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Reizende Winzlinge

Des einen Freud, des anderen Leid: Mit den steigenden Frühlingstemperaturen setzt auch der Pollenflug ein. Für Allergiker ist der Tiroler Pollenwarndienst am Institut für Botanik eine wichtige Anlaufstelle. In Innsbruck hat das „Registrieren“ von Pollen eine fast 40-jährige Tradition.

Hustenreiz, Schnupfen, gerötete Augen oder Atemnot: Pollen sind zwar nur etwa 10 bis 100 Mikrometer groß, können aber bei Kontakt mit der Schleimhaut zu teilweise massiven allergischen Reaktionen führen. „Detaillierte Informationen über den aktuellen Pollenflug und dessen Prognosen sind für Pollenallergikerinnen und -allergiker daher sehr wichtig - nicht nur jetzt im Frühling, sondern je nach Allergie fast das ganze Jahr über“, sagt Dr. Notburga Oeggl-Wahlmüller vom Institut für Botanik. „Gerade Menschen mit schweren Allergien können sich dann entsprechend vorbereiten und schützen, indem sie durch Ortswechsel ausweichen.“ Seit zwei Jahren ist die Botanikerin für den Tiroler Pollenwarndienst tätig und für die Betreuung und Auswertung der Messstationen in Tirol zuständig. Bereits seit 1978 führt das Institut für Botanik in Zusammenarbeit mit der Landessanitätsdirektion Tirol Beobachtungen des Pollenflugs an mehreren Standorten in Tirol durch. Dabei wird die Pollenkonzentration in der Luft in Abhängigkeit von Region und Seehöhe erfasst: Aufbereitet als Situationsbericht und Prognose stehen die Informationen auf der Homepage des Instituts für Botanik (www.uibk.ac.at/botany/services/) Allergikern zur Verfügung. „Die ermittelten Werte fließen außerdem in die Datenbank des Europäischen Aeroallergen Netzwerkes (EAN), wo Daten von über 600 Pollen-Messstationen aus ganz Europa gesammelt werden.“ Diese Daten werden von Wissenschaftlern (hauptsächlich Aerobiologen) in Europa verwendet, um Vorhersagen, Statistiken, Trends, und wissenschaftliche Arbeiten über die Pollenverteilung in Europa zu erstellen.

Pollenmonitoring

In Tirol wird der Pollenflug derzeit an sechs Messstationen dokumentiert: Innsbruck, Lienz, Obergurgl, Reutte, Wörgl und Zams. Am Dach des Innsbrucker Instituts für Botanik beispielsweise steht in 20 Metern Höhe eine so genannte volumetrische Pollenfalle. Das etwa ein Meter große Gerät saugt einen Kubikmeter Luft pro Stunde durch einen exakt genormten Schlitz an, was dem äquivalenten Atemvolumen eines Menschen entspricht. Hinter diesem Schlitz dreht sich eine Trommel mit einer Geschwindigkeit von 2 Millimetern pro Stunde. Die Trommel ist mit einem Kunststofffilm versehen, der dünn mit einem Haftmedium (Vaseline oder Silikonflüssigkeit) beschichtet ist. Auf dem Haftfilm bleiben die in der Luft enthaltenen Mikro-Partikel (wie z.B. Pollen, Pilzsporen, Bakterien, Dieselpartikel oder Reifenabrieb) kleben.  Nach einer Woche wird der Kunststofffilm gewechselt: In Innsbruck steigt Oeggl-Wahlmüller selbst auf das Dach, die Streifen der anderen Pollenfallen werden der Wissenschaftlerin zur Auswertung zugeschickt. Anschließend erfolgt die Präparation im Labor, indem der Kunststoffilm in 24-Stunden-Einheiten eingeteilt wird. Für Notburga Oeggl-Wahlmüller beginnt dann die Mikroskopie: „Unter einem Lichtmikroskop zähle ich Art und Anzahl der verschiedenen Pollen pro Stunde jedes Tages aus.“ Dadurch ergibt sich ein präzises Bild der Pollenbelastung für Tirol.
Dass die Pollenfallen in einer Höhe zwischen 20 und 30 Metern angebracht sind, ist kein Zufall: „Messungen in niedrigeren Lagen, etwa auf Augenhöhe, wären nur für einen sehr kleinen Raum repräsentativ. Die Positionierung der Pollenfallen auf Dächern oder ähnlichem ermöglicht uns die Erstellung von Durchschnittswerten für eine ganz Region“. Dabei registriert Oeggl-Wahlmüller über das Jahr hinweg verschiedenste Pollen: Von den Frühjahrsblühern, über Gräser und Nadelbäume im Sommer bis hin zu Brennessel- und Beifußgewächsen im Herbst.

