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Mitmachen motiviert

Eine Mischung von persönlichen Motiven und der soziale Austausch bringt Menschen dazu, sich längerfristig an Open-Source-Projekten zu beteiligen. Zumindest trifft dies auf die Entwicklerinnen und Entwickler der statistischen Software R zu, wie eine Studie österreichischer Wissenschaftler, unter ihnen der Innsbrucker Statistiker Achim Zeileis, zeigt.

Mit dem Internet hat die kollaborative Entwicklung von Projekten einen großen Aufschwung genommen. Plötzlich war es möglich, am Computer mit einer großen Zahl von Gleichgesinnten an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten. So entstand zum Beispiel in den 2000er-Jahren das Online-Lexikon Wikipedia, das innerhalb weniger Jahre der bis dahin etablierten Encyclopædia Britannica den Rang als bevorzugtes Nachschlagwerk abgelaufen hatte. In der Softwareentwicklung konnte sich diese Philosophie schon sehr früh durchsetzen und unter dem Namen Open Source als eigenständiges Gebiet etablieren. In Open-Source-Projekten wird der Quellcode einer Software veröffentlicht und kann so von Interessierten weiterentwickelt werden. Dies gilt auch für die Programmiersprache R, die 1992 für statistisches Rechnen entwickelt wurde. Österreichische Psychologen und Statistiker haben nun untersucht, aus welchen Gründen Menschen freiwillig und oft unentgeltlich an der Weiterentwicklung dieses Softwarepakets mitwirken. „Wir wollten herausfinden, was Menschen dazu bewegt, an diesem Software-Projekt mitzuarbeiten und ihr Wissen und ihre Zeit in die Weiterentwicklung von R zu investieren“, sagt Prof. Achim Zeileis vom Institut für Statistik der Uni Innsbruck, der seit fünfzehn Jahren selbst Erweiterungspakete für R entwickelt und an der Studie mitgearbeitet hat. Diese basiert auf Antworten von über 1.000 Programmentwicklerinnen und -entwicklern und wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht.

Mitgestalten können

Entwickelt wird die Software R von sehr unterschiedlichen Programmierern; viele kommen aus der akademischen Welt, immer mehr aber auch aus der Wirtschaft. Allen gemeinsam ist, dass sie etwas mitgestalten wollen. „Was die Leute antreibt, ist eine Mischung aus intrinsischen und extrinsischen Gründen“, erzählt Achim Zeileis. „Entweder man hat Spaß daran und entwickelt mit der Zeit ein Verantwortungsgefühl für das Projekt, oder man muss zum Beispiel aus beruflichen Gründen mit der Software arbeiten und findet dann einen persönlichen Zugang dazu.“ Die aktuelle Studie zeigt, dass dieses Hybrid aus persönlichen Motiven und sozialem Druck für viele Teilnehmer ganz wesentlich ist. Die Werthaltungen der einzelnen Menschen spielen demgegenüber kaum eine Rolle. „Die verbreitete Vorstellung, dass eine altruistische Grundhaltung typisch für ein solches Projekt sei, ist demnach falsch“, fasst Zeileis zusammen. Wesentlich ist dafür aber der soziale Charakter der freiwilligen Tätigkeit: „Es geht hier nicht nur um das Kodieren, sondern um viel Kommunikation und Austausch“, erzählt Statistiker Zeileis. So entsteht ein Gefühl der sozialen Zugehörigkeit, Teilnehmer erfahren Wertschätzung und Anerkennung. Abhängig davon wie selbstbestimmt und flexibel sie in ihrem Beruf sind, engagieren sie sich auch stärker im dem Open-Source-Projekt.

Freie Programmiersprache

Von Statistikern entwickelt, wird die Programmiersprache R heute von einer großen Gemeinschaft von Entwicklern und Anwendern laufend erweitert. „In den vergangenen zehn Jahren hat R einen enormen Aufschwung erlebt“, erzählt Statistiker Zeileis. „Das hängt nicht zuletzt mit der großen Menge an Daten zusammen, die heutzutage überall generiert werden.“ Derzeit sind über 8.000 Erweiterungspakete für statistische Anwendungen etwa in den Bereichen Medizin, Genetik und Bioinformatik online abrufbar. R gilt zunehmend als die Standardsprache für statistische Problemstellungen sowohl in der Wissenschaft als auch in der Wirtschaft und hat sich als „lingua franca“ in diesen Sektor etabliert: „Parallel zu den wissenschaftlichen Arbeiten werden heute gleichzeitig auch R-Pakete veröffentlicht, um so die direkte Anwendung von Ergebnissen auf konkrete Fragestellungen zu ermöglichen“, zeigt sich Achim Zeileis begeistert über die Entwicklung.


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