Vor­trag bei der Jahres­­tagung der UNES­CO-Schulen

Bei der Jahrestagung der österreichischen UNESCO-Schulen 2019 im oberösterreichischen Freistadt war Univ.-Prof.in Dr.in Barbara Herzog-Punzenberger vom Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung der Universität Innsbruck als Eröffnungsrednerin am 16. Oktober eingeladen.
Barbara Herzog-Punzenberger
Bild: Barbara Herzog-Punzenberger bei ihrem Vortrag. (Credit: Gernot Blieberger)

In Barbara Herzog-Punzenbergers Vortrag zu Migration und Mehrsprachigkeit in der österreichischen Schule ging es um das „Framing“ dieser Themen, die notwendige und gestaltbare Selektivität der Erinnerung, das Phänomen des Ethnozentrismus und die positiven Auswirkungen von Mehrsprachigkeit auf Kognition und die Verzögerung von Demenz. Univ.-Prof.in Herzog-Punzenberger leitete die Reflexion über die unterschiedlichen Erzählungen, die mit diesem Themenbereich verbunden sind, mit dem Verweis auf die Tiroler AuswanderInnen ein, die aufgrund von Armut und einer repressiven gesellschaftlichen Ordnung in ein unbekanntes Land aufbrachen. Das seit den 1850er Jahren in Peru existierende Tiroler Dorf Pozuzo ist außerhalb Tirols in Österreich wenig bekannt, ebenso wie die Unterstützung der Nachfahren in fünfter Generation durch Tiroler und Tirolerinnen aus der Auswandererregion. Die transatlantische Kommunikation sowie das Interesse einzelner Nachfahren an der Aufrechterhaltung bzw. Wiederbelebung der Sprache und Gebräuche ihrer vor 160 Jahren eingewanderten Vorfahren in den peruanischen Anden von heute erregt bei österreichischen Lehrkräften keine unmittelbare Skepsis. Natürlich nicht nur Spanisch, sondern auch Deutsch lernen, warum nicht! Genau umgekehrt wird jedoch der Wunsch der Aufrechterhaltung der Sprache und Gebräuche von nach Österreich eingewanderter Gruppen beurteilt. Von diesen wünsche man sich eine möglichst in der ersten, spätestens in der zweiten Generation vollständige Anpassung und Einsprachigkeit in der Unterrichtssprache Deutsch. Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Türkisch oder Rumänisch sollen möglichst bald in Vergessenheit geraten, denn sie würden vermeintlich die Sprachentwicklung im Deutschen negativ beeinflussen. Das Gegenteil ist der Fall!

Das universelle Phänomen des Ethnozentrismus findet sich neben der Sprache auch in anderen Bereichen, etwa in der Wahrnehmung des andauernd stattfindenden Kulturtransfers. Viele der zentralen Kulturgüter Österreichs stammen aus anderen Weltregionen und sind vor Jahrhunderten als Kulturleistung weit entfernt liegender Gesellschaften langsam aber sicher zu einem heute unverzichtbaren Teil der österreichischen Identität geworden. Das Christentum aus Vorderasien, die weltweit verbreitete arabische Zahlenschrift ursprünglich aus Nordindien, die Kartoffel aus den Anden sind nur drei der prominentesten Beispiele. Erzählungen nationaler Identität und Kultur versuchen oft das konstituierende Faktum des unablässigen Kulturtransfers und der Vermischung der Kulturen in den Hintergrund zu drängen, wenn nicht zu verleugnen. Sobald sich Lehrkräfte des Konstruktionscharakters dieser Erzählungen, des absichtsvollen Framing bestimmter Themen sowie der tatsächlichen Daten und Fakten, betreffen sie nun die Geschichte oder die Gegenwart von Migration und Mehrsprachigkeit, bewusst sind, können sie auch mit den diesbezügliche Phänomenen in der Klasse anders umgehen. Soziale und individuelle Probleme wird es trotzdem geben. Die können aber dann auch als solche erkannt und ihrer Ursache gemäß gelöst und müssen nicht kulturalisiert werden.

(Barbara Herzog-Punzenberger)

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