Problem-Schüler?

Burschen und junge Männer erscheinen heute oftmals als der Problemfall in der Schule. Eine vom Institut für Erziehungswissenschaften veranstaltete Tagung an der Uni Innsbruck, beschäftige sich Anfang des Jahres mit geschlechterreflektierende Perspektiven auf Männlichkeit in Schulkontexten.
ReferentInnen am Podium
Bild: Podiumsgespräch mit den ReferentInnen: v.l.: Stefan Wellgraf, Kathrin Huxel, Paul Scheibelhofer, Thomas Viola Rieske und Michael Kurzmann. (Credit: Scheibelhofer)

Burschen und junge Männer gelten im Zusammenhang mit dem Schulalltag einerseits als Verursacher von Problemen, etwa durch unterrichtsstörendes Verhalten, andererseits haben sie anscheinend auch spezifische Probleme mit der Schule, wie auf Basis von Schulleistungstests argumentiert wird. In Medien, Politik und Wissenschaft wird darum aktuell vermehrt diskutiert, ob Burschen die „neuen Bildungsverlierer“ sind und wie darauf reagiert werden soll. Diese Debatten aufgreifend, veranstaltete das Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Innsbruck im Jänner 2016 eine Tagung, die sich aus geschlechterreflektierender Perspektive der Thematik junge Männer und Schule widmete. Organisiert vom Lehr- und Forschungsbereich Kritische Geschlechterforschung in Kooperation mit dem Forschungsnetzwerk „Gender, Care and Justice“, wurde die Tagung von Paul Scheibelhofer, Gastprofessor für kritische Männlichkeitsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft, konzipiert. Gefördert wurde die Veranstaltung durch das Land Tirol, Abteilung Bildung sowie dem JUFF, Fachbereich Frauen und Gleichstellung. Die Relevanz der Thematik zeigte sich nicht zuletzt in dem großen Interesse für die Veranstaltung, die von rund 160 Personen aus Forschung, Verwaltung und Schulpraxis besucht wurde. In vier Vorträgen wurde aus unterschiedlichen Perspektiven der Situation von Burschen und jungen Männern im heutigen Schulalltag nachgegangen. Die Debatte über „Jungen als Bildungsverlierer“ sowie, die darin zugrundeliegenden Annahmen über Geschlecht und Männlichkeit wurden kritisch hinterfragt. Forschungsergebnisse über die Konstruktion von Männlichkeiten im Schulalltag sowie Möglichkeiten der Burschenarbeit wurden diskutiert. Die Vorträge können nun auch über die Tagungshomepage nachgehört werden.

 Jungen als Bildungsverlierer?

Im ersten Vortrag zeigte der Bildungs- und Männlichkeitsforscher Thomas Viola Rieske problematische Annahmen und Auslassungen im Diskurs über „Jungen als Bildungsverlierer“ auf und präsentierte alternative Zugänge. Insbesondere die verbreitete These, dass Jungen durch die Überrepräsentation von Frauen im Schulbereich und die geringe Anzahl männlicher Lehrer benachteiligt würden, zeigte sich als empirisch nicht haltbar und theoretisch verkürzt. So wies Schulforschung wiederholt nach, dass sich der vermutete Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Lehrperson und den Schulleistungen von Jungen nicht finden lässt. Die nähere Analyse zeigt darüber hinaus auf, dass die Annahme, männliche Schüler hätten per se schlechtere Leistungen, der Realität nicht gerecht wird. Dabei wird etwa übersehen, dass es durchaus Bereiche gibt, in denen Schüler überdurchschnittlich gute Schulleistungen aufweisen. Der differenzierte Blick verdeutlicht hingegen, dass neben dem Geschlecht andere soziale Faktoren, wie sozio-ökonomischer Status der Eltern, noch immer großen Einfluss auf Schulleistungen von Schülern und Schülerinnen haben. Die Ausführungen von Rieske verdeutlichten, dass die „Probleme“ von Jungen in der Schule demnach nicht einfach in einer schulischen Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts zu finden sind. Vielmehr sind es neben sozialen Gründen auch geschlechtsspezifische Widersprüche, in denen sich junge Männer im Schulkontext mitunter verstricken. Denn herrschende Männlichkeitsbilder stehen oftmals im Widerspruch mit den Anforderungen, die an junge Schüler gestellt werden. Jungen finden sich dann mit widersprüchlichen Anforderungen zwischen „richtiger Mann sein“ und „guter Schüler sein“ konfrontiert. Eine geschlechtssensible Pädagogik sollte Jungen dabei unterstützen, diese Widersprüche in konstruktiver und produktiver Weise aufzulösen.

