Literaturwissenschaft

„Originally Wienerin“

Nach einer schicksalhaften Flucht im zweiten Weltkrieg und nach jahrelanger Ablehnung von vielem, was an diese Zeit erinnert, ist der Wissenschaftlerin nun die Österreichische Literatur wieder ans Herz gewachsen. An der Uni Innsbruck wurde Marjorie Perloff im April das Ehrendoktorat verliehen.

„In meinem Leben habe ich schon mehrere Preise und Ehrendoktorate erhalten, jedoch ist mir keine so wichtig wie diese Auszeichnung von der Uni Innsbruck – bin ich doch originally Wienerin und somit Österreich noch sehr verbunden. Mein letzter Besuch in Innsbruck liegt allerdings schon lange zurück und erinnert mich an unsere Flucht im März 1938“, sagt Marjorie Perloff, geborene Gabriele Mintz, die am Tag nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland mit ihren Eltern von Wien über Innsbruck in die Schweiz und später nach Amerika floh. „Ich kann mich erinnern, dass wir in einem Gasthaus neben der Polizeistation in Innsbruck Wurstsemmeln gegessen haben – die waren sehr gut!“, schmunzelt die renommierte, heute an der Stanford University und der University of Southern California emeritierte Professorin. Bis heute sollte sie nicht mehr in diese Stadt zurückkommen. Einige Male besuchte sie Wien, wo sie wieder, wie sie sagt, „mit zunehmendem Alter“, die Liebe zu ihrer Heimat und deren Literatur entdeckte. „Es ist schade, dass meine Eltern mein aufkommendes Interesse nicht mehr miterleben konnten, lehnte ich doch alles Österreichische nach unserer Flucht kategorisch ab. Ich wollte ganz amerikanisch sein“, so Perloff die auch erzählt, dass sie als junges Mädchen in New York sehr rebellisch gegen alles Deutsche oder Österreichische ankämpfte und deswegen auch ihren Namen Gabriele gegen Marjorie eintauschte, den Namen einer Klassenkameradin.

Heimat

Amerika oder doch Österreich – spricht Marjorie Perloff über ihre Heimat, dann fühlt sie sich beiden Ländern verbunden: „Ich denke heute noch an Wien als meine Heimat. Mein normales Alltagsleben ist aber ganz amerikanisch.“ Im Zuge ihrer Forschungen begann Perloff sich mit dem ebenfalls in Wien geborenen Ludwig Wittgenstein und seinen Werken eingehend zu beschäftigen. Ihre Studien über den Philosophen waren ausschlaggebend, dass sie zu Vorträgen nach Wien eingeladen wurde, denen sie auch gerne folgte. „Ich begann mich dann auch sehr für die österreichische Literatur zu interessieren. Es sind die Schriftsteller der Zwischenkriegszeit mit ihrem literarischen Zugang zu den damals aktuellen Themen, die ich studieren wollte“, so Perloff, die besonders das Stück „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus als das für sie lesenswerteste Werk hervorhebt. Die Übersetzung ins Englische sei aber vor allem wegen der vielen Wiener Dialektausdrücke schwierig. Perloff sieht es als eine ihrer Aufgaben als amerikanische Wissenschaftlerin mit österreichischen Wurzeln, gerade diese für sie so wichtige Literatur, auch im englischsprachigen Raum, vor allem aber in Amerika, bekannter zu machen. „Von Österreich und seiner Literatur ist in meiner heutigen Heimat kaum die Rede. Bekannt sind Walter Benjamin oder Hannah Arendt. Mir ist es ein Anliegen, die österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller und ihre herausragenden Werke zu vermitteln“, sagt Marjorie Perloff, die sich der österreichischen Literatur näher fühlt als der deutschen.


Modernismus

Ein Schwerpunkt von Perloffs literarischen Auseinandersetzungen sind die Studien zur Avantgarde, eine künstlerische und politische Bewegung im 20. Jahrhundert. Die Wissenschaftlerin hat sich vor allem mit dem amerikanischen, englischen, französischen und russischen Modernismus auseinandergesetzt. „Das österreichische Pendant dazu ist nicht so wie die Avantgarde in den anderen Ländern. In der Literatur wird hier stilistisch viel klarer und normaler geschrieben. Weniger die Collage und die Montage als Skepsis und Ironie sind hier in vielen Werken vorranging“, so Perloff, die auch darauf hinweist, dass andere Künstlerinnen und Künstler der Zwischenkriegszeit, wie etwa Gustav Mahler, eine besonders „brillante Gruppe“ bildete. „Freud, Wittgenstein, Kraus, Kafka, Canetti, Celan oder Musil sind nur einige der bedeutenden Künstler dieser Zeit und meiner Meinung nach wenigstens so begabt wie die deutschen Schriftsteller derselben Generation. Es ist mir wichtig, auch daran zu erinnern, dass damals die Welt noch im Schatten der Habsburger-Monarchie lag und hier ganz andere Voraussetzungen herrschten als in Deutschland. Aus dem riesigen Reich Österreich-Ungarn blieben nach dem Krieg etwa 80.000 Quadratkilometer übrig. „Dem neuen Österreich fehlten die vielen verschiedenen Völker des alten Reichs wie etwa die Ungarn und Tschechen, die Serben und Slowenen, die Bosnier und Rumänen, die Polen von Galizien, die Russen der westlichen Ukraine oder die Italiener von den Süd-Alpen und Triest. Kein anderer Staat hat im Ersten Weltkrieg so viel verloren wie das kaiserlich-königliche Reich“, so Perloff, die sich auch Fragen nach dem Schicksal der damaligen Literatur stellt. Vor allem aber streicht sie die Wichtigkeit der Vielsprachigkeit und der heterogenen Kulturlandschaft heraus: „Ich finde, der österreichische Modernismus muss sich nicht verstecken, denn es sind hier ganz bedeutende und wundervolle Werke entstanden.“

