Der Eingang zur Schulgan-Tasch-Höhle in Russland

Malen im Perma­frost

Der Innsbrucker Geologe Yuri Dublyansky untersuchte mit modernen Methoden altsteinzeitliche Höhlenmalereien in der Schulgan-Tasch-Höhle in Russland. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Die Menschen der damaligen Zeit suchten die Höhlen immer wieder auf, obwohl sehr unwirtliche klimatische Bedingungen im Inneren herrschten.

Über mehr als 200 Quadratkilometer erstreckt sich das Naturreservat Schulgan-Tasch im südlichen Uralgebirge Russlands. Bekannt ist das Gebiet neben seiner Unberührtheit und dem Vorkommen von geschützten Pflanzen- und Tierarten vor allem für große Höhlensysteme. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in einigen Höhlen altsteinzeitliche Höhlenmalereien entdeckt – aus archäologischer Sicht eine Sensation. Bis zu diesem Fund wurde davon ausgegangen, dass die berühmten Höhlenmalereien in Nordspanien und Südfrankreich die einzigen ihrer Art aus der Altsteinzeit waren. Die Höhlen im Ural sind 4000 Kilometer entfernt und gelten bis heute als die am weitesten östlich gelegenen altsteinzeitlichen Höhlenmalereien Europas.

Expedition nach Russland

Im Herbst 2017 machte sich Dr. Yuri Dublyansky vom Institut für Geologie der Universität Innsbruck gemeinsam mit einem Experten-Team und dem professionellen Höhlenfotografen Robbie Shone auf den Weg nach Russland, um die Höhlenmalereien in der Schulgan-Tasch-Höhle (auch bekannt unter dem Namen Kapova-Höhle) näher zu untersuchen. „Die Höhle ist archäologisch gut erforscht. Die Malereien wurden bislang mit der Radiokarbonmethode untersucht und auf ein Alter zwischen 16000 und knapp 20000 Jahre datiert. Diese Analysen wurden aber an archäologischen Funden in der Höhle durchgeführt und nicht direkt an den Malereien“, erklärt Yuri Dublyansky. Ziel des Teams war es nun, mit einer weiteren, unabhängigen Methode das Alter der Höhlenmalereien zu bestimmen.
Die Malereien in der Schulgan-Tasch-Höhle zeigen Mammuts, Pferde, Wollnashörner, Bisons und zahlreiche geometrische Formen wie parallele Linien oder Dreiecke. Die Malereien sind dunkelrot und wurden mit Ocker erstellt. Im Jahr 2017 fanden russische Wissenschaftler außerdem die Abbildung eines zweihöckrigen Kamels: Zur Zeit, als die Zeichnungen entstanden, lebten allerdings keine Kamele in der Gegend. Die Experten gehen daher davon aus, dass die Menschen der damaligen Zeit weitere Distanzen zurücklegten als bisher angenommen.


Mithilfe von physikalischen Methoden, wie der Thorium-Uran-Methode, können die Forscherinnen und Forscher die Malereien bzw. die Ablagerungen unter und über den Zeichnungen zeitlich genau datieren – eine Methode, die das Innsbrucker Team bereits in vielen Projekten zur Anwendung brachte und damit Ablagerungen in Höhlen hunderttausende Jahre zurückdatieren kann. Yuri Dublyansky entnahm dazu Proben an 22 Stellen in drei Hallen der Höhle. „Wir gehen dabei sehr vorsichtig vor, da es uns wichtig ist, dass die wertvollen Malereien keinesfalls Schäden davontragen. Für unsere Untersuchungen im Labor genügen bereits kleinste Mengen dieser Ablagerungen“, so der Geologe.

Rätselhafte Lücke

„Wir haben Proben aus den Ablagerungen über und unter den Höhlenmalereien entnommen und ihr Alter bestimmt. Die älteste Schicht ist etwa 36000 Jahre alt und die jüngste Schicht etwa 14500 Jahre“, sagt Dublyansky. „Das ergibt eine Lücke von etwa 20000 Jahren“. Diese „Pause“ in der Bildung von Ablagerungen lässt darauf schließen, dass zu dieser Zeit kein Wasser in der Höhle vorhanden war. Der Grund für diese Trockenheit wurde offensichtlich, als die Forscher in der Höhle eine seltene Form von Kalzit fanden, so genannte kryogene Höhlenkalzite. „Dieses Mineral bildet sich in sehr langsam frierenden Wasserbecken auf Höhleneis. Das ist nur unter Permafrost-Bedingungen möglich. Daher gehen wir davon aus, dass zu der Zeit, als die Menschen in die Höhle kamen und die Zeichnungen erstellen, im südlichen Ural Permafrost geherrscht hat“, verdeutlicht der Geologe. Das ist eine überraschende Erkenntnis, da es sehr ungemütlich in der Höhle gewesen sein muss: „Trotz ständiger Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sind die Menschen in die Höhle gegangen und haben mit Ocker die Zeichnungen erstellt. Wir gehen daher davon aus, dass die Höhle für die Steinzeitmenschen ein besonderer, vielleicht mystischer Ort gewesen sein muss, der ihnen viel bedeutet hat.“

Yuri Dublyansky entnimmt Proben des speziellen Höhlenkalzits.
Yuri Dublyansky entnimmt Proben des speziellen Höhlenkalzits. (Foto: Robbie Shone)

Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht (Open Access). Einen ausführlichen Bericht mit noch mehr Bild- und Audiomaterial gibt es hier (in englischer Sprache): https://www.uibk.ac.at/newsroom/dossiers/shulgantash/


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