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So gleich wie früher?

Wie gerecht sind Einkommen und Vermögen verteilt? Wiederholt sich die Geschichte? Die Ungleichheit des frühen 20. Jahrhunderts kommt wieder – das zeigen historische Erhebungen: Mit der historischen Vermögensverteilung beschäftigt sich der Ökonom Andreas Exenberger.

Mit seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ hat der französische Ökonom Thomas Piketty Anfang dieses Jahres erneut Bewegung in eine Debatte gebracht, die seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise auch öffentlich immer breiter stattfindet: Die wachsende wirtschaftliche Ungleichheit ist ein Problem, dem viele Staaten in Zeiten schrumpfender öffentlicher Kassen ratlos gegenüberstehen. Aber ist das alles neu? Gab es nicht immer schon Arme und Reiche in der Gesellschaft? Mit der Entwicklung der Ungleichheit in Vermögen und Einkommen beschäftigt sich auch der Innsbrucker Ökonom Dr. Andreas Exenberger. „Ein Problem bei historischen Vergleichen sind die Quellen, die solche Vergleiche überhaupt möglich machen: Es gibt sie nämlich nicht so flächendeckend, wie wir das gerne hätten“, erklärt er. Kein Wunder – gibt es doch etwa für eine Verteilung der Vermögen in Österreich selbst in jüngster Zeit kaum zuverlässige Daten. „Aus Vermögen wird oft ein Geheimnis gemacht. So haben wir zwar immer mehr Punktschätzungen, aber einigermaßen verlässliche Zeitreihen zu Vermögensdaten über die letzten Jahrzehnte gibt es vielleicht für knapp ein Dutzend Länder – zum Glück sind da auch größere dabei.“

Vermögens-Puzzle

So greift Andreas Exenberger auf einzelne Statistiken zurück, die Rückschlüsse auf breitere Schichten erlauben: „Es gibt etwa eine Vermögensaufstellung auf Basis des Katasters aus dem Jahr 1427 für die Republik Florenz, die uns einiges über den Reichtum zu dieser Zeit an diesem Ort sagt. Daneben haben wir einzelne Quellen wie etwa Sozialtabellen, Steuerlisten oder Archivmaterial über Erbschaften. Alle diese kleinen, einzelnen Daten ergeben ein Bild, das Rückschlüsse erlaubt. Das Puzzle füllt sich langsam, aber stetig.“ Vermögensdaten sind dabei grundsätzlich herausfordernder als Einkommensdaten. Letztere lassen sich auch historisch gesehen leichter schätzen, weil sie eng mit dem Lebensstandard zusammenhängen, wie der Ökonom erklärt: „Da gibt es sehr spannende Zusammenhänge: Es ist zum Beispiel nachweisbar, dass die durchschnittliche Körpergröße – die wiederum mit der Ernährung insbesondere in der Kindheit zusammenhängt – speziell in armen Gesellschaften Rückschlüsse auf das Durchschnittseinkommen zulässt.“ Auch andere Daten lassen Schätzungen zu: Etwa der Verstädterungsgrad oder die Preise für bestimmte Lebensmittel. „Wichtig ist mir aber, hier Vermögen und Einkommen begrifflich nicht zusammenzuwerfen: Vermögen kann in einer Gesellschaft sehr ungleich verteilt sein und sie kann trotzdem gut funktionieren, solange die Einkommen für ein angemessenes Leben ausreichen. Einkommen ist unerlässlich zum Überleben, Vermögen hat oft eine ganz andere Funktion.“

Der bekannteste Wert für die Verteilung von Einkommen und auch von Vermögen ist der Gini-Koeffizient: Er sagt als Wert zwischen 0 und 1 aus, wie die Einkommenssituation in einer Gesellschaft beschaffen ist. Je näher bei Null, desto egalitärer ist die Einkommenssituation – ein Wert genau 1 würde umgekehrt bedeuten, dass eine Person das gesamte Einkommen in einem Staat erhält. Der Gini-Koeffizient für Einkommen bewegt sich laut Weltbank in den meisten europäischen Staaten zwischen 0,25 und 0,35, während vor allem in Lateinamerika, aber auch in Teilen Afrikas Werte von über 0,5 erreicht werden. „Der Gini-Wert beruht letztlich auch immer auf Schätzungen, was gerade bei Berechnungen zum Vermögen ein Problem ist: Je weniger wir speziell über das reichste Prozent der Verteilung wissen, desto ungenauer ist diese Berechnung letzten Endes.“

