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Vorgestellt: Werkzeug­kasten des Histo­rikers

Martin Wagendorfer ist seit Oktober 2015 Professor für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften an der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den historischen Hilfs- bzw. Grundwissenschaften, der mittelalterlichen Universitätsgeschichte und der Rekonstruktion von mittelalterlichen Bibliotheken.

Einen besonderen Wert legt Univ.-Prof. Martin Wagendorfer auf den Forschungsbereich der Hilfswissenschaften. „Viele Menschen sind mit diesem Begriff nicht vertraut und im ersten Moment klingt er möglicherweise sogar abwertend, aber es ist genau das Gegenteil der Fall“, erklärt Wagendorfer. In den Forschungsbereich der Hilfswissenschaften gehören alle Teildisziplinen, die sich damit beschäftigen, wie man Quellen aus vergangenen Zeiten richtig liest und auswertet. Ob die Diplomatik (Urkundenlehre), Heraldik (Lehre der Wappen) oder Epigrafik (Inschriftenlehre, die auch in diesem Semester von Prof. Wagendorfer als einführende Übung angeboten wird), ein Arbeiten als Geschichtswissenschaftler ohne ein breites Wissen über diese Bausteine wäre nur schwer möglich. „Die Hilfswissenschaften sind wie der Werkzeugkasten des Historikers“, bestätigt Martin Wagendorfer.

Interdisziplinarität

„Gerade die Hilfswissenschaften sind per se interdisziplinär. Das waren sie schon, als der Rest der Welt noch nicht wusste, was Interdisziplinarität ist“, so Martin Wagendorfer. Die Geschichtswissenschaften sind ein interdisziplinäres Feld und arbeiten heutzutage eng mit den modernen Naturwissenschaften und der Informatik zusammen. Durch computerunterstützte Verfahren können Inschriften oder Texte digital aufbereitet werden und stehen somit einem breiten Publikum zur Verfügung. „In einem so interdisziplinären Feld“, betont Wagendorfer, „ist es wichtig, eine gemeinsame Sprache zwischen den Disziplinen zu finden, um sich gegenseitig klarmachen zu können, was man genau möchte, und ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.“

Investition in die Zukunft

Heutzutage sind an vielen Universitäten Lateinkenntnisse nicht mehr zwingend nötig, um Geschichtswissenschaften zu studieren – ein Rückschritt, wie Martin Wagendorfer findet: „Es ist so, als würde ich amerikanische Geschichte betreiben, kann aber kein Englisch. Genau dasselbe wäre das Mittelalter ohne Latein. Ohne Latein ist nur eine Forschung gestützt auf Übersetzungen möglich“, erachtet Martin Wagendorfer diese heute an vielen Universitäten schon gängige Praxis als problematisch, da Übersetzungen immer Interpretationen sind. „Lesen Sie drei Übersetzungen von Shakespeare und Sie sehen, dass die Texte stark voneinander abweichen. Das ist methodisch sehr fragwürdig. Wenn man die Forschung ernsthaft betreiben will, muss ein gewisses Latein-Grundwissen da sein, sonst kann man es nur auf einer Ebene betreiben, auf der man Sekundärliteratur liest und zusammenführt.“ Ein Schwerpunkt der Hilfswissenschaften ist neben Wien in Österreich nur noch in Innsbruck vorhanden – eine Lücke, in der sich die Universität Innsbruck gut positioniert. „Die Leute verstehen jetzt wieder besser, wozu man uns Hilfswissenschaftler braucht“, freut sich der Historiker.

