhard Achhorner und Sarah Lutz unter der Leitung von Federico Celestini, Professor am Institut für Musikwissenschaft, an performativen Aspekten der Notation. Die im Projekt verankerten Forschungen in Wien und Innsbruck werden vom FWF gefördert. „Wir haben uns entschieden, die ikonischen, performativen, operativen und materialen Aspekte musikalischer Notation zu untersuchen“, verdeutlicht Celestini. Neben den Forschungen an der Uni Innsbruck beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, der Universität Gießen und der Paul Sacher Stiftung in Basel mit konkreten Fragestellungen im Projekt „writing music“ und widmen sich in ihren Forschungen jeweils einer der Fragestellungen.

Innovative Ansätze

Die musikalische Schrift erlaubt über Musik anders zu denken, denn plötzlich wird ein Zeitphänomen in den Raum übertragen. Damit beschäftigt sich die Frage nach er Operativität, die in Wien behandelt wird. „Es ist nicht einfach, sich an alle Details eines dreißig minütigen Satzes zu erinnern. Habe ich aber die Notenschrift vor mir liegen, sehe ich den Anfang, die Mitte und das Ende auf einen Blick“, betont Celestini. Mit der Perspektive der Ikonizität von Schrift setzen sich die Forschenden in Gießen auseinander. Das Notenbild hilft Musikerinnen und Musikern, einen ersten Eindruck des Werkes zu bekommen. „Mit etwas Erfahrung kann man sofort erkennen, ob es sich beim vorliegenden Stück um ein Werk von Haydn, Beethoven oder Brahms handelt oder aus welcher Epoche die Musik stammt“, so der Wissenschaftler. Ein weiterer Schwerpunkt im Projekt ist die Materialität der Schrift, die in Basel behandelt wird. In der privaten Paul Sacher Stiftung werden Nachlässe der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts aufbewahrt. Die Qualität von Pergament oder günstigeren Formen von Papier, die Wahl der Tinte und der Schreibinstrumente oder die unterschiedlichen Formen von Druck sagen viel über den Prozess des Komponierens aus. Neben diesen Schwerpunkten in der Forschung beschäftigen sich die Expertinnen und Experten an der Uni Innsbruck mit der Performativität in der musikalischen Schrift.

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Körperlichkeit von Musik

Der besondere Zusammenhang zwischen Sprechen und Handeln wird als Performativität bezeichnet. An der Uni Innsbruck beschäftigen sich Bernhard Achhorner und Sarah Lutz mit den Spuren der Körperlichkeit in der musikalischen Schrift und kommen so den großen Komponistinnen und Komponisten näher. „Handlungen wie das Schreiben und das Spielen von Musik sind für uns von zentraler Bedeutung. In unterschiedlichen Epochen möchten wir zeigen, wie bedeutend und prägend diese performativen Akte für das Komponieren sind“, erläutert Bernhard Achhorner, der genau wie Sarah Lutz an seiner Dissertation arbeitet. Der Wissenschaftler beschäftigt sich in seinem Teil mit dem Akt des musikalischen Schreibens und dessen Bedeutung für die Komponisten dieser Zeit wie Beethoven, Mozart, Schubert oder Haydn. Bringen Komponisten ihre Ideen zu Papier, so lassen sich noch Jahrhunderte später mögliche Gefühlsregungen in der Art und Weise ihrer Notizen erkennen, wie etwa in den Skizzen von Beethoven deutlich wird: „Seine Schrift wird kleiner und größer, schwillt an, verändert die Schräglage und entwickelt eine große Dynamik, wie sie entsteht, wenn man eilig eine spannende Idee zu Papier bringen möchte.“ So war der Akt des Schreibens für Beethoven wohl ein Hilfsmittel, seine Gedanken zu fassen und so seine weiteren Ideen performativ hervorzubringen und zu entwickeln. Im Vergleich soll etwa Haydn sehr strukturiert gearbeitet und bereits mit seinen Skizzen eine Reinschrift vorgelegt haben. „Zu untersuchen, welchen Stellenwert das Schreiben für die Komponistinnen und Komponisten hatte und diese Stile auch miteinander zu vergleichen, ist sehr spannend“, verdeutlicht Achhorner, der so dem musikalischen Schaffensprozess der großen Meister ganz nahekommt.

Digitale Freiheit

Im Vergleich dazu widmet sich Sarah Lutz den körperlichen Spuren in Drucken und im Digitalen. „Die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert markiert in Italien eine Zeit musikhistorischer Umbrüche. Die erste Oper und das erste Oratorium sind entstanden und der Generalbass wird eingeführt. Wir haben uns gefragt, ob sich diese Umstellungen nicht auch auf die Schrift auswirken“, so die Wissenschaftlerin. Neu ist ab diesem Zeitpunkt die Verschiebung der Grenze zwischen der früher gängigen Improvisation und der Komposition, die auch im Schriftbild Konsequenzen mit sich bringt. „Entscheidungen, die bis dahin im Bereich der Aufführung zu treffen waren, werden nun durch die auktoriale Verschriftlichung als Teil der Komposition angesehen und somit verbindlich gemacht“, erläutert Lutz, die verdeutlicht, dass große Traktate beschrieben, wie beispielsweise ein Triller zu formen ist. Ähnlich dazu sucht die Musikwissenschaftlerin auch im vermeintlich streng programmierten digitalen Raum nach der Körperlichkeit: „Diese Annahme entwickelt sich genau gegensätzlich, denn im digitalen Bereich verschmelzen die Kompositionsleistung mit der performativen Leistung.“ Heute ist es möglich, mit Tasteninstrumenten, aber auch mit Windinstrumenten die Musik direkt in digitale Programme einzuspielen. Diese Form der Komposition ähnelt am Ende mehr dem Musizieren als dem Schreiben selbst, denn die Gleichzeitigkeit von Notieren und Improvisieren war so noch nie möglich. „Der digitale Raum ist im Gegensatz zu einem Blatt Papier virtuell navigierbar und der Komponist bekommt eine zusätzliche Ebene mehr an Freiheit, denn mit zwei Klicks können Dinge ersetzt oder neu angeordnet werden“, erläutert die Wissenschaftlerin. Im Austausch mit ihren Kolleginnen und Kollegen wollen Celestini, Lutz und Achhorner bis zum Projektende im Jahr 2020 zum Erstellen einer Theorie der musikalischen Schrift beitragen.

Vom 26. bis 28. März 2020 wird im Haus der Musik ein großes Abschlusssymposium mit dem Titel „Musikalische Schreibszenen“ stattfinden.

Dieser Artikel ist in der aktuellen Ausgabe der „Zukunft Forschung“, dem Forschungsmagazin der Universität Innsbruck, erschienen. Eine digitale Version des Magazins ist hier zu finden.

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