 

Sprachenvielfalt

Die Werke von Ludwig Wittgenstein beschäftigten die Wissenschaftlerin neben ihrem Studium der Literatur ihrer Heimat besonders. Den „Philosoph der Dichter“ – so nennt ihn Perloff, denn er habe sich in seinen Abhandlungen und philosophischen Auseinandersetzungen intensiv mit poetischen Fragestellungen beschäftigt. „Wenn der Löwe sprechen könnte, dann könnten wir ihn nicht verstehen“, zitiert Perloff Ludwig Wittgenstein. „Er stellt Fragen, was denn die Sprache überhaupt sei und wie wir uns gegenseitig verständigen und verstehen können. Ich habe mich immer dafür interessiert, Sprachen zu lernen, aber noch mehr dafür, wie man Sprachen, vor allem die Sprache der Dichtung, verstehen kann.“ Das Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Sprachen und Kulturen ist ein Bereich, den Perloff auch in der Literatur sucht, analysiert und studiert. Gerade in aufwühlenden politischen Zeiten, in denen sich auch Menschen auf den Weg machen, um in ein anderes Land zu flüchten, kam und kommt es zur direkten Konfrontation von unterschiedlichsten Anschauungen, Kulturen und Sprachen. Perloff ist davon überzeugt, dass hier auch Kunst und die Literatur einen bedeutenden Beitrag zur Verständigung sowie zum toleranten Weitblick in einer globalisierten Welt beitragen können. „Für mich als Emigrantin aus Wien, die erst in ihrem achten Lebensjahrzehnt irgendwie ihre Wurzeln wieder gefunden hat, sind die philosophischen Bemerkungen Wittgensteins und die Gedichte von Paul Celan oder Ernst Jandl besonders wichtig. Auch deswegen habe ich mich besonders über diese Auszeichnung in Innsbruck gefreut“, so Marjorie Perloff, die „originally Wienerin“ – verwurzelt in zwei Ländern, Kulturen und Sprachen, ausgezeichnet mit dem Ehrendoktorat der Uni Innsbruck.


Zur Person

Marjorie Perloff wurde 1931 in Wien als Gabriele Mintz geboren. Sie stammt aus der säkularisierten jüdischen Familie Mintz, die 1938 zunächst über Innsbruck in die Schweiz und dann weiter in die USA flüchtete. Dort studierte sie in New York und Washington und heiratete 1953 den Mediziner Joseph K. Perloff. Später war Marjorie Perloff Professorin an der University of Maryland, der University of Southern California und der Stanford University, bis sie 2001 emeritierte. Im April 2016 erhielt sie das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck.

Vizerektor Wolfgang Meixner, Ehrendoktorin Marjorie Perloff, Rektor Tilmann Märk, Dekan Sebastian Donat (v.l.).

Vizerektor Wolfgang Meixner, Ehrendoktorin Marjorie Perloff, Rektor Tilmann Märk, Dekan Sebastian Donat (v.l.).

Wittgenstein-Gastprofessur

„Marjorie Perloff war die erste Gastprofessorin des „LFUI – Wittgenstein Guest Professorship Program“. Einen Monat lang war die renommierte amerikanische Literaturwissenschaftlerin in Innsbruck und referierte über den Einfluss des bekannten Philosophen auf die Literatur der Moderne. Die Werke Ludwig Wittgensteins sind für viele Forschungsbereiche relevant und das neu eingerichtete Guest Professorship soll die interfakultäre und interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie den internationalen wissenschaftlichen Diskurs und Austausch fördern. Mit der Fortsetzung des „LFUI – Wittgenstein Guest Professorship“ sollen im Laufe der nächsten Jahre weitere Expertinnen und Experten an die Uni Innsbruck kommen, um hier die internationale Forschung und Lehre zu bereichern.


 Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe des Magazins „wissenswert“ erschienen. Eine digitale Version ist hier zu finden (PDF).


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