Zur Bedeu­tung des Feierns

Zum 350-Jahr-Jubiläum widmete sich der Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ am 3. Oktober einem Fragenkomplex, den die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erschließen: Was ist ein Fest überhaupt? Nicht nur ‚wann‘, sondern auch ‚warum‘ wird es gefeiert? Wozu dient es, welches Ziel hat es?
Blick in den Arkadenhof der Theologischen Fakultät
Bild: Poetry-Slam, moderiert von Stefan Abermann (Credit: Uni Innsbruck)

Wenn Universitäten heute feiern, dann sollten sie dies auch dadurch tun, dass sie über sich selbst, ihre Geschichte und ihre gegenwärtige Funktion nachdenken und darüber Auskunft geben. Nach vielen Jahren und Jahrhunderten eines weitgehend ungebremsten, teilweise sogar naiv-wissenschaftsgläubigen Selbstverständnisses kann ein Universitätsjubiläum im Jahr 2019 nur dann überzeugen, wenn es bei allem Feierstolz auch reflexiv angelegt ist. Im Sinne dieser Maxime hat es sich der Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ zur Aufgabe gemacht, das Jubiläumsjahr selbst und das Thema des Festes insgesamt in das Zentrum eines Forschungstages zu stellen.

Eingelegt in das Rahmenprogramm der Ausstellung „Schönheit vor Weisheit“ im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, widmete sich die Veranstaltung am 3. Oktober damit einem Fragenkomplex, den die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erschließen: Denn was ist ein Fest überhaupt? Nicht nur ‚wann‘, sondern auch ‚warum‘ wird es gefeiert? Wozu dient es, welches Ziel hat es: der Strukturierung der Vergangenheit und Orientierung in der Gegenwart; dem Bedürfnis nach Distanzierung zum Alltag durch das Konstrukt einer Ausnahmesituation; der Einpassung in eine Erinnerungskultur, die zur Instrumentalisierung der Vergangenheit wird; der Selbstdarstellung und Selbstvergewisserung der Institution? Wie wird ein Jubiläum, das nicht Teil eines der das Menschenleben oder den Jahresverlauf gliedernden Ereignisse ist, zum Fest? Die Feiern von Menschen sind uns geläufig, wir feiern einen anderen in der Gemeinschaft und freuen uns dabei. Was feiern wir aber, wenn eine Institution, ‚unsere‘ Institution ein Fest begeht? Diese Fragen konnte der Forschungstag kaum erschöpfend lösen, aber er ging ihnen in interdisziplinärer Breite und fachspezifischer Tiefe nach.

Europäisch-ethnologisches Lehrforschungsprojekt zum Uni-Jubiläum

Den Anfang des Tages machte eine Gruppe von Studierenden im BA-Studiengang Europäische Ethnologie, die unter der Leitung von Timo Heimerdinger in einem zweisemestrigen Lehrforschungsprojekt die Aktivitäten des Jubiläumsjahres ethnografisch begleitet hatte und nun ihre Ergebnisse präsentierte. In der Präsentation wurde deutlich, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten weit mehr sind, als eine Aneinanderreihung von besonderen Veranstaltungen, sondern dass sich die Institution Universität darin ihrer eigenen Rolle vergewissert und auch in ihre Beschaffenheit offenbart: Sie zeigt sich als eine öffentliche, hierarchisch verfasste Institution, die im Spannungsfeld von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik agiert und dabei ihre Funktion immer wieder neu bestimmt. Der Imperativ des Brückenbauens („seit 1669“) und der Inklusion bleibt dabei beständig Aufgabe und Programm, selbst wenn er sich an den Realitäten des Studienalltages reibt. Der Umsetzung dieser Programmatik gingen die Studierenden beispielsweise nach, indem sie untersuchten, wie das Verhältnis zwischen Universität und Stadt in den Feierlichkeiten neu bestimmt wurde, etwa über verschiedene Formate wie die „Frau Hitt“-Haltestellen und das „Fest der Wissenschaft“, welche die Universität in die Stadt brachten, aber auch die Stadtbevölkerung an die Universität.

Feiern zwischen Kulturphänomen, sakralem und profanem Ereignis

Durch den Tag führten Doris Eibl und Niels Grüne, die zu Beginn eine Tour d’Horizon durch die Frage unternahmen, was Feste strukturiert, wie sie literarisch verarbeitet und kulturanalytisch erschlossen werden. Anhand der Gelageszene, die den Endpunkt eines jeden Asterix-Comics darstellt, wiesen sie etwa darauf hin, dass Feste bestimmte Zeiten und Orte einnehmen und performativ angelegt sind, sinnliche Elemente wie Essen und Trinken umfassen und Gemeinschaft stiften, aber auch festlegen, wer nicht dazugehört. Diese Fäden nahmen drei einleitende Statements zur Form und Funktion von Festen (Andreas Oberprantacher, Roman Siebenrock und Christoph Ulf) wie auch die anschließenden Vorträge auf.