Mittelalterliche Universitätsgeschichte

Die Universitätsgeschichte des Mittelalters ist ein zweiter Forschungsschwerpunkt von Wagendorfer. „Ich halte es auch in meinen Vorlesungen für sehr wichtig, dass sich die Studierenden bewusst sind, an welcher Institution sie sich befinden.“ Das Konzept der Universität ist im Mittelalter entstanden und vieles an unserer Universität ist aus dieser Zeit übernommen. Ämter wie Dekan oder Rektor entwickelten sich im Mittelalter, ebenso wie die Studiengebühren und ein entsprechendes „Stipendienwesen“. Eine Gegenwartsrelevanz ist nicht von der Hand zu weisen. Der Wissenschaftler beschäftigt sich im Speziellen mit den Universitäten nördlich der Alpen, die viel später entstanden sind als in Italien, Frankreich und England. Besonders interessiert sich der Historiker für die Universität Wien, die einzige österreichische Universität, die im Mittelalter entstanden ist. „Andere Universitäten, wie Innsbruck, kommen ja leider für mich für wissenschaftliche Untersuchungen nicht infrage, da sie nicht im Mittelalter entstanden sind“, erklärt Martin Wagendorfer. In einer Kooperation mit dem Universitätsarchiv Wien wurde er beauftragt, die Akten der artistischen Fakultät zu edieren. Die artistische Fakultät, vergleichbar mit dem heutigen Gymnasium, wurde im Mittelalter von Jugendlichen ab einem Alter von etwa 15 Jahren besucht, wo sie die Basisfächer wie Grammatik und Rhetorik lernten. Eine der wichtigsten Relikte sind Protokolle des Universitätsgeschehens. Der Dekan, der jedes Semester bestimmt wurde, musste Sitzungen mitprotokollieren, wodurch noch heute nachvollzogen werden kann, welche Vorlesungen angeboten wurden und was an der Fakultät passierte. Der erste Band dieser Sitzungsprotokolle wurde 1968 ediert und seitdem ist man aufgrund der dafür notwendigen hilfwissenschaftlichen Spezialkompetenzen daran gescheitert, die Edition fortzuführen. Martin Wagendorfer wurde nun damit beauftragt und würde sich über Mitarbeit in diesem herausfordernden Projekt freuen: „Ich möchte gerne vermehrt Studierende in diese Arbeiten einbinden. Aber es ist eine Herausforderung, da die Anforderungen sehr hoch sind. Bis jetzt war es noch nicht möglich, doch ich könnte mir gut vorstellen, in Zukunft interessiert Studierende in diese Arbeiten einzuführen und auszubilden.“

Rekonstruktion mittelalterlicher Bibliotheken

Der Buchbesitz eröffnet einen Einblick in das Gedankengut und das Leben des Besitzers oder der Besitzerin. „Ideal ist es, wenn die Besitzenden selbst in die Bücher hineingeschrieben haben, Randbemerkungen zum Beispiel. Ich selbst wäre wohl ein schlechtes Forschungsobjekt für künftige Generationen, da ich es hasse, in meine Bücher zu schreiben. Aber umgekehrt freue ich mich in meiner Forschung über Anmerkungen in den Büchern, da man daran gut sieht, wie sie gelesen wurden und was die Menschen interessierte.“ Großteils werden solche Rekonstruktionen über Besitzvermerke oder Verpfändungsvermerke in Büchern erarbeitet. Sozialgeschichtlich und auch wirtschaftsgeschichtlich eine interessante Arbeit. In diesem Forschungsfeld vergibt der Historiker auch immer wieder Diplomarbeiten. Zurzeit arbeitet ein Student an der Rekonstruktion der Bibliothek eines Innsbrucker Bürgers, dessen Bücher zum Teil heute an der Universitätsbibliothek Innsbruck vorliegen. „Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, die beglückendsten Momente, neben der Lehre, sind die, in denen man im Archiv sitzt und etwas Neues entdeckt.“

Zur Person

Martin Wagendorfer, geboren 1973 in Amstetten (Niederösterreich), studierte Geschichte, Klassische Philologie (Latein) und Alte Geschichte an der Universität Wien, wo er 2001 promovierte. Von 2004 bis 2006 und 2008 bis 2012 war er, anschließend an einen einjährigen Forschungsaufenthalt in Rom am ÖHI, als Mitarbeiter an der „Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters“ der ÖAW tätig. Zwischenzeitlich forschte er im DFG-Projekt „Edition der Historia Austrialis des Eneas Silvius Piccolomini“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Habilitation, in den Bereichen „Historische Hilfswissenschaften“ und „Mittelalterliche Geschichte“, erfolgte 2008 an der Universität Wien. In den darauffolgenden Jahren lehrte Martin Wagendorfer „Mittelalterliche Geschichte“ auf Vertretungs- bzw. Gastprofessuren in Wien und München, bis er im Sommersemester 2014 eine Vertretungsprofessur an der Universität Innsbruck antrat. Seit 1. Oktober 2015 ist er Inhaber der Professur für „Geschichte des Mittelalters“ und „Historische Hilfswissenschaften“ an der Universität Innsbruck und beschäftigt sich in seiner Forschung unter anderem mit der „Geschichte der mittelalterlichen Universität“ und der „Bildungs- und Bibliotheksgeschichte im Mittelalter“.


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