Von Boxern und anderen „Problemfällen“

Der Kultur- und Sozialanthropologe Stefan Wellgraf widmete sich in seinem Vortrag jungen Männern, die dem gängigen Bild von „Problemjungs“ entsprechen: Anhand von unterschiedlichem Datenmaterial aus seinen Studien in Hauptschulen, analysierte Wellgraf die dort vielfach anzutreffenden männlichen Kampfgesten und das oftmals provozierend-angriffslustige Verhalten junger Männer. Die Schüler inszenieren sich dort mit Hilfe aggressiver verbaler und körperlicher Darstellungen von Männlichkeit in einer Weise, die Wellgraf als „Boxerstil“ analysierte. In dem Vortrag wurde gefragt, wie dieses Verhalten entsteht und wie es zu verstehen ist. Die Bezeichnung „Boxerstil“ bezieht sich dabei zunächst auf einen Sportkontext. Wellgraf diskutierte den Boxerstil jedoch als Chiffre für einen mit spezifischen Konsum- und Körperpraktiken verbundenen jugendkulturellen Stil, der von tradierten Vorstellungen männlicher Härte und dem Motiv des Kämpfens als zentralem Referenzpunkt von Lebenseinstellungen und Weltsichten geprägt ist. Theorien zu sozialer Ungleichheit aufgreifend, analysierte Wellgraf dieses Verhalten als eine spezifisch männlich konnotierte Reaktionsweise auf die gesellschaftlich produzierte Verachtung von Hauptschülern. Wellgraf präsentierte damit eine differenzierte Sicht auf das „Problemhandeln“ dieser jungen Männer und beschrieb es als eine widerspruchsvolle Form der Selbstbehauptung, die auf vielschichtige Weise mit den Machtstrukturen von Klasse, Ethnizität, Geschlecht und Körper verknüpft ist.

Migration und Männlichkeit in Schulkontexten

Das bereits im vorigen Vortrag angesprochene Ineinanderwirken von Männlichkeit und Migration im Schulkontext wurde im Vortrag der Bildungswissenschaftlerin Kathrin Huxel vertieft und kritisch analysiert. Ein Blick auf dominante Diskurse zeigt dabei, dass Jungen mit sogenanntem Migrationshintergrund in Bildungsdiskursen in besonderer Weise als „Problemfälle“ auftauchen. Glaubt man den vielfältigen medialen Darstellungen, verstärken sich ihre Geschlechtszugehörigkeit und ihre (zugeschriebene) ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit auf negative Weise gegenseitig. Ihr Geschlecht erscheint als durch ihre ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit determiniert und es entsteht ein Stereotyp rückständiger Macho-Jungs, die den aufgeklärt-emanzipierten Jungen der Mehrheitsgesellschaft gegenübergestellt werden. Wie Huxel anhand qualitativer Daten zeigte, wirken diese Zuschreibungen auch in der Schule. Mit besonderen Fokus auf die Rolle von Sprache und damit verbundenen Abwertungen skizzierte Huxel in ihrem Beitrag Selbstverortungen junger Männer mit Migrationshintergrund und ihre Umgangsweisen mit dominanten Zuschreibungen.

  Was tun? Geschlechterreflektierende Arbeit mit Jungen an Schulen

Im abschließenden Vortrag der Veranstaltung stand die Frage von pädagogischen Handlungsoptionen im Kontext von Männlichkeit und Schule im Zentrum. Vor dem Hintergrund langjähriger Erfahrung aus Bubenarbeit und Männerberatung diskutierte Michael Kurzmann Möglichkeiten und Widersprüche in der geschlechtersensiblen Arbeit mit Jungen in schulischen Settings. Ausschlaggebend für eine Beschäftigung der Schulen mit dem Thema seien dabei oftmals konkrete negative Erlebnisse mit Jungen, die im Rahmen von Jungenarbeit „gelöst“ werden sollten. Diese Funktion könne vereinzelt angebotene Angebote, so Kurzmann, jedoch kaum lösen. Demgegenüber sei ein ganzheitlicher Blick und kontinuierliche pädagogische Auseinandersetzung für eine nachhaltige Beschäftigung mit den Problemen notwendig, die Jungen in der Schule machen und haben. Denn oftmals sind es vielschichtige Lebensproblematiken männlicher Jugendlicher, die sich vor dem Hintergrund wandelnder Dominanz- und Diskriminierungsverhältnisse im Klassenraum äußern, so Kurzmann. Doch was Lehrkräfte als massive Störung des Unterrichts erleben, die auf die Hinterbühne verbannt werden soll, ist für zahlreiche männliche Jugendliche die Hauptbühne ihres Lebens. Und so plädierte Kurzmann in seinem Vortrag dafür, diese Lebensthemen der Schüler wahrzunehmen und Anerkennungspraktiken als Maßnahmen gegen Exklusion und Gewalt in den Mittelpunkt der pädagogischen Arbeit mit jungen Männlichkeiten zu rücken.

Im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion hatte das Publikum die Möglichkeit das Thema junge Männer und Schule mit den ReferentInnen zu diskutieren. Dabei wurden die Inhalte der Vorträge kritisch diskutiert, Bezüge zu Erfahrungen aus dem Schulalltag hergestellt und Querverbindungen zu weiteren Themenfeldern gezogen. Die Veranstaltung dokumentierte die Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen Perspektive auf Männlichkeiten in Schulkontexten und verdeutlichte den Bedarf weiterer Debatten und Forschungsarbeiten zum Thema.

(Paul Scheibelhofer)

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