Jayandra Soni führte in das indische Śravaṇa Beḷgoḷa, wo alle zwölf Jahre eine monumentale Statue rituell gewaschen und gesalbt wird, die in der Jaina-Tradition an den mythischen Helden Bāhubalī erinnert und die zu diesem Fest Millionen von Pilgern anzieht. Den Zusammenhang von Fest und Erinnerung vertiefte der Liturgiewissenschaftler Reinhard Meßner, der anhand eines spätantiken ‚Kalenders‘ nachzeichnete, wie Märtyrer an ihrem ‚Geburtstag‘ gefeiert wurden. Das Mahl an den Gräbern diente dabei nicht dem Gedächtnis der Vergangenheit, sondern bezog die Toten unmittelbar in die Mahlgemeinschaft der Lebenden mit ein, aber auch in deren Wünsche und Problemlagen. Das Festmahl und seine Kehrseiten thematisierten zwei Beiträge aus germanistischer bzw. liturgiewissenschaftlicher Perspektive: Torsten Voß zeigte, wie in Senecas Tragödie „Thyestes“ und Shakespeares Römerdrama „Titus Andronicus“ der scheinbar überzeitliche Grundsatz der Gastfreundschaft pervertiert wird, indem der Gastgeber blutige Rache an seinen Gästen nimmt. Und Liborius Lumma ging von der Beobachtung aus, dass Feste immer strukturell aus dem Alltag, dem ‚Nicht-Fest‘, herausgehoben sind, dass ‚Anti-Feste‘, etwa Fasten und Enthaltsamkeit, aber auch einen Bestandteil der Vorbereitung und Durchführung von Festen selbst bilden können – und etwa in modernen Wellness-Vorstellungen fortleben.

Dem Zusammenhang von Fest und Macht gingen Andrea Zink und Dirk Rupnow in einem letzten Themenblock nach. Die Slawistin versetzte das Publikum auf den Roten Platz in Moskau, wo seit 1945 – mit Unterbrechungen – am 9. Mai der „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland gefeiert wird – eine Feier, die in den geopolitischen Verwicklungen der Gegenwart zu einer Demonstration imperialer Macht avanciert, in der historische Bezüge, Symbolsysteme und spezifische Orte in eine dichte Choreographie eingebunden sind. Dirk Rupnow gab Einblicke in die von ihm federführend mitverantwortete neue Universitätsgeschichte, die ihr Augenmerk auf die irreführend als ‚dunkel‘ bezeichneten Phasen der Geschichte legt, insbesondere auf die politische Instrumentalisierung durch und die Anbiederung an den Nationalsozialismus. Der Zeithistoriker schlug den Bogen zurück zum Ausgangspunkt des Tages: Universitäten können sich heute nicht mehr wie ‚Geburtstagskinder‘ feiern, wenn sie nicht ernsthaft ihrer Geschichte gedenken und ihre Verantwortung in der Gegenwart reflektieren.

„Ich bin 350 – gestatten, Universität!“

Da Feste vorrangig Erlebnisse und performative Akte sind, deren sinnliche Dimension akademische Analysen nicht so leicht einfangen können, schloss sich an die Tagung ein Poetry-Slam an, der das Universitätsjubiläum und die Geschichte der Universität, aber auch Feste und Feiern im Allgemeinen aufgriff und mit künstlerischen Mitteln verarbeitete. Unter der Moderation von Stefan Abermann ritterten Studierende, die in einer germanistischen Lehrveranstaltung unter der Leitung von Veronika Bernard über ein Semester hinweg an Texten gearbeitet hatten, mit vier Profi-SlammerInnen um den Sieg, den am Ende Johanna Kröll, wenig später auch Siegerin in den „Österreichischen Poetry Slam Meisterschaften“, vor dem Studenten Matteo Hellbert errang. Das Publikum klatschte eifrig gegen die Oktoberkälte an, zollte aber vor allem einem Feuerwerk an Pointen und Sprachexperimenten Respekt, bei dem dystopische Zukunftsentwürfe der Universität ausgemalt, Hymnen auf Kuchen und Torten angestimmt und (fremde) Geburtstagsfeiern und (die eigene) Beerdigung geplant wurden. Stefan Abermann schlüpfte noch einmal in die Personifikation seiner Alma Mater und ließ deren Geschichte und Gegenwart Revue passieren, ohne die unscheinbaren Facetten auszusparen, die das universitäre Leben ausmachen. Dazu passte der Ort bestens, denn die Veranstaltung kehrte an den Geburtsort der Universität zurück, in den Arkadenhof der Katholisch-Theologischen Fakultät im Westtrakt der Alten Universität.

(Timo Heimerdinger/Matthias Hoernes)

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