Historische Entwicklung

Historisch gesehen – mit allen Unwägbarkeiten, die mangelnde Daten mit sich bringen – nimmt vor allem die Einkommens-Ungleichheit mit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts merkbar zu. „In den reichen Kaufmannsstädten waren auch im 16. Jahrhundert die Unterschiede schon gewaltig, auf Länderebene gehen die Einkommen aber im 19. Jahrhundert nochmals besonders auseinander. Da finden wir dann Einkommensanteile von 20 bis 25 Prozent für das reichste Prozent der Bevölkerung und Vermögensanteile von teils über 50 Prozent“, sagt Andreas Exenberger. Die Industrialisierung treibt die Einkommen und auch die Vermögen auseinander: Während manche große Vermögen erwerben konnten, mussten die ärmeren Schichten zugleich von der Hand in den Mund leben. Die Kriege und Krisen im 20. Jahrhundert führten dann zu einer gewissen Angleichung. „Doch erst politische Reformen nach 1945, Regulierung durch Steuern und Ausbau des Sozialstaats sorgten in westlichen Ländern bis etwa 1980 zu einem Abbau der Ungleichheit – auch wenn der Anteil des obersten Prozents am Gesamtvermögen nie unter 15 Prozent fiel.“ Das Ausmaß zeigt zum Beispiel ein Vergleich der Werte vor und nach Steuern: „Der Gini-Koeffizient der Einkommen sinkt in Österreich durch die Besteuerung von über 0,4 auf knapp 0,3, das Steuersystem sorgt hier also für einen gewissen Ausgleich.“ Dennoch nähern sich die Ungleichheits-Werte beim Einkommen und bald möglicherweise auch beim Vermögen in einigen Ländern wieder jenen aus der Zeit vor der Großen Depression.

Eine zentrale These von Thomas Piketty ist, dass die Ungleichheit in einer Bevölkerung automatisch zunimmt, wenn die Rendite auf Kapital größer ist als das Wirtschaftswachstum, wie Andreas Exenberger erklärt: „Spätestens seit den 1980er-Jahren ist das wieder der Fall. Bis dahin wuchs die Wirtschaft in Europa auch durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg stark, inzwischen wächst die Realwirtschaft vergleichsweise gering. Eine vorsichtige Berechnung aus dem Jahr 2000 gibt weltweit 71 Prozent des Vermögens in die Hände der reichsten zehn Prozent – dieser Wert hat sich inzwischen vermutlich weiter erhöht und wäre noch höher, wenn man alle Vermögenswerte vollständig berücksichtigen könnte.“

Alternative Berechnung

Andreas Exenberger plädiert bei der Berechnung der Ungleichheit auch für eine neue Betrachtungsweise: „Einfach ausgedrückt ist in reichen Gesellschaften allein aufgrund des größeren Gesamteinkommens viel mehr Ungleichheit möglich als in armen – die Frage ist also nicht nur, wie hoch ist die Ungleichheit, sondern welcher Anteil der möglichen Ungleichheit wird realisiert? Das Ergebnis, die sogenannte Extraktionsrate, verrät uns mehr als der Gini-Koeffizient.“ Hohe Extraktionsraten zeugen von einer Verarmung oder Verelendung weiter Teile der Bevölkerung eines Landes – Raten von nahe oder über 100 Prozent bedeuten praktisch, dass weite Teil der Bevölkerung unter dem Existenzminimum ihres Landes leben. „Global gesehen gibt es solche Länder, nicht nur historisch. In Österreich liegen wir hingegen heute bei ungefähr einem Drittel. Bemerkenswert ist jedoch, dass die Extraktionsraten in den vergangenen Jahren eher wieder zunehmen – ein Befund, den politische Entscheidungsträger auch sehen sollten.“

Dieser Artikel ist in der Oktober-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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