Über Opfer und (Mit-)Täter

Das INTRAWI durfte dank der Unterstützung des Interdisziplinären Frankreich-Schwerpunkts am 20. März den Historiker Dr. Andreas Brugger (Montafoner Museen/Montafon Archiv) in Innsbruck begrüßen. Ziel war ein didaktisierender Gastvortrag zur Förderung einer kritisch-historischen Reflexion bei den Studierenden, wie sie für Sprach- und KulturmittlerInnen unabdingbar ist.
Historiker Andreas Brugger
Bild: Andreas Brugger bei seinem Vortrag. (Credit: Romana Kaier)

Erfolgreiche ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen brauchen weitaus mehr, als zwei Sprachen perfekt zu beherrschen; sie müssen außerdem u.a. die Sprechergemeinschaften ihrer Arbeitssprachen in allen Facetten kennen, um Inhalte vollends zu verstehen, richtig zu bewerten und damit den Übertritt von der einen Sprache in die andere, von der einen Kultur in die andere wirklich zu meistern. Aus diesem Grund wird am Institut für Translationswissenschaft (INTRAWI) in sprach- bzw. länderbezogenen Lehrveranstaltungen, die ausgewählte Themen beispielsweise der österreichischen oder französischen Geschichte behandeln, Landeswissenschaft und Kulturgeschichte im Rahmen einer kulturkontrastiven und translationsrelevanten Auseinandersetzung gelehrt.

Für Französisch wie auch für Deutsch als Fremdsprache (LV-Leitung: Martina Mayer) gilt dieses Semester die Schwerpunktsetzung Nationalsozialismus – ein Kapitel, das sowohl in der österreichischen als auch in der französischen Geschichte bis heute als ein dunkles betrachtet wird und mit Sicherheit einer sich stets erneuernden aktiven Befassung bedarf. Um die Studierenden dazu befähigen, differenziert und historisch fundiert an diese Thematik heranzugehen, hat nun das INTRAWI gemeinsam mit dem Interdisziplinären Frankreich-Schwerpunkt Dr. Andreas Brugger von den Montafoner Museen bzw. vom Montafon Archiv zu einem Gastvortrag eingeladen. Der in Innsbruck promovierte Historiker – ein fulminanter Redner mit einem feinen Sinn für das Essentielle, wenn fachfremden Personen in wenig Zeit viel Komplexes zu vermitteln ist – lehrt auch an einem Gymnasium und weiß daher besonders um die Wichtigkeit einer didaktisch adäquaten Aufarbeitung.

So hat er den ca. 60 anwesenden Studierenden des Institutes sowie externen Gästen in seinem Gastvortrag Über Opfer und (Mit-)Täter. Ein kritischer Blick auf die Rollen Österreichs und Frankreichs während der Zeit des Nationalsozialismus am 20. März 2018 auf eindringliche Weise die Bedeutung großer Begriffe wie „Opfer“, „Täter“, „Schuld“ oder „Verantwortung“ nahegebracht, dies eingebettet in eine sehr umsichtig und umfassend gestaltete Gesamtkontextualisierung der Geschehnisse ab 1933. Die österreichisch-französische Zeitreise, auf die Brugger sein Publikum bis hin zur Befreiung Frankreichs durch die Alliierten bzw. bis zum Abzug der Besatzungsmächte aus Österreich mitgenommen hat, erlaubte im Weiteren nicht nur eine kritische Beleuchtung des Nationalsozialismus – sei es nun im Deutschen Reich, im angeschlossenen Österreich, im besetzten Frankreich oder in Vichy-Frankreich. Sie gewährte abschließend auch einen Einblick, wie denn seit dem Kriegsende bis in die Gegenwart in Frankreich und Österreich mit der Vergangenheit umgegangen wurde und wird.

Mit seiner kritischen Auseinandersetzung und dem Übergang zu einer hochaktuellen Fragestellung hat Andreas Brugger nicht nur einen inhaltlich aus Sicht der Lehrenden absolut perfekten Bogen gespannt, sondern noch viel nachhaltiger gewirkt: Er hat den Studierenden ganz grundlegende Bausteine des eingangs angesprochenen tiefgreifenden Verstehens mitgegeben – inhaltlicher wie methodischer Art –, wofür ihm an dieser Stelle nochmals gedankt sei. Ein weiteres, abschließendes Merci gilt dem Interdisziplinären Frankreich-Schwerpunkt der Universität Innsbruck unter der Leitung von Univ.-Prof. Mag. Dr. Eva Lavric und ihrer équipe, Romana Kaier und Ludovic Milot, ohne dessen Hilfe so manche Initiative von Gesellschaftsrelevanz in der Lehre nicht möglich wäre …

(Martina Mayer)


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