Wör­ter­buch­macher trifft Wör­ter­buch­be­nu­tzer am INT­RAWI

Eine der vielfältigen Kompetenzen, die Studierende der Translations­wissenschaft erwerben müssen, ist die souveräne Orientierung in der mittlerweile fast unübersehbaren Wörterbuch­landschaft. Der Besuch eines Wörterbuch­verfassers am INTRAWI bot die Gelegenheit, das Deutsche Fremdwörterbuch aus Sicht des Lexikographen und aus der Perspektive der BenutzerInnen zu diskutieren.
Gruppenfoto des Vortrags am INTRAWI.
Bild: In der Mitte Dominik Brückner mit den OrganisatorInnen seines Aufenthalts, Wolfgang Pöckl und Martina Mayer vom INTRAWI. (Credit: Marie Serreau und Florence Rossard)

Dr. Dominik Brückner ist am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim beschäftigt und arbeitet dort zusammen mit vier Kollegen an der zweiten Auflage des auf zwölf Bände angelegten Deutschen Fremdwörterbuchs, das im renommierten Verlag de Gruyter (Berlin/Boston) in sehr ansprechender Aufmachung in gedruckter Form erscheint, mittlerweile aber auch teilweise online konsultiert werden kann. In einem einführenden Vortrag wurden die Studierenden mit den Arbeitsprinzipien und -abläufen beim Verfassen von Einträgen in diesem repräsentativen Nachschlagewerk vertraut gemacht. Die Ambition eines Lexikographen hinsichtlich der Vollständigkeit kann Artikel dabei zu Wortgeschichten von der Länge eines umfangreichen Zeitschriftenaufsatzes anwachsen lassen. Die Studierenden waren beeindruckt vom kultur- und sachgeschichtlichen Reichtum solcher Artikel, der exemplarisch am Beispiel Helikopter – einem Wort, das lange vor dem konkreten Objekt und auch im Deutschen früher als das einheimische Hubschrauber existierte – vorgeführt wurde.

Ein zweiter, auf eine schon fortgeschrittenere Hörerschaft zugeschnittener Vortrag über die digitale Revolution in der Lexikologie und Lexikographie befasste sich vor allem mit den Auswirkungen der Digitalisierung großer Textmengen und bisher von der Editionsphilologie weniger berücksichtigter Textsorten. Nahezu jeder neu edierte Fachtext führt zu früheren Erstbelegen, also sogenannten Vordatierungen, aber oft auch zu bis dato nicht registrierten Wortbedeutungen, was Brückner eindrucksvoll anhand diverser Beispiele und Statistiken demonstriert hat. Während der Lexikograph diese Informationen nun als Qualitätskriterium eines Wörterbuches heranzieht, lassen sich auf Seite der Translationswissenschaft für solche Erkenntnisse eher LiteraturübersetzerInnen begeistern als FachübersetzerInnen oder DolmetscherInnen, die ja vor allem mit gegenwartsbezogenen Texten arbeiten. Der Gastredner nutzte aus ebendiesem Grund im Zuge dessen auch die Gelegenheit, das Publikum nach seinen Qualitätsmaßstäben für und Wünschen an ein Wörterbuch zu fragen.

Auch wenn die Vorstellungen von Lexikographen und Studierenden der Translationswissenschaft darüber, was ein Fremdwörterbuch zu einem lexikographischen Juwel macht, letztlich nicht immer vollständig zur Deckung zu bringen waren, so wurde allein die Tatsache, dass hier nicht ein Wörterbuchforscher referierte, sondern ein Wörterbuchmacher einen höchst anschaulichen Einblick in seine tägliche Arbeit gewährte, allgemein als große Bereicherung empfunden.

(Wolfgang Pöckl & Martina Mayer)

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