Tagung: Lang­zeit­forschung im Gebirge

Expertinnen und Experten aus 16 Nationen trafen sich vom 29. September bis 3. Oktober 2017 im Universitätszentrum in Obergurgl zum Workshop „Long-Term Research in Mountain Areas“.
Gruppenfoto vom Workshop „Long-Term Research in Mountain Areas“
Bild: TeilnehmerInnen am Workshop „Long-Term Research in Mountain Areas“ in Obergurgl. (Credit: Vera Margreiter)

Organisiert wurde die internationale Tagung von der Alpinen Forschungsstelle Obergurgl in Zusammenarbeit mit HEPIA Genf (Haute école du paysage, d’ingénierie et d’architecture de Genève) und der LTSER-Plattform Tyrolean Alps. Ziel war es, sich gegenseitig über die Langzeitaktivitäten in den Gebirgsräumen der Erde zu informieren und insbesondere in „round tables“ über Standardisierung der Methoden, Datenspeicherung, Datenmanagement, Datenauswertung, „best practices“, gemeinsame Publikationen und künftige Projekte zu diskutieren. Große Sorge bereitet den TeilnehmerInnen die Tatsache, dass die Geldmittel für die Forschung immer knapper werden und dass vor allem Langzeitprojekte in keiner Weise finanziell abgesichert sind. Dies erstaunt vor allem deshalb, weil Langzeitmonitoring der Schlüssel für das Verständnis von Veränderungen ist und weil nur damit realistische Prognosen für künftige Entwicklungen möglich sind.

Brigitta Erschbamer, Rüdiger Kaufmann und Nikolaus Schallhart von der Alpinen Forschungsstelle Obergurgl stellten beim Workshop die von ihnen betreuten Langzeitprojekte vor. Obergurgl ist eines der neun Untersuchungszentren innerhalb der LTSER-Plattform Tyrolean Alps (LTSER = Long-term Socio-economic and Ecosystem Research). Diese Plattform ist wiederum integriert in das Netzwerk LTER Austria (Austrian Long-term Ecosystem Research Network) und damit auch im europäischen Netzwerk der Langzeitforschung LTER verankert. Obergurgl kann auf eine sehr lange Tradition der Forschung verweisen: bereits kurz nach der Gründung der Alpinen Forschungsstelle im Jahr 1951 begannen die Messungen an der Wetterstation am Parkplatz des Universitätszentrums, ebenso die Untersuchungen an den großen Gletschern in Vent (Hintereisferner, Kesselwandferner, Vernagtferner). Noch länger zurück reichen die Bewegungsmessungen am Blockgletscher Äußeres Hochebenkar in Obergurgl, der kontinuierlich seit 1938 bis heute vermessen wird.

Seit mehr als 20 Jahren betreibt die Alpine Forschungsstelle Obergurgl umfangreiche Langzeituntersuchungsprojekte. Zunächst war das Gletschervorfeld des Rotmoosferners im Fokus der Dauerbeobachtung: zwei Wetterstationen wurden installiert, die Erstbesiedelung durch Pflanzen, Pilze, Tiere wurde studiert und Nahrungsnetze analysiert. Bis heute werden jeden Sommer 40 markierte Flächen auf Veränderungen ihrer Artenzusammensetzung hin untersucht.

Im Jahr 2000 wurde das Langzeituntersuchungsprogramm ausgedehnt auf den gesamten Höhengradienten von den Weideflächen in Obergurgl (1960 m Meereshöhe, subalpine Stufe) bis zu den Abhängen des Kirchenkogels (2790 m Meereshöhe, obere alpine Stufe). Mittlerweile reichen die vegetationskundlichen Untersuchungen und populationsökologischen Experimente hinauf bis auf die Liebener Rippe in 2900 m Meereshöhe. Im Mittelpunkt stehen die Fragen nach den Veränderungen von Flora und Fauna im Zuge des Klimawandels, den Auswirkungen des Weideausschlusses,  dem Verlauf von Temperatur und Feuchtigkeit und Fragen nach den Keimungs- und Etablierungschancen von Pflanzengruppen, die durch den Klimawandel gefördert oder verdrängt werden. Insgesamt werden sieben Pflanzengesellschaften in über hundert 1 x 1 m großen Flächen untersucht. Der Weideausschluss führte zu einer signifikanten Reduktion der Artenvielfalt im Bereich von Obergurgl, wobei sich vor allem Hochstauden in der eingezäunte Fläche ausbreiteten. In der alpinen Stufe wurde ein Rückgang von kleinwüchsigen Pflanzenarten in den Weideausschlussflächen festgestellt.

Frequenzanalyse am höchsten Gipfel in der Texelgruppe (3287 m Meereshöhe). (Credit: Martin Mallaun)

Eines der weltweit am weitesten verbreiteten Langzeitprojekte ist das Netzwerk GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments), das mittlerweile über 130 Gebirgsregionen umfasst. Das dichteste Netz an Untersuchungsgebieten liegt in Europa, es folgen Süd- und Nordamerika und Asien. Ziel des Projektes ist es, die Veränderungen der Vegetation auf jeweils vier Berggipfeln pro Region in Abständen von 5 bis 10 Jahren zu untersuchen, um die Auswirkungen des Klimawandels beziffern zu können. Zahlreiche GLORIA–MitarbeiterInnen waren beim Workshop in Obergurgl vertreten. Brigitta Erschbamer vom Institut für Botanik der Universität Innsbruck und Mitorganisatorin des Workshops betreut zwei GLORIA-Gebiete in Südtirol, eines in den Dolomiten und eines im Naturpark Texelgruppe. Aktuelle Daten vom Sommer 2017 wurden beim Workshop von ihrer Mitarbeiterin Lena Nicklas vorgestellt: die Artenvielfalt auf den untersuchten Bergen der Texelgruppe stieg in den Höhenlagen von 2180 m bis 3074 m Meereshöhe kontinuierlich an. Am höchsten der vier Gipfel, auf 3287 m Meereshöhe, gingen die Artenzahlen in den letzten 14 Jahren allerdings leicht zurück.

In Obergurgl wurde vor allem diskutiert, wie die große Datenfülle des GLORIA-Netzwerks noch besser ausgewertet und publiziert werden kann. Übersichten über Ergebnisse und Prognosen sollen Studierenden und WissenschaftlerInnen, aber auch den jeweiligen GebietsmanagerInnen zur Verfügung gestellt werden.

(Brigitta Erschbamer)


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