Recht auf Stadt in São Paulo: Akteure – Nutzungen – Konflikte

Die Vertiefungsrichtung Entwicklungsforschung des Masterstudiengangs Geographie war 2017/18 erstmals der Megastadtforschung im Globalen Süden gewidmet. Im Fokus dabei stand der Raum São Paulo mit seinen vielfältigen Akteuren, Nutzungen und Konflikten.
Sao Paulo: Wohnbauprojekt.
Bild: Soziales Wohnbauprojekt in der Favela Heliópolis. (Credit: Lukas Huemer)

Der Raum São Paulo ist eine Region der Superlative. Bereits in der Stadt an sich leben circa 12 Millionen EinwohnerInnen. Zusammen mit den direkt an die Stadt anschließenden Nachbarstädten leben in der Metropolitanregion über 20 Millionen Menschen. Mit einem Teil der damit einhergehenden Herausforderungen setzten sich 17 Studierende der Vertiefungsrichtung Entwicklungsforschung 2017/18 des Master-Studiengangs Geographie: Globaler Wandel – regionale Nachhaltigkeit auseinander. Dabei lag der Schwerpunkt auf den drei Themenfeldern „Recht auf Wohnen“, „Recht auf Innenstadt“ und „Recht auf Nachhaltigkeit“, die im Zuge eines 3-wöchigen Forschungsaufenthalts mit überwiegend qualitativen Methoden erfasst wurden. Die Ergebnisse werden noch bis 15. Juni 2018 als Posterausstellung im Erdgeschoss des Bruno-Sander-Hauses gezeigt und können zudem unter diesem Link abgerufen werden.

Recht auf Wohnen

Ein extremer, mit dem Kaffee-Boom einhergehender Bevölkerungsanstieg von 30.000 EinwohnerInnen im Jahr 1872 auf über zwölf Millionen im Jahr 2017 führte unter anderem zu einem Wohnraummangel, fehlender Infrastruktur und überteuerten Wohnpreisen. Auf der einen Seite herrscht ein gravierendes Wohnraumdefizit vor, das im Jahr 2010 mit mehr als 872.000 Wohneinheiten beziffert wurde. Auf der anderen Seite gibt es aufgrund eines Überangebotes an Wohnungen auf dem freien Immobilienmarkt auch spekulationsbedingte Leerstände. Die Wohnraumproblematik und die ineffiziente städtische Verwaltung sind Hauptgründe für die informelle Wohnraumeignung der ärmeren Bevölkerungsschicht in São Paulo. Unser Schwerpunkt beim Thema „Recht auf Wohnen“ lag auf dem informellen Wohnraum und dessen Formalisierung. Drei Formen informellen Wohnens können in der Stadt São Paulo festgestellt werden: Favelas (Marginalsiedlungen), Cortiços (slum-ähnliche Wohneinheiten) und Ocupações (Besetzungen von Gebäuden).

In der Feldforschung widmeten wir uns der informellen Stadtproduktion. Unser Untersuchungsgebiet bildete dabei die Favela Heliópolis, welche mit geschätzten 220.000 BewohnerInnen die zweitgrößte Favela der Stadt darstellt. Dabei arbeiteten wir vier Tage zu dieser Thematik, indem wir unterschiedliche Vorträge vor Ort besuchten und durch die Favela geführt wurden. Zusätzlich wurden Daten anhand qualitativer Forschungsmethoden in Form von Befragungen, Gruppendiskussionen und Mental Maps erhoben.

Im Zuge dieser Feldforschung stellten wir fest, dass ein großes Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Favela Heliópolis vorherrscht und sich die BewohnerInnen sehr stark mit ihrem Viertel identifizieren. Die Stadtteilbewegung UNAS bildet dafür ein wesentlicher Faktor, da sie z.B. Kinder- und Jugendzentren betreibt, Gemeinschaftsbibliotheken unterhält sowie weitere soziale Projekte fördert. Gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Fußball spielen und Drachensteigen lassen sind sehr beliebt bei Jugendlichen, wodurch ebenfalls die Gemeinschaftsbildung gestärkt wird. Bildung wird als Chance gesehen, die eigenen Lebensumstände verbessern zu können und somit eine positive soziale Entwicklung des Marginalviertels als Ganzes zu gewährleisten. Die Außen- und Innenwahrnehmung der Favela muss differenziert betrachtet werden: Während die angrenzende Bevölkerung Heliópolis als unsicher betrachtet, empfinden es die Favela-BewohnerInnen als ausgesprochen sicher – so lange die ungeschriebenen Regeln beachtet werden.

Recht auf Innenstadt

 

Blick in die Kernzone Serra da Cantareira im nördlichen Teil des Biosphärenreservats São Paulo. (Credit: Tobias Töpfer)

Das Recht auf Wohnen hat einen zentralen Ausschnitt des städtischen Lebens vorgestellt. Bei Betrachtung der Innenstadt São Paulos sind jedoch weitere Strukturen und Problematiken erkennbar, die vor allem den öffentlichen Raum betreffen. Dieser stellt einen Ort der gesellschaftlichen Teilhabe dar und weist im Idealfall gleiche Zugangs- und Nutzungsrechte für alle sozialen Gruppen auf. Das Konzept Recht auf Stadt von Henri Lefebvre fordert verschiedene Rechte ein, wie zum Beispiel das Recht auf Differenz und (Wieder-)Aneignung. Dabei wird urbaner Raum als Ort definiert, in dem unterschiedliche soziale Gruppen, Wertvorstellungen und Kulturen aufeinandertreffen und vor allem benachteiligte soziale Gruppen sich öffentlichen Raum (wieder-)aneignen, um am städtischen Leben teilhaben zu können. Es wird deutlich, dass öffentlicher Raum und das Konzept Recht auf Stadt sich gegenseitig bedingen und viele Überschneidungspunkte aufweisen.

 

Während des Aufenthalts in São Paulo konzentrierten wir uns bei der Untersuchung zu Thematik des öffentlichen Raums auf drei Plätze: die Praça da Sé, die Praça da República und das Vale do Anhangabaú. Die ersten beiden Plätze sind dabei von historischer Bedeutung und stellen Orte der Repräsentation dar. Das Vale do Anhangabú kann eher als atypischer Platz beschrieben werden, da es keine klaren Abgrenzungen aufweist und bis 1990 als  zentrale Durchfahrtsstraße genutzt wurde. Im Zuge der Feldarbeiten wurden Kartierungen durchgeführt, die eine Aufnahme der baulichen Strukturen auf dem Platz, eine funktionsräumlichen Kartierung der Erdgeschosse der umliegenden Gebäude sowie eine Kartierung von aktionsräumlichen Nutzungen durch Beobachtung umfassen. Wir konnten vielfältige Aktivitäten unterschiedlicher sozialer Gruppen erkennen und der öffentliche Raum erfüllt somit vielfältige Funktionen. Außerdem konnte durch eine Befragung zur Wahrnehmung der Plätze ein gewisses Unsicherheitsgefühl festgestellt werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass der öffentliche Raum eine elementare Rolle für die Stadt und deren Identität spielt. So ist er ein Ort der Begegnung: Es werden Meinungen, Werte und Überzeugungen ausgetauscht und ein Leben neben- bzw. miteinander findet statt. Auf den Plätzen konnte ein Eingreifen durch bauliche Maßnahmen, Sicherheits- und Reinigungskräfte beobachtet werden, die zu Zugangs- und Aufenthaltsbeschränkungen führten. Durch Beschränkungen im öffentlichen Raum besteht die Gefahr, dass dieser als Ort der Begegnung verloren geht: Ein Ort, der Raum für Diskussionen, Konfrontationen und Konflikte bietet. Und auch die damit verbundenen Werte, die durch Vielfalt entstehen: freie Meinungsäußerung, Toleranz, Akzeptanz und Respekt.

Recht auf Nachhaltigkeit

Respekt ist dabei nicht nur im zwischenmenschlichen Zusammenleben von großer Bedeutung, sondern auch im Hinblick von Mensch-Umwelt-Beziehungen. Diese werden bei UNESCO-Biosphärenreservaten besonders in den Blick genommen, welche internationale Modellregionen für eine nachhaltige Entwicklung darstellen. Ziel ist es, ein ausgeglichenes Zusammenleben von Mensch und Biosphäre zu gewährleisten. Dementsprechend sind neben den Kernzonen (klassische Schutzfunktion) vor allem die Entwicklungszonen (nachhaltige sozioökonomische Nutzung) und Pufferzonen (Übergangsgebiete) von großer Bedeutung. In Brasilien gibt es insgesamt sieben Biosphärenreservate, wobei das Biosphärenreservat São Paulo mit seinem periurbanen Charakter sowie seiner Entstehung 1994 in Folge des zivilgesellschaftlichen Protests gegen den Bau einer Ringautobahn eine Besonderheit darstellt. Hierbei ist der Bau der Ringautobahn nach wie vor eine wesentliche Ursache für räumliche Konflikte, da es dadurch zu Umsiedlungen sowie zur Zerschneidung der Kernzonen kommt. Ein weiteres zentrales Problemfeld stellt die unkontrollierte Siedlungsexpansion und damit einhergehende illegale Landnahme in der Puffer- und Kernzonen dar.

Im Zuge der Feldarbeiten vor Ort wurden mit neun Akteuren, die im Kontext des Biosphärenreservats arbeiten, Interviews und so genannte egozentrierte Netzwerkanalysen durchgeführt. Bei letzteren steht der Interviewte im Zentrum und definiert die Beziehungen zu anderen Akteuren, welche sie/er in Verbindung mit dem Biosphärenreservat als relevant erachtet. Durch die Zusammenführung und Generalisierung dieser neun Einzelperspektiven wurde ein Gesamtnetzwerk erstellt. Insbesondere durch dieses methodische Vorgehen konnten unter anderem zentrale Schwächen und Potenziale herausgearbeitet werden. Dies betrifft beispielsweise den geringen Grad der Vernetzung und somit auch die schwache Kommunikation zwischen den involvierten Akteuren. Dies spiegelt sich jedoch nicht nur intern im Management des Biosphärenreservats wider, sondern auch in der Sichtbarkeit nach außen. Insofern spielt das Label „Biosphärenreservat“ derzeit nur eine äußerst untergeordnete Rolle und es besteht folglich noch großes Potenzial, das Label deutlich stärker zur Vergrößerung der Sichtbarkeit einzusetzen. Darüber hinaus zeigen die Erhebungen, dass das Biosphärenreservat São Paulo vorrangig auf seine ökologische Schutzfunktion reduziert wird. Eine solche Perspektive steht jedoch nicht nur im Widerspruch mit dem zu Grunde liegenden Konzept, sondern greift auch hinsichtlich einer sozial-ökologischen Transformation hin zur Nachhaltigkeit deutlich zu kurz. Hierfür ist neben Naturschutz unter anderem auch soziale Innovation sowie zivilgesellschaftliches Engagement notwendig. Dabei gilt es unter anderem, bereits bestehende Initiativen zu fördern und zu vernetzen und neue beim Aufbau zu unterstützen.

Zukunft Stadt

Die Zukunftsaufgabe für Städte sowohl im Globalen Süden als auch im Globalen Norden wird es sein, diese lebenswert zu gestalten. Hierbei stellt sich die Frage, wie sich ein „gutes Leben“ gestaltet, welches neben ökonomischen auch ökologische und soziale Aspekte im Sinne der Nachhaltigkeit berücksichtigt. So erfordert das „Recht auf Wohnen“ unter anderem innovative Ansätze im sozialen Wohnungsbau, um auf Defizite in diesem Bereich zu reagieren. Ob Städte lebenswert sind, hängt im großen Maße auch von der Möglichkeit der Teilhabe aller StadtbewohnerInnen am öffentlichen Raum ab. Geht man über das zwischenmenschliche Zusammenleben hinaus, wird es zudem entscheidend sei, dass die Gratwanderung zwischen sozioökonomischen Ansprüchen und ökologischen Rahmenbedingungen gelingt.

(Franziska Allerberger, Hannah Geuder, Kiliaan Vondrasek)


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