Popu­läre Erinne­rung, spu­kende Bilder. Sport und Iden­tität in Öster­reich

Georg Spitaler, Wiener Politologe und Historiker, Mitherausgeber des Fußballmagazins „ballesterer“ und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Verein für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung, gewährte Einblicke in einen seiner Forschungsschwerpunkte: die Frage nach dem Politischen im Sport und dessen Rolle in der österreichischen Nationalgeschichte.
Gruppenfoto bei der Ringvorlesung.
Bild: Der Vortragende, Georg Spitaler (Mitte) mit Vertreterinnen und Vertretern der Universität Innsbruck. (Credit: Judith Dengler)

Matthias Sindelar und das Wunderteam, Karl Schranz und dessen Ausschluss von den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo, Hermann Maier und Niki Lauda, Toni Sailer und David Alaba: Der Sport und seine ProtagonistInnen tragen wie keine andere Freizeitaktivität bis in die Gegenwart zur Bildung einer nationalen österreichischen Identität bei. Georg Spitaler nimmt uns mit auf eine Zeitreise durch die Erfolge und Misserfolge der letzten 100 Jahre österreichischer Sportgeschichte.

Sport als populäre Erinnerungskultur

Populäre Erinnerungen lassen sich häufig nicht einfach so auflösen. Dies zeigt Spitaler anhand von Beispielen aus dem Fußball, wie dem Anschlussspiel im April 1938 (2:0 „Ostmark“ : „Altreich“) oder dem Sieg von Rapid Wien in der Deutschen Fußballmeisterschaft 1940/41 (4:3 SK Rapid Wien : FC Schalke 04) und der bis heute hartnäckigen Vermengung dieser Siege mit der Einberufung von Österreichern an die Fronten des Zeiten Weltkrieges. Ohne Frage hänge dies auch mit der (gezielten) Instrumentalisierung von sportlichen Ereignissen für die politischen Agenden der jeweiligen Zeit zusammen, so der Vortragende.

Viele der Spieler aus dem so genannten Wunderteam (1931-33), allen voran Matthias Sindelar, wurden beispielsweise auch nach 1945 als Helden gefeiert und zur Untermauerung der Opferthese verwendet. Gleichzeitig wurden die vielen jüdischen Opfer aus dem Sport lange Zeit nicht oder kaum thematisiert.

Die Gründe, warum der Sport oft wichtiger für die Erinnerungskultur sei als andere politische Ereignisse, liegt laut Spitaler daran, dass der (konsumierte) Sport vor allem auch von der leidenschaftlichen Identifizierung und Begeisterung der ZuschauerInnen lebt.

Sportgeschichte als Mediengeschichte

Dann gab der Referent Einblicke in die von ihm mitgestaltete Station zum Thema Sport im neueröffneten Haus der Geschichte Österreich. Einerseits wurde versucht, kollektive Erinnerungsmomente zusammenzutragen und diese andererseits im Kontext der Mediengeschichte einzubetten. Denn mediale Texte und Berichterstattungen lassen diese Erinnerungsmomente erst entstehen. Dabei darf die kritische Auseinandersetzung, gerade bei einem scheinbar unschuldigen Thema wie dem Sport, nicht fehlen. Es verharrt ansonsten allzu leicht in einem Kanon der Lobeshymnen auf die eigenen nationalen Leistungen. An der Station zum Themenbereich Sport und nationale Identität kann bzw. soll sich deshalb laut Spitaler (anhand interaktiver Bildschirme) unter anderem mit der Rolle von Fußball und Wintersport als Nationalsportarten, mit Inklusion und Exklusion oder den Geschlechterrollen im Sport, kritisch auseinandergesetzt werden.

Images des Sports

Den von ihm mitherausgegebenen Sammelband „Images des Sports in Österreich“ nutzt Spitaler sodann, um auf die Frage nach dem nationalen Kontext im Sport einzugehen. Diese Rahmung scheint uns heute als eine fast selbstverständliche, ist aber tatsächlich das Ergebnis gesellschaftlicher Kämpfe seit (spätestens) den 1920er Jahren, welche mit oftmals sehr unterschiedlichen Motiven und Zielen geführt wurden. Hier positionierten sich beispielsweise die Fußballer des Arbeitersports im Roten Wien kurz vor den Nationalratswahlen 1930 mit klarer politischer Agenda gegen den sich anbahnenden Faschismus. Dies zu einer Zeit, in der etwa die Turnerbünde als klare Vorfeldorganisationen rechter Politik mit deutschnationaler Gesinnung anzusehen waren. Sport war in diesem Sinne etwas überaus politisches. Dies gilt für Arbeiter- wie Bürgersport gleichermaßen.

Nach 1945 wurden vor allem Profifußballer und Skisportstars verwendet, um eine neue österreichische Identität zu schaffen. Wie die staatliche Erinnerungskultur so ist auch die sportliche Erinnerungskultur von gezieltem Gedenken und Vergessen geprägt. Spitaler führt an dieser Stelle, das für das Nationalbewusstsein so wichtige Wunder von Córdoba oder die rot-weiß-roten Fahnen und Siege im Skirennlauf als Beispiele auf. Die 1970er Jahre stellen hierbei mit Karl Schranz und den Olympischen Winterspiele in Innsbruck oder mit Niki Laudas Rückkehr nach seinem Horrorcrash am Nürburgring, einen vorläufigen Höhepunkt dar. Dem Fernsehen kommt dabei als dominierendem Medium eine besonderer Schlüsselrolle zu. Spätestens seit dieser Zeit sind die sportlichen Leistungen Österreichs im Bewusstsein der Bevölkerungen bei Befragungen „worauf man als ÖsterreicherIn stolz sei“, stets an erster Stelle.

Dabei zeigt Spitaler, dass Sport beides sein kann: unproblematisch, weiß und ländlich (Wintersportarten) oder aber, er gibt ein realistischeres Abbild der Gesellschaft wieder, wie die Fußball-Nationalmannschaft mit Marco Arnautović und David Alaba als die gefeierten Stars. Sport ist männerdominiert und muskelprotzend auf der einen - und war eine frühe Gelegenheit Geschlechterrollen aufzubrechen, wie im Damenskirennlauf, auf der anderen Seite.

Vom Verein zur individuellen Selbsterfahrung

Zum Abschluss verweist Spitaler noch auf die unzähligen Aspekte für die in seinem Vortrag kein Platz mehr war. Von der Entwicklung des Sports von der Leibeserziehung in der Schule, in Analogie zu Kasernen über den Normturnsaal hin zu individueller Fitness als Ausdruck eines modernen Lebensgefühls. Vom Vereinswesen als dominierendes Organisationsmodell mit Wurzeln in der Habsburgermonarchie, bis hin zur individuellen Selbsterfahrung in einer Trendsportart wie dem Hallenklettern.

(Harald Zink)

Der Vortrag zum Nachsehen:

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