Verschimmelter Käse

Raucher­lunge im Dschungel­camp

Jeder Mensch ekelt sich vor irgendetwas, und selten ekeln wir uns gern. Dass Ekel aber neben Schutz weitere wichtige Funktionen erfüllt, zeigen Innsbrucker Europäische Ethnologen um Prof. Timo Heimerdinger: Wie beschäftigt uns Ekel, warum ekeln wir uns und was hat das mit Kultur zu tun?

Eine schwarze Raucherlunge, verfaulte Zähne, Kehlkopfkrebs: Mit abschreckenden Bildern auf Zigarettenschachteln sagen die Behörden Zigarettenrauch jetzt europaweit den Kampf an. Die Fotos sind plakativ, auf den Schachteln sehr groß sichtbar und vielfach vor allem eines: Eklig. Während sich wissenschaftliche Fachrichtungen wie die Psychologie und die Pflegewissenschaften schon längere Zeit mit Gefühlen wie Ekel beschäftigen, entdecken die Kulturwissenschaften das breite Feld der Emotionen gerade aufs Neue: Worin liegt der kulturelle Grund für Ekel? Warum ekeln wir uns? „Ekel ist eine sehr grundlegende Emotion, er ist körperlich spürbar: Umgangssprachlich schüttelt es dich, wenn du dich ekelst, Ekel ist Reflex“, erklärt der Europäische Ethnologe Prof. Timo Heimerdinger, der kürzlich mit Studierenden einen eigenen Band zu Ekel aus kulturwissenschaftlicher Sicht gestaltet hat.

Niemand ekelt sich gern?

„Ausgangspunkt unserer Arbeit war: Niemand ekelt sich gerne. Ekel ist ein Gefühl, das wir möglichst vermeiden wollen“, sagt Timo Heimerdinger. Ganz so einfach sei es dann aber doch nicht: Ekel kann auch faszinieren, ähnlich der Angst in der Achterbahn. „Angst ist eigentlich auch ein negatives Gefühl, das wir vermeiden wollen – der Nervenkitzel lässt uns aber auch uns spüren und lebendig fühlen.“ So seien unter anderem auch Ekel-Fernsehformate wie das Dschungelcamp zu erklären: Von der Fernsehcouch aus lassen sich Stars und (mehr) Sternchen dabei zuschauen, wie sie Insekten, Schlangen und für westeuropäische Gemüter ähnlich Unappetitliches verspeisen oder auf sich krabbeln lassen – und bringen damit dem Sender damit Top-Einschaltquoten. „Die Sendung verleitet zur Schadenfreude und hat mit ihrer sehr professionellen Machart breite Bevölkerungsschichten im Blick. Das allein erklärt aber noch nicht den Erfolg. Sie hat auch den kollektiven Ekel wortwörtlich salonfähig gemacht: im gemeinsamen Angewidert-Sein fühlen wir uns als große Gemeinschaft“, erläutert Timo Heimerdinger.

Dass wir Westeuropäer uns vor Insekten als Nahrungsmittel ekeln, ist übrigens kulturell bedingt: Viele Insektenarten wären nicht nur essbar, sondern sogar nahrhaft und in anderen Kulturkreisen stehen sie selbstverständlich auf der Speisekarte. „In Ekelgefühlen finden auch gesellschaftliche Tabus ihren Ausdruck – das macht man nicht, das gehört sich nicht – und Nahrungstabus sind hierfür ein klassisches Beispiel. Allerdings auch eines, das starkem Wandel unterworfen ist.“ So galten tierische Innereien noch bis in die 1970er als völlig geläufige Nahrungsmittel, erst dann nahm im deutschsprachigen Raum der Ekel davor zu – und neuerdings begegnen uns Kalbsbries, Kutteln und Co. in der Sterneküche ansprechend zubereitet wieder. „Ich erinnere mich noch gut daran, als Kind eingebläut bekommen zu haben, dass man rohen Fisch nicht isst und dass das eklig ist. Und dann kam Sushi. Solche Tabus können sich innerhalb kurzer Zeit wandeln“, sagt der Ethnologe. So ist die Trennung von Tieren, die auf den Tisch kommen, und solchen, die man nie essen würde, relativ willkürlich: Der Gedanke, einen Hund oder eine Katze zu verspeisen, löst hierzulande Ekelgefühle aus, Hühnerfleisch gibt es wie selbstverständlich zu kaufen.

Schutz und soziale Funktion

Ekel erfüllt daneben natürlich auch eine biologische Funktion: Dass uns Verwesungs- und Faulgeruch anekelt, liegt in erster Linie daran, dass uns etwa verfaulte Nahrung gesundheitlich schaden würde. Abgesehen von biologisch bedingtem Ekel: Ist eine ekel-freie Gesellschaft denkbar? „Nein“, sagt Timo Heimerdinger: „Ekel erfüllt auch wichtige soziale Funktionen, ermöglicht er doch Grenzziehungen, die für das Zusammenleben notwendig sind: Eine Unterteilung in erwünschtes und unerwünschtes Verhalten etwa. Natürlich kann sich der konkrete Gegenstand ändern, aber diese Abgrenzungsfunktion bleibt.“ Eine Abgrenzung übrigens, die auch der Identifikation mit bestimmten Gruppen dienen kann: Wenn etwa Pflegekräfte im Krankenhaus davon sprechen, sie ekle nun fast nichts mehr, grenzen sie sich dadurch auch von Außenstehenden ab. „In der Pflege und der Ausbildung von Pflegepersonal ist Ekel schon länger Thema. Dort wird mittlerweile gelehrt, dass Ekel nichts ist, was es zu unterdrücken gilt – man darf sich natürlich auch als Krankenschwester ekeln, man kann auch als Krankenpfleger gute und weniger gute Tage haben. Das ist ein Paradigmenwechsel.“

Ekel begegnet uns im Alltag immer wieder und ist auch nicht immer leicht zuzuordnen: Er wird etwa als Erziehungsmittel angewendet – zum Beispiel mit den erwähnten Schockbildern auf Zigarettenschachteln oder in Dokumentationen, die zeigen, wie Hühner in Legebatterien leiden. Und er trifft uns unvermittelt: Wenn etwa in der Straßenbahn der Sitzplatz noch warm oder sogar schweißnass ist vom Fahrgast, der gerade aufgestanden ist. „Dieses Straßenbahn-Gefühl ist dann Ekel vor zu großer körperlicher Nähe mit Fremden – auch dafür gibt es kaum biologische Gründe, denn der warme Sitz ist ja nicht giftig . Solche Reaktionen sind kulturell bedingt und regeln unser Zusammenleben. Wie viele anderen Gefühle ist Ekel universell, jeder gesunde Mensch ekelt sich vor irgendetwas. Wovor genau, ist allerdings variabel und verrät uns viel über Kultur und Gesellschaft“, erklärt der Ethnologe. Wer mehr über Ekel aus ethnologischer Perspektive erfahren will: Der Band „Igitt. Ekel als Kultur“, herausgegeben von Timo Heimerdinger, ist bei der Innsbruck University Press erschienen.

Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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