Verlängerung

Die klimatischen Entwicklungen der letzten Jahre hin zu milderen Wintern und höheren Temperaturen bereits in den Anfangsmonaten des Jahres wirken sich auch auf den Pollenflug aus. Einige Pflanzen beginnen im Schnitt bereits 10 bis 14 Tagen früher mit der Blüte und verlängern die Leidenszeit der Allergiker. Oeggl-Wahlmüller macht diese Tendenz am Beispiel der gezählten Pollen der Erle in diesem Jahr fest: „Die Erle zählt zu den Frühjahrsblühern und beginnt häufig Ende Jänner mit einem fünfjährigen Durchschnittswert von etwa 60 Pollenkörnern pro Kubikmeter Luft langsam zu streuen. Am letzten Wochenende im Jänner 2016 allerdings verzeichneten wir in Innsbruck starken Föhn und erreichten mit knapp 250 Pollenkörnern pro Kubikmeter innerhalb kürzester Zeit einen vierfachen Wert. Die Erle ist regelrecht explodiert.“ Für Allergiker sind das keine positiven Entwicklungen, denn die Erle zählt gemeinsam mit Birke, Hasel und Esche zu den so genannten Kätzchenblütigen – und ist hochallergen. Die größte „Übeltäterin“ ist und bleibt allerdings die Birke, die zu den stärksten Verursacherinnen für Allergien zählt. „Birkenpollen können bereits bei 30 Stück pro Kubikmeter Luft allergische Reaktionen hervorrufen. In Innsbruck erreichen wir durchaus Spitzenwerte von 1500 Pollen pro Kubikmeter“, verdeutlicht die Botanikerin. Dazu kommen allerdings auch immer wieder neue Arten, die erst seit einigen Jahren in den Pollenfallen vermehrt zu finden sind. Das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) etwa ist ein „Neophyt“: Die Pflanze mit ihren kleinen gelben Blüten ist ursprünglich nicht hier heimisch, breitet sich aber rasant aus. „Ambrosia stellt in Österreich und seinen Nachbarländern ein immer größeres Problem dar, da ihre Pollen hochallergen sind und mit massiven Beschwerden wie etwa Hautreizungen einhergehen“, sagt Oeggl-Wahlmüller. Da diese Pflanze bis weit in den Herbst hinein blüht, ist sie auch für Imker ein Problem. Bienen treten nicht in ihre Ruhephase ein, wenn sie weiterhin Nahrung finden.
Für Personen, die unter einer schweren Form der Allergie mit z.B. Asthma leiden, bleibt somit manchmal nur das Ausweichen in höhere Lagen, wie die Pollenfalle in Obergurgl zeigt. „Oberhalb der Baumgrenze in einer Höhe von knapp 2000 Metern ist die Belastung aufgrund der dortigen Vegetation natürlich wesentlich geringer oder kaum vorhanden. Mit zunehmender Seehöhe nimmt nicht nur die Pollenbelastung ab, auch die Blühphase verschiebt sich. Allergie-Patienten können somit durch Ausweichen in Höhenlagen über 1800 m der stärksten Belastung im Tal entgehen.“

Faszination

Auch wenn Pollen für viele Menschen nur mit negativen Assoziationen behaftet sind: Notburga Oeggl-Wahlmüller ist auch nach vielen Jahren immer noch fasziniert. „Pollen sind unglaublich vielgestaltig und können unterschiedlichste und – wie ich finde – sehr ästhetische Formen annehmen. Jede Pflanze gestaltet ihre Pollen individuell so, dass sie von den Bienen optimal aufgenommen und weitergetragen werden kann. Ein sehr spannendes Zusammenspiel“. Auch für die Vegetationsgeschichte, ein Forschungsschwerpunkt der Botanikerin, spielen Pollen für die Rekonstruktion vergangener Vegetationen eine wesentliche Rolle. „Pollenanalysen in fossilen Böden oder Torfablagerungen erlauben uns einen detaillierten historischen Blick in die Zusammensetzung der Pflanzenwelt.“ Als „Wunderwerke der Natur“ bezeichnet die Botanikerin daher ihre winzigen Forschungsobjekte abschließend.

Die Botanikerin war bereits im vergangenen Jahr in unserer Radiosendung „uni konkret“ zu Gast. Im Gespräch mit Melanie Bartos erzählt sie über ihre Arbeit und Faszination:

Dieser Artikel ist in der April